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Kapitel 4

Author: Bagel
Luca stieß ein verächtliches Schnauben aus, die Stimme durchdrungen von absoluter Gewissheit.

„Aufgeben? Elaras größtes Wagnis war es, ihr Schicksal mit meinem zu verknüpfen. Keine Sorge. Sie kann mich nicht verlassen.“

„Sie hat nichts und niemanden außer mir.“

Das Tablett neigte sich in meiner Hand.

Einige Tropfen der siedend heißen Brühe spritzten auf meinen Handrücken.

Auf meiner hellen Haut zeichneten sich rote Striemen ab.

Eine Weile stand ich einfach da, bis die Brandstelle anschwoll und immer größer wurde. Erst dann drang der Schmerz zu mir durch.

Ob er von meiner Hand kam oder von meinem Herzen, vermochte ich nicht zu sagen.

Ich hob die Silberterrine wieder auf und trug sie bis an das Ende des Flurs.

Dort stand Lucas kostbarster Tulpenstock – dem Vernehmen nach aus dem Garten eines alten niederländischen Adligen ausgegraben.

Ich neigte das Handgelenk und goss die Brühe, an der ich drei Stunden gekocht hatte, in die Erde.

In diesem Augenblick schlenderte Mia heran und schwang das nun zerkratzte Medaillon in der Hand.

Mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen sah sie zu, wie ich die Brühe ausgoss.

„Elara, Luca hat mir gerade gesagt, das Schlafzimmer des Hausherrn hat besseres Licht – das tut meiner Gesundheit gut.“

„Seit dem Tod meines Bruders ist mein Herz nicht mehr sehr kräftig, weißt du.“

„Er hat gesagt, ich solle heute Nacht einziehen. Solltest du nicht langsam deine Sachen packen und Platz machen?“

Fünf Jahre hatte ich im Schlafzimmer des Hausherrn auf dem Anwesen der Bellinis gelebt.

An der Wand neben dem Bett hing noch immer das erste Foto, das Luca und ich zusammen aufgenommen hatten.

Das Bett, die Frisierkommode, sogar die Dielen selbst – alles trug die Spuren unserer Leidenschaft.

Ich betrachtete Mias Gesicht, so begierig darauf, meinen Platz einzunehmen, und nickte knapp.

„Na gut. Ich räume sofort aus.“ Ich trat ins Schlafzimmer und ließ keinen einzigen Luxusgegenstand und keine der zahllosen Diamanten aus dem Tresor anrühren.

Ich zog lediglich eine abgewetzte Leinentasche hervor, warf ein paar Wechselkleider hinein und die Ausweispapiere, die im hintersten Winkel des Tresors verborgen lagen.

Es war mein echter Pass – der Pass der Erbin der Familie Rossi –, den ich seit der Rückkehr meiner Erinnerung sicher verwahrt hatte.

Das verschlüsselte Telefon in meiner Tasche vibrierte.

Eine Nachricht meines Bruders erschien auf dem Bildschirm.

„Die Löschung der Identitätsakte unter dem Namen ‚Elara die Waise‘ ist angelaufen. Ist das Verfahren abgeschlossen, existiert diese Person nicht mehr. Du kannst unter deinem echten Namen nach Hause kommen – mit einem reinen Blatt.“

Ich schloss die Tasche, hob sie auf und verließ das Schlafzimmer des Hausherrn.

Ich zog direkt in den abgelegensten Abstellraum im Nordflügel des Anwesens.

Ein Ort, den die Sonne kaum je erreichte; die Luft schwer vom beißenden Geruch nach Rost und Schimmel.

Der einzige Vorteil: Er lag völlig abseits vom Treiben des Anwesens. Hier würde mich niemand aufsuchen.

Ich ließ die Tasche auf das schmale Einzelbett in der Ecke fallen und kümmerte mich um nichts sonst in dem Raum.

Noch zwölf Stunden bis zur Flucht.

Mit Einbruch des Abends begann es in Corvona zu schneien.

Luca kehrte von einem Waffengeschäft auf dem Schwarzmarkt zum Anwesen zurück. Er brachte die Kälte des Schneesturms mit sich herein. Er riss sich ruppig die Krawatte vom Hals, ließ den Blick durch den Raum gleiten und runzelte die Stirn, als er mich nirgends entdeckte.

Der Butler, kreidebleich und am ganzen Leib zitternd, meldete: „Don, die Donna ist heute Nachmittag in den Abstellraum im Nordflügel gezogen.“ Lucas ohnehin finsteres Gesicht verzerrte sich vor Zorn.

Er stürmte den langen Flur entlang und trat die Holztür des Abstellraums aus den Angeln.

Mit einem ohrenbetäubenden Krachen schlug die Tür gegen die Wand. Ich hatte mich ans Fenster gelehnt und dem fallenden Schnee zugesehen; beim Lärm wandte ich mich um.

Ich beobachtete, wie er auf mich zukam, den wutentbrannten Blick über den schäbigen Raum schweifend, bis er schließlich auf der schlaffen Leinentasche blieb, die ich auf das Eisenbett geworfen hatte.

„Elara, was soll dieses Theater?“ Seine Stimme war leise, scharf wie ein Messer.

„Mia hat soeben das Schlafzimmer des Hausherrn gewählt. Wer hat dir erlaubt, dich in ein Loch wie dieses zu verkriechen, das für Bedienstete gedacht ist? Willst du mich bloßstellen?“

Ich erhob mich von der Fensterbank und begegnete seinem Blick.

„Die anderen Gastzimmer sind mit Mias Gepäck belegt. Dies war das einzige freie. Es ist mir gleichgültig, wo ich schlafe.“

Meine ruhige Ergebenheit trieb Luca zur Weißglut. Er packte mein Handgelenk mit einem Griff so hart, dass mir ein Aufschrei auf den Lippen lag.

Im Gerangel wurde der Ärmel meines Kaschmirpullovers hochgezogen und legte die gewulstete Narbe der Schusswunde auf meinem Unterarm frei.

Sie stammte von dem Straßenkampf vor drei Jahren, als ich ihn zur Seite gestoßen und mit meinem eigenen Arm die Kugel aufgefangen hatte, die sein Herz durchbohrt hätte.

Damals hatte ich so viel Blut verloren, dass ich auf dem Operationstisch des Familienarztes beinahe gestorben wäre.

Nun aber starrte Luca auf die Narbe – nicht mit einem Funken Mitgefühl, sondern mit einer brodelnden, unkontrollierten Wut.

„Zeigst du mir diese Narbe, damit ich Mitleid mit dir habe? Damit ich dich halte und tröste wie früher?“

„Sie ist dir heute Nachmittag in der Küche begegnet, hat diese Narbe an deinem Arm gesehen und war so erschrocken, dass sie das Abendessen nicht mehr anrühren konnte.“

„Ab morgen wirst du diesen Arm auf dem Anwesen bedecken. Ist dir das nicht möglich, zieh für einige Tage in die alten Dienstbotenunterkünfte im hinteren Teil des Anwesens – und halt dich aus Mias Sichtfeld heraus.“

Jedes seiner Worte war darauf ausgelegt, mich zu demütigen. In seiner Arroganz wartete er darauf, dass ich zusammenbrach, dass ich mich ergab.

Sein Blick blieb einen Moment lang an der Narbe hängen, und seine Kiefer spannten sich sichtbar an.

Seine Hände zitterten leicht, ohne dass er es bemerkte. Die Worte kamen trotzdem heraus – böse, unkontrolliert, als hätten sie ihn nie gefragt.

Ich betrachtete sein vor unkontrolliertem Zorn verzerrtes Gesicht und empfand eine tiefe, vollständige Ruhe.

Mein Herz war längst zu kalter Asche geworden – kein Aufwallen, keine Regung mehr.

Ich wehrte mich nicht, stritt nicht, weinte nicht wie früher.

Ich zog die Hand zurück, bückte mich und hob die schwarze Leinentasche auf.

„Na gut. Ich gehe.“

Mit der Tasche in der Hand ging ich an ihm vorbei, geradewegs auf die Tür zu.

Luca verlor endgültig die Beherrschung.

Die Tränen und das Flehen, auf die er gewartet hatte, blieben aus. In seinen Augen war mein ruhiges Gehen der äußerste Akt des Trotzes.

Er eilte mir nach, riss mir die Tasche aus der Hand und stieß die schweren Haupttore des Anwesens auf.

Ein tobender Schneesturm, ein Strudel aus Schnee und Eis, fegte in die Eingangshalle. Luca schleuderte meine Tasche in den kniehohen Schnee und wies mit dem Arm nach draußen.

„Elara, wenn du dieses Spiel spielen willst, nimm deine Tasche und verschwinde aus meinem Haus! Und komm niemals wieder her!“

„Ich will sehen, wie eine schwache Frau wie du eine einzige Nacht in diesem Schneesturm ohne mich übersteht!“

Ich stand im Türrahmen, nur einen dünnen Kaschmirpullover am Leib.

Der Wind schnitt wie ein Messer ins Gesicht.

Ich warf einen Blick zurück und sah Luca, der mich unverwandt anstarrte. Als er bemerkte, dass ich mich umsah, glitt eine sichtbare Welle der Erleichterung über sein Gesicht.

Ich wandte ihm entschlossen den Rücken zu und trat in den Schneesturm hinaus.

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