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Flirten

Author: KaiKitto
last update publish date: 2026-10-31 19:19:31

Vinorca Jona POV

„Warum arbeitest du so viel? Ich hab dich noch nie was anderes machen sehen als lernen und arbeiten. Findest du nicht, du solltest das Leben auch mal genießen?", fragte Amanda, die Stirn besorgt gerunzelt.

Ich lächelte und antwortete: „Ich finde einfach nichts, was interessanter wäre als Arbeiten und Lernen."

Diese Aussage stimmte nur zur Hälfte.

Ich hatte das Lernen schon immer geliebt und mich nie für etwas anderes begeistern können.

Aber bei der Arbeit konnte ich das nicht behaupten.

Sie war eine Notwendigkeit, keine Leidenschaft.

Ich arbeitete, um über die Runden zu kommen, und dabei gab es nichts, wofür ich mich schämen müsste.

Ob übernatürliche Wesen oder ganz normale Menschen – viele arbeiteten schlicht ums Überleben.

Daran war nichts verwerflich.

„Das nehm ich dir nie im Leben ab, aber du bist bestimmt anders. Du gibst in deinem Studium immer dein Bestes und arbeitest so hart dazu. Deine Eltern müssen wirklich stolz auf dich sein", bemerkte Amanda, Bewunderung in ihrem Blick.

Bei der Erwähnung meiner Eltern zog sich etwas in meiner Brust zusammen. Mein Lächeln erstarb. „Ich bin eine Waise."

„Was?", fragte Amanda, ihr Gesicht ein einziges Erschrecken.

Ich hatte ihr das nie erzählt; ich hatte es nie erzählen wollen.

Aber heute, ich weiß selbst nicht, warum, spürte ich das Bedürfnis dazu, also tat ich es.

Im nächsten Moment bereute ich es schon, die überschwappenden Gefühle nicht im Zaum gehalten zu haben.

„Es tut mir leid, das wusste ich nicht", entschuldigte sich Amanda, Schuldgefühl stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Nein, du musst dich nicht entschuldigen. Woher hättest du es wissen sollen, wenn ich es dir nie erzählt habe? Keine Sorge, das ist schon so lange her, ich bin da nicht mehr so empfindlich", beruhigte ich sie, ein Hauch von Resignation in meiner Stimme.

Trotz ihrer Herzlichkeit hatte ich sie von Anfang an belogen.

„Bei wem lebst du dann?", wollte sie wissen.

„Ich lebe bei meinem Vormund, aber er mischt sich kaum in mein Leben ein. Und das ist auch gut so, er zahlt für meine Sachen. Er will nicht mal, dass ich arbeite. Aber ich möchte ihm nicht so zur Last fallen. Deshalb liebe ich das Arbeiten so sehr. Sonst hat er es immer gehasst, dass ich arbeite." Ich lächelte, während ich log, ein Stich schlechten Gewissens bohrte sich trotzdem in mich.

Ich konnte es selbst kaum fassen. Seit wann war ich so gut im Lügen geworden, dass man es mir nicht einmal ansah?

„Ach! Aber bitte vergiss nicht, du kannst mir alles anvertrauen. Ich bin deine Freundin, und ich will, dass du weißt: Ich werde niemals irgendetwas weitererzählen, was du mir sagst", versicherte mir Amanda, ihre Aufrichtigkeit wärmte mein Herz. „Ich bin so stolz, dass du meine Freundin bist."

„Jetzt übertreibst du aber. Ich bin es gar nicht wert, dass du so stolz auf mich bist." Ich lachte auf, eine Mischung aus Verlegenheit und Dankbarkeit in mir.

Wenn sie die Wahrheit kennen würde, würde sie mich hassen und sich vor mir ekeln.

„Natürlich bist du das. Ich lüge kein bisschen", sagte Amanda, ihre Augen funkelten, während sie mir ein aufmunterndes Lächeln schenkte.

„Danke", lächelte ich, dankbar, sie an meiner Seite zu haben.

„Und, wie viele seid ihr in deiner Adoptivfamilie?", fragte Amanda.

„Ich habe einen Stiefbruder, er ist jetzt auch mein gesetzlicher Vormund", schluckte ich und gab mir größte Mühe, meine Angst und mein Unbehagen nicht zu zeigen, während Dantes Gesicht vor mir auftauchte. „Seine Eltern sind auch tot, bei einem Unfall."

„Das muss für euch beide schwer gewesen sein." Amanda legte mir die Hand auf die Schulter und drückte sie sanft, bemüht, mich zu trösten.

„Ja, ist es auch, aber uns geht's inzwischen besser als je zuvor", antwortete ich, auch wenn ein Hauch von Traurigkeit in meiner Stimme mitschwang.

„Wie läuft's, Vinorca?"

‚Dante?'

Ich drehte den Kopf, und die Anspannung fiel von mir ab.

Gott sei Dank.

Es ist Amandas Bruder, Lewis, und mit ihm stehe ich auch auf gutem Fuß.

Die beiden Geschwister sind wirklich freundlich und aufmerksam.

Warum hatte ich überhaupt erst gedacht, es wäre Dante?

Vielleicht, weil er nach drei Jahren zurückgekehrt ist und seine Anwesenheit zu Hause meine Sinne geschärft hat.

Dumm von mir, Lewis und Dante klingen ja nicht mal ähnlich.

„Was machst du denn hier, Lewis? Warum störst du mich? Ich führe gerade ein ernstes Gespräch", fragte Amanda, ein gereizter Unterton in der Stimme, was mich zum Lächeln brachte.

Ich weiß, wie sehr die beiden sich streiten, aber egal was passiert, sie hängen aneinander und zeigen ihre Liebe eben auf ihre eigene Art.

Dante und ich hatten nie so eine Beziehung, auch wenn er, als seine Eltern noch lebten, mal wie ein Bruder für mich gewesen war.

Jetzt, seit unsere Eltern tot sind, fühlt sich alles wie erstorben an.

„Das ist auch mein Kurs, falls du das vergessen hast. Ich bin nur ein Jahr älter, und wir haben dieselbe Vorlesung." Er zog sich einen Stuhl neben mich, ohne Amanda auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Vin, wie geht's dir?" Lewis legte mir die Hand auf die Stirn. Ich muss zugeben, er ist der attraktivste Mann im ganzen Rudel – nach Dante.

Mit seinem blonden Haar, den schwarzen Augen und dem durchtrainierten Körper ist er einfach perfekt. Seine Hand auf meiner Stirn gibt mir ein warmes Gefühl.

Er ist ein echter Gentleman, und ich fühle mich bei ihm wohl, genau wie bei Amanda.

Die beiden sind es, die mein Unileben lebenswert machen, sonst würde ich vor lauter Lernen noch draufgehen, denn außer dem Lernen habe ich nie das Bedürfnis, irgendetwas anderes zu tun.

„Warum siehst du heute eigentlich so heiß aus, hm?"

Ich lachte über seine Worte.

Der wird wohl nie von seiner Anmache lassen können! dachte ich bei mir.

„Wag es ja nicht, mit meiner besten Freundin zu flirten." Amanda nahm seine Hand von meiner Stirn und zog mich zu sich heran.

Sie umarmte mich wie eine Bärenmama, ganz die Beschützerin.

„Ach komm schon, Amanda, du übertreibst wirklich maßlos. Sie ist auch meine Freundin. Warum lässt du mir nicht auch ein bisschen Platz?" Lewis zog mich zu sich herüber.

Die beiden Geschwister quetschten mich zwischen sich ein und funkelten sich gegenseitig an, als wollten sie sich gleich an die Kehle gehen.

Ich finde es amüsant, wie kindisch die beiden sich aufführen.

Ich verstehe gar nicht, was sie so besitzergreifend macht, wenn es um mich geht.

„Lasst mich beide los." Ich lachte, während sich ihre Aufmerksamkeit wieder mir zuwandte.

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