In jener Nacht blutete der Mond purpurrot, genau wie in jedem Albtraum, an den sich Lexi erinnern konnte.
Im Traum schrie der Wald. Stahl prallte gegen Klauen und Reißzähne. Ein tiefes, gebieterisches Brüllen durchdrang das Chaos … eine Stimme, die sich zugleich uralt und schmerzlich vertraut anhörte. Dann ertönte der schrille Schrei eines Säuglings, rau und hilflos, gefolgt vom feuchten Geräusch, als etwas Schweres auf den Boden aufschlug. Schatten bewegten sich wie lebender Rauch und rissen das winzige Bündel in die Dunkelheit. Blutstropfen fielen nach oben und befleckten den Mond, bis er wie ein verwundetes Herz pulsierte.
Lexi erwachte keuchend, ihr Nachthemd klebte an ihrer schweißnassen Haut. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als wolle es entfliehen. Sie setzte sich in dem schmalen Feldbett auf und drückte eine zitternde Hand auf den silbernen Anhänger, der zwischen ihren Schlüsselbeinen ruhte. Das Metall war kühl, immer kühl, egal wie lange sie es trug. Nur ein Schmuckstück, hatte ihr Adoptivvater gesagt, als sie noch klein war. Ein Glücksbringer aus der Nacht, in der er sie gefunden hatte.
Sie schwang die Beine über die Bettkante und ging zu dem kleinen Fenster ihres Zimmers in der Jägeranlage. Draußen hing der echte Mond rund und silbern am Himmel, jetzt unschuldig. Kein Blut. Keine Schreie. Nur die endlosen schwarzen Kiefern des Flüsterwaldes, die sich gegen die befestigten Mauern drängten wie eine Armee, die auf eine Schwachstelle wartete.
„Schon wieder ein Traum“, flüsterte sie in den leeren Raum. „Nur wieder so ein blöder Traum.“
***
Das Morgenlicht drang schwach durch den Nebel, als Lexi über den schlammigen Hof der Anlage ging. Der Ort glich weniger einem Dorf als vielmehr einer Festung: hohe, mit Eisen verstärkte Holzpalisaden, Wachtürme an jeder Ecke und Lagerschuppen voller Waffen, die nach Silberpolitur und Wolfskraut rochen. Das war ihr Zuhause … oder das, was einem Zuhause am nächsten kam.
„Lexi! Du bist schon wieder zu spät“, rief eine raue Stimme.
Ihr Adoptivvater, Harlan Dawson, stand in der Nähe der Waffenkammer, die Arme vor seiner breiten Brust verschränkt. Er war ein Hüne von einem Mann, gezeichnet von jahrelanger Jagd auf die Bestien, die durch die Wälder streiften. Für die anderen Jäger war er eine Legende. Für Lexi war er der einzige Vater, an den sie sich erinnern konnte … der Mann, der vor neunzehn Jahren ein halb erfrorenes Baby aus den Wurzeln einer alten Eiche gezogen hatte.
„Entschuldige, Pa“, sagte sie und joggte trotz der Muskelkater vom gestrigen Training herüber. „Schlechte Nacht.“
Harlans Blick wurde einen Wimpernschlag lang weicher, doch sein Gesicht blieb streng. „Schon wieder Träume?“
Sie nickte, ohne ihm in die Augen zu sehen. Niemand hier verstand die Träume. Sie hielten sie einfach für zartbesaitet … das schwache kleine Mädchen, das sie aus Mitleid großgezogen hatten. Ein Menschenkind, das aus dem Wald gerettet worden war, mehr nicht.
„Konzentriere dich auf die Arbeit“, sagte Harlan und reichte ihr ein Bündel Bolzen mit silbernen Spitzen. „Gretonias Karawane kommt mittags an. Er will frischen Vorrat von der neuen Giftmischung. Du kannst sie am besten mischen.“
Lexi nahm die Bolzen entgegen und verbarg ihre Grimasse. Der Kaufmann Gretonia. Der Name hinterließ immer einen bitteren Nachgeschmack. Der wohlhabende Händler versorgte die Jäger mit allem, was sie zum Töten von Wölfen brauchten … Spezialklingen, verstärkte Wolfskraut-Extrakte, Fallen, die einem Tier das Rückgrat brechen konnten. Er zahlte gut und lächelte zu viel. Jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, spürte Lexi ein unerklärliches Kribbeln entlang ihres Rückgrats, als würde sich etwas tief in ihrem Inneren vor ihm zurückziehen.
Die nächsten Stunden verbrachte sie in der Werkstatt, ihre Hände bewegten sich mit geübter Akribie. Sie mahlte getrocknetes Wolfskraut, maß Silberfeilspäne ab und vermischte beides zu einer zähflüssigen Paste, die bei Kontakt Fleisch versengen konnte. Die anderen Jäger trainierten auf dem Hof … lachten, kämpften gegeneinander und prahlten mit ihrem letzten Abschuss. Lexi beobachtete sie vom Fenster aus. Sie waren stark, schnell, selbstbewusst. Sie war … nicht so. Auf ihrer blassen Haut bildeten sich leicht blaue Flecken. Ihre Treffsicherheit mit der Armbrust war nur deshalb passabel, weil sie doppelt so lange übte wie alle anderen. Sie hatte noch nie das „Feuer der Jäger“ gespürt, von dem sie am abendlichen Lagerfeuer sprachen … dieses gerechte Brennen, das das Töten von Wölfen wie Gerechtigkeit erscheinen ließ.
Manchmal, spät in der Nacht, fragte sie sich, ob sie kaputt war. Warum konnte sie die Bestien nicht so hassen wie sie? Ihr Heulen in der Ferne klang manchmal weniger nach Monstern als vielmehr nach … Trauer.
„Träumst du schon wieder vor dich hin, kleine Schwester?“ Eine warme Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
Ihr Adoptivbruder Tomas lehnte an der Werkstatttür. Fünf Jahre älter, gebaut wie ihr Vater, mit demselben dunklen Haar und dem gleichen lockeren Grinsen. Er war einer der wenigen, die sich nie über ihre Schwäche lustig machten. Er war fünf gewesen, als Harlan sie nach Hause gebracht hatte, und seitdem hatte er seine Rolle als großer Bruder ernst genommen.
„Ich denke nur nach“, antwortete Lexi und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. „Kommt Gretonia heute?“
Tomas nickte, sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich. „Pa sagt, er hat neue Werkzeuge. Irgendwas mit einem silbernen Netz, das Blitze leitet oder so. Klingt teuer.“ Er hielt inne und musterte sie. „Alles in Ordnung? Du siehst blass aus.“
„Mir geht’s gut“, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich brauche nur etwas frische Luft. Ich werde die Fallen rund um das Gelände überprüfen, bevor die Karawane eintrifft.“
Harlan würde es nicht gutheißen, wenn sie alleine ging, aber der Waldrand in der Nähe des Anwesens war bei Tageslicht normalerweise sicher genug. Tomas zuckte mit den Schultern. „Geh nicht zu tief rein. Und nimm einen Dolch mit.“
Sie steckte eine silberne Klinge in ihren Gürtel und machte sich auf den Weg.
*
Der Wald empfing sie mit kühler, feuchter Luft und dem Duft von Kiefern und Erde. Lexi folgte dem vertrauten Pfad und überprüfte gelegentlich eine Falle. Die meisten waren unberührt. In einer saß ein Kaninchen, das sie schnell befreite, wobei sie die Stimme in ihrem Kopf ignorierte, die klang, als würde Tomas ihr vorwerfen, zu nachsichtig zu sein.
Tiefer im Wald veränderte sich etwas.
Es begann als ein leichtes Ziehen hinter ihrem Brustbein, als würde eine unsichtbare Schnur sie nach vorne ziehen. Die Luft wurde dichter, aufgeladen. Ihre Haut kribbelte. Der Duft des Waldes wurde intensiver … scharfes Harz, feuchtes Moos und etwas Wildes und Lebendiges, das ihren Herzschlag beschleunigte.
Was ist das?
Sie legte eine Hand auf ihren Anhänger. Das Metall fühlte sich wärmer an als sonst.
Ein Flüstern streifte ihr Ohr … kein Wind, sondern etwas wie ein Name. Lunara …
Lexi erstarrte. „Hallo?“
Nur Stille antwortete ihr. Sie schüttelte den Kopf. Der Schlafmangel ließ sie sich Dinge einbilden.
Dann sah sie es: Eine ihrer stärksten Fallen, eine schwere Eisenklemme, verstärkt mit silbernen Stacheln, lag zerschmettert da. Zersplittertes Holz und verbogenes Metall lagen verstreut, als hätte sich etwas Gewaltiges in seiner Wut losgerissen. Frisches Blut, dunkel und glänzend, befleckte den Boden. Kein Tierblut. Etwas mehr.
Ihr Puls hämmerte. Sie sollte umkehren. Es melden. Doch die Anziehungskraft wurde stärker und zog sie ein paar Schritte weiter vom Pfad weg.
In diesem Moment tauchte er auf.
Er trat zwischen zwei uralten Kiefern hervor wie ein Schatten, der Gestalt angenommen hatte. Groß … locker über sechs Fuß … mit breiten Schultern und einem schlanken, kräftigen Körperbau, der eher von Überleben als von Bequemlichkeit zeugte. Dunkles Haar fiel ihm zerzaust über die Schultern, mit silbernen Strähnen durchzogen, als hätte der Mond selbst es berührt. Eine Narbe zog sich über eine Augenbraue, eine weitere verschwand unter dem zerrissenen Kragen seines Hemdes. Seine Augen hatten eine durchdringende haselnussbraune Farbe, die sie direkt zu durchschauen schien.
Doch es war seine Ausstrahlung, die sie am stärksten traf. Gefährlich. Anziehend. Die Luft um ihn herum fühlte sich elektrisierend an.
Lexi stockte der Atem. Ihre Haut glühte erst heiß, dann kalt. Für eine lange Sekunde verengte sich die Welt auf ihn … die Art, wie er sich bewegte, die subtile Anmut, selbst wenn er eine verletzte Seite schonte, die rohe Intensität in seinem Blick. Er war der auffälligste Mann, den sie je gesehen hatte, und etwas in ihr erkannte ihn.
Er blieb einige Schritte entfernt stehen, die Nasenflügel bebten, als würde er die Luft erschnüffeln. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich zu Wachsamkeit.
„Du bist eine von ihnen“, sagte er mit tiefer, rauer Stimme, die wie Kies unter Stiefeln klang. „Jägerin.“
Lexi schluckte, ihre Finger umklammerten den Griff ihres Dolches fester, bereit, sich zu verteidigen. Sie sollte Angst empfinden. Stattdessen breitete sich eine unerklärliche Wärme in ihrer Brust aus, die sie zu ihm hinzog, obwohl ihr Verstand nach Vorsicht schrie.
„Ich suche keinen Ärger“, erwiderte sie und hielt ihre Stimme ruhig. „Ich bin gekommen, um die Fallen zu überprüfen. Die da … hast du –?“
Er warf einen Blick auf die Verwüstung und grinste humorlos. „Deine Leute haben sie aufgestellt. Ich zerbreche sie.“
Er war verletzt … eine Schnittwunde entlang seiner Rippen, sichtbar durch den zerrissenen Stoff, die bereits unnatürlich schnell heilte. Blut befleckte seine Seite, doch er stand da, als sei der Schmerz ein alter Freund.
Lexi machte einen halben Schritt nach vorne, bevor sie sich wieder fing. „Du bist verletzt. Ich … ich habe Verbandmaterial in meinem Rucksack. Nicht, dass du einer Jägerin damit vertrauen würdest.“
Seine Augen verengten sich, während er sie mit beunruhigender Konzentration musterte. Für einen Moment huschte etwas über sein Gesicht … Überraschung, Verwirrung, vielleicht sogar widerwillige Faszination. Die gleiche Anziehungskraft, die sie spürte, schien auch in ihm widerzuhallen. Die Zeit schien stillzustehen. Der Wald um sie herum wurde still, als hielte er den Atem an.
„Du riechst nach Mondlicht und Stahl“, murmelte er, fast zu sich selbst. Dann lauter: „Halte dich von diesem Wald fern, Mädchen. Hier ist kein Ort für jemanden wie dich.“
Die Worte trafen sie härter, als sie es hätten tun sollen. Lexi hob das Kinn. „Jemanden wie mich? Du weißt doch gar nichts über mich.“
Er machte einen Schritt auf sie zu, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Die Spannung zwischen ihnen knisterte wie statische Aufladung vor einem Sturm. „Ich weiß genug. Geh zurück zu deinen Mauern und deinen Giften. Vergiss, dass du mich gesehen hast.“
Bevor sie antworten konnte, drehte er sich um und verschwand mit unglaublicher Geschwindigkeit zwischen den Bäumen, wobei er nur den schwachen Duft von Kiefern und Wildnis hinterließ.
Lexi stand wie erstarrt da, die Brust hob und senkte sich heftig. Ihre Hände zitterten, als sie erneut ihren Anhänger berührte. Was war das gewesen? Warum fühlte sich ihr Körper gleichzeitig so lebendig und doch so leer an?
Sie stolperte zu einem nahegelegenen Bach, kniete sich hin und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Als sie auf ihr Spiegelbild hinabblickte, blitzten ihre Augen, die normalerweise schlicht grau waren, für einen Herzschlag lang silbern auf, mit einem hauchdünnen Schimmer von leuchtendem Rot an den Rändern.
Lexi zuckte zurück, das Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
Der Wald flüsterte erneut.
Und irgendwo in der Ferne heulte ein einsamer Wolf.