LOGINJulian konnte sich nicht mehr daran erinnern, das Auto geparkt zu haben. Einen Moment noch war der Ordner von seinem Knie gerutscht, während er fuhr. Im nächsten stand er schon oben in seinem Büro, die Tür geschlossen, und sah zu, wie Ray Miller einen dicken Umschlag auf seinen Schreibtisch legte.„Sechs Donnerstage“, sagte Ray Miller. „Immer dieselbe Suite, immer dieselbe Uhrzeit. Sie kommt immer pünktlich, das muss man ihr lassen.“Er breitete die Fotografien über die Glasfläche von Julians Schreibtisch aus, legte sie eine nach der anderen hin. Das graue Nachmittagslicht fiel auf die Bilder. Der ganze Turm wirkte ungewöhnlich still, abgesehen von dem leisen Summen der Bürogeräte.Julian stand mit verschränkten Armen da und sah zu, wie die Fotografien landeten.Da war Chloe, wie sie in einem weißen Mantel, den er noch nie gesehen hatte, mit Pelzkragen aus einem Taxi stieg.Ein anderes zeigte sie im Hotelkorridor, eine Schlüsselkarte zwischen den Zähnen, während sie eine Nachricht tip
Elf Meilen lang sagte er kein einziges Wort.Chloe dagegen redete fast die gesamte Fahrt vom Alder Grand bis zu ihrem Haus. Sie rutschte unruhig auf dem Sitz hin und her, richtete ihre Handschuhe zurecht und fuhr mit dem Fingernagel am Rand ihrer Clutch entlang.Die Presse würde es lieben, sagte sie. *Vane bietet Rekordsumme für geheimnisvollen Designer.* Genau die Art von Publicity, die sie brauchten. Sebastian war wütend, aber Sebastian war immer wegen irgendetwas wütend, und das Einzelhandelsgeschäft würde das überstehen.Sie nannte Julian viermal *Darling* und bestand zweimal darauf, dass es wirklich nichts sei.Julian hörte kaum hin. Seine Aufmerksamkeit blieb auf die Windschutzscheibe gerichtet, während die Scheibenwischer hin und her gingen.Links. Rechts. Links. Rechts.Vance.Als der Wagen endlich durch die Tore ihres Hauses fuhr, legte Chloe eine Hand auf sein Knie. Er zog sie nicht weg, aber er ergriff ihre Hand auch nicht.Sie ging allein nach oben ins Bett.Julian blieb i
Der erste Posten hatte keinen Namen, nur zwei Buchstaben und eine Zahl. Doch in dem Moment, als der Auktionator ihn ankündigte, wurde der gesamte Ballsaal still.„Los eins. Eine elfteilige Debütkollektion mit exklusiven Lizenzrechten für die ersten zwölf Monate.“Der Auktionator war ein großer Mann mit silbernem Bart und einer tiefen, glatten Stimme. Er tippte den Hammer gegen seine Handfläche, bevor er fortfuhr.„Die Kollektion wurde unter den Initialen V.L. eingereicht. Wir beginnen bei zwei Millionen Dollar. Bekomme ich zwei Millionen?“Hinter ihm begann ein Laufstegvideo auf der Leinwand.Elena hatte dieses Video vierzigmal im Konferenzraum von Thorne gesehen. Samantha hatte eine Zigarette nach der anderen am Fenster geraucht, während Ethan auf dem Teppich saß und Gummibärchen aß.Selbst nach so vielen Wiederholungen zog sich ihr Magen immer noch zusammen.Die Models erschienen auf dem Bildschirm, gekleidet in Schwarz, Tintenblau und einem auffallenden Weißton. Sie gingen einen ka
„Wenn du diese Schuhe anziehst, kündige ich.“„Du arbeitest nicht für mich, Sylvia.“„Dann kündige ich als deine Partnerin. Ich erzähle jedem, was passiert ist. Ich setze sogar eine Pressemitteilung auf.“Sylvia hielt die Ballerinas hoch, als hätte sie soeben eine tote Maus in der Küche gefunden. Es waren schwarze Lederschuhe mit runden Zehen, ein Paar, das Elena im Frühling für vierzig Dollar gekauft hatte, weil sie bequem waren und nicht wehtaten.„Du trägst ein Mitternachtsblaues Seidenkleid mit Schleppe. Mit diesen Schuhen kannst du das nicht anziehen.“„Die anderen kann ich sechs Stunden lang nicht tragen.“„Du kannst alles sechs Stunden lang tragen, wenn du jemanden genug hasst.“„Ich ziehe keine sechs Zentimeter hohen Absätze auf einem Marmorboden an, wenn ich noch Nähte habe, die bei jeder Bewegung wehtun, als wäre da noch ein Baby drin. Ich mache das nicht, Sylvia. Ich falle vor vierhundert Leuten flach auf die Nase, und dann musst du Samantha erklären, warum ihre Debütkollek
Der Umschlag war ungewöhnlich schwer, fast so, als wäre etwas Lebendiges darin. Er war cremefarben mit Goldrändern, versiegelt mit schwarzem Wachs, das in Form einer Feder gestempelt war. Elena öffnete ihn mit einem Spachtel an dem einzigen funktionierenden Tisch in der Mühle. Sobald sie das Siegel durchtrennte, rutschte ein kleineres Objekt heraus und landete auf den Bauplänen. Es war eine schwarze Maske, leicht genug, um sie bequem zu tragen, mit einer einzelnen langen Feder, die sich von der linken Schläfe weg bog. „Das ist fantastisch!“, rief Sylvia von der Tür her. Sie war zehn Minuten früher angekommen, trug einen Wollcape und brachte den Geruch von Kaffee mit. Beides hatte sie nicht abgelegt. „Die Vergoldete Maske“, fuhr sie fort. „Niemand kommt zu dieser Veranstaltung, ohne eine zu tragen. Du darfst deinen Namen nicht preisgeben, du darfst deinen eigenen Schmuck nicht tragen, und wenn sie dich dabei erwischen, dass du dein Telefon benutzt, bieten sie dir ein Glas Champagn
Samantha Lee kniete auf dem Boden ihres Ateliers, hielt in der einen Hand ein Stück Stoff und hatte sechs Stecknadeln zwischen den Lippen, als sie das Klingeln hörte.Sie hatte keine Klingel. Sie hatte sie 2009 abmontiert.Das bedeutete, dass wer auch immer die Treppe hinaufstieg, ohne Erlaubnis eingetreten war und offenbar beschlossen hatte, ihre Ankunft auf ihre eigene Art anzukündigen.„Miss Lee.“Samantha nahm die Nadeln nacheinander aus dem Mund und steckte sie in das Kissen an ihrem Handgelenk.Die Stimme kam von hinter ihr. Sie war fest und kühl, mit diesem geschliffenen Akzent, der mit Geld und jahrelanger teurer Ausbildung einherging. Samantha hatte ihn auf drei Beerdigungen und einem Galaabend gehört.„Mrs. Vane“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich bin mitten in einer Anprobe.“„Hier ist niemand.“„Das Kleid ist im Moment meine Kundin.“Die Schaufensterpuppe neben ihr trug ein elfenbeinfarbenes Duchesse-Satin-Kleid, das gerade bis zum Boden fiel. Sie stand schweigend da u







