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5: Lily

Penulis: Fallenwild
last update Tanggal publikasi: 2026-07-03 17:26:21

Ich gehe nicht zu meiner letzten Stunde. Ich renne.

Meine Sneakers knallen auf das Linoleum, während ich den sich leerenden Flur entlangsprinte und verwirrte Blicke von Nachzüglern ernte, die zu ihrer letzten Stunde unterwegs sind. Es ist mir egal. Alles, woran ich denken kann, sind Ethans Worte: drei Typen, die nach der Schule auf ihn warten.

Ich stoße die Doppeltüren zum Parkplatz auf und suche die Reihen von Autos nach Lucas schwarzem Jeep ab. Er steht nicht da.

Mein Handy liegt schon in meiner Hand, die Finger zittern, als ich seinen Kontakt aufrufe. Wir schreiben uns nie, außer es geht um Haushaltspflichten oder Essenspläne, aber ich tippe trotzdem eine Nachricht:

Wo bist du?

Drei Punkte erscheinen, dann verschwinden sie wieder. Keine Antwort.

Ich rufe ihn an. Es geht direkt auf die Mailbox.

Ich versuche es erneut. Dasselbe Ergebnis.

Panik steigt in meiner Kehle hoch, während ich zurück ins Gebäude renne, Richtung Senior-Flur, wo sein letzter Kurs sein sollte. Die Tür zum AP-Physikraum steht offen, Schüler strömen heraus. Ich packe Tyler am Arm, als er herauskommt.

„Hast du Luca gesehen?“

Er zieht eine Augenbraue hoch. „Seid ihr nicht eigentlich nicht mal miteinander bekannt in der Schule?“

„Beantworte einfach die Frage.“

„Er ist früher gegangen. Der Coach wollte ihn wegen irgendwas sprechen.“ Tylers Augen verengen sich. „Warum? Was ist los?“

Ich antworte nicht, drehe mich schon wieder um. Ich schaue in der Sporthalle nach, in den Umkleiden, im Sportbüro. Keine Spur von ihm.

Als ich den Ost-Parkplatz erreiche, ist er verlassen, bis auf ein paar Unterstufenschüler, die auf ihre Mitfahrgelegenheiten warten. Wenn ein Hinterhalt geplant war, ist er entweder noch nicht passiert oder ich habe ihn komplett verpasst.

Ich stehe da, das Herz rast, und scanne die leeren Plätze, wo Autos stehen sollten. Wo ist er? Hat er sie irgendwie abgehängt? Oder haben sie ihn woanders erwischt?

Ohne andere Option mache ich mich zu Fuß auf den Heimweg, halb joggend vor lauter Angst. Unser Haus ist nur eine Meile von der Schule entfernt, doch es fühlt sich wie zehn an, während meine Fantasie wilde Szenarien spinnt – Luca in der Unterzahl, Luca verletzt, Luca blutend…

Ich biege um die Ecke in unsere Straße ein, und eine Welle der Erleichterung durchflutet mich, als ich seinen Jeep in der Einfahrt sehe. Er ist zu Hause angekommen. Er ist in Sicherheit. Die Enge in meiner Brust löst sich ein wenig, als ich die Verandastufen hochrenne und durch die Haustür stürme.

Ein dunkler Fleck auf dem Holzboden des Eingangs lässt mich abrupt stehen bleiben. Blut. Nicht viel, aber genug, um eine Spur zu bilden, die zur Treppe führt. Meine Erleichterung verpufft augenblicklich.

„Luca?“, rufe ich und lasse meine Tasche fallen. „Luca!“

Keine Antwort.

Ich folge der Blutspur die Treppe hinauf, das Herz im Hals. Sie führt direkt zu seiner Zimmertür… meinem alten Zimmer.

Ich zögere davor, die Knöchel erhoben zum Klopfen. Was, wenn er schwer verletzt ist? Was, wenn er ins Krankenhaus muss? Was, wenn—

Scheiß drauf. Ich stoße die Tür auf, ohne zu klopfen.

Auf den ersten Blick scheint das Zimmer leer. Das Bett ist zerwühlt, aber unbesetzt, das Nachmittagslicht fällt über die marineblaue Bettdecke. Bevor ich das verarbeiten kann, bewegt sich etwas in meinem peripheren Blickfeld – ein verschwommener Schatten, der damit endet, dass ich flach auf dem Rücken liege, die Luft aus den Lungen gepresst.

Luca ragt über mir auf, sein Körper drückt meinen auf den Boden, ein Knie zwischen meinen Schenkeln, die Hände umklammern meine Handgelenke über meinem Kopf. Sein Gesicht schwebt nur Zentimeter über meinem, die Augen wild und unfokussiert, die Pupillen so geweitet, dass sie das Bernsteinbraun fast vollständig verschlingen.

„Was zur Hölle machst du hier?“, knurrt er mit einer Stimme, die ich noch nie von ihm gehört habe.

Ich starre zu ihm hoch, zu geschockt, um zu sprechen. Er ist oben ohne, seine nackte Brust hebt und senkt sich mit schnellen Atemzügen, die warm über mein Gesicht streichen. Aus dieser Nähe sehe ich die leichten Bartstoppeln an seinem Kinn, die schwache Narbe über seiner Augenbraue von einem Fahrradunfall, die goldenen Sprenkel in seinen Augen, die beinahe zu leuchten scheinen.

Mein Körper registriert seine Nähe, bevor mein Verstand hinterherkommt. Mein Herz hämmert, meine Haut wird heiß, mein Atem flach.

„Ich—habe Blut gesehen—!“, bringe ich endlich heraus. „Du hast nicht geantwortet, ich dachte, du wärst tot, du Idiot!“

Ich trete nach ihm, versuche mich zu befreien, doch er weicht geschmeidig aus, ohne seinen Griff zu lockern. Ein tiefes Lachen grollt durch seine Brust, der Klang vibriert dort, wo unsere Körper sich berühren.

Sein Gewicht verlagert sich, drückt seinen Oberschenkel fester zwischen meine Beine. Die Reibung jagt einen elektrischen Stoß meine Wirbelsäule hinauf, und mein Atem stockt. Seine Hände gleiten tiefer, halten meine Handgelenke immer noch, aber sanfter, die Daumen streichen über die empfindliche Haut, wo mein Puls wild springt.

Für einen Moment… den längsten, verwirrendsten Moment meines Lebens… bleiben wir so erstarrt liegen, starren uns an, atmen dieselbe Luft.

Dann trifft mich alles auf einmal. Ich reiße meine Hände los und krabbele davon, schaffe so viel Abstand wie möglich. Er bleibt noch einen Augenblick auf dem Boden, setzt sich dann auf die Kante seines Bettes und beobachtet mich mit undurchschaubarem Blick.

„Mir geht’s gut“, sagt er leise.

Ich schlucke und versuche, mich zu sammeln. „Wessen Blut ist das dann? Unten?“

„Nicht meins.“

Wenn es nicht sein Blut ist…

Mein Blick gleitet über ihn, sucht nach Verletzungen. Sein Oberkörper ist nackt, olivfarbene Haut spannt sich über schlanke Muskeln – ohne eine einzige Spur oder einen blauen Fleck. Seine Knöchel allerdings… jetzt sehe ich, dass sie aufgeschürft und aufgerissen sind, getrocknetes Blut in den Falten.

„Was ist passiert?“, frage ich und reibe meine Handgelenke, wo ich immer noch den geisterhaften Druck seiner Finger spüre. „Ethan – ich habe gehört, wie er gesagt hat, dass er Typen hat, die nach der Schule auf dich warten.“

„Palmer sollte lernen, seine Klappe zu halten.“

„Haben sie dich überfallen? Wie viele waren es?“ Die Fragen sprudeln heraus, bevor ich sie stoppen kann, und verraten mehr Sorge, als ich zeigen will.

„Warum interessiert dich das?“, fragt er und neigt leicht den Kopf. „Machst du dir Sorgen um mich, Lilypad?“

„Nein“, schnappe ich automatisch. „Ich… wenn sie dir meinetwegen wehgetan haben—“

„Sie haben mir nicht wehgetan.“ Sein Mundwinkel zuckt nach oben. „Von ihnen kann ich das nicht behaupten.“

Ich starre ihn an, betrachte seine makellose Haut, die entspannten Schultern. Drei gegen einen, und er sitzt hier ohne einen Kratzer. Das ergibt keinen Sinn.

„Was hast du mit ihnen gemacht?“, flüstere ich.

„Nichts, wovon sie sich nicht erholen werden.“ Er zuckt mit den Schultern. „Irgendwann.“

„Das ist nicht witzig, Luca. Du könntest ins Gefängnis kommen. Du hast Ethan schon die Nase gebrochen—“

„Er hat Schlimmeres verdient.“ Die Worte kommen in demselben seltsamen Knurren heraus, das ich schon vorher gehört habe – tiefer als seine normale Stimme.

Ich blinzele ihn verwirrt an, irritiert von dem plötzlichen Stimmungswechsel. „Seit wann interessiert es dich, meine Ehre zu verteidigen?“

„Bilde dir nicht zu viel ein.“ Er steht abrupt auf und geht zum Fenster. „Es geht nicht um dich.“

„Wirklich? Denn es sieht verdammt danach aus.“ Ich verschränke die Arme. „Erst trägst du mich von der Party nach Hause. Dann zwingst du Ethan, sich zu entschuldigen. Und jetzt das. Du benimmst dich, als ob—als ob—“

„Als ob was?“ Er dreht sich zu mir um, die Augen blitzen. „Als ob ich mich sorgen würde? Als ob es mir etwas ausmachen würde, was mit dir passiert?“

„Ja!“ Ich werfe frustriert die Hände in die Luft. „Und das ergibt keinen Sinn! Du hasst mich. Ich hasse dich. So funktioniert das bei uns.“

Er lacht, aber es liegt kein Humor darin. „Denkst du das wirklich? Dass ich dich hasse?“

„Tust du das nicht?“

Er kommt näher, bis er direkt vor mir steht, so nah, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um seinen Blick zu halten.

„Du hast wirklich keine Ahnung, oder?“ Seine Stimme wird noch tiefer.

Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. „Wovon redest du?“

„Es waren drei Typen mit Baseballschlägern“, sagt er und wechselt abrupt das Thema. „Sie dachten, sie könnten mich im Parkplatz überraschen. Schlechte Planung ihrerseits.“

Ich schlucke. „Wie hast du… ich meine, warum bist du nicht verletzt?“

„Ich bin stärker, als ich aussehe. Und schneller.“

„Da steckt mehr dahinter.“ Ich trete einen Schritt näher. „Deine Knöchel sind das Einzige, was verletzt ist, aber im Flur ist überall Blut. Viel zu viel für nur aufgeschürfte Knöchel.“

Er schaut auf seine Hände, dann wieder zu mir. „Du solltest gehen.“

„Nein.“ Ich bleibe stehen. „Was verschweigst du mir?“

Lucas Kiefer mahlt, die Muskeln spannen sich an. Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder, fährt sich mit der Hand durch die dunklen Haare.

„Vertrau mir, Lily. Du willst es nicht wissen.“

„Versuch’s doch.“

Er starrt mich lange an, dreht sich dann weg und geht zu seiner Kommode. Er zieht ein T-Shirt heraus und streift es sich über den Kopf, doch nicht, bevor ich die schwachen Narben auf seinem Rücken bemerke… dünne, silbrige Linien, die ich noch nie gesehen habe.

„Du würdest mir sowieso nicht glauben“, sagt er, den Rücken immer noch zu mir gewandt.

„Versuch’s doch“, wiederhole ich.

Als er sich wieder zu mir umdreht, ist sein Gesicht verschlossen. „Wir sollten ein andermal darüber reden. Du musst aus meinem Zimmer raus.“

„Nein.“ Ich verschränke die Arme. „Nicht, bevor du mir sagst, was los ist.“

„Verdammt, Lily!“ Er schlägt mit der Faust gegen die Wand, die plötzliche Gewalt lässt mich zusammenzucken. Als er die Hand wegzieht, ist eine Delle im Trockenbau. „Das ist kein Spiel!“

„Ich habe nie gesagt, dass es eins ist!“ Ich trete vor, getrieben von einem Mut, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn besitze. „Und Wände einschlagen wird mich nicht vertreiben.“

Seine Augen blitzen auf, und für eine Sekunde – nur einen winzigen Sekundenbruchteil – sehen sie anders aus. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

„Was machst du da?“ Die Frage rutscht heraus, bevor ich sie aufhalten kann.

Sein Lachen ist bitter. „Das würdest du wohl gerne wissen.“

„Ja, das würde ich. Deshalb frage ich.“

Er sieht mich an – wirklich sieht er mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen.

Ich ignoriere seinen Blick und gehe zu dem Kleiderhaufen in der Ecke. Ich hebe das Shirt auf, das er früher getragen hat, und halte es ins Licht. Das dunkelblaue Henley ist am Rücken zerfetzt – lange Risse, die aussehen wie… Krallenspuren.

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