LOGINElena griff instinktiv nach ihrem Handy.
Julians Name stand immer noch weit oben in ihren Kontakten. Ihr Daumen schwebte über dem Anruf-Button. Sie konnte sich das Gespräch schon vorstellen, wenn sie sagte: Julian, ich bin’s. Ich bin schwanger. Nein. Das wäre dumm, dachte sie. Sie würde es ihm nicht am Telefon sagen. Sie würde ihm keine Nachricht schicken und die größte Ankündigung ihres Lebens nicht über einen Bildschirm machen, wie ein Fremder, der ihm eine Lieferinfo durchgibt. Wenn sie es ihm sagen würde, dann von Angesicht zu Angesicht. „Ich muss es ihm sagen“, atmete sie schwer. „Ja, das ist das Richtige.“ Elena wusch sich das Gesicht und ging ins Schlafzimmer. Sie leerte ihre Geldbörse auf die Bettdecke und zählte, was ihr noch blieb. Einhunderteinundzwanzig Dollar. Das war alles, was sie nach dem Kauf des Schwangerschaftstests noch hatte. Sie zog den grauen Pullover an und verließ ihre Wohnung. Das Taxi kostete achtunddreißig Dollar pro Strecke. Elena zahlte die erste Hälfte, bevor sie einstieg, lehnte sich zum Fenster des Fahrers und hielt die Tasche fest unter den Arm geklemmt. Sie überquerten den Fluss, als die Sonne unterzugehen begann. Die Stadt verschwand langsam hinter ihnen. Bald gab es lange, dunkle Straßen, hohe Eisenzäune und riesige Bäume. Als der Fahrer abbremste, hämmerte Elenas Herz so stark, dass sie es hören konnte. „So weit kann ich Sie bringen“, sagte der Fahrer. „Der Sicherheitsdienst lässt mich nicht weiter.“ Elena blickte durchs Fenster. Vane Manor stand am Ende einer langen Auffahrt und sah aus wie etwas aus einem Luxusmagazin. Jedes Fenster leuchtete in warmem goldenem Licht. Sie stieg auf die Straße. Musik trieb zu ihr herüber vom Gebäude. Eine Geige spielte etwas Fröhliches. Dann kamen Stimmen, das Klirren von Gläsern und Ausbrüche von Gelächter. Elenas Brauen zogen sich langsam zusammen, als sie sich umsah. Sie begann die Auffahrt hinaufzugehen. Wenige Augenblicke später kamen die Eisentore in Sicht. Sie blieb stehen. Weiße Zelte bedeckten den Rasen. Hunderte winziger Lichter hingen zwischen den Bäumen und ließen den ganzen Ort aussehen wie eine himmlische Dekoration. Kellner in Schwarz bewegten sich durch eine Menge von Frauen in Seidenkleidern und trugen Tabletts mit Champagner. Die Gläser waren so voll, dass die Flüssigkeit schwappte, wann immer sie sich bewegten. Sie hielt inne und flüsterte: „Was geht hier vor?“ Über den Eingangstüren waren weiße Rosen zu zwei Namen arrangiert worden. JULIAN & CHLOE. Elenas Finger schlossen sich fester um die kalten Eisenstangen. So schnell? Es waren nur zwei Tage vergangen, seit sie die Scheidungspapiere unterschrieben hatte. Sie starrte auf das Herrenhaus, während das Quartett ein Lied beendete und ein neues begann. Ihr Verstand versuchte, Sinn daraus zu machen, aber er konnte es nicht. Eine Verlobungsfeier wie diese konnte unmöglich in achtundvierzig Stunden organisiert worden sein. Die Blumen. Die Zelte. Die Zahl der Gäste. Jemand hatte das schon lange geplant. Dann trat Julian auf die Terrasse. Er hielt ein Glas in der einen Hand und trug einen blassgrauen Anzug, den Elena noch nie gesehen hatte. Chloe kam hinter ihm heraus. Sie trug ein elfenbeinfarbenes Kleid. Sie hakte ihren Arm unter Julians und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Julian lächelte. Es war nicht sein echtes Lächeln. Elena kannte sein echtes Lächeln. Es erzeugte normalerweise eine kleine Falte neben seinem linken Auge. Aber er lächelte. Die Menge applaudierte. Elenas Knie gaben plötzlich nach. Sie griff nach dem Tor, bevor sie fiel. „Du hättest ihr Gesicht sehen sollen“, sagte eine Männerstimme in der Nähe. „Es war unglaublich.“ Elena wich schnell hinter einen steinernen Pfeiler. Gavin Ross stand etwa drei Meter entfernt auf der anderen Seite des Tors. Er hielt eine Zigarre in der einen Hand, während ein junger Mann in marineblauem Blazer neben ihm stand. Rauch kräuselte sich um Gavins Gesicht, während er grinste. „Julian hat sie endlich abserviert“, sagte Gavin. „Ich hab ihm gesagt, er muss es tun. Drei Jahre ist eine lange Zeit, mit jemandem stecken zu bleiben, der einen ständig runterzieht.“ Der junge Mann lachte leise. „Und Chloe?“ „Sie ist schlau. Wirklich schlau.“ Gavin schüttelte den Kopf. „Elena hatte keine Ahnung, was auf sie zukam. Sie hat die ganze Zeit geweint. Sogar beim Unterschreiben der Papiere geweint.“ Der junge Mann warf einen Blick zum Tor. „Glaubst du, sie kommt zurück?“ „Die kommen immer zurück.“ Gavin nahm einen weiteren Zug von der Zigarre. „Lass sie es versuchen. Der Sicherheitsdienst hat schon ihr Bild. In dem Moment, in dem sie diese Straße betritt, sorgen sie dafür, dass sie weinend abzieht.“ Er lachte. „Meine Mutter hat immer gesagt, Frauen wie sie jagen einem Vane nach, bis zum Tag ihres Todes.“ Elena presste sich an den steinernen Pfeiler. Ihre Augen kneiften sich zu. Ihr ganzer Körper zitterte. Ihre Nägel gruben sich so fest in den Stein, dass es wehtat. Ihr Pullover war unter den Armen feucht. Eine Frau wie sie. Victorias Stimme kam plötzlich zurück. Sie erinnerte sich an ihren Hochzeitstag vor drei Jahren. Victoria hatte Elena im Gästebad beiseitegenommen und ihren Arm mit einer kalten Hand gehalten. Ich hoffe, du verstehst, was du getan hast, Liebes. Ein Mädchen aus deinem Hintergrund tut alles, um einen Vane festzuhalten. Damals hatte sie gedacht, Victoria sei einfach nur eine überfürsorgliche Mutter für Julian. Jetzt verstand sie. Sie konnte sich schon vorstellen, was passieren würde. Die Anwälte der Familie Vane würden um einen Tisch sitzen. Victoria würde dort in ihren Perlen sitzen und sie ruhig eine Goldgräberin nennen, die Julian mit einem Baby eingefangen hätte. Und wenn der Fall jemals vor Gericht käme – wem würde der Richter glauben? Elena, mit ihren dreiundachtzig Dollar und nirgendwo hin? Oder der Familie Vane, mit ihren Anwälten, ihrem Geld und ihrem makellosen Ruf? Sie stellte sich vor, wie Fremde ihr Baby aus den Armen nehmen und es an Leute übergeben würden, die bei Partys über das Gewicht seiner Mutter lachen würden. Sie würden ihr nicht nur nicht glauben. Sie würden ihr auch das Kind nehmen. Elenas Hand wanderte wieder zu ihrem Bauch. Sie presste sie gegen den Pullover. Das Wort formte sich lautlos in ihrem Kopf. Dann flüsterte sie es laut. „Nein.“ Sie blickte zum Herrenhaus. „Du wirst es nie erfahren.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. Ihre Stimme brach, aber sie zwang die Worte heraus. „Du kannst die Rosen behalten, Julian. Du kannst dein neues Leben mit Chloe haben.“ Sie schluckte schwer. „Ich werde dieses Baby allein großziehen. Ich will dein Geld nicht. Keinen Cent. Und ich will auch nichts von deiner Familie.“ Ihre Stimme wurde fester. „Ich schwöre es.“ Sie wischte sich das Gesicht hart mit beiden Händen ab. Dann richtete sie den Pullover. Sie trat hinter dem Pfeiler hervor und begann wegzugehen. Ihre Schuhe knirschten einmal auf dem Kies. „Wer ist da?“ Die Stimme war nicht Gavins. Sie war klar und scharf. Elena erstarrte. Eine Frau in Elfenbein kam majestätisch die Terrassenstufen herunter, hielt das Kleid mit einer Hand leicht vom Boden und ein Champagnerglas in der anderen. Zwei Männer in schwarzen Jacken folgten hinter ihr. Chloe blieb auf der Auffahrt stehen, etwa zehn Schritte von den Toren entfernt. Ihre Augen glitten langsam über Elena. Dann lächelte sie. „Na, na“, sagte sie langsam. „Sieh an, wer sich entschieden hat, aufzutauchen.“ Sie drehte sich nicht einmal um, als sie sprach. „Wachen.“ Die beiden Männer traten vor. Chloe nahm noch einen Schluck Champagner. „Diese Frau betritt unerlaubt das Grundstück“, sagte sie ruhig. „Schafft sie hier raus. Seid nicht nett zu ihr. Seid grob und stoßt sie hinaus.“ Die Wachen kamen näher. Chloes Lächeln verschwand. „Und wenn sie meinem Verlobten noch einmal in die Nähe kommt…“ Sie sah Elena direkt an. „Sorgt dafür, dass ihr sie überfahrt!“Der Wächter griff nach Elenas Pullover und zog den Kragen fest an ihre Kehle. Sie wand sich los, fing sich an einer steinernen Säule ab und rannte.„Nach links! Schneidet ihr den Weg ab!“, schrie ein Mann.„Meint sie das ernst mit dem Auto? Ist sie wirklich ernst?“, fragte eine andere Stimme.Niemand antwortete.Elena presste die Hand auf ihren Bauch, während sie rannte. Ihr Baby war kaum sechs Wochen alt, aber sie konnte nicht aufhören, es zu schützen. Ein Schuh rutschte halb von der Ferse, und sie schob ihn wieder hinein, ohne langsamer zu werden.Ihre Lungen brannten.Das Taxi wartete noch immer an der Kurve, die Parklichter an. Der Fahrer stützte den Ellbogen aus dem Fenster und rauchte.„Fahr!“, rief Elena und riss die Tür auf. „Bitte!“„Du schuldest mir immer noch die zweite Hälfte von—“„Ich hab’s! Fahr einfach!“Scheinwerfer blitzten hinter ihnen auf. Elena drehte sich gerade rechtzeitig um und sah, wie ein schwarzer SUV vom Rasen des Herrenhauses losraste und auf die Auffahrt
Elena griff instinktiv nach ihrem Handy.Julians Name stand immer noch weit oben in ihren Kontakten. Ihr Daumen schwebte über dem Anruf-Button.Sie konnte sich das Gespräch schon vorstellen, wenn sie sagte: Julian, ich bin’s. Ich bin schwanger.Nein. Das wäre dumm, dachte sie.Sie würde es ihm nicht am Telefon sagen.Sie würde ihm keine Nachricht schicken und die größte Ankündigung ihres Lebens nicht über einen Bildschirm machen, wie ein Fremder, der ihm eine Lieferinfo durchgibt.Wenn sie es ihm sagen würde, dann von Angesicht zu Angesicht.„Ich muss es ihm sagen“, atmete sie schwer. „Ja, das ist das Richtige.“Elena wusch sich das Gesicht und ging ins Schlafzimmer.Sie leerte ihre Geldbörse auf die Bettdecke und zählte, was ihr noch blieb.Einhunderteinundzwanzig Dollar.Das war alles, was sie nach dem Kauf des Schwangerschaftstests noch hatte.Sie zog den grauen Pullover an und verließ ihre Wohnung.Das Taxi kostete achtunddreißig Dollar pro Strecke.Elena zahlte die erste Hälfte,
„Chloe, wirklich?“ Elenas Stimme brach, aber sie sorgte dafür, dass keine Träne ihren Augen entkam.Chloe warf sanft ihr Haar zurück, ohne sich nach ihr umzusehen.Julian schob den schwarzen Ordner über den Schreibtisch, und Elena starrte darauf, bevor sie zu Julian aufblickte. Ihre Augen brannten.„Auf Seite neun steht die Abfindung“, sagte er. „Hales Büro kümmert sich um den Rest.“Chloe glitt vom Schreibtisch und strich sich die Bluse glatt. Sie stand einen Schritt hinter Julians Schulter, nah genug, dass ihr Ärmel seinen berührte, und sie gab sich keine Mühe, es zu verbergen.Elenas Blick ging zu ihr, dann zu dem blassen Lippenstiftfleck am Rand von Julians Kragen, und etwas in ihrem Kopf klickte.Die Küche am Morgen nach dem Streit. Chloes Hand, die Kreise auf ihrem Rücken rieb. Entschuldige dich nicht bei ihm. Reich ihm nicht den Stift. Jeder Satz hatte sie wütend gehalten.„Verdammte Schlampe.“ Elenas Kiefer spannte sich an.Chloe neigte den Kopf. „Okay?“„Julian…“„Elena.“ Jul
„Er muss Witze machen“, sagte Elena.Sie riss ihr Handgelenk aus Chloes Griff. Die vier weißen Halbmonde von Chloes Nägeln waren noch da, als sie Julian in den Eingangsbereich nachrannte.Chloe blieb stehen und strich sich das blonde Haar glatt. Der Mundwinkel verzog sich.Der private Aufzug schloss sich bereits. Elena schob den Arm zwischen die Türen, und sie bissen sich in ihren Unterarm.Julian stand drinnen mit der Aktentasche an seinem Oberschenkel, die Augen auf die Stockwerksanzeige gerichtet. Als er sah, was sie tat, zogen sich seine Brauen zusammen.„Lass uns zur Therapie gehen. Bitte“, sagte sie. Sie war außer Atem, das Haar löste sich, und über dem Handgelenk färbte sich schon ein blauer Fleck.Er schüttelte den Kopf. „Ich bin spät dran.“„Erinnerst du dich, als wir uns das erste Mal getroffen haben…“ Sie blieb in der Türöffnung, einen Fuß über der Schwelle und die flache Hand gegen die Tür, um sie am Schließen zu hindern. Der Aufzug piepste protestierend. „Julian, lass das
„Julian?“ Elena hämmerte mit der Faust gegen die Tür des Gästezimmers. „Mach auf.“Nichts kam zurück außer dem Surren eines Reißverschlusses.Er hatte einen großen grauen Koffer aus dem Flurschrank gezogen und ihn den Korridor hinunter ins Gästezimmer gerollt, und er hatte die Tür hinter sich zugeschlagen, ohne ein Wort.„Okay. Okay, du musst zuhören.“ Sie drückte die Stirn gegen das Holz. „Ich hätte einiges davon nicht sagen sollen, aber ich hatte Angst. Ich dachte, du liegst tot in einem Graben oder du warst…“ Sie stockte, schluckte und fing schärfer von vorn an. „Du hättest einen einzigen Anruf annehmen können. Du hast nicht mal auf meine Nachricht geantwortet.“Der Reißverschluss stoppte.„Geh schlafen, Elena.“„Wage es ja nicht, mir zu sagen, ich soll schlafen gehen, als wäre ich eine deiner Angestellten.“ Ihre Stimme erhob sich, und auf der anderen Seite der Tür hörte sie, wie das Bett knarrte, als er sich setzte.Sie stand da, die flache Hand auf dem Holz, und atmete durch die
„Wo zum Teufel bist du?!“ Elenas Stimme schallte aus Julians Handy und füllte die Nische. Das Gerät rutschte ihm beinahe aus der Hand. Gegenüber am Tisch hielten Gavin und Carter mitten im Satz inne und starrten. „Elena…“, sagte er leise. „Nicht. Wage es ja nicht, mich ‚Elena‘ zu nennen.“ Ihre Stimme brach durch den Lautsprecher. „Es ist ein Uhr morgens, Julian.“ Er warf einen Blick auf die Uhr über der Bar. 1:07 Uhr. Ein unberührter Whiskey stand vor ihm neben einem halb aufgegessenen Teller. Er schob den Teller beiseite. „Das Essen, das ich gekocht habe, wartet immer noch auf dich“, sagte Elena. „Wo warst du? Im selben Club, stimmt’s?“ Julian schloss die Augen. Er sah das Esszimmer vor sich, ohne dort zu sein: die Kerzen, die Short Ribs, von denen sie die ganze Woche geredet hatte. „Es ist bestimmt schon kalt“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte. „Aber das würdest du ja nicht wissen. Dir ist es egal. Das ist nicht fair, Julian.“ Sein Kiefer spannte sich an. „Mehr als zehn







