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Nur ein Gemälde oder Verlangen?

Author: Sophie Abou
last update publish date: 2026-09-18 14:14:35

Er betrat den Raum, als würde er ihm gehören. Er trug dunkle Jeans, ein schwarzes Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln, und silberne Ringe an seinen Fingern. Seine Lederjacke hing lässig über einer Schulter, und sein Haar war unordentlicher als sonst, fiel ihm in die Stirn, als hätte er keine Lust gehabt, es zu richten. Seine Kieferlinie war scharf, der Mund nicht lächelnd, und die Kette um seinen Hals schimmerte unter den Partylichtern. Tattoos zeichneten sich über seine Arme ab.

Er sah aus wie ein Sturm in lässiger Selbstsicherheit, und ich konnte nicht wegsehen.

„Jeremy!“ rief Carol und winkte über die Menge hinweg.

Ich wollte, dass sich der Boden öffnet und mich verschlingt. Carol, nein! Aber ich sagte nichts. Ich tat so, als würde es mich nicht treffen.

Er sah auf, als er sie hörte, und für einen kurzen Moment glitt sein Blick zu mir. Mir stockte der Atem. Er kam auf uns zu, und mit jedem Schritt schlug mein Herz härter. Ich richtete meine Brille, als würde das irgendetwas verbessern.

Er blieb vor uns stehen und sagte nichts zu mir. Er wandte sich einfach Carol zu, als wäre ich gar nicht da.

„Hi Carol“, sagte er mit tiefer Stimme, die die Luft um uns verschluckte. Gott, nichts an Jeremy Carter war gesund. Selbst seine Stimme ließ meinen Körper zusammenzucken. Niemand sollte so eine Wirkung haben.

„Hast du Spaß?“ fragte meine redselige beste Freundin ihn, doch ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Ich versuchte, seine Stimme auszublenden, während sie redeten.

Ich sah auf meinen Becher hinunter, spielte mit meinem Strohhalm, tat so, als hätte er mich nicht einfach wie einen Geist übergangen.

„Alles okay?“ fragte Carol, als er wegging.

„Ich hab’s dir gesagt. Mir ist das egal“, sagte ich zu ruhig. „Ich bin nur überrascht, das ist alles. Es ist seltsam. Er ist jetzt mein Stiefbruder.“

Carol hakte nicht weiter nach, warf mir nur einen Seitenblick zu und wechselte das Thema.

Gerade als ich wegschauen wollte, trat jemand anderes an unseren Tisch.

Ein anderer Junge. Nein—ein Mann.

Er war groß, fast zu groß, seine dunklen Augen scannten den Raum mit langsamer, selbstbewusster Arroganz. Sein Haar war rabenschwarz, leicht zerzaust, und er trug einen engen, dunkelgrauen Hoodie und zerrissene schwarze Jeans. Muskeln spannten sich unter dem Stoff, als hätten sie keinen Platz. Tattoos bedeckten jeden sichtbaren Teil seines Körpers außer seinem Gesicht, doch seine Hände steckten in schwarzen Lederhandschuhen, sodass ich nicht wusste, ob er dort auch tätowiert war. Seine Kieferlinie war perfekt, seine Lippen voll, doch seine ganze Präsenz schrie Ärger. Und er hatte denselben bikerhaften Swagger wie Jeremy… nur dunkler.

Carol keuchte grinsend. „Zayne!“

Oh, sie kannte ihn also auch. Überraschend war das nicht. Sie war mein Gegenteil—immer offen, immer extrovertiert.

Er kam näher und lehnte sich lässig an den Tischrand. „Hey, Princess“, sagte er mit tiefer, rauer Stimme.

Carol verdrehte die Augen, kicherte aber. „Teyana, das ist Zayne—Chris’ Freund.“

Natürlich.

Ich blinzelte kurz, dann sah ich wieder in mein Getränk. Er war einschüchternd attraktiv. Seine Augen waren intensiv, zu scharf, und es fühlte sich an, als würde er mich einschätzen.

Zayne legte den Kopf schief und sah direkt mich an.

„Ich mag deine Brille“, sagte er mit starkem britischem Akzent.

Ich sah kurz auf, dann wieder weg. „Danke“, antwortete ich knapp.

Er wandte sich Carol zu und fragte leise—aber nicht leise genug—„Wer ist deine schüchterne kleine Freundin?“

Carol schnaubte. „No-go-Area für dich, Zayne. Sie ist viel zu unschuldig für deinen Mist.“

Zayne antwortete nicht. Er sah mich einfach weiter an, als könnte er bereits erkennen, was unter der Oberfläche lag.

Ich rutschte unruhig auf meinem Platz hin und her. Da war etwas in seinem Blick. Als würde er Mädchen nicht nur ansehen, sondern sie lesen. Tief. Still. Wie ein langsam brennendes Feuer.

Ich sah quer durch den Raum, vielleicht um seinem Blick zu entkommen.

Und da sah ich Jeremy wieder.

Er stand nahe der Bar, ein hübsches Mädchen neben ihm, das redete und lachte und versuchte, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber er sah sie nicht an.

Er sah zu unserem Tisch.

Zu mir.

Oder vielleicht zu Zayne? Kannte er ihn?

Sein ausdrucksloses Gesicht änderte sich nicht. Er beobachtete weiter, bis das Mädchen seinen Arm berührte—dann sah er schließlich weg.

Zayne schenkte mir ein letztes Lächeln. „Name ist Zayne. Hoffe, wir sehen uns wieder.“

Dann war er weg.

Ich atmete aus. „Er ist… einschüchternd.“

Carol grinste. „Er ist schlimmer als das. Vertrau mir, du willst nicht wissen, womit Zayne zu tun hat. Ich hab gehört, er und Jeremy sind früher zusammen Rennen gefahren. Dann ist etwas passiert. Jetzt sind sie praktisch Feinde.“

„Klar… Jeremy würde so jemanden kennen.“ Ich zuckte leicht mit den Schultern. Nicht so, als wäre Jeremy selbst ein Heiliger.

Ich sah zurück zur Bar—Jeremy war verschwunden.

Mein Brustkorb zog sich zusammen.

Während die Party weiterging und die Leute tanzten, tranken und lachten, suchten meine Augen ständig nach ihm. Später erfuhr ich, dass er gegangen war.

Ich selbst war längst zu Hause, aber Carol blieb noch bei Chris, ihre Wangen gerötet und ihr Lachen warm, während er uns vorstellte. Chris war überraschend freundlich, gut aussehend und deutlich verantwortungsbewusster als Jeremy. Wie schaffte er es überhaupt, mit Jeremy und Zayne klarzukommen?

Ich hätte bleiben können, aber die Nacht hatte mich ausgelaugt—emotional, geistig, auf eine Weise, die ich nicht erklären konnte.

„Hey Teyana, deine Mutter sagte mir, du warst auf der Geburtstagsparty deiner Freundin. Du bist früh zurück“, sagte mein Stiefvater John Carter. Er war gerade dabei, mit meiner Mutter auszugehen. Beide waren elegant gekleidet.

„Ja, ich hatte Kopfschmerzen und konnte nicht länger bleiben.“

„Oh Schatz, das war sicher die laute Musik. Ihr jungen Leute könnt keine Party feiern ohne dieses ganze—“

„Ich gehe in mein Zimmer, Mum“, unterbrach ich sie und lächelte zu breit, als hätte ich sie nicht absichtlich abgeschnitten. Ihre gespielte Süße ging mir auf die Nerven.

Sie tat so, als hätte sie es nicht bemerkt. „Okay, Liebling. Dein Stiefbruder ist oben. Ihr solltet euch kennenlernen. Sei nett zu ihm, damit er dein großer Bruder auf dem Campus sein kann.“

Ich hätte mich fast verschluckt.

„Jeremy ist ein guter Junge. Nimm es ihm nicht übel, wenn er am Anfang kühl wirkt. Er wird schon noch auftauen“, sagte John.

Sie wussten nichts.

Ich lächelte. „Natürlich.“

Sie umarmten mich kurz und gingen dann, offenbar nicht vor, heute Nacht zurückzukommen.

Oben in meinem Zimmer zog ich das schwarze Bodycon-Kleid aus. Der Plan war duschen, Sean facetimen und schlafen. Sean hatte mich angerufen—mehrfach—und ich hatte bewusst nicht abgehoben.

Nach der Dusche stand ich vor dem Spiegel und hielt inne.

Das konnte so nicht weitergehen. Was auch immer zwischen Jeremy und mir war, es war real. Und es zu ignorieren machte alles nur schlimmer.

Wir mussten reden. Es klären. Oder endgültig zerstören—aber dieses Schweigen war unerträglich. Er war früher als ich gegangen, und sein Vater hatte gesagt, er sei im Haus. Jetzt war meine Chance.

Ich ging den stillen Flur entlang zu seinem Zimmer, mein Herz schlug laut in meiner Brust. Meine Mutter hatte mir beim Einzug die Räume gezeigt, so wusste ich, wo sein Zimmer war.

Seine Tür stand offen. Trotzdem klopfte ich.

Ich schluckte. „Jeremy?“ rief ich leise und trat ein.

Keine Antwort.

Er war nicht da. Aber sein Zimmer…

Es war nicht das, was ich erwartet hatte. Für jemanden, der wie Chaos wirkte, war sein Raum… makellos. Alles ordentlich. Schwarze Bettwäsche perfekt gelegt, ein Schreibtisch voller Skizzenbücher, Regale mit Motorrad-Handbüchern, Gedichtbänden und einigen Philosophie-Büchern.

Bad Boy Jeremy ist ein Fan von Gedichten? Unfassbar.

Doch mehr als das roch der Raum nach ihm.

Nach Leder, Seife und etwas Scharfem, Männlichem, das meine Haut anspannte. Die Luft fühlte sich wärmer an, als wäre seine Präsenz noch da.

Meine Füße bewegten sich von selbst weiter.

An einer Wand hingen Gemälde—dunkel, abstrakt, voller Schatten. Eines zeigte einen Wolf in Flammen. Wenn er das gemalt hatte, war es beeindruckend.

Mein Blick fiel auf eine Leinwand in der Ecke, mit einem schwarzen Tuch bedeckt.

Neugier zog an mir.

Ich zögerte.

Dann zog ich das Tuch weg.

…Und ich hörte auf zu atmen.

Es war mein Gesicht. Und mein Körper.

Jeremy hatte ein nacktes Gemälde von mir in seinem Zimmer.

Ich konnte nicht atmen.

Mein Körper war weich dargestellt, gebadet in warmem Licht, Schatten an genau den richtigen Stellen. Meine Augen geschlossen, die Lippen leicht geöffnet. Ich sah aus, als wäre ich in einem verbotenen Traum verloren.

Ich trat zurück. Meine Finger zitterten.

Er hatte mich nie nackt gesehen—und doch hatte er mich so perfekt gemalt.

Ich nahm die Leinwand in die Hände.

Er sah mich.

Er kannte mich.

Jeremy hatte mich gemalt—MICH.

Die Tür knarrte.

Ich zuckte zusammen.

Ich drehte mich um.

Jeremy trat herein.

Sein Blick fiel auf das Bild.

Dann auf mich.

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