ANMELDEN„Verräterin.“ Das war das letzte Wort, das mein Gefährte sprach, bevor er meine Hinrichtung befahl. Der Mann, der mir einst ewige Liebe geschworen hatte, zerriss vor dem gesamten Crescent-Moon-Rudel unser Gefährtenband, setzte meine Cousine als neue Luna an meine Stelle … und sah regungslos zu, wie Silber mein Herz durchbohrte. Als ich im Sterben lag, flehte ich die Mondgöttin um Gerechtigkeit an. Sie kam nicht. Als ich die Augen wieder öffnete, war ich nicht tot. Ich befand mich in einer Welt, die niemals hätte existieren dürfen. Die Menschen, die meinen Tod gefeiert hatten, hießen mich plötzlich wieder willkommen. Der Alpha, der mich ermordet hatte, konnte den Blick nicht von mir abwenden, als hätte mein Verlust etwas in ihm unwiderruflich zerbrochen. Und der gnadenlose Lykan-König – das Monster, das jedes Königreich fürchtete – schritt über ein blutgetränktes Schlachtfeld, sank vor Tausenden von Wölfen auf ein Knie und flüsterte Worte, die meine gesamte Welt erschütterten. „Eure Majestät … Ich habe Euch endlich gefunden.“ Eure Majestät? Ich war niemals eine Königin. Ich war nur das Mädchen, das vom Schicksal verworfen wurde. Warum trägt plötzlich jede uralte Prophezeiung meinen Namen? Warum wollen mich plötzlich alle Königreiche entweder lebendig … oder tot? Und warum blickt mich die Mondgöttin mit der Schuld einer Mutter an, die ihre eigene Tochter nicht retten konnte? Sie sagen, das Schicksal habe mir eine zweite Chance geschenkt. Sie irren sich. Dies ist nicht mein zweites Leben. Es ist mein letztes. Denn tief unter Jahrhunderten voller Lügen verbirgt sich ein vergessenes Versprechen … Ein Versprechen, das so gefährlich war, dass selbst die Mondgöttin es aus der Geschichte löschte. Wenn ich die Wahrheit ans Licht bringe, wird das Gefährtenband zerbrechen, Königreiche werden brennen, und selbst die Götter werden bluten. Gut. Sie haben einst zugesehen, wie ich starb. Dieses Mal … werden sie zusehen, wie ich auferstehe.
Mehr anzeigenNoch bevor ich die Augen öffnete, füllte Blut meinen Mund.
Der metallische Geschmack von Blut lag schwer auf meiner Zunge, während er meine Kehle hinunterlief. Silberketten schnitten in meine Handgelenke. Jedes Glied brannte wie ein Brandzeichen, das direkt in meine Knochen gepresst wurde.
Tief in meinem Inneren wimmerte meine Wölfin, zu geschwächt vom Silber, um sich zu wehren.
Jemand schrie. Nicht aus Angst. Aus Gier auf das, was nun folgen würde.
„Bringt die Verräterin nach vorn!"
Die Stimme gehörte einem Mann, den ich nicht kannte. Ich hob den Kopf und fand nur Gesichter, die ich kannte, verzerrt von Hass, die ich nie zuvor an ihnen gesehen hatte.
Ich verstand nicht, was geschah. Ich verstand nur, dass es mir geschah.
Sie zerrten mich über den Platz, und ich zwang mich, alles anzusehen, denn Wegzusehen hätte bedeutet aufzugeben. Ein kleines Mädchen duckte sich hinter den Rock ihrer Mutter, als ich vorbeikam. Ein Junge, mit dem ich früher durch die Trainingshöfe gerannt war, wandte sein Gesicht zur Wand.
Ein alter Krieger vorne presste seine Faust gegen den Mund, und ich hörte ihn murmeln: „Das ist nicht richtig." Eine Frau neben ihm schlug ihm hart auf den Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen, und er senkte den Blick zu Boden.
Jemand anderes flüsterte, gerade laut genug, dass ich es hören konnte.
„Ich habe ihr vertraut."
Das schmerzte schlimmer als die Ketten.
Ich ging weiter, weil die Wachen mir keine Wahl ließen, und weil ein törichter Teil von mir noch immer glaubte, dass jemand das hier stoppen würde, wenn ich nur die vorderste Reihe der Menge erreichen könnte. Ich suchte nach Kael, noch bevor mir das selbst bewusst wurde.
Meine Augen wanderten über die Menge, über die Plattform, über die im Wind flatternden Banner, auf der Suche nach dem einen Gesicht, das niemals weggeschaut hatte. Seit wir Kinder waren, hatte Kael mich immer zuerst gefunden. Er pflegte zu sagen, er könne mich spüren, bevor er mich sähe, wie einen zweiten Herzschlag, der außerhalb seiner Brust lebte.
Wenn er hier war, würde er das hier stoppen.
Endlich fand ich ihn.
Er saß auf dem Alpha-Thron, die Wirbelsäule gerade, die Hände noch auf den Armlehnen, die Augen irgendwo hinter mir fixiert. Er sah aus wie aus Stein gemeißelt, bis auf den Muskel, der einmal unter seinem Kiefer zuckte.
Dieses kaum sichtbare Zucken genügte, um mich fragen zu lassen, was er verbarg.
Vor mir saß nicht mehr der Jung, der früher gestohlene Pfirsiche durch mein Fenster geschmuggelt hatte. Und auch nicht der Mann, der einst vor dem ganzen Rudel gekniet und geschworen hatte, mich zu lieben, bis der Mond vom Himmel fiele.Ich blieb vor ihm stehen, die Ketten klirrten, und für einen Moment vergaß ich, dass die Menge existierte.
„Ich habe das nicht getan", sagte ich.
Er sagte nichts.
„Kael, sag mir, was ich getan habe. Warum?"
Er gab keine Antwort, starrte nur auf einen Punkt hinter meiner Schulter, als wäre ich bereits jemand geworden, den er sich weigerte zu sehen.
„Sieh mich an."
Nichts.
„Du kennst mich."
Immer noch nichts.
„Kael."
Sein Kiefer spannte sich an, der einzige Beweis, dass er mich überhaupt gehört hatte.
Dann sprach er, und seine Stimme war flach, leer von all den Jahren, die wir geteilt hatten.
„Ich habe genug gehört."
Fünf Worte. Sie trafen härter als jede Klinge.
Erst da bemerkte ich sie.
Sie stand neben dem Thron, in einem Kleid in der Farbe von frischem Schnee, und auf ihrem Kopf saß die Krone, von der zu tragen ich mir selbst einst erlaubt hatte zu träumen. Die Luna-Krone. Meine Krone, in jeder Version der Zukunft, die ich mir für mich ausgemalt hatte.
Um ihren Hals hing das Verlobungskollier, das Kael mir vor zwei Wintern geschenkt hatte, dasjenige, das ich eine Woche vor unserer geplanten Bindungszeremonie verloren hatte.
Das also war die Frau, die er gewählt hatte, um mich zu ersetzen.
Evelyn grinste nicht überheblich. Das hatte sie gar nicht nötig.
Sie beobachtete mich einfach mit der stillen Zufriedenheit von jemandem, der bereits gewonnen hatte und es langsam auskosten wollte. Ich spürte, wie etwas in mir zerbrach.
Ein Mann in zeremoniellem Rot trat mit einer Schriftrolle in den Händen vor. Der königliche Herold. Seine Stimme hallte über den stillen Platz, ruhig und gnadenlos.
„Scarlett vom Halbmond-Rudel, Ihr steht angeklagt des Verrats an Eurem Alpha."
Die Menge murmelte.
„Ihr steht angeklagt der Verschwörung gegen das Halbmond-Rudel."
Jemand hinter mir keuchte auf.
„Ihr steht angeklagt, versucht zu haben, Euren Alpha, Kael Ashcroft, zu vergiften."
Ich erinnerte mich, ihm an diesem Morgen Tee eingeschenkt zu haben. Nichts weiter.
Ich hatte in meinem Leben niemals Gift berührt. Ich hatte Kael niemals auch nur im Geringsten Schaden gewünscht, und ich suchte erneut sein Gesicht ab, verzweifelt nach einem Anflug von Zweifel.
Da war keiner.
Da begriff ich. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht, und es reichte viel tiefer als eine einzelne Lüge.
Die Wachen führten mich auf eine mit Silber ausgelegte Plattform, und schon aus der Entfernung schrie meine Haut bei der Nähe dazu auf. Sie zwangen mich auf die Knie. Der Metallboden brannte sich direkt durch den Stoff meines Kleides.
Eine Klinge wartete neben mir, lang und blass, das letzte Licht des Nachmittags einfangend.
Der Henker kniete nieder, um die Ketten an meinen Handgelenken zu prüfen, und dabei beugte er sich nah genug heran, dass nur ich es hören konnte.
„Es tut mir leid", murmelte er. „Ich glaube nicht, dass du das getan hast."
Ich wollte ihm danken. Meine Kehle hatte sich zu eng zugeschnürt, um irgendwelche Worte durchzulassen.
Wenn selbst der Mann, der bestimmt war, mich zu töten, nicht glaubte, dass ich schuldig war, wie war es dann so weit gekommen?
Ich hob mein Kinn und sah Kael ein letztes Mal an. Nicht die Menge. Nicht Evelyn und ihr gestohlenes Collier.
„Wenn du mich jemals geliebt hast", flüsterte ich, „dann sieh mir in die Augen."
Für einen Herzschlag dachte ich, er würde es tun.
Sein Blick flackerte zu mir, und etwas regte sich dahinter, etwas fast wie Trauer. Dann verhärtete sich sein Kiefer, und er wandte sein Gesicht ab.
„Vollzieht es", sagte er.
Dieses Wort kostete mich mehr, als die Klinge es je gekonnt hätte.
Der Platz verstummte um mich herum, bis nur noch der Himmel über mir war und der Mond, der blass hinter den Wolken aufstieg. Ich schloss die Augen und fand das letzte Gebet, das mir geblieben war.
Ich bat nicht um Rache. Ich bat nicht darum, gerettet zu werden.
Mondgöttin, dachte ich, wenn ich jemals wahrhaftig deine Tochter gewesen bin, so lass die Wahrheit mich überleben, selbst wenn ich es nicht kann.
Ich ließ die Erinnerung kommen, denn ich wollte etwas Sanftes zum Festhalten haben. Kael und ich waren wieder Kinder, liefen barfuß durch das Sommergras, sein Lachen laut und unbeschwert, meine Hand in seiner gefangen, als gehörte sie dorthin.
Ich erlaubte mir zu lächeln.
Die Klinge erhob sich hinter mir, und ich spürte, wie die Menge wie ein einziger Mensch den Atem anhielt.
Dann kam der Fall, und das Feuer, und ein Schmerz zu groß, als dass mein Körper ihn hätte fassen können.
Dann kam die Dunkelheit.
Ich öffnete die Augen.
Meine Zimmerdecke blickte auf mich herab, blasses Morgenlicht ergoss sich über die Holzbalken. Der Duft von Lavendel wehte von der Vase an meinem Fenster herüber.
Jemand klopfte an meine Tür.
„Lady Scarlett", rief die Zofe fröhlich. „Heute ist der Tag, an dem Alpha Kael kommt, um um Eure Hand anzuhalten."
Mir gefror das Blut in den Adern.
Das Dorf roch nach Holzrauch und frischem Brot, gewöhnlich auf jede bedeutsame Weise, Kinder jagten sich zwischen Marktständen, ein älterer Mann flickte einen Zaun, eine Frau hängte Wäsche zwischen zwei Häusern auf.Wir stiegen am Rand ab, ließen die Pferde bei einem der Kundschafter, und gingen ohne Ankündigung hinein.„Nur Reisende auf der Durchreise", erinnerte Lucien jeden leise. „Nichts weiter."Ich nickte, obwohl sich mein Puls nicht beruhigt hatte, seit wir zuerst den Rauch am Horizont aufsteigen gesehen hatten.Wir fanden zuerst den kleinen Markt des Dorfes, Orion näherte sich einem Händlerstand unter dem Vorwand des Stöberns, seine Augen suchten nach dem Symbol, das er aus unserer Vision identifiziert hatte.Es dauerte fast eine Stunde. Dann entdeckte es Kael, schwach in den Holzrahmen eines bescheidenen Hauses nahe dem Dorfrand geschnitzt, verwittert, aber unverkennbar.„Dort", sagte er leise.Das Haus gehörte einer Familie von Holzarbeitern, erfuhren wir von einem Standbesi
Wir verbrachten die folgenden Tage mit stiller, gezielter Arbeit, jagten nicht mehr Prophezeiung oder Politik, sondern etwas weit Persönlicheres. Irgendwo in den Jahrhunderten seit dem Fall des verlorenen Königreichs hatte die Blutlinie unserer Kinder überlebt, versteckt, verstreut, wartend.Ich wusste nicht, wie man nach Nachkommen suchte, die durch Jahrtausende getrennt waren. Lucien auch nicht. Doch Orion hatte eine Idee.„Blutlinien hinterlassen Spuren", sagte er. „Selbst ausgelöschte."Er erklärte, echte Auslöschung, die Art, die der Tempel bei offiziellen Aufzeichnungen praktiziert hatte, berühre selten alles. Geburtsregister in kleinen Dörfern. Familienstammbäume, von Hebammen geführt. Lokale Tempelaufzeichnungen, nie mit dem zentralen Archiv verbunden. Genetische Echos, die sich an unerwarteten Orten zeigten.„Wenn deine Kinder überlebt haben", sagte er, „hat jemand irgendwo ihre Spur verfolgt, selbst unabsichtlich."Wir begannen mit den Kronen selbst. Ich hielt meine, Lucien
Ich erwachte vor Sonnenaufgang, das Feuer zu Glut heruntergebrannt, und fand Lucien bereits wach, saß abseits der anderen, die zweite Krone ruhte in seinen offenen Handflächen.„Du hast nicht geschlafen", sagte ich leise und setzte mich neben ihn.„Ich habe es versucht." Er blickte auf die Krone hinab. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, zeigte sie mir etwas Neues."„Was für etwas?"„Stücke. Ohne Ordnung." Er drehte die Krone langsam. „Ich glaube, sie versucht, sie mir schneller zu geben, als ich sie halten kann."Ich bat ihn, mir zu erzählen, was er gesehen hatte, und er zögerte, bevor er antwortete, so wie immer, wenn die Wahrheit ihn etwas kosten könnte.„Eine Hochzeit", sagte er schließlich.Mein Atem stockte. „Wessen?"„Ich weiß es noch nicht. Ich habe nur Hände sich verbinden sehen. Eine Krone auf jedem unserer Köpfe." Er hielt inne. „Es fühlte sich nicht wie Politik an."„Was noch?", fragte ich.„Das Lachen eines Kindes. Ein Raum, den ich nicht erkenne." Er runzelte die Sti
Wir bewegten uns durch den verborgenen Durchgang in fast vollständiger Dunkelheit, die beiden Kronen pulsierten schwach gegen unsere Brust, nun im Einklang miteinander, als würden sie ihre eigene Wiedervereinigung erkennen.„Wie weit geht das?", flüsterte ich.„Ich weiß es nicht", gab Orion zu. „Ich habe nur den Eingang gefunden."Hinter uns sagte mir das Geräusch von Stein, der gegen Stein knirschte, dass die Tempelkrieger schließlich die Kammer gefunden hatten, die wir verlassen hatten.„Wir müssen uns schneller bewegen", sagte Lucien.Der Durchgang verengte sich, zwang uns in eine Reihe, Orion führte mit einer kleinen Flamme in seiner Handfläche, Lucien hinter ihm, ich am Ende. Die Wände drückten eng genug, dass meine Schultern auf beiden Seiten Stein streiften.„Das wurde nicht für leichte Flucht gebaut", sagte ich.„Es wurde überhaupt nicht für Flucht gebaut", sagte Lucien. „Ich glaube, es wurde so gebaut, dass nur die richtige Person ihm folgen konnte."Wir erreichten eine Gabel


















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