LOGINAVA
ZWEI TAGE SPÄTER
Nach Andrews beruhigenden Worten hatte ich mich entschlossen, den Job anzunehmen. Er hatte recht; ich stand über Dereks Verrat, und ich war nicht mehr das schwache Mädchen von damals, das sich verängstigt verkriechen würde. Die nächsten zwei Tage verbrachte ich damit, alles vorzubereiten. Ich übergab Tristans Schule ein Schreiben, das ihm erlaubte, für zwei Wochen dem Unterricht fernzubleiben, während Andrew darauf bestand, sich um den gesamten Rest zu kümmern.
Die Stelle beinhaltete eigentlich eine Unterkunft, aber er lehnte sie rundweg ab. Er sagte, es käme überhaupt nicht infrage, dass ich oder sein Sohn in irgendeine Wohnung gequetscht würden, die die Firma heraussuchte.
Ich versuchte, vernünftig mit ihm zu reden, aber ich erntete dasselbe Ergebnis wie in den letzten sieben Jahren – ein unumstößliches Nein.
Er gab keinen Zentimeter nach. Ich liebte und hasste seine überbeschützerische Art gleichermaßen, weil ich mich dadurch wie die glücklichste Frau auf Erden fühlte, aber gleichzeitig auch wie eine kleine Last, obwohl ich mir das ihm gegenüber nicht anmerken ließ.
„Papa, kannst du nicht mit uns kommen?“, fragte Tristan und klammerte sich an Andrew. Unsere Blicke trafen sich kurz, und ich spürte einen unwillkürlichen Stich in meinem Herzen.
Es war nicht das erste Mal, dass die beiden voneinander getrennt waren; Andrew flog oft auf Geschäftsreisen, obwohl er dann alle zwei Stunden anrief. Aber das hier war anders. Diesmal waren wir diejenigen, die weggingen.
„Ich wünschte, ich könnte, aber ich muss hier noch ein paar Wochen Arbeit zu Ende bringen. Außerdem seid ihr beiden ja nicht für immer weg.“
„Zwei Wochen“, betonte Tristan und zeigte es mit seinen winzigen Händen. „Das ist voll lang.“
„Aber ich werde dich anrufen.“
„Versprochen?“
„Großes Ehrenwort.“ Ich lächelte die beiden an. Mein Blick wanderte zum Fenster, und ich lehnte den Kopf an die Scheibe, während wir zum De Luca Jet-Hangar fuhren.
Das Auto rollte auf das Rollfeld und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ich öffnete die Tür und stieg aus dem Sitz, und Andrew tat es mir gleich, während Tristan sich an seine Arme klammerte.
„Guten Morgen, Herr und Frau De Luca“, grüßte das Personal mit einer Verbeugung und beeilte sich, das Gepäck zu nehmen, noch bevor ich sie korrigieren konnte.
Ich war nicht Andrews Frau, und ich würde es auch nie sein. Ich verdiente ihn nicht. Er verdiente es nicht, an jemanden wie mich gebunden zu sein – gebrochen und gefühlskalt.
Andrew ging um den Wagen herum, während wir uns auf den Weg zum Jet machten.
„Pass auf dich auf.“ Ich nickte. „Ich meine es ernst, Ava. Pass auf dich auf, stress dich nicht zu sehr und denk immer daran, dass du alles schaffen kannst, was du dir vornimmst. Du bist großartig.“ Er nahm meine Hand in seine freie Hand. „Wenn dir jemals alles zu viel wird, bin ich nur einen Anruf entfernt.“ Mein Herz wurde ganz weich. Ich nickte nur, unfähig, ein Wort über den Kloß in meiner Kehle herauszubringen, während mein Brustkorb schmerzhaft pochte.
Er neigte den Kopf, um Tristan anzusehen, der an seiner Krawatte herumspielte. „Pass gut auf dich und deine Mutter auf.“
„Mach ich. Du auch, Papa.“ Tristan drückte einen Kuss auf seine Wange, bevor Andrew ihn noch einmal fest an sich drückte.
Ich konnte die Emotionen sehen, die in Andrews Augen aufflammten; es war das erste Mal, dass er Tristan ohne ihn aus dem Land reisen ließ.
Er setzte den Jungen sanft auf den Boden.
„Passt auf euch auf“, nickte Andrew, und dann stiegen wir in den Jet, während er vom Rollfeld aus winkte.
Es ist alles gut, Ava. Du kommst bald wieder zurück, flüsterte ich mit schwerem Atem, während mein Blick an seiner zurückweichenden Gestalt hängen blieb.
„Ich werde Papa vermissen“, murmelte Tristan.
„Ich auch.“
Stunden später landete der Jet in England. Mein Blick wanderte zu Tristan, der sich auf dem Sofa zusammengerollt hatte und tief und fest schlief. Er hatte die erste Stunde damit verbracht, zu lachen und fröhlich zu spielen, die nächste halbe Stunde mit Essen, bevor ihm schließlich die Augen zugefallen waren.
Ich nahm ihn in die Arme und ging die Flugzeugtreppe hinunter, während das Personal mit unseren Koffern hinterherging. Als ich nach draußen trat, wurde die kühle Brise stärker und wirbelte meinen Dutt auseinander. Mein Herzschlag verlangsamte sich, und Erinnerungen, von denen ich geglaubt hatte, ich hätte sie zu Asche verbrannt, setzten sich in meinem Kopf wieder zusammen und suchten mich heim.
Ich schluckte schwer.
Ich musste mich zusammenreißen. Ich war nicht mehr die schwache Ava von früher. Ich war stark – die Finanzchefin einer erfolgreichen internationalen Investmentgesellschaft mit Andrew an ihrer Seite.
„Ma.“ Ich wandte meinen Blick zu dem Mitarbeiter, der die Tür eines schwarzen Mercedes aufhielt. „Der Wagen ist da.“ Ich warf einen letzten Blick auf die kühle Umgebung und atmete die überwältigenden Gefühle tief ein, bevor ich ins Auto stieg.
Tristan kuschelte sich in meine Arme. Seine langen Wimpern flatterten, und seine blauen Augen starrten mich voller Verwirrung an.
„Mami, wo sind wir?“
„Im Auto, mein Schatz. Wir sind in England angekommen.“ Seine Augen weiteten sich, seine Pupillen wurden ganz groß, als er sich aus meinen Armen wand und zum Fenster rutschte. Ihm blieb buchstäblich der Mund offen stehen, als er staunte.
„Mami!“
„Ja, mein Herz?“
„Es ist so schön hier! Meine Freunde hatten recht. England ist wirklich ein toller Ort.“ Ich lächelte leise. „Mami, wo ist dein Handy? Ich will Papa anrufen.“ Ich kramte in meiner schwarzen Tasche, die passend zu meinem schwarzen Anzug gewählt war, und holte mein Telefon heraus. Er entsperrte es und wählte die Nummer.
Andrew hob schon beim ersten Klingeln ab.
„Papa! Wir sind da.“
„Endlich. Ihr müsst müde sein.“
„Ja, Papa. Aber es ist so schön hier. Ich wünschte, wir könnten hier mal Urlaub machen.“ Er drehte sich zu mir um, seine runden Augen fest auf mein Gesicht gerichtet. „Hast du hier Familie?“
Mein Lächeln erstarb augenblicklich und machte einer eiskalten Panik Platz. Erinnerungen fluteten mein Bewusstsein und brannten ein Loch in meine Brust.
„Huch? Warum… fragst du?“
„Das wäre voll der gute Ort für Thanksgiving, und du hast doch gesagt, das feiert man mit der Familie.“
„Ich…“
„New York ist schöner“, ertönte Andrews Stimme durch den Lautsprecher.
„Kann sein“, plapperte Tristan dazwischen. „Okay, Papa, tschüss.“
„Tschüss, mein Großer. Und denk an das, was ich dir gesagt habe – pass gut auf deine Mami auf.“ Ich hielt den Atem an.
„Mach ich, Papa. Warte, ich geb Mami das Handy.“ Er drehte sich um und hielt mir das Telefon hin. Ich nahm es und schaltete den Lautsprecher aus.
„Hi“, sagte ich etwas befangen. „Wir sind gerade gelandet und auf dem Weg zur Wohnung.“
„Gut. Ruht euch erst mal aus. Ich habe dem Butler bereits Bescheid gesagt, dass er das Abendessen für euch beide vorbereiten soll.“
„Andrew“, rief ich mit sanfter Stimme. „Das hättest du nicht tun müssen. Ich hätte auch kochen können.“
„Nach so vielen Stunden Flug musst du erschöpft sein.“
„Ich hätte auch etwas bestellen können.“
„Und dann wieder irgendetwas Ungesundes essen?“
Ich stieß einen Seufzer aus. „Du bist unmöglich.“
„Man hat mich schon Schlimmeres genannt.“ Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Pass auf dich auf und komm bald wieder. Ich vermisse euch beide jetzt schon.“
Er versuchte nur, nett und hilfsbereit zu sein. So war er nun mal.
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“ Ich legte auf, steckte das Handy zurück in meine Tasche und lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze des Autos.
Wir kamen an der Wohnung an. Wie versprochen hatte Andrew es nicht völlig übertrieben; das war die einzige Bedingung gewesen, die ich gestellt hatte, wenn er schon für meinen Aufenthalt aufkam. Ich wusste genau, wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er mir eine riesige Villa gekauft oder ein ganzes Anwesen gemietet.
Ich seufzte.
Ich nahm ein langes Bad, nachdem ich Tristan fertiggemacht hatte, zog mich um, und dann aßen wir zu Abend – zubereitet von dem Koch, den Andrew engagiert hatte.
Als ich Tristan ins Bett gebracht hatte, schlich ich mich leise hinaus und vergrub mich in meine Arbeit, um die Unterlagen der Firma zu prüfen, die ich retten sollte. Alle Finanz- und Marketinginformationen waren hier aufgelistet, abgesehen vom Namen des Unternehmens und dem Eigentümer, was ich erst am nächsten Tag während unseres Meetings erfahren würde.
Ich verbrachte die nächsten fünf Stunden damit, zu lesen und Schwachstellen zu markieren, und um Himmels willen, davon gab es überall reichlich. Rechenfehler, fehlendes Geld, falsche Marketingstrategien und durchgesickerte Informationen – diese Akte war so voller Fehler, dass es fast schon illegal war.
Ich gähnte herzhaft, meine Glieder schmerzten. Andrew würde sofort in den absoluten Überbeschützer-Modus schalten, wenn er jetzt hier wäre.
Die Realität holte mich ein.
Er war nicht hier. Ich war hier, weit weg von ihm, ganz allein – genau wie vor sieben Jahren. Bei diesem Gedanken breitete sich eine Gänsehaut auf meiner Haut aus.
Ich schüttelte den Gedanken ab und ging zurück ins Bett, um etwas Schlaf zu bekommen. Ich musste einfach nur den Kopf hinlegen, dann würde alles gut werden. Aber als ich so dalag, mit Tristan in meinen Armen, der Schutz suchte, konnte ich nicht anders, als an Andrew zu denken. Verfolgt von der Erinnerung an seine grauen Augen, war seine Wärme das Einzige, was meine Seele beruhigen konnte.
Ich hielt Tristan fest an mich gedrückt, wohlwissend, dass er nach Andrew das Einzige war, was mir in diesem Moment Wärme schenkte.
AvaIch wachte früh auf, als es im Zimmer noch vollkommen still war. Ich stand aus dem Bett auf, zog mich an, verließ das Haus und machte mich auf den Weg zu meinem Jet.Der Pilot startete die Triebwerke, und nur wenig später hoben wir ab. Der Flug dauerte einige Stunden, bis wir schließlich in Italien landeten.Als ich aus dem Flugzeug stieg, wartete bereits ein schwarzer Wagen auf mich. Der Fahrer brachte mich auf direktem Weg zum Anwesen.Das Anwesen war komplett leer; niemand lebte mehr hier.Die Luft im Inneren roch nach kaltem Tabak und altem Blut. Ich ging in mein Arbeitszimmer, setzte mich an den großen Schreibtisch und klappte meinen Laptop auf, um zu arbeiten.Während Dokumente und Zahlen den Bildschirm füllten, trat mein Assistent Marco ein. Er schloss die Tür hinter sich, blieb vor meinem Schreibtisch stehen und begann zu sprechen.„Boss, jemand versucht sich gegen uns zu erheben“, sagte Marco. „Wir haben einen Verräter in den eigenen Reihen, und ein Krieg steht bevor. Hin
AvaIch stieß ein Gähnen aus und wollte mich gerade ausgiebig strecken, als mich etwas am Boden hielt. Ruckartig schlug ich die Augen auf.Da lag jemand! Mein nervötender, aber umwerfend gutaussehender Mitbewohner.Wir lagen ganz nah beieinander, eng aneinander gepresst, seine Hand lag an meiner Taille, meine auf seiner Brust. Ich blinzelte die letzte Schläfrigkeit weg und starrte dieses absolute Kunstwerk von einem Mann an.Die Sonne war bereits aufgegangen und warf ein blasses, orangefarbenes Licht auf seine Züge: dichte, perfekt geschwungene Augenbrauen, lange Wimpern. Mein Blick wanderte weiter über seine markante Nase hinab zu seinen roten Lippen – denselben Lippen, die mich verschlungen hatten, die mich so tief geküsst hatten, dass ich ohne seine Hilfe kaum noch atmen konnte. Den Lippen, die das Verlangen in mir erst geweckt hatten. Ich ließ meinen Blick weiter zu seiner meißelförmigen Kieferpartie und seinem Schlüsselbein gleiten. Der Rest seines Körpers war unter dem grauen Ob
AvaIch wartete darauf, dass sie sich korrigierte, doch sie blieb einfach stehen, das Kinn stolz erhoben, die Nase leicht gerümpft, als wäre sie fest von der Richtigkeit ihrer Worte überzeugt.„Wie bitte?“„Mein Ernst. Das ist der einzige Weg, um ihnen das Maul zu stopfen. Ich kenne Sharon; sie wird es dir reindrücken. Sie wird dafür sorgen, dass du dich minderwertig fühlst – genau wie draußen vor der Tür. Zuerst habe ich nicht verstanden, warum sie vor deinen Augen ihr Gift spucken musste, aber jetzt ist es mir klar.“ Sie atmete tief durch und fuhr fort. „Ich wusste schon immer, dass sie falsch ist – all ihre aufgesetzten Lächeln und die bitteren Worte. Und jetzt hat sie ihren ersten Zug gemacht.“ Sie lehnte sich näher zu mir. „Um zu verhindern, dass sie dich komplett zerquetscht, musst du ihr zeigen, dass es dir völlig egal ist. Sie hat dir nicht deinen Mann weggenommen; sie hat dir eine Last abgenommen. Zeig ihr, dass du jeden anderen haben kannst, der um Längen besser ist, und auß
AvaIch stieß ein träges Gähnen aus und wollte mich gerade ausgiebig strecken, als mich etwas am Boden hielt. Ruckartig schlug ich die Augen auf.Ein Jemand! Mein nervötender, aber umwerfend gutaussehender Mitbewohner.Wir lagen ganz nah beieinander, eng aneinander gepresst, seine Hand lag an meiner Taille, meine auf seiner Brust. Ich blinzelte die verbliebene Schläfrigkeit weg und starrte dieses absolute Kunstwerk von einem Mann an.Die Sonne war bereits aufgegangen und warf ein blasses, orangefarbenes Licht auf seine Züge: dichte, perfekt geschwungene Augenbrauen, lange, dunkle Wimpern. Mein Blick wanderte weiter über seine ebenmäßige Nase hinab zu seinen roten Lippen – denselben Lippen, die mich verschlungen hatten, die mich so tief geküsst hatten, dass ich ohne seine Hilfe kaum noch atmen konnte. Den Lippen, die dieses unerschöpfliche Verlangen in mir geweckt hatten. Ich ließ meinen Blick weiter zu seiner meißelförmigen Kieferpartie und seinem markanten Schlüsselbein gleiten. Der
VIVIANDie Stille wog schwer im Raum, dicht und unbeweglich. Sie kroch mir bis tief in die Knochen, bis ich ihren bitteren Nachgeschmack auf der Zunge spüren konnte. Ich starrte sie an – völlig erstarrt über die unfassbare Dreistigkeit, die sie zur Schau stellte, während sie das breiteste Lächeln aufsetzte, das die Menschheit je gesehen hatte, und stolz für die Kameras posierte. Mein Blick war fest auf sie gerichtet, doch sie würdigte mich keines einzigen Blickes.Ich riss mich zusammen und schraubte mir meine gewohnte, fehlerfreie Maske der Neutralität so fest ins Gesicht, dass es wehtat.Das wilde Auslösen der Kameras durchbrach die drückende Stille, die uns umgab.„Sind Sie die besagte Cousine, die der wahre Kopf hinter dem phänomenalen Erfolg von Vale Construction ist?“„In welchem Verhältnis stehen Sie genau zu Miss Vivian Vale?“„Verraten Sie uns, warum Sie sich dazu entschieden haben, Ihre Identität vor den Medien geheim zu halten und nur aus dem Schatten heraus zu arbeiten?“„
ALEXNach dem beinahe ruinierten Frühstück beschloss ich, die Sache abzuhaken. Ich hatte überreagiert. Egal wer zum Teufel er war, es gab verdammt nochmal keine Möglichkeit, dass er sich jemals zwischen Vivian und mich drängen könnte. Unser Abendessen war voller Lachen gewesen; sie hatte ihre Deckung abgelegt und frei über ihren peinlichsten Moment gesprochen. Sie erzählte, wir lachten, und ich sah eine Seite an ihr, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie existierte. Das kleine Mädchen in ihr, das Freude an allem fand, das so frei und verschmitzt war. Und als sie sagte, sie könne keinen Spaß mehr haben, schoss das Blut brüllend durch meine Adern. Sie kann es, und sie wird es. Ich war jetzt hier, und es war mir scheißegal, ob ihre ganze Familie von ihr abhing, als wäre sie Sauerstoff, oder ob ihre Firma zusammenbrechen würde, wenn sie sich nicht in einen Workaholic verwandelte. Sie würde Spaß haben und frei lieben, weil sie das und noch viel mehr verdiente.Stille kehrte ein, und ic







