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Kapitel 4

Author: Caca
last update publish date: 2026-07-05 21:16:22

Die morgendliche Sonne von Madrid bahnte sich ihren Weg durch die gigantische Glasfront des Castello-Group-Wolkenkratzers. Punkt 08:55 Uhr schritt Aixa Morales Vega durch die Drehtür der Hauptlobby. Dunkle Schatten lagen unter ihren klaren Augen. Die ganze Nacht über hatte sie kein Auge zugetan. Sie hatte ihre morgendlichen Vorlesungen sausen lassen dan stattdessen starr vor Angst auf den Korridoren des Zentralklinikums Madrid ausgeharrt, bis das Licht des Operationssaals endlich erlosch.

Gott hatte ein Einsehen mit ihrem kleinen Engel gehabt. Leos Herzoperation war perfekt verlaufen. Der Arzt hatte ihr versichert, dass der Zustand des Zehnjährigen stabil sei; nun hieß es warten, bis er aus der Narkose erwachte. Die Erinnerung an diesen erlösenden Moment war der einzige Treibstoff, der Aixas Beine überhaupt noch bis hierher getragen hatte.

Aixa stand im privaten Expressaufzug der Chefetage und umklammerte mit eiskalten Fingern die Riemen ihrer Stofftasche. Als die Fahrstuhltür im obersten Stockwerk mit einem leisen Ton aufglitt, erwartete Sebastian sie bereits mit einem tadellosen, formellen Lächeln.

„Sie sind pünktlich, Señorita Morales. Bitte folgen Sie mir“, sagte Sebastian und führte sie direkt in einen hochmodernen, luxuriösen Konferenzraum, anstatt in das Hauptbüro des CEO.

Aixa sah sich in dem stillen Raum um. Der mächtige Sessel am Kopfende des langen Tisches war unbesetzt. „Wo ist… Señor Fernando?“, fragte Aixa und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen.

„Señor Fernando leitet gerade eine Dringlichkeitssitzung mit dem Aufsichtsrat, um den Aktienkurs nach den gestrigen Gerüchten zu stabilisieren“, antwortete Sebastian geschäftsmäßig, während er einen ledernen Sessel für sie zurückzog. Auf dem schwarzen Marmortisch wartete bereits eine dicke Dokumentenmappe aus Krokodilleder. „Er hat mir diesen Prozess vollkommen übertragen. Bitte lesen Sie es aufmerksam durch, Señorita.“

Aixa öffnete die Mappe. Zeile für Zeile juristischer Klauseln breitete sich vor ihr aus. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Summe auf dem Blatt für die finanzielle Entschädigung las. Die Zahl war astronomisch und überstieg die fünfzigtausend Euro, die sie gestern verlangt hatte, bei weitem. Dieser Betrag reichte aus, um Leos gesamte Genesung zu finanzieren, eine anständige Wohnung zu mieten und sogar ihr Studium bis zur Promotion zu bezahlen, ohne jemals wieder einen Finger krumm machen zu müssen.

Doch im Leben gab es nichts geschenkt. Als ihre Finger die nächste Seite umblättern, stockte Aixa augenblicklich der Atem. Ihre Augen fixierten eine fettgedruckte Hauptbedingung.

> Die Vertragspartnerin zweiten Teils verpflichtet sich, dem Vertragspartner ersten Teils innerhalb der zweijährigen Vertragslaufzeit einen rechtmäßigen Erben zu gebären.

> **Absolute Bedingung:** Es wird keinerlei intimen oder sexuellen physischen Kontakt zwischen dem Vertragspartner ersten Teils und der Vertragspartnerin zweiten Teils geben. Die Schwangerschaft muss zwingend über das medizinische Verfahren der In-vitro-Fertilisation (Künstliche Befruchtung) eingeleitet werden.

Aixa blickte mit aschfahlem Gesicht auf und sah Sebastian fassungslos an. „Künstliche Befruchtung? Ohne… intimen Kontakt?“

Sebastian räusperte sich diskret und schränkte die Arme vor der Brust. „Señor Fernando legt extremen Wert auf seine Privatsphäre und absolute Hygiene in seinem Leben, Señorita Morales. Er benötigt ein Kind, um seine Position vor dem Vorstand und der Castello-Familie zu festigen, aber er hat keinerlei Interesse daran, sein Bett mit einer fremden Frau zu teilen, die sich – verzeihen Sie mir die Offenheit – diesen Platz mit Geld erkauft.“

Sebastians Worte waren geschliffen, doch ihre Schärfe traf Aixas Stolz mitten ins Herz. Der Mann mit dem Falkenblick hielt sie offensichtlich für so schmutzig und minderwertig, dass er sie nicht einmal für die Zeugung eines Nachkommen berühren wollte. Fernando Castello betrachtete ihren Schoß schlichtweg als gemieteten Brutkasten.

In Aixas Brust staute sich die Wut auf. Am liebsten hätte sie diesem Assistenten die verfluchte Mappe ins Gesicht geschleudert und wäre davongelaufen. Doch das Bild von Leos blassem Gesicht auf der Intensivstation erstickte ihren Egoismus im Keim. Wenn sie jetzt einen Rückzieher machte, musste sie die fünfzigtausend Euro noch am selben Tag zurückzahlen. Und in diesem Fall würde das Krankenhaus Leos Intensivpflege sofort einstellen.

Aixa schloss fest die Augen und atmete tief ein, bis ihre Brust schmerzte. Als sie die Augen wieder öffnete, war jeder Zweifel verflogen. Zurück blieb nur die Ergebenheit einer Schwester, die bereit war, ihre eigene Zukunft für das Leben ihres Bruders zu opfern.

„Wo muss ich unterschreiben?“, fragte Aixa.

Sebastian reichte ihr einen vergoldeten Füllfederhalter. Mit leicht zitternder, aber bestimmter Hand setzte Aixa ihre Unterschrift auf das weiße Papier. Ein Dokument aus Schwarz und Weiß, das ihre Freiheit für die nächsten zwei Jahre besiegelte.

„Fertig“, sagte Aixa und legte den Stift zurück.

„Hervorragend. Ab diesem Moment sind Sie vor dem Gesetz unseres Vertrages offiziell die junge Señora Castello“, sagte Sebastian und nahm die Mappe mit einem zufriedenen Lächeln an sich. „Ihr nächster Termin führt Sie in die Spezialklinik für Fertilität der Castello Group im gegenüberliegenden Distrikt. Sie müssen sich noch heute Nachmittag einer umfassenden medizinischen Untersuchung unterziehen, um sicherzustellen, da Ihr Körper und Ihre Gebärmutter für das baldige Verfahren der künstlichen Befruchtung bereit sind.“

Aixa nickte nur kühl. Sie stand auf und verließ das prachtvolle Gebäude mit einem Gefühl innerer Leere, bereit, ihren Körper den kalten medizinischen Geräten des Krankenhauses zu überlassen.

---

In einem anderen Teil von Madrid herrschte auf den Korridoren der Universidad Complutense reges Treiben. Doch in einer Ecke der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät stand Elio Santiago Alvarez mit mürrischer Miene.

Die Vorlesung dauerte bereits seit drei Stunden an, und der Platz zu seiner Rechten war nach wie vor leer. Der Platz, auf dem sonst immer das Mädchen mit dem Pferdeschwanz und dem dicken Notizblock saß.

„Hey, Elio! Hast du Aixa gesehen?“, fragte einer seiner Kommilitonen, der gerade aus dem Büro des Dozenten kam. „Unsere Gruppenarbeit in Makroökonomie muss heute vor 14:00 Uhr abgegeben werden. Normalerweise ist sie die Erste, die uns daran erinnert.“

Elio schnaubte nur genervt und tat so, als wäre er ganz in sein Handy vertieft. „Woher soll ich das wissen? Ist nicht mein Problem.“

Obwohl er sich gleichgültig gab, tobte in Elios Innerem ein Sturm. Das ergab keinen Sinn. In den zwei Jahren, die er Aixa nun kannte, hatte sie nicht ein einziges Mal die Uni geschwänzt; sie besaß ein fast schon krankhaftes Verantwortungsbewusstsein für ihr Stipendium. War das etwa wegen der Sache in der *Bar Velvet* gestern Abend?

Elio umklammerte sein Handy fester. Das Display war leer – kein einziger verpasster Anruf, keine Nachricht von Aixa. Wenn sie sich sonst wegen Kleinigkeiten gestritten hatten, hatte Aixa ihm meist innerhalb einer Stunde eine ellenlange Entschuldigung getippt.

*Verdammt. Versucht sie jetzt etwa, die Unnahbare zu spielen?*, dachte Elio wütend. Sein verletztes Ego schnürte ihm die Kehle zu. Er war sich absolut sicher, dass Aixa sich in ihrem billigen WG-Zimmer verkrochen hatte und sich wegen seiner Ohrfeige die Augen aus dem Kopf weinte.

„Sie schwänzt bestimmt mit Absicht, um meine Aufmerksamkeit zu erregen“, murmelte Elio vor sich hin, um das seltsame Pochern in seiner Brust zu beruhigen. „Soll sie nur. Heute Nachmittag kommt sie garantiert angekrochen und bringt mir die fertige Hausarbeit.“

Doch tief in seinem Inneren fraß sich ein unbehagliches Gefühl fest. Elio hasste dieses Gefühl. Das Gefühl, dass die Macht, die er zwei Jahre lang über Aixa besessen hatte, in einer einzigen Nacht in sich zusammengefallen war.

„Verdammt noch mal!“, Elio ballte die Fäuste.

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