ANMELDENIn der Familie Cassano gab es einen seltsamen Brauch. Jeder Mann, der mich heiraten wollte, musste mit meinem Vater einen dunklen Raum betreten und sich seiner „Prüfung“ stellen. Nur wer die Prüfung bestand, durfte mit mir zusammen sein. Im Laufe der Jahre hatte ich mehrere Freunde gehabt. Jeder Einzelne von ihnen war nach dem Betreten dieses Raumes wie ausgewechselt wieder herausgekommen, mit Mordlust in den Augen. Mein fünfter Freund, Dominic, hatte nur darüber gelacht. „Das ist doch bloß eine altmodische Einschüchterungsnummer.“ „Ich liebe dich und will dich heiraten“, hatte er mir versprochen. „Mach dir keine Sorgen, Baby.“ Er war hineingegangen. Als er wieder herauskam, sah er mich an, als wäre ich der letzte Dreck. „Du dreckige Schlampe. Unglaublich, dass die Cassanos dich überhaupt noch leben lassen.“ Er stürzte sich auf mich, packte mich am Hals und versuchte, mich umzubringen. Verzweifelt schloss ich die Augen. „Ich verstehe es nicht. Was zum Teufel geht in diesem Raum vor sich? Warum will jeder, der hineingeht, mich hinterher tot sehen?“
Mehr anzeigenDie private psychiatrische Klinik „Eden“ war so luxuriös wie ein Fünfsternehotel. Doch die beklemmende Atmosphäre schnürte mir genauso die Luft ab.Jeden Tag zwang man mich, händeweise Beruhigungsmittel zu schlucken.Die Medikamente stumpften meine Gefühle ab.Ich verlor jedes Zeitgefühl und vergaß beinahe, wer ich war. Nur das blutige Überwachungsvideo blieb in meinem Kopf.Drei Monate vergingen.Während meines Aufenthalts im Freizeitbereich der Hochsicherheitsstation sah ich durch das dicke Panzerglas jemanden, den ich unmöglich sehen konnte.Julian.Den Mann aus dem Video. Meine erste Liebe, die ich angeblich ermordet hatte.In einem gestreiften Krankenhaushemd saß er im Rollstuhl und starrte aus dem Fenster.Mein von den Medikamenten benebeltes Gehirn begann zu rasen. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Mir wurde schwindlig. Julian war nicht tot?Wer war dann in diesem Video gewesen?In jener Nacht knackte ich mit einer versteckten Haarnadel das Schloss meiner Zimmertür.
An jenem Morgen hatte ich gerade den Müll des Motels in den Container draußen geworfen. Als ich mich umdrehte, sah ich Victor.„Guten Morgen, meine Tochter“, sagte er und stieg aus einem Wagen.Bevor ich schreien konnte, stürmten zwei riesige Leibwächter auf mich zu und pressten mich auf die Motorhaube. Mit einem kalten Klicken schlossen sich Handschellen um meine Handgelenke.„Was machen Sie da?! Lassen Sie sie los!“, rief der dicke Motelbesitzer. Mit seinem Handy in der Hand rannte er heraus. „Ich rufe die Polizei!“„Es tut mir sehr leid, dass ich Sie erschreckt habe“, sagte Victor und trat mit geschmeidigem Schritt auf ihn zu.Er holte mehrere amtlich aussehende Dokumente aus seiner Aktentasche und reichte sie dem Besitzer. „Ich bin ihr Vater. Meine Tochter leidet an schwerer Schizophrenie und neigt zu Gewalt. Vor zwei Wochen ist sie nach einem tätlichen Angriff aus der geschlossenen Unterbringung geflohen.“Als Beleg spielte Victor sogar ein Video auf seinem Tablet ab. Die Üb
„Raus! Ich weiß von nichts!“Ich stemmte mich mit meinem einzigen unverletzten Arm hoch und versuchte, die Fragen des Ermittlers zu unterbrechen.„Ich bin nicht ganz richtig im Kopf! Ich nehme illegale Drogen, ich bin verrückt! Ich habe mir das mit den Verletzungen alles nur ausgedacht!“ Ich krallte mir die Finger ins Haar, um ihnen meine Lügen glaubhaft zu machen.Die Polizisten beobachteten meinen Zusammenbruch mit ausdruckslosen Gesichtern.„Leider nein, Frau Cassano.“ Er hielt einen Befund hoch. „Ihr Drogentest ist vollkommen unauffällig. Sie stehen nicht unter Drogeneinfluss. Und die Spuren an Ihrem Körper stammen eindeutig von langjährigen Misshandlungen.“Er knallte eine Mappe mit einem amtlichen Siegel auf den Nachttisch.„Das ist ein Durchsuchungsbeschluss. Victor Cassano wartet auf dem Flur. Er bringt uns jetzt zur Villa.“„Nein …!“, flehte ich. Tränen und Schweiß durchnässten die Decke.Der Ermittler ging hinaus und ignorierte meinen Zusammenbruch.Ich durfte sie ni
Ich rieb mir die Augen, als könnte ich die Bilder damit ungeschehen machen.Was auf dem Bildschirm lief, bohrte sich wie vergiftete Messer in mein Gehirn.Unmöglich. Das war unmöglich.„Siehst du es jetzt deutlich?“, hallte Victors eisige Stimme durch den Raum. „Hast du endlich aufgegeben?“Er packte mich am Kragen und schlug mir heftig ins Gesicht.„Du hättest schon längst in der Hölle sein sollen, Nessa“, fluchte er. Seine Worte waren von einer Kälte durchdrungen, die bis ins Mark ging.Diesmal bewegte ich mich nicht.Meine Wange schwoll an, und Blut rann über meine Lippe. Doch ich spürte nichts.Die widerliche, hässliche „Wahrheit“ auf diesem Bildschirm hatte mein Herz bereits zerquetscht.Verzweifelt schloss ich die Augen.Wenn das alles echt war, verdiente ich es nicht, weiterzuleben.Dieses Geheimnis hatte jeden Menschen, der mich liebte, in ein Monster verwandelt.Ich war ein Monster.Langsam richtete ich mich vom kalten Boden auf. Mein Blick war erloschen.„Ich ve











