Share

6: Lily

Author: Fallenwild
last update publish date: 2026-07-03 17:26:46

„Was hat das getan?“, frage ich, meine Stimme nur noch ein zitterndes Flüstern.

„Lily, bitte. Geh einfach.“

„Nicht, bevor du mir die Wahrheit sagst.“ Ich drehe mich zu ihm um, das zerfetzte Shirt fest umklammert, meine Stimme wird mit jedem Wort lauter. „Und lüg mich nicht an.“

Bevor er antworten kann, erfüllt ein tiefes Grollen den Raum – ein Knurren, das nicht menschlich klingt und aus seiner Brust kommt.

„Was war das?“, frage ich und weiche unwillkürlich einen Schritt zurück. „Hast du irgendwo einen Lautsprecher versteckt?“

„Kein Lautsprecher.“ Seine Stimme klingt gequält, fast schmerzverzerrt. „Das bin ich.“

Ich starre ihn an, mein Herz rast. „Das ist unmöglich.“

Er hebt den Kopf, und ich schnappe nach Luft. Seine Augen leuchten jetzt, die Iris ein glühendes Gold, das den dämmerigen Raum erhellt.

„Was zur Hölle?“ Ich stolpere rückwärts, meine Hüfte stößt gegen die Kommode. „Wie machst du das?“

„Ich habe es dir gesagt. Du würdest mir nicht glauben.“ Das Knurren liegt jetzt unter seinen Worten und lässt sie mit dieser unmenschlichen Qualität vibrieren.

„Was… was bist du?“, wiederhole ich, während Angst und Faszination in mir kämpfen.

Statt zu antworten, hebt er seine Hand. Vor meinen Augen verlängern sich seine Nägel, werden dicker und krümmen sich zu gefährlichen Spitzen.

Ich presse eine Hand vor den Mund, unfähig zu verarbeiten, was ich sehe. „Das ist nicht echt. Das kann nicht echt sein.“

„Es ist echt.“ Seine Stimme wird tiefer, rauer. „Ich bin echt.“

„Was passiert mit dir?“

Er atmet tief ein und kämpft um Kontrolle. Die Krallen ziehen sich langsam zurück, seine Augen verblassen wieder zu ihrer normalen Farbe.

„Ich bin nicht wie andere Menschen, Lily. Ich bin… anders.“

„Was willst du damit sagen?“ Aber ich weiß es bereits. Auch wenn mein rationaler Verstand sich dagegen wehrt, erkennt etwas Tieferes in mir die Wahrheit.

„Ich bin ein Werwolf.“ Er sagt es einfach, ohne Dramatik.

Ich blinzele. Dann breche ich in Lachen aus. „Klar. Und ich bin die Zahnfee.“

„Ich meine es ernst, Lily.“

„Ach komm schon, Luca. Wenn du es mir nicht sagen willst…“

„Du hast gerade meine Augen gesehen“, sagt er leise. „Du hast gerade meine Krallen gesehen. Was brauchst du noch für einen Beweis?“

„Das könnten Spezialeffekte sein. Kontaktlinsen. Falsche Nägel.“ Selbst während ich es sage, weiß ich, dass ich mich an Strohhalme klammere. Ich habe gesehen, wie diese Krallen aus seinen normalen Fingerspitzen gewachsen sind.

Ich starre ihn an und versuche, den Jungen, den ich fast mein ganzes Leben lang kenne, mit diesem… Wesen in Einklang zu bringen, das er zu sein behauptet.

„Beweis es“, fordere ich ihn heraus und verschränke die Arme. „Wenn du ein Werwolf bist, dann beweis es. Alles.“

Er zögert. „So einfach ist das nicht. Ich kann mich nicht einfach auf Befehl verwandeln.“

„Wie praktisch.“

„In zwei Tagen ist Vollmond. Dann verwandle ich mich, ob ich will oder nicht. Aber partielle Verwandlungen…“ Er schüttelt den Kopf. „Die sind schwer zu kontrollieren. Und gefährlich.“

„Du erwartest also, dass ich dir einfach so glaube? Dass du heimlich ein übernatürliches Wesen bist?“

Sein Kiefer spannt sich an. „Ich habe es dir nicht gesagt, damit du mir glaubst. Ich habe es dir gesagt, weil du gefragt hast.“

„Zeig mir etwas“, beharre ich. „Irgendetwas. Krallen, Reißzähne, leuchtende Augen… irgendwas aus diesen kitschigen Werwolf-Filmen.“

„Das ist kein Film, Lily. Es ist nicht schön oder kontrolliert. Wenn ich mich verwandle, verändert sich ein Teil von mir… Ich erinnere mich nicht immer an alles.“

„Woher weißt du dann, dass du diese Typen verletzt hast?“

„Weil ich ihr Blut geschmeckt habe. Weil ich mich an die Genugtuung erinnere.“

Ich weiche unwillkürlich einen Schritt zurück, mein Rücken presst sich gegen die Wand. Er bemerkt es, Schmerz flackert über sein Gesicht.

„Siehst du? Deshalb habe ich es dir nicht gesagt.“ Er wendet sich ab. „Du solltest gehen.“

„Nein.“ Das Wort überrascht uns beide. „Zeig es mir.“

„Lily—“

„Zeig es mir“, wiederhole ich, diesmal fester. „Ich will es sehen.“

Er mustert mich, der innere Konflikt steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. „Wenn ich das tue“, sagt er langsam, „darfst du nicht schreien. Du darfst nicht weglaufen. Der Wolf… er reagiert auf Angst.“

Ein Zittern der Unsicherheit durchläuft mich, doch ich nicke. „Ich werde es nicht tun.“

Er atmet tief ein und schließt die Augen. Mehrere Sekunden passiert nichts, und ich will ihn gerade als Lügner entlarven, als sein Körper plötzlich anspannt, die Muskeln treten deutlich unter seiner Haut hervor.

Ein tiefes Knurren dröhnt aus seiner Brust – definitiv nicht menschlich, keine Imitation, sondern etwas Primitives, das mir die Haare auf den Armen aufstellt. Seine Hände ballen sich zu Fäusten, die Sehnen an seinen Unterarmen treten hervor.

Als er die Augen öffnet, sind es nicht mehr seine Augen. Das Bernstein ist zu einem brennenden Gold geworden, das von innen heraus zu leuchten scheint, die Pupillen zu winzigen Punkten verengt.

„Luca?“ Meine Stimme klingt kleiner, als ich wollte.

Er antwortet nicht. Seine Lippen ziehen sich zu einem Knurren zurück und enthüllen Zähne, die sich vor meinen Augen schärfen, seine Eckzähne verlängern sich zu Reißzähnen, wie sie in keinem menschlichen Mund sein sollten.

Ich presse mich gegen die Wand, mein Herz rast, während sich seine Finger strecken, die Nägel dicker werden und sich zu denselben gefährlichen Krallen krümmen wie zuvor – nur länger jetzt.

„Oh mein Gott“, flüstere ich, unfähig, den Blick abzuwenden. „Es ist echt. Du bist wirklich—“

Ich beende den Satz nicht, denn er bewegt sich – schneller, als es möglich sein sollte –, durchquert den Raum in einem Blitz und steht plötzlich direkt vor mir. Eine klauenbewehrte Hand stützt sich neben meinem Kopf an die Wand.

Er beugt sich vor, seine Nase gleitet an meiner Kieferlinie entlang, atmet tief ein. Das Knurren, das aus seiner Brust vibriert, klingt jetzt anders… tiefer, hungriger. Sein Mund öffnet sich an meinem Hals, die Zähne streifen leicht über meinen Puls.

Terror und Angst rasen durch mich hindurch und lassen mich erstarren.

„Luca“, flüstere ich, ohne mich zu rühren. „Luca, hör auf.“

Für einen schrecklichen Moment glaube ich, er würde es nicht tun. Seine Zähne drücken fester zu, die Spitze eines Reißzahns drückt in meine Haut, ohne sie zu durchbrechen. Seine freie Hand packt meine Taille, die Krallen stechen durch mein Shirt. Ich spüre die scharfen Spitzen auf meiner Haut, und ein Wimmern entkommt mir.

Das Geräusch scheint etwas in ihm zu wecken, und er reißt sich los.

Mit einem Laut wie reißender Stoff stolpert er rückwärts, bis er gegen die gegenüberliegende Wand prallt. Seine Brust hebt und senkt sich mit schweren Atemzügen, die Augen immer noch dieses unmögliche Gold, doch das Bewusstsein kehrt langsam zurück.

„Raus“, knurrt er, die Stimme verzerrt von den Reißzähnen. „Jetzt. Bevor ich—“

Er beendet den Satz nicht, sondern rutscht an der Wand hinunter, die Hände um seinen Kopf gekrallt, als hätte er Schmerzen.

„RAUS!“, brüllt er, der Laut so unmenschlich, dass er mich in Bewegung versetzt.

Ich warte nicht. Mein Herz donnert in meinen Ohren, als ich rückwärts stolpere, aus dem Zimmer stürze und die Tür hinter mir zuknalle. Ich lehne mich dagegen, die Beine zittern, der Puls rast.

Auf der anderen Seite höre ich einen dumpfen Schlag, dann ein weiteres Knurren, das in etwas wie ein Wimmern übergeht.

Ich presse eine zitternde Hand an meinen Hals, wo seine Zähne gewesen waren, und erwarte halb, Blut zu finden. Da ist nichts außer dem Nachhall seiner Berührung und der Wärme seines Atems.

Werwolf. Luca Archer ist ein Werwolf.

Und er hätte mich fast gebissen.

Und das Verstörendste von allem? Für einen wilden, verrückten Moment, bevor die Angst die Oberhand gewann – wollte ich fast, dass er es tut.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Mein Erzfeind in meinem Bett   110

    Lily POV„Lily?“ Dr. Dooleys Stimme durchschnitt meine wirren Gedanken. „Du siehst etwas blass aus. Geht es dir gut?“Mir wurde klar, dass mich alle im Labor anstarrten – wahrscheinlich, weil ich da gestanden und mich an die Arbeitsfläche geklammert hatte, als wäre sie das Einzige, was mich noch aufrecht hielt. Was gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war.„Mir geht’s gut“, sagte ich, zwang mich, den Tisch loszulassen, und richtete mich auf. „Nur überrascht von den Neuigkeiten.“„Nun, ich hoffe, es ist eine angenehme Überraschung“, sagte Dr. Dooley mit einem Lächeln, das verriet, dass sie keinen blassen Schimmer davon hatte, dass ihre aufregende Gelegenheit in Wahrheit der neueste Zug in irgendwelchem Schachspiel war, das Luca mit meinem Leben trieb. „Das ist wirklich eine einmalige Chance für Bachelor-Forscher.“Ich hatte das Gefühl, zuzusehen, wie mein Leben in Echtzeit komplett gekapert wurde. Wenn ich an dieser Zusammenarbeit teilnahm, müsste ich Luca jeden Tag sehen, so tu

  • Mein Erzfeind in meinem Bett   109

    Lily POVNachdem alle mein Wohnheimzimmer verlassen hatten, saß ich auf meinem Bett, als mein Handy summte. Eine Textnachricht.Hey, wollte dir nur Bescheid geben, dass ich für morgen die Laborpartner getauscht habe. Wollte nicht, dass du kalt erwischt wirst, wenn du zum Unterricht kommst. Hoffe, es geht dir gut. – CameronIch starrte die Nachricht etwa dreißig Sekunden lang an und versuchte zu entscheiden, ob ich reif und verständnisvoll antworten oder einfach so tun sollte, als hätte ich sie nie gesehen. Die reife Option wäre gewesen, ihm zurückzuschreiben: „Danke für die Info“ oder „Hoffe, dir geht’s auch gut“. Aber ehrlich gesagt fühlte ich mich angesichts der Gesamtsituation überhaupt nicht danach.Stattdessen löschte ich die Nachricht ungelesen und warf das Handy auf Jessicas Bett – mich mit Camerons Schuldgefühlen auseinanderzusetzen, dafür hatte ich gerade schlichtweg keine mentale Kraft.Dann fing mein Handy an zu klingeln. Die Nummer war nicht in meinen Kontakten gespeichert

  • Mein Erzfeind in meinem Bett   108

    Lily POVIch kam am Sonntagabend auf den Campus zurück, und mein Kopf stand völlig still vor lauter Dingen, die ich erfahren hatte – oder genauer gesagt: vor Dingen, die ich nun definitiv nicht über mein eigenes Leben wusste. Die zweistündige Rückfahrt hatte mir viel zu viel Zeit gegeben, um über Mamas panischen Gesichtsausdruck und all die vorsichtig ausgewichenen Nicht-Antworten meiner Eltern nachzudenken.Das Erste, was ich nach meiner Ankunft im Wohnheim tat, war eine Nachricht in unseren Gruppenchat zu schicken, um alle in mein Zimmer zu bitten. Ich musste verarbeiten, was an diesem Wochenende passiert war. Ehrlich gesagt brauchte ich Leute, die mich gut genug kannten, um mir zu sagen, ob ich den Verstand verlor oder ob meine Vermutungen berechtigt waren.Jessica machte gerade Popcorn, als nach und nach alle eintrudelten – ganz offensichtlich in dem Glauben, es handle sich um ein ganz normales Treffen. Sie achtete nicht wirklich auf das Gespräch, sondern summte einfach zu der Mus

  • Mein Erzfeind in meinem Bett   107

    Lily POVIch wachte aus diesem Traum auf und hatte das Gefühl, als hätte sich meine gesamte Welt zur Seite verschoben – und das nicht auf eine angenehme Art. Die phantomartigen Empfindungen klebten noch immer auf meiner Haut und gaben mir ein Gefühl, das zugleich verstörend, verwirrend und wütend war.Es brauchte genau das, um schließlich den Mut aufzubringen, das zu tun, was ich als Nächstes tun musste.Cains Worte hallten immer wieder in meinem Kopf nach – „stell deiner Familie ein paar Fragen“ und „da gibt es so einiges, was man vor dir geheim gehalten hat“ –, bis ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte. Es lief wie eine Endlosschleife ab, wann immer ich versuchte, an etwas anderes zu denken.„Ich muss dieses Wochenende nach Hause fahren“, verkündete ich Jessica.„Spontan“, meinte sie, während sie sich Wimperntusche auftrug. „Dieser plötzliche Drang, die Familie zu besuchen, hat nicht zufällig etwas mit deinen mysteriösen nächtlichen Internetrecherchen zu tun, oder?“

  • Mein Erzfeind in meinem Bett   106

    Lily POVIch ging völlig benommen zurück in mein Wohnheimzimmer und achtete kaum darauf, wohin ich trat. Der Campus sah irgendwie anders aus, als würde ich ihn durch die Augen von jemand anderem betrachten, und ich rechnete ständig damit, noch mehr Männern in Anzügen über den Weg zu laufen.Als ich es endlich zurück auf mein Zimmer geschafft hatte, fällte ich eine Entscheidung, die wahrscheinlich dumm war, sich aber notwendig anfühlte.Ich öffnete ein Browserfenster, starrte ein paar Sekunden lang auf die Suchleiste und überlegte, wie ich es am besten anging. Schließlich tippte ich einfach „Blackthorne Pharmaceuticals“ ein und drückte Enter – in der Annahme, dass der direkte Weg wahrscheinlich der beste Einstieg war.Das Unternehmen war vor zwei Jahren gegründet worden.Ihr Hauptsitz war in Seattle angegeben, aber laut ihrer Firmenwebsite verfügten sie über Forschungsstätten in Washington, Kalifornien und Colorado. Was meine Aufmerksamkeit wirklich fesselte, war eine Pressemitteilung

  • Mein Erzfeind in meinem Bett   105

    LilyDrei Tage später fand ich Cameron im Café in der Nähe des Naturwissenschaftsgebäudes. Er saß zusammengesunken in einer Ecke an einem Tisch, vor sich einen unangetasteten Latte Macchiato, der zwischen seinen Händen langsam kalt wurde. Er sah aus, als hätte er kaum geschlafen, was mir ein noch schlechteres Gefühl bezüglich der Rolle gab, die ich bei seinem Verschwinden gespielt hatte.Als er mich kommen sah, spannte sich sein ganzer Körper an, als beriefe er sich darauf, gleich zu kämpfen oder zu fliehen. Nicht gerade die Reaktion, auf die ich gehofft hatte. Er stand weder auf noch lächelte er oder tat eine der gewohnten Dinge, die mir sonst den Tag versüßten.„Cameron?“ Ich schob mich unaufgefordert auf den Stuhl gegenüber, bevor er beschließen konnte zu türmen. „Ich versuche dich seit Tagen zu erreichen.“Er blickte sich im Café um, als schaue er nach potenziellen Gefahren – was so gar nicht zu seiner gewohnt entspannten Art passte, dass ich am liebsten demjenigen eine reingehaue

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status