LOGINDer Flur vor dem Arbeitszimmer fühlte sich länger an, als er es je gewesen war.
Nicht, weil er sich verändert hatte.
Sondern weil Oriana nicht mehr als Gefangene durch ihn ging, die auf Anweisungen wartete.
Sie rannte. Ihre nackten Füße machten kaum ein Geräusch auf dem Fliesenboden, ihr Atem ging so schwer, dass es sich anfühlte, als könnte er ihre Brust zerreißen.
Hinter ihr erhoben sich ferne Stimmen. Verwirrung, Geschrei. Im Inneren des Anwesens begann sich Chaos zu entfalten.
Doch ein Gedanke trieb sie unaufhörlich vorwärts, wie eine Klinge in ihrem Rückgrat. „Es gab eine Überlebende.“ Die Stimme des Fremden hallte noch immer in ihrem Kopf.
Und dann: „Du solltest niemals existieren.“ Ihre Hand presste sich auf ihren Mund, als sie scharf um eine Ecke bog und beinahe ausrutschte.
Nein. Nein, das konnte nicht wahr sein. Es durfte nicht wahr sein. Doch dann hörte sie es.
Eine Stimme. Livia.
Nah. Zu nah. Oriana erstarrte sofort und drückte sich hinter einem schweren Vorhang gegen die Wand, gerade als von der anderen Seite des Flurs Schritte näherkamen.
Livias Stimme klang scharf, gereizt.
„Senk den Preis. Ich sagte, ich will sie heute Nacht weg haben.“
Eine zweite Stimme antwortete.
Mrs. Vivienne. „Sie ist auf dem Papier immer noch Adrians Frau. Wir müssen das mit Vorsicht regeln.“
Oriana erstarrte das Blut in den Adern. Frau auf dem Papier.
Geregelt. Verkauft. Wieder.
Ihre Finger zitterten heftig.
Livia seufzte. „Es ist ihm nicht einmal wichtig, was mit ihr passiert. Das hat er selbst bewiesen.“
Eine Pause. Dann leiser, kälter. „Und sobald sie aus diesem Land verschwunden ist, wird es keine weiteren Komplikationen mehr geben.“ Orianas Atem stockte schmerzhaft.
„Ausländische Käufer warten bereits“, fuhr Livia fort. „Mächtige Männer. Reiche Männer. Männer, die keine Fragen stellen.“
Ein leises Lachen. „Sie zahlen sehr gut für zerbrechliche Dinge.“
Orianas Magen verkrampfte sich. Ihre Knie gaben beinahe nach.
Das war nicht mehr nur Demütigung. Das war eine geplante Beseitigung. Ausfuhr. Menschenhandel.
Sie presste die Hand fester auf ihren Mund, um keinen Laut von sich zu geben.
Mrs. Vivienne seufzte. „Es sollte diskret geschehen. Wenn Adrian dahinterkommt—“
„Wird er nicht“,
fiel Livia ihr sofort ins Wort. „Weil es ihm nicht genug bedeutet, um genauer hinzusehen.“
Stille.
Dann setzten sich die Schritte wieder in Bewegung.
Kamen näher. Oriana kniff die Augen fest zu.
Ihr ganzer Körper zitterte. Sie verkauften sie. Während sie noch im Haus war. Während sie noch atmete. Während sie noch—
Ein leises Rascheln von Stoff. Livia hielt inne.
Oriana erstarrte vollständig. Stille.
Der Flur schien den Atem anzuhalten. „Hast du das gehört?“, fragte Livia langsam.
Oriana rührte sich nicht. Atmete nicht. Existierte nicht. Adrians Mutter schnalzte mit der Zunge. „Du bist paranoid.“
Doch Livia klang nicht überzeugt.
„Durchsucht den Flur.“ Orianas Herz explodierte vor Panik.
Schritte wandten sich um. Kamen näher. Näher.
Sie bewegte sich. Ohne Gedanken. Ohne Plan.
Nur Instinkt. Sie glitt hinter dem Vorhang hervor und rannte.
„SIE IST DA“, rief Livia sofort. Das ganze Anwesen hallte davon wider.
Stimmen. Schritte. Türen, die heftig aufgerissen wurden.
„Oriana!“ „Schnappt sie euch!“ „Lasst sie nicht raus!“
Sie rannte schneller.
Ihre Lungen brannten. Ihre Sicht verschwamm.
Sie wusste nicht, wohin sie lief, nur dass es weg sein musste.
Weg vom Anwesen. Weg von Adrian. Weg von allem, was sich jemals ihr Leben genannt hatte.
Sie erreichte die Haupttreppe und rutschte beinahe aus, fing sich am Geländer und stieg hinab, ohne zurückzublicken.
Hinter ihr wurde die Verfolgung lauter.
„Haltet sie auf!“ „Ruft die Security!“
Oriana stieß die massiven Eingangstüren auf, und die Nachtluft traf sie wie Freiheit — zum ersten Mal seit Jahren.
Kalt. Scharf. Real.
Sie hielt nicht an. Sie rannte barfuß in den Garten, Äste ritzten ihre Haut, während sie sich durch Hecken zwängte, den Schmerz völlig ignorierend.
Das Tor. Sie sah es. So nah.
Ihr Atem ging schwer, nur noch ein kleines Stück. Gerade da packte plötzlich eine Hand ihren Arm.
Oriana schrie auf und wand sich.
„Lass mich los!“ Doch der Griff wurde fester. Stark, entschlossen, unerschütterlich.
„Ruhig.“ Eine tiefe Stimme. Nicht Livia. Kein Wächter, nicht Adrian.
Oriana erstarrte.
Langsam drehte sie den Kopf. Und ihr Atem setzte vollständig aus.
Der Fremde. Der gefährliche Milliardär. Er stand vor ihr, als hätte er die ganze Zeit genau hier gewartet.
Orianas Stimme brach. „Du—“
Hinter ihm wurde das ferne Geschrei aus dem Anwesen lauter. Sie kamen näher.
Der Fremde sah sie ruhig an.
„Du solltest nicht so weglaufen“, sagte er leise. Oriana zitterte heftig. „Sie wollen mich verkaufen.“
„Ich weiß.“
Ihre Augen weiteten sich.
„Du wusstest es?“ Er antwortete nicht sofort.
Stattdessen trat er einen kleinen Schritt näher. Und zum ersten Mal veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Nicht kalt. Nicht distanziert.
Etwas Schwereres, Beschützendes, Zorniges.
„Weil ich sie auch gehört habe“, sagte er leise. Oriana starrte ihn ungläubig an. „Du warst im Anwesen?“
„Ich habe es nie verlassen.“ Ihr Magen sackte ab.
Bevor sie noch etwas fragen konnte, hallte hinter ihnen eine laute Stimme. „Da ist sie.“
Wächter stürmten durch die Gartentore. Livias Stimme folgte sofort. „Bringt sie zurück. Sie gehört uns.“
Oriana wich instinktiv zurück.
„Nein.“
Der Fremde bewegte sich nicht von der Stelle.
Stattdessen trat er leicht vor sie. Schützend. Gerade so viel, dass sie es bemerkte.
Die Wächter näherten sich zögerlich, unsicher. Denn der Fremde hatte sich noch nicht einmal umgedreht.
Er sagte nur ein Wort. Ruhig. Beherrscht. Tödlich leise.
„Stopp.“
Stille.
Der Garten erstarrte. Selbst der Wind schien innezuhalten. Livia erschien am Eingang des Anwesens, jetzt wütend.
„Du hast hier keine Befugnis.“
Der Fremde wandte schließlich leicht den Kopf. Gerade genug, damit sie seine Augen sehen konnte.
Und was auch immer sie darin sah, ließ sie instinktiv zurückweichen. Oriana verlor völlig die Kontrolle über ihren Atem. „Was tust du?“, flüsterte sie hinter ihm. Er sah sie nicht an, nur das Anwesen hinter ihr.
Dann sagte er etwas, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Ich entscheide, wie viele von ihnen die Nacht überleben.“
Orianas Atem stockte. „Was?“
Doch bevor sie den Satz beenden konnte, dröhnte draußen vor dem Tor ein lauter Motor.
Scheinwerferlicht flutete den gesamten Eingang.
Schwarze Wagen. Luxuriös, mehrere, die alle gleichzeitig hielten. Die Wächter erstarrten. Livia wurde bleich. Adrians Mutter trat verwirrt hinter ihr hervor.
Und dann öffnete sich langsam eine der Autotüren. Ein Mann stieg aus, und der Fremde sprach erneut. Leise.
Aber deutlich genug, damit Oriana es hörte.
„Sie sind früher angekommen.“ Er wandte sich leicht zu ihr um. Und zum ersten Mal klang seine Stimme etwas weicher.
„Sag mir jetzt, Oriana—“
Eine Pause.
Schwer. Gnadenlos. „Willst du fliehen? Oder kämpfen?“
Bevor sie antworten konnte, trat einer der fremden Männer aus den Wagen vor, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, während er Oriana direkt ansah.
Und sagte:
„Ah… da ist sie ja. Diejenige, die wir kaufen wollten.“
Der Krankenhausflur war erfüllt von eiligen Schritten.Schwestern bewegten sich schnell zwischen den Zimmern.Ärzte stürmten durch den Notaufnahmeeingang.Und hinter einer der geschlossenen Türen kämpfte Oriana sich durch die Schmerzen der Wehen.Adrian stand vor dem Kreißsaal.Er war unruhig, seit sie angekommen waren.Er konnte nicht sitzen.Er konnte nicht denken.Er konnte sich nicht konzentrieren.Er lief von einem Ende zum anderen und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.Alle paar Sekunden wanderte sein Blick zur Tür.„Oriana.“Er flüsterte ihren Namen.Er wusste nicht, warum er solche Angst hatte.Er wusste, dass sie von Ärzten umgeben war.Er wusste, dass das Krankenhaus das beste der Stadt war.Aber nichts davon konnte ihn beruhigen.Er hatte sie im Auto leiden sehen.Er hatte die Angst in ihren Augen gesehen.Und jetzt war sie hinter dieser Tür.Allein.^^^^^^^^^Plötzlich näherten sich eilige Schritte.Adrian drehte sich um.Sebastian erschien am Ende des Gangs.Sein Hemd
Oriana trat spät am Abend aus dem Gebäude des Rose Empire.Der Tag war anstrengend gewesen.Sie hatte stundenlang Verträge geprüft und sich mit den Aufgaben befasst, die plötzlich auf ihre Schultern gefallen waren, seit sie die vollständige Kontrolle über Juliannas Geschäftsimperium übernommen hatte.Sie wollte nur noch nach Hause.Ihre Hand ruhte sanft auf ihrem Bauch, als sie zu ihrem Auto ging.Ihre Schwangerschaft zeichnete sich in der Kleidung, die sie trug, deutlicher ab.Sie lächelte leicht.Bald würde sie endlich ihr Baby kennenlernen.Sie konnte es kaum erwarten.Doch als sie ihr Auto erreichte, tauchte Adrian plötzlich auf der anderen Seite des Parkplatzes auf.„Oriana.“Sie drehte sich um.„Adrian?“„Ich komme gerade aus einem Meeting in der Nähe.“Er ging auf sie zu.Doch bevor er noch etwas sagen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt.Einige Meter entfernt stand jemand.Ein Mann, der vorgab, sein Handy zu benutzen.Adrians Augen verengten sich.Er erkannte ihn.Der
Am nächsten Morgen kam Oriana früher als sonst im Rose Empire an.Ihre Gedanken kreisten um das Meeting, das für den Nachmittag angesetzt war.Mit der Moretti Group.Sie hatte von dem Moment an gewusst, in dem Julianna ihr die Kontrolle über das Imperium übergeben hatte, dass die Zusammenarbeit mit Adrian unvermeidlich sein würde.Aber es zu wissen und es zu erleben, waren zwei völlig verschiedene Dinge.Oriana betrat ihr Büro und legte ihre Handtasche auf den Schreibtisch.Ihre Assistentin Elena folgte ihr.„Madam, das Team der Moretti Group hat das Meeting bestätigt.“Oriana nickte.„Wer wird teilnehmen?“„Ihr CEO, Herr Adrian Moretti, und drei weitere Mitglieder seines Führungsteams.“Ihr Herz setzte einen Schlag aus.Adrian.Selbst seinen Namen zu hören, berührte sie noch immer.Sie fasste sich schnell.„Bereiten Sie alles vor.“„Ja, Ma'am.“Die Assistentin ging.Oriana setzte sich und ging die Partnerschaftsunterlagen durch.Sie zwang sich, sich zu konzentrieren.Das hier war Ges
Die Geschäftswelt erwachte zu einer weiteren schockierenden Ankündigung.Die Moretti Group hatte einen neuen CEO.Und das war Adrian Moretti.^^^^^^^^^Adrian stand im riesigen Sitzungssaal der Moretti Group, umgeben von den Mitgliedern des Vorstands.Am Kopfende des Tisches saß Vivienne Moretti.Sie betrachtete ihren Sohn mit einer Mischung aus Stolz und Ernsthaftigkeit.„Jahrelang wurde die Moretti Group von verschiedenen Mitgliedern dieser Familie geführt“, begann Vivienne.„Doch heute ändert sich das.“Alle blieben still.Vivienne erhob sich.„Adrian Moretti wird offiziell die vollständige Kontrolle über die Moretti Group und all ihre Tochtergesellschaften übernehmen.“Einige Vorstandsmitglieder wechselten Blicke.Adrian reagierte nicht sofort.Er hatte diese Ankündigung erwartet.Doch sie offiziell zu hören, fühlte sich trotzdem anders an.Vivienne trat auf ihn zu und reichte ihm eine Mappe.„Das sind die endgültigen Dokumente.“Adrian nahm sie entgegen.„Von heute an bist du nic
„Oriana, warum hast du gezögert?“Sebastians Frage blieb im Raum stehen.Oriana stand hinter ihrem Schreibtisch und starrte ihn an.Sie hatte sich viele schwierige Momente in ihrem Leben vorgestellt.Sie hatte Verrat überlebt.Verlust.Schmerz.Sie hatte sich aus dem Nichts wieder aufgebaut.Aber vor Sebastian zu stehen, mit einem Geheimnis, das sie nicht erklären konnte, war anders.Es machte ihr Angst.„Sebastian.“Er wartete.„Ich weiß nicht, wie ich alles erklären soll, was passiert ist.“Sein Gesichtsausdruck blieb ruhig, doch seine Augen zeigten Enttäuschung.„Dann musst du gar nichts sagen.“Oriana sah ihn an.„Sag mir nur eins.“Er trat näher.„Liebst du mich noch?“Ihr Herz zog sich zusammen.Sie zögerte.„Ja, tue ich.“„Ich liebe dich, Sebastian.“Seine Augen wurden etwas weicher.„Aber während dieser Reise hat sich etwas verändert.“Oriana senkte den Blick.„Ich wurde verwirrt.“„Wegen Adrian?“Sie konnte nicht antworten.Ihr Schweigen genügte.Sebastian blickte für einen M
Oriana schlief in dieser Nacht kaum.Selbst nachdem sie nach Hause zurückgekehrt war, selbst nachdem Sebastian sie in seinen Armen willkommen geheißen hatte, blieben ihre Gedanken in diesem Hotelzimmer gefangen.Sie konnte Adrians Augen nicht vergessen.Seine Stimme.Die Art, wie er sie angesehen hatte, als er die Frage stellte, die zu beantworten sie sich so gefürchtet hatte.Liebst du mich?Sie schloss fest die Augen.„Hör auf, daran zu denken“, flüsterte sie.Aber die Erinnerungen weigerten sich zu verschwinden.Sie erinnerte sich an den Kuss.Sie erinnerte sich an alles, was in jener Nacht geschehen war, und daran, wie ihre Gefühle sie überwältigt hatten.Und am erschreckendsten war, dass sie sich erinnerte, dass es nicht das erste Mal gewesen war, dass sie mit Adrian diese Grenze überschritten hatte.Ihre Gedanken kehrten zu der Nacht zurück, in der sie versehentlich zusammen in der Firma eingeschlossen worden waren.Jene Nacht, in der das Gebäude still geworden war und sie ohne







