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Hund?

Author: KaiKitto
last update publish date: 2026-10-29 20:26:09

Vinorca Jona POV

‚Du kommst zu spät zur Uni', unterbricht mein Gewissen meine Gedanken und reißt mich aus dem Schlaf.

Ich hetze ins Bad, dusche in Windeseile, werfe mir irgendetwas Altes, Abgetragenes über und schnappe mir meinen Rucksack, bevor ich aus dem Zimmer stürze. Zuspätkommen ist keine Option – nicht für mich, nicht als Stipendiatin. Ein einziger Ausrutscher, und alles kann zusammenbrechen.

Ich eile aus dem Haus, darauf bedacht, niemandem über den Weg zu laufen, vor allem nicht Dante und seinem Spott. Allein seine Nähe reicht, um mich aus der Fassung zu bringen – ein Vorbote von Ärger.

Mit schnellen Schritten versuche ich, unbemerkt zu verschwinden, als ein vertrauter Wagen neben mir hält. Verdammt. Genau das wollte ich vermeiden. Dante hat mich erwischt, bevor ich entkommen konnte.

„Steig ein", befiehlt er und lässt die Scheibe herunter.

Seine Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken, ein Gemisch aus Angst und Beklommenheit vernebelt meinen Kopf. Warum will er mich in seinem Wagen? Was will er jetzt schon wieder von mir?

Ich versuche, seine Worte zu begreifen. Verlangt er allen Ernstes, dass ich einsteige? War es mir nicht sogar verboten, mir auch nur ein Stück Brot zu nehmen?

„Hast du mich nicht gehört? Oder ignorierst du mich absichtlich?" Seine Worte holen mich in die Gegenwart zurück, seine Gereiztheit ist unüberhörbar.

Ich weiß, ich sollte nicht nachgeben. Wenn ich in seinen Wagen steige, kann nichts Gutes dabei herauskommen. Aber kann ich weglaufen? Nicht, solange er die Macht in Händen hält, nicht, solange es nirgends ein Versteck für mich gibt.

„Ich möchte deinen Wagen nicht schmutzig machen", entgegne ich, meine Stimme ruhiger, als es in mir aussieht.

„Weigerst du dich etwa?" Seine hochgezogenen Augenbrauen duldeten keinen Widerspruch, doch ich gab nicht nach.

‚Ja, genau das tue ich.'

Den Drang, ihm das ins Gesicht zu sagen, unterdrücke ich und schweige.

„In nur drei Jahren hast du dich so verändert. Jetzt hast du sogar gelernt, dich gegen mich aufzulehnen, was?" Seine Worte schneiden tief, eine Erinnerung an das Leben, in dem ich gefangen bin.

Aber ich werde nicht für immer gefangen bleiben. Bald werde ich achtzehn und entkomme seinem Griff.

„Ich komme zu spät", sage ich und husche davon, bevor er weiter protestieren kann, die Last der Situation schwer auf meinen Schultern.

Dreißig Minuten später erreiche ich endlich die Universität, außer Atem von der gehetzten Fahrt.

„Vinorca."

Amandas Stimme holt mich aus meinen Gedanken, ihre Sorge ist deutlich zu hören, als sie meinen Namen ruft. Trotz allem zaubert ihre Anwesenheit ein Lächeln auf mein Gesicht.

Ich gehe zu ihr hinüber und bin froh über die Ablenkung, als sie mir tröstend die Hand auf die Schulter legt. „Du erklärst mir jetzt gefälligst, warum du so blass aussiehst", sagt sie, ihre Sorge rührt mich.

„Ist nichts. Nur ein Hund, der mir auf dem Weg hierher fast an die Wäsche wollte", lüge ich, die Worte kommen mir mühelos über die Lippen.

Es macht mich richtig glücklich, Dante einen Hund zu nennen. Bei ihm fühlt es sich an, als wäre er schlimmer als jeder Hund.

„Ein Hund? Bist du noch bei Trost? Warum bist du weggerannt, wenn dich ein Hund gejagt hat? Es wäre besser gewesen, stehenzubleiben, statt ihn zu reizen."

Ich könnte ehrlich gesagt lachen. Wenn sie wüsste, dass wir beide den Alpha des Rudels einen ‚Hund' nennen, weiß Gott, wie sie reagieren würde.

Diese Reaktion wäre wohl ziemlich hanebüchen. Ich weiß gar nicht, warum meine Gedanken in letzter Zeit so wirr werden.

„Ach, daran hab ich gar nicht gedacht. War einfach ein spontaner Reflex, um mich zu retten", antworte ich lächelnd.

Wir erreichen beide den Hörsaal und lassen uns auf unseren Plätzen nieder.

Ich habe es pünktlich geschafft. Darüber bin ich froh. Ich dachte schon, ich hätte so viel Zeit verloren, dass ich wegen Dante und der Kopfschmerzen vom frühen Morgen zu spät kommen würde.

„Und ich verstehe einfach nicht, warum du immer diese dünnen Sachen trägst. Frierst du denn nicht?" Amanda zieht die Augenbrauen hoch und befühlt meinen Pulli.

Ich weiß, dass sie das aus Sorge fragt, aber in Wahrheit tut es weh. Ich kann ihr nicht erklären, dass das die Kleidung aus der Kleiderkammer ist, die ich seit Jahren trage. Ich bin schon damit beschäftigt, mich irgendwie über Wasser zu halten und mir mein Essen zu verdienen. Wie soll ich mir da noch Kleidung leisten?

Ich will nicht zeigen, wie arm ich bin, und ich weiß genau, dass niemand erfahren darf, dass ich mit Dante verwandt bin. Das ist etwas, das ich niemals wollte.

„Ich mag einfach keine zu warme Kleidung, und das, was ich trage, ist nicht dünn", lächle ich und versuche mein Bestes, meine Traurigkeit zu verbergen.

„Das ist nicht gut für deine Gesundheit. Wie wär's, wenn du heute mit mir shoppen gehst? Du kannst nicht den ganzen Winter in diesen Fetzen rumlaufen. Es ist viel zu kalt."

„Mhm! Ich hab noch was zu erledigen, deshalb muss ich wieder früher los", weiche ich ihrem Blick aus.

Ich arbeite als Aushilfe in der Bibliothek und habe meine Schicht gestern schon verpasst. Ich kann es mir nicht leisten, noch mehr Schichten zu verpassen. Außerdem habe ich sowieso kein Geld für Kleidung übrig.

Wenn ich mir nicht einmal drei Mahlzeiten am Tag leisten kann, ist Kleidung für mich purer Luxus.

Ich habe meinen Studienplatz an dieser Universität durch ein Stipendium bekommen; sonst hätte ich niemals davon zu träumen gewagt, jemals einen Fuß in einen solchen Ort zu setzen.

Aber egal was passiert, ich ziehe es vor, so zu leben, statt zu tun, was Dante von mir will.

Ich hatte tatsächlich die Wahl zwischen Selbstachtung und einer Hure.

‚Und ich habe Ersteres gewählt, nicht Letzteres.’

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