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4: Lily

Penulis: Fallenwild
last update Tanggal publikasi: 2026-07-03 16:24:08

Als ich endlich auf dem Campus ankomme, ist die erste Stunde schon halb vorbei. Ich schlüpfe mit der Sonnenbrille noch auf der Nase in den Englischunterricht, ignoriere Ms. Chens missbilligenden Blick und lasse mich auf meinen Platz sinken.

Es dauert ungefähr drei Sekunden, bis ich merke, dass etwas nicht stimmt.

Das Getuschel beginnt sofort. Köpfe drehen sich. Jemand kichert in der hinteren Reihe. Kara schiebt neben mir ihr Handy auf meinen Tisch – offen auf irgendeiner I*******m-Story.

Mein Magen sackt ab, während ich auf den Bildschirm starre. Das bin ich. Am Pool stehend, nur in meinem schwarzen Bralette und halb offener Jeans, offensichtlich sturzbetrunken. Die Bildunterschrift lautet: LILY GRAVES GONE WILD 🔥🔥🔥

Ich scrolle weiter. Die nächste Story zeigt, wie ich Ethan ohrfeige – das Klatschen meiner Hand auf seiner Wange ist fast hörbar im kristallklaren Video. Jemand hat den Song „Before He Cheats“ von Carrie Underwood als Soundtrack unterlegt.

Ich gebe Kara ihr Handy zurück, mein Gesicht brennt unter der Sonnenbrille.

„Alle haben es gesehen“, flüstert sie, nicht unfreundlich. „Und es gibt noch mehr. Es heißt, du und Luca Archer seid zusammen gegangen.“

„Wir sind nicht—“ Ich breche ab. Technisch gesehen sind wir das.

„Ist schon gut“, sage ich stattdessen und ziehe mit zitternden Händen mein Notizbuch heraus. „Es ist mir egal.“

Aber das ist gelogen. Es ist mir alles andere als egal.

Bis zur dritten Stunde haben sich die geflüsterten Gerüchte zu offenen Gesprächen entwickelt, die abrupt verstummen, sobald ich vorbeigehe. Jemand hat aus meiner Ohrfeige ein Meme gemacht – mit der Aufschrift „FINISH HIM“ in Mortal-Kombat-Schrift. Ein anderes Bild zeigt mein Pool-Foto auf dem Cover von Sports Illustrated.

Ich halte den Kopf hoch, die Sonnenbrille auf, ignoriere die Blicke und das nicht gerade unauffällige Zeigen.

Ich sehe Naomi an meinem Spind warten, doch ich drehe mich in die entgegengesetzte Richtung. Ich bin noch nicht bereit, ihr gegenüberzutreten.

Stattdessen verstecke ich mich in der Toilette während der Pause, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und versuche, mich nicht erneut zu übergeben. Mein Kopf hämmert bei jedem Herzschlag – die Strafe für die Exzesse der letzten Nacht. Das Licht in der Toilette ist eine Foltermaschine, speziell dafür gemacht, Kater zu verschlimmern.

„Ich habe gehört, sie hat mit drei Typen rumgemacht.“

„Quatsch, sie ist mit Archer abgehauen.“

„Aber die hassen sich doch.“

„Vielleicht ist das genau der Grund, warum sie es geheim gehalten haben.“

Die Stimmen dringen vom Flur herein. Ich erstarre, die Hände tropfend über dem Waschbecken.

„Ich habe immer gedacht, zwischen denen läuft irgendwas Komisches. Die hassen sich viel zu intensiv, weißt du?“

„Na ja, sie wohnen ja zusammen, oder? Mein Cousin ist im Volleyballteam und hat gesehen, wie sie aus demselben Haus kamen. Sie tun so, als würden sie sich in der Schule nicht kennen, aber alle wissen, dass sie so was wie Stiefgeschwister sind oder so.“

„Das ist so krank. Kein Wunder, dass sie durchgedreht ist, als Ethan sie betrogen hat. Sie hat ja selbst betrogen – mit ihrem eigenen Bruder!“

Ich will aus der Kabine stürmen und sie korrigieren… er ist nicht mein Bruder, wir sind keine Stiefgeschwister, wir sind gar nichts füreinander außer widerwillige Mitbewohner. Aber wozu? Ich will ihnen keinen neuen Stoff zum Zerreißen geben.

Scheiß drauf.

Ich greife nach einem Papierhandtuch, wische mir das Gesicht ab und stoße die Tür auf.

Die drei stehen bei den Spinden, mitten im Lachen erstarrt. Sobald sie mich sehen, gefrieren ihre Lächeln und ihre Münder klappen zu wie Fallbeile.

Ich gehe direkt an ihnen vorbei, stelle mich zwischen sie und den Spiegel, als wären sie Luft, und beginne, meine Haare zu richten. Ich stecke eine Haarklemme fest, trage Lipbalm auf und glätte mein Shirt, als würde ich mich für ein Vogue-Cover vorbereiten.

Sie scharren unbehaglich hinter mir. Ich lasse sie noch einen Moment zappeln, dann sehe ich ihre Spiegelbilder an.

„Gott“, sage ich leise. „Kein Wunder, dass ihr so viel über mich redet.“

Ich drehe mich um und begegne allen drei Augenpaaren.

„Ich wäre auch besessen, wenn ich so aussehen würde.“

Und dann bin ich weg.

Sollen sie daran ersticken.

Bis zum Mittagessen habe ich die Kunst perfektioniert, unbeteiligt zu wirken, während ich innerlich sterbe. Ich sitze allein an einem Tisch in der hintersten Ecke der Cafeteria und stochere lustlos in einem Salat herum, als ein Schatten über mein Tablett fällt.

Ich schaue auf, und mein Magen verkrampft sich.

Ethan steht da, das Tablett mit beiden Händen haltend. Er hat ein prächtiges blaues Auge, die Haut darum geschwollen und lila. Seine Nase ist über dem Nasenrücken getapt – eindeutig gebrochen.

„Darf ich mich setzen?“, fragt er, seine Stimme nasal durch die Verletzung.

Ich starre ihn an, zu schockiert, um zu antworten. Die halbe Cafeteria beobachtet uns.

Er nimmt mein Schweigen als Zustimmung und lässt sich auf den Stuhl gegenüber sinken, wobei er vor Schmerz das Gesicht verzieht.

„Ich, äh…“ Er räuspert sich und starrt auf sein Essen. „Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen.“

Ich starre weiter, meine Worte versagen komplett.

„Das mit Megan… das war dumm. Wirklich dumm.“ Er kratzt sich im Nacken, ohne mir in die Augen zu sehen. „Ich habe einen Fehler gemacht. Einen großen. Das weiß ich.“

„Einen Fehler“, wiederhole ich tonlos.

„Mehrere Fehler“, korrigiert er schnell. „Ich war eifersüchtig, unsicher und… ich weiß nicht. Ich habe dich als selbstverständlich hingenommen.“

„Warum erzählst du mir das?“

Er zuckt bei meinem Ton zusammen. „Weil du eine Entschuldigung verdienst. Weil ich falsch lag. Weil…“

Seine Augen huschen nervös durch die Cafeteria, als würde er prüfen, ob jemand zusieht.

Und plötzlich verstehe ich.

„Jemand hat dich dazu gezwungen“, sage ich. „Wer war es? Dein Coach? Der Direktor?“

„Nein, ich—“

„Spar dir das.“ Ich stehe auf und sammle meine Sachen ein. „Ich brauche deine Entschuldigung nicht.“

„Warte“, sagt er und greift nach meinem Handgelenk. „Bitte. Es tut mir wirklich leid. Für alles.“

Für einen Moment, als ich in sein erbärmliches, verletztes Gesicht sehe, tut er mir fast leid. Dann erinnere ich mich daran, wie er mich behandelt hat. Wie er mir seine Unsicherheiten vorgeworfen hat. Wie er mich hat fühlen lassen, als wäre ich verrückt, weil ich die Zeichen bemerkt habe.

Ich reiße meinen Arm los. „Wie bist du zu dem blauen Auge gekommen, Ethan?“

Er senkt den Blick. „Ich bin gefallen.“

„Klar.“ Ich schultere meine Tasche. „Na dann hoffe ich, dass derjenige, in den du ‚gefallen‘ bist, deiner nächsten Freundin beibringt, dass man nicht fremdgeht.“

Während ich weggehe, höre ich jemanden flüstern: „Verdammt, die ist eiskalt.“ Und zum ersten Mal stört mich der Tratsch nicht. Sollen sie ruhig denken, ich wäre kalt. Besser als bemitleidenswert.

Ich schaffe zwei weitere Stunden, bevor die Neugier siegt. Ethan bekommt keine blauen Augen vom Fallen. Jemand hat ihn hart geschlagen und ihn gezwungen, sich bei mir zu entschuldigen.

Es gibt nur eine Person mit dem nötigen Mut und dem passenden Motiv dafür.

Ich bin auf dem Weg zu meiner letzten Stunde, als ich am hinteren Treppenhaus vorbeikomme und vertraute Stimmen höre. Ich erstarre, schleiche dann langsam zurück und drücke mich gegen die Wand, außer Sichtweite.

„—kann nicht glauben, dass du es allen erzählt hast“, sagt Ethans Stimme. „Das war nicht Teil der Abmachung.“

„Es gab keine Abmachung“, antwortet Megan. „Er hat dir die Nase gebrochen und gesagt, es wird schlimmer, wenn du dich nicht bei ihr entschuldigst. Das ist keine Abmachung, das ist eine Drohung.“

Mein Atem stockt.

„Wie auch immer. Ich habe getan, was er wollte. Ich habe mich bei Lily entschuldigt und mich vor der ganzen Schule zum Volltrottel gemacht.“

„Du bist ein Volltrottel“, sagt Megan angewidert. „Du kannst froh sein, dass er nicht Schlimmeres gemacht hat, nach dem, was du über seine Eltern gesagt hast.“

„Ja, na ja, es ist noch nicht vorbei.“ In Ethans Stimme schwingt jetzt etwas Gefährliches mit. „Ich habe drei Jungs von St. Regis, die nach der Schule auf ihn warten. Bretts Cousin und seine Freunde. Die werden Archer eine Lektion erteilen, sich um seinen eigenen Kram zu kümmern.“

„Ethan, tu das nicht—“

„Was nicht? Ihn damit durchkommen lassen, dass er mir die Nase gebrochen hat? Dass er mich wie eine Memme dastehen lässt? Der Typ hat das seit Jahren verdient.“

„Das ist Wahnsinn“, sagt Megan. „Du wirst noch von der Schule fliegen.“

„Nicht, wenn niemand beweisen kann, dass ich etwas damit zu tun habe.“ Ethans Stimme wird leiser. „Hör zu, ich sage nur: Wenn du siehst, dass Archer nach der Schule zum Ost-Parkplatz geht… warn ihn vielleicht besser nicht.“

Ich höre Rascheln, das Gespräch endet. Ich drücke mich in einen Türrahmen, als sie aus dem Treppenhaus kommen und in verschiedene Richtungen gehen, ohne mich zu bemerken.

Mein Herz rast. Luca hat Ethan die Nase gebrochen. Ihn gezwungen, sich bei mir zu entschuldigen. Und jetzt hat Ethan Leute, die Luca nach der Schule auflauern wollen.

Alles nur, weil Luca mich verteidigt hat.

Ich sollte mich bestätigt fühlen. Vielleicht sogar zufrieden. Stattdessen spüre ich nur einen kalten Knoten der Angst im Magen.

Denn trotz allem – trotz zehn Jahren Rivalität, trotz all der Male, in denen er mich vor Wut schreien lassen wollte –, macht allein der Gedanke, dass Luca meinetwegen verletzt werden könnte, mich körperlich krank.

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