LOGINDer Dezember brachte die Kaelte, die Frankfurt im Dezember immer brachte, und die Weihnachtsmaerkte, die die Stadt weicher machten, und das Licht, das an den kuerzesten Tagen des Jahres am knappsten war und deshalb am wertvollsten. Das war das Paradox des Winters: das Licht, das fehlte, war das Licht, das am meisten gesehen wurde, weil man aufpasste, wenn es knapp war. Noelle passte auf. Das war ihr Dezemberritual: das Licht bemerken, das kurze, das knappe, das zwischen acht Uhr morgens und halb fuenf nachmittags war und das man nicht verschwenden durfte, weil es so wenig war. Sie stand morgens frueher auf. Nicht viel frueher. Aber frueher als der Sommer verlangte, weil der Dezember das fruehzeitige Aufstehen belohnte mit dem Licht des fruehen Morgens, das noch nicht voll war, aber das auf dem Weg war. Das Licht, das auf dem Weg ist. Das war das Schoenste. Nicht das Licht, das da war. Das, das kam. Damian hatte das bemerkt. "Du stehst frueher auf," hatte er gesagt, an eine
Albrecht Renz schickte das Buch im November. Es war kein richtiges Buch, kein gedrucktes, kein verlegtes. Es war ein gebundenes Manuskript, handgeschrieben, auf guten Papier, mit der kleinen, sorgfaeltigen Schrift, die Noelle kannte, und mit einem Einband, den er hatte machen lassen, dunkelblau, mit dem einzigen Titel auf dem Deckblatt: Das, was ich weiss. Es kamen zwei Exemplare. Eines fuer Noelle und Damian. Eines fuer Lena Brandt. Dazu ein kurzer Brief: Ich habe das geschrieben, was ich sagen wollte, aber nicht mehr konnte, wenn man sehr alt ist und die Zeit kuerzer wird. Das ist fuer die, die es brauchen werden. Noelle las das Manuskript an einem Novembersonntag. Das tat sie auf dem Stuhl im kleinen Zimmer, mit dem Blick auf den Baum, der jetzt fast kahl war, weil der November die letzten Blaetter nahm, und mit dem Kaffee, der kalt wurde, weil sie vergass ihn zu trinken, weil das Lesen zu gut war. Das Manuskript begann mit einem Satz: "Ich habe in meinem Leben drei Dinge
Der Herbst des dritten Jahres kam mit dem Goldenen, das er immer hatte, aber dieses Jahr intensiver. Das war keine objektive Tatsache, sondern eine subjektive, die Noelle sich eingestand: Der Herbst war immer goldig, das war seine Eigenschaft, das Licht, das durch die Blaetter fiel und das alles in eine Farbe tauchte, die keinen anderen Namen hatte als Gold. Aber dieser Herbst war intensiver. Weil Noelle aufmerksamer war. Weil drei Jahre Frankfurt sie gelehrt hatten, was man sah, wenn man wirklich hinschaute. Das war das, was Zeit lehrte. Nicht Weisheit. Aufmerksamkeit. Die Faehigkeit, bei dem zu sein, was war, weil man gelernt hatte, dass das, was war, das Beste war, das man hatte. Der September hatte den Lena-Brandt-Moment gebracht. Das war der Moment, in dem Lena Brandt in einem grossen Treffen mit dem Muenchner Klienten die Frage gestellt hatte, die alle anderen nicht gestellt hatten, die einfache, direkte Frage, die den ganzen Raum innehalte liess und die den vierten Weg
Petra Lange kehrte an einem Donnerstag aus Lissabon zurueck. Das war der erste August, und der erste August war ein Donnerstag, der sich nicht wie ein erster August anfuehlte, weil der erste August meistens der Tag war, an dem man noch nicht glaubte, dass der Sommer zu Ende war, obwohl man wusste, dass er anfing zu enden. Das war das Paradox des August: Man lebte ihn, als waere er unendlich, und man wusste gleichzeitig, dass er keines war. Petra wusste das. Sie war mit diesem Wissen zurueckgekommen. Noelle sah sie an dem Donnerstag im Buero, weil Petra direkt vom Flughafen ins Buero gegangen war, mit dem Rollkoffer noch, den sie am Eingang des Bueros abstellte, weil sie ins Buero musste, bevor sie nach Hause konnte, weil das Buero ihr Ort war und weil man an seinen Ort zurueckkam, bevor man nach Hause kam, wenn der Ort der Anker war. Das Buero war Petras Anker. Das hatte Noelle immer gewusst. Petra trat durch die Glastuer und schaute sich um, auf die Art des Zurueckgekommenen,
Es war ein Augustmorgen, der fruehe, und Noelle Fischer-Wolff sass in dem kleinen Zimmer. Das kleine Zimmer, das ihres war, das Zimmer mit dem Regal und den Buechern und dem Blick auf den Baum im Innenhof. Der Baum war im August vollstaendig belaubt, der vollste Punkt seiner Jahresrunde, bevor der Herbst kam und das Abgeben anfing. Sie sass auf dem kleinen Stuhl, den Kaffee in beiden Haenden, und schaute auf den Baum. Das war ihr Morgenritual an diesem Zimmer: hereinkommen, wenn Damian noch schlief oder schon in der Kueche war, sich setzen, den Baum ansehen, denken. Heute dachte sie an das, was sie wusste. Nicht was sie geplant hatte. Nicht was sie erreicht hatte. Was sie wusste. Das war ein Unterschied. Wissen war tiefer als Planen und ehrlicher als Erreichen, weil Wissen das war, was blieb, wenn man das Planen abzog und das Erreichen abzog und nur noch das uebrig war, was sich bewiesen hatte. Das erste, was sie wusste: Das Bleiben war immer die richtige Entscheidung gewe
Der Sommer des dritten Jahres war der Sommer, in dem Noelle Fischer-Wolff verstanden hatte, was Ruhe war. Das klingt nach wenig. Es war das Groesste. Ruhe war nicht das Fehlen von Arbeit. Ruhe war nicht das Fehlen von Anforderungen. Ruhe war nicht der Urlaub oder der freie Tag oder das Wochenende, an dem man nichts tat. Ruhe war das Wissen, dass man genau dort war, wo man sein sollte, auch wenn sehr viel zu tun war und auch wenn Anforderungen kamen und auch wenn der Montag wieder da war. Das war die Ruhe, die sie in diesem Sommer hatte. Die Firma lief gut. Lena Brandt wuchs in ihre Rolle, nicht ohne Fehler, aber mit dem richtigen Umgang mit Fehlern: sie erkannte sie, sie benannte sie, sie lernte daraus und machte weiter. Das war das Richtige. Das Londoner Quartal war das beste seit dem Beginn der Partnerschaft. Charles Whitmore hatte Noelle einen Brief geschrieben, einen wirklichen, auf Papier, weil er der Art Mensch war, der Papier fuer Wichtiges benutzte: "Frau Fischer-Wo







