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KAPITEL 4 ~ FLIRTEN

Author: DANIKA
last update publish date: 2026-07-20 12:28:22

RYDERS SICHT

Die Stille im Hörsaal ist erdrückend, schwer vom Kreidestaub und dem kollektiven Atem angehaltener Luft von fünfzig Studenten. Die Frage – „Bist du schwul?“ – hängt wie Rauch in der Luft und umweht die Neonröhren. Es ist kein Flüstern.

Adrian krallt sich so fest an die Kanten des Eichenpults, dass seine Knöchel die Farbe von altem Pergament annehmen. Er starrt Ryder an, der in seinem Stuhl lümmelt, die Beine weit gespreizt, eine dominante Pose, die viel zu viel Platz einnimmt. Ein Schock durchfährt Adrian, ein Adrenalinschub, der sein Herz gegen seine Rippen hämmern lässt. Er räuspert sich, das Geräusch zerreißt den stillen Raum.

„Warum …“, beginnt Adrian, seine Stimme bricht leicht, bevor er sie tiefer klingen lässt. Er rückt seine Brille zurecht und gewinnt so einen Moment Zeit. „Was hat das mit dem Lehrplan zu tun, Mr. Knight?“

Ryder zuckt mit den Achseln, eine fließende Bewegung einer Schulter. Ein spöttisches Lächeln huscht über sein Gesicht und gibt den Blick auf seine weißen Zähne frei. Er wirkt, als wüsste er genau, was er tut, wie sehr er die Situation noch verschlimmert. „Du hast gesagt, wir können alles fragen“, sagt Ryder, seine Stimme trägt mühelos bis vorn im Raum. „Offene Fragerunde, das war die Regel.“

Adrian wird heiß im Nacken und färbt seine Haut. Er spürt, wie ihm der Schweiß am Haaransatz prickelt. Er wendet den Blick von Ryder ab und mustert die Reihen der anderen Studenten, die ihn mit aufgerissenen Augen anstarren. „Nein“, sagt Adrian kurz und knapp. „Das ist keine angemessene Frage.“ Er deutet mit dem Finger auf Ryders Platz. „Setz dich hin und sei still.“

Ryder rührt sich nicht sofort. Er hält Adrians Blick einen Moment länger fest, seine Augen dunkel und prüfend, als würden sie die Schichten von Adrians Tweedjacke und Hemd abstreifen. Dann lehnt er sich langsam zurück, das Leder des Stuhls knarrt unter seinem Gewicht. Er setzt sich, doch das Grinsen bleibt, wie ein Brandmal in seinem Gesicht.

„Das war’s mit den Fragen“, verkündet Adrian und dreht der Klasse den Rücken zu, um an die Tafel zu kritzeln. Die Kreide quietscht, ein hohes Pfeifen, das alle zusammenzucken lässt. „Wir machen weiter. In diesem Semester behandeln wir die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Zensur in den modernen Medien.“ Er schreibt die Worte in Druckbuchstaben, seine Hand zittert leicht. „Ich erwarte, dass ihr alle die ersten drei Kapitel bis Mittwoch gelesen habt. Es gibt einen Test.“

Er dreht sich wieder um und blickt in die Menge der Gesichter, doch sein Blick wird wie magisch zur ersten Reihe gezogen. Ryder beobachtet ihn, das Kinn auf die Hand gestützt, die Augen halb geschlossen. Ein Blick, der eher ins Schlafzimmer als in einen Hörsaal gehört. Adrian schluckt schwer und versucht, sich auf den Stoff zu konzentrieren, doch der Rhythmus der Vorlesung ist völlig zerstört.

Während Adrian spricht, Begriffe definiert und historische Zusammenhänge erläutert, beginnt Ryder seinen Angriff. Es fängt harmlos an – ein Husten, ein unruhiges Hin- und Herrutschen auf dem Stuhl, das rhythmische Klicken eines Kugelschreibers auf dem Tisch. Dann folgen die Kommentare.

„Das klingt nach verdrängtem Blödsinn, Professor“, ruft Ryder in einer Pause. „Vielleicht wären Sie nicht so besessen davon, zu kontrollieren, was die Leute sagen, wenn Sie öfter Sex hätten.“

Ein paar Studenten kichern. Adrian spürt, wie eine Ader an seiner Schläfe pocht. Er ignoriert es und fährt fort, doch Ryder lässt nicht locker.

„Ich wette, Sie sind hinter verschlossenen Türen ein richtiger Freak“, sagt Ryder laut genug, dass es die erste Reihe hört. „Diese ganze enge Kleidung. Die schreit ja förmlich danach, zerrissen zu werden. Sie wollen sich bestimmt über diesen Tisch beugen, oder?“

Die Hitze in Adrians Gesicht verwandelt sich in ein brennendes Feuer. Seine Hände zittern, als er eine Seite seiner Notizen umblättert. Er kann Ryder nicht ansehen. Wenn er es täte, wüsste er, dass er die Wahrheit in den Augen des Jungen erkennen würde – die Tatsache, dass Ryder Recht hat, dass der Gedanke, genommen, benutzt zu werden, einen elektrischen Schlag direkt in Adrians Leiste jagt. Er spürt, wie sein Glied in seiner Anzughose verräterisch zuckt.

„Mr. Knight“, faucht Adrian, seine Stimme hallt von den Wänden wider. „Das reicht jetzt.“

„Ich wollte doch nur mitmachen“, sagt Ryder gedehnt. „Mich mit dem Stoff auseinandersetzen.“

„Bleibt nach dem Unterricht hier“, sagt Adrian, seine Worte klingen beißend. „Für alle anderen ist Schluss für heute.“

Das Stühlerücken ist ohrenbetäubend. Die Studenten schnappen sich hastig ihre Taschen, begierig darauf, der plötzlich aufsteigenden, explosiven Spannung zu entfliehen. Sie werfen Ryder Blicke zu, manche beeindruckt, manche verängstigt. Ryders Freunde, eine Gruppe Jungs in Collegejacken, klopfen ihm beim Aufstehen auf die Schulter.

„Viel Glück, Mann“, flüstert einer lachend.

„Mach nichts, was ich nicht auch tun würde“, fügt ein anderer hinzu.

Sie gehen hinaus, die Tür klickt hinter ihnen ins Schloss, bis der Raum leer ist. Stille kehrt ein, doch nun ist sie schwer von etwas anderem – von Vorfreude. Adrian steht hinter dem Rednerpult, sein Atem geht flach und stoßweise. Er wartet, bis die letzten Schritte im Flur verklungen sind.

Ryder sitzt immer noch da. Er hat sich nicht gerührt. Er wirkt völlig entspannt, wie ein Raubtier, das auf einen Fehler seiner Beute lauert.

„Warum störst du meinen Unterricht?“, fragt Adrian mit leiser Stimme. Er tritt hinter dem Rednerpult hervor, um Abstand zwischen sich und dem sicheren Holz zu bringen. Er bleibt im offenen Gang stehen.

Ryder steht langsam auf. Er ist groß, breitschultrig und erfüllt den Raum mit einer aggressiven Männlichkeit, die Adrian klein erscheinen lässt. Er geht die Stufen hinunter nach vorn, seine Stiefel poltern schwer auf dem Boden. Er bleibt ein paar Schritte vor Adrian stehen und dringt in dessen persönlichen Bereich ein.

„Ich störe nicht“, sagt Ryder mit einer tiefen, grollenden Stimme, die Adrians Brust vibrieren lässt. „Ich flirte nur mit Ihnen. Sie können mir nicht erzählen, dass es Ihnen nicht gefällt. Ich sehe, wie Sie schwitzen, Professor. Ich sehe, wie Ihr Schwanz in dieser engen Hose hart wird.“

Ryder grinst, ein verschmitztes, wissendes Grinsen. Er streckt die Hand aus, seine Finger streifen den Ärmel von Adrians Jacke, eine Berührung, die sich durch den Stoff brennt. „Wir sehen uns nächste Woche, Professor.“

Er dreht sich um und geht, sein selbstsicherer Gang ist unübersehbar. Adrian sieht ihm nach, sein Körper wie erstarrt, sein Herz hämmert wie wild.

Draußen im Flur strömt das Sonnenlicht durch die Fenster und lässt die Staubpartikel in der Luft tanzen. Ryders Freunde warten lässig an den Spinden auf ihn. Sobald er herauskommt, brechen sie in Jubel aus.

„Mann, Ryder! Du hast es echt getan!“, ruft einer und klopft ihm auf die Schulter. „Du hast ihn gefragt, ob er schwul ist! Ich dachte, er kippt gleich um.“

Ryder lacht und lehnt sich an das kühle Metall der Spinde. „Hab ich’s euch doch gesagt, der kann das nicht ab. Der ist so verklemmt, ich wette, der quietscht beim Laufen.“

„Du spinnst wohl, Mann“, sagt ein anderer Freund und schüttelt den Kopf. „Total verrückt. Aber Respekt. Das war echt mutig.“

„Er will es“, sagt Ryder und rückt seinen Rucksack zurecht. „Ich kann’s ihm ansehen. Er sehnt sich danach, von einem richtigen Mann die Wahrheit zu erfahren.“

Die Gruppe bewegt sich den Flur entlang, voller Energie und mit lautem Gelächter. Sie drängen durch die Doppeltüren auf den Campusplatz, der Lärm des Geländes umspült sie.

Eine Stunde später herrscht in der Cafeteria ein chaotisches Stimmengewirr und das Klappern von Tabletts. Der Geruch von Frittiertem und Bodenwachs liegt schwer in der Luft. Ryder sitzt an einem langen Tisch, seine Freunde umringen ihn. Er knabbert an einem Teller Pommes, während ihm Adrians Gesichtsausdruck immer noch vor Augen steht – der Schock, die Angst, der Hunger.

„Der hat dir doch bestimmt auf den Hintern geguckt, als du rausgegangen bist“, sagt einer der Jungs und schiebt sich einen Burger in den Mund.

„Na klar“, sagt Ryder und stopft sich eine Pommes in den Mund. „Wer würde das nicht tun?“

Das Gespräch dreht sich nun um Wochenendpläne, Partys und Mädchen, aber Ryders Aufmerksamkeit schweift ab. Er lässt den Blick durch den Raum schweifen, gelangweilt von dem belanglosen Geplapper. Dann teilt sich die Menge am Eingang, und ein Mädchen betritt den Raum.

Sie bewegt sich mit einer anderen Art von Anmut – weniger aggressiv, fließender. Ihr dunkles Haar fällt in Wellen über ihren Rücken, und ihre Augen scheinen alles in sich aufzunehmen. Es ist Maya, Kais Schwester. Sie entdeckt Ryders Tisch und geht direkt darauf zu, die Blicke der anderen Gäste ignorierend.

Sie bleibt am Rand ihres Tisches stehen und stützt sich mit den Händen auf die Lehne eines leeren Stuhls. Ryder blickt überrascht auf.

„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragt Maya mit kühler, ruhiger Stimme.

Ryders Freunde verstummen und sehen sich an. Ryder deutet auf den leeren Platz neben sich. „Klar. Setz dich.“

Maya setzt sich und stellt ihr Tablett auf den Tisch. Sie sieht Ryders Freunde nicht an; ihr Blick ruht direkt auf Ryder, ein kleines, geheimnisvolles Lächeln umspielt ihre Lippen. Die Luft um den Tisch herum scheint sich zu verändern, die testosterongeladene Energie wird plötzlich von etwas Schärferem, Intelligenterem durchbrochen.

„Ich habe von deinem Streich in Professor Halloways Vorlesung gehört“, sagt Maya und nimmt einen Apfel. „Ryder, Ryder, Ryder. Du weißt wirklich nicht, wann Schluss ist, oder?“

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