LOGINDie Sonne stand bereits hoch über den Sabiner Bergen. Der Regen der vergangenen Tage hatte die Luft klar gewaschen, und über den Wiesen tanzten unzählige Schmetterlinge zwischen den wilden Blumen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte niemand schlecht geschlafen. Nicht Marcus. Nicht Livia. Nicht Valeria. Nicht einmal Lucius. Nur Luna war schon vor Sonnenaufgang wach gewesen. Sie saß auf der niedrigen Mauer hinter der Villa und beobachtete, wie das Licht langsam über die Hügel kroch. „Da bist du!“ Titus kam angerannt, die Haare völlig zerzaust. Unter dem Arm klemmte sein Holzadler. „Ich habe dich überall gesucht.“ Luna lächelte. „Überall?“ „Fast.“ „Wo hast du nicht gesucht?“ „In der Speisekammer.“ „Warum nicht?“ „Da ist Oma.“ Luna musste lachen. „Und?“ „Wenn Oma backt, darf man sie nicht stören.“ „Das stimmt.“ Titus setzte sich neben seine Schwester. Eine Weile schwiegen beide. Dann fragte er plötzlich: „Hast du Angst?“ Luna sah ihn überrascht an. „Warum fr
Niemand rührte sich. Die Worte auf dem Stein schienen noch immer zwischen den uralten Bäumen zu hängen. Nur jene, deren Liebe größer ist als ihre Furcht, dürfen eintreten. Marcus ließ den Blick über die verwitterten Inschriften gleiten. „Ein Rätsel.“ Lucius schüttelte langsam den Kopf. „Nein.“ „Wo ist der Unterschied?“ „Ein Rätsel will gelöst werden.“ Er legte die Hand vorsichtig auf den Stein. „Eine Prüfung will verstanden werden.“ Aurelian trat einen Schritt näher. „Dann versuchen wir es.“ Lucius hob sofort die Hand. „Nicht.“ „Warum?“ „Weil wir nicht wissen, was geschieht.“ Marcus nickte zustimmend. „Damit hat er recht.“ Valeria sah die beiden Männer an. „Wir können doch nicht einfach wieder gehen.“ „Doch“, antwortete Lucius ruhig. „Genau das werden wir tun.“ Valeria wollte widersprechen. Doch sie sah den Ernst in seinen Augen. Nicht Angst. Erfahrung. Er hatte in den vergangenen zwölf Jahren gelernt, wann Geduld wichtiger war als Mut. Langsam atmete sie a
Der Wald war still. Unnatürlich still. Nicht ein Vogel sang. Nicht ein Blatt bewegte sich. Marcus hob langsam die schwarze Feder auf. Sie fühlte sich überraschend schwer an. Fast, als bestünde sie nicht aus Federn, sondern aus Metall. „Habt ihr so etwas schon einmal gesehen?“ Aurelian schüttelte den Kopf. „Nein.“ Lucius nahm Marcus die Feder vorsichtig aus der Hand. Sein Blick verfinsterte sich. „Ich hatte gehofft, mich zu irren.“ „Kennst du sie?“, fragte Valeria. Lucius nickte langsam. „Vor vielen Jahren.“ Er drehte die Feder zwischen den Fingern. „Damals dachte ich, sie gehöre zu einer Legende.“ „Und heute?“ „Heute liegt sie in meiner Hand.“ Ein paar Schritte weiter blieb Aurelian plötzlich stehen. „Wartet.“ Er kniete sich nieder. Seine erdverbundene Magie war nie so spektakulär gewesen wie Valerias Purpur oder Livias Feuer. Doch sie hatte ihre eigenen Stärken. Er legte beide Hände auf den Waldboden. Schloss die Augen. Die Erde antwortete. Nicht mit Worte
Der Morgen verlief ruhiger, als Valeria erwartet hatte. Die Villa war erfüllt vom Klang des Alltags. Eine Magd hängte frisch gewaschene Leinentücher zwischen zwei Olivenbäumen auf. Aus der Küche drang der Duft nach gebackenem Brot und geröstetem Knoblauch. Irgendwo summte Livia leise ein altes Lied, das Valeria schon als Kind in den Schlaf begleitet hatte. Für einen kurzen Augenblick erlaubte sie sich zu glauben, dass dieser Frieden echt war. Dann trat Lucius an ihre Seite. „Du beobachtest den Horizont.“ Valeria lächelte schwach. „Fällt das so auf?“ „Nur jemand, der auf einen Sturm wartet, sieht so lange in einen wolkenlosen Himmel.“ Sie schwiegen. Vor ihnen zogen zwei Hirten mit ihrer Schafherde durch das Tal. Ein Bild voller Ruhe. „Du willst etwas sagen“, bemerkte Valeria. Lucius nickte. „Ja.“ Er schwieg erneut. „Aber ich weiß nicht, ob dir gefallen wird, was ich zu sagen habe.“ Im Atrium spielte Titus mit seinem neuen Holzadler. Marcus hatte die halbe Nacht daran
Rom. Die Stadt schlief nie. Noch lange nach Sonnenuntergang hallten Hufschläge über die gepflasterten Straßen. Händler räumten ihre Stände zusammen, Tavernen waren voller Soldaten und Kaufleute, während über allem der Palatin thronte, auf dem Kaiser Tiberius residierte. Doch unter den tausenden Stimmen gab es Orte, an denen selbst das Flüstern gefährlich war. Der Senat war einer davon. Cassius Severus stand allein vor einem offenen Fenster seiner Villa. Von hier aus konnte er die Lichter Roms sehen. Er liebte diesen Anblick. Nicht wegen seiner Schönheit. Sondern weil jede einzelne Flamme für einen Menschen stand. Und Menschen... ließen sich lenken. Die Tür öffnete sich. „Herr.“ Ein junger Schreiber verneigte sich tief. „Die Berichte aus den Sabiner Bergen.“ Severus drehte sich nicht um. „Lies.“ „Die Villa wird weiterhin instand gesetzt.“ „Die Schilde wurden verstärkt.“ „Mehrere Boten wurden abgewiesen.“ „Und...“ Der Schreiber stockte. „Ein unbekannter Mann ist e
Der Nachmittag verging ruhig. Die dunklen Wolken hatten sich verzogen und die Sonne tauchte die Sabiner Berge in ein warmes, goldenes Licht. Über den Weinbergen summten Bienen, und der Duft nach reifen Feigen lag in der Luft. Es war einer jener seltenen Tage, an denen die Villa fast vergaß, dass draußen eine Welt voller Intrigen wartete. Fast. Marcus saß unter dem alten Olivenbaum im Innenhof. Zwischen seinen Knien lag ein Stück Olivenholz, aus dem langsam ein kleiner Adler entstand. Mit ruhiger Hand führte er das Schnitzmesser über das Holz. Feine Späne fielen auf den Boden. „Der sieht gar nicht aus wie ein Adler.“ Titus hatte sich neben ihn gesetzt. Marcus musterte sein Werk. „Noch nicht.“ „Vielleicht wird es ein Huhn.“ „Ein ziemlich stolzes Huhn.“ Titus lachte. „Dann will ich ein Kampfhuhn!“ Marcus tat, als denke er ernsthaft darüber nach. „Ein Kampfhuhn...“ „Mit einem Helm!“ „Und einem Schwert?“ „Ja!“ „Das wird schwierig.“ „Warum?“ Marcus hob den Holzklotz.
Rom, 42 v. Chr. – Die Kalenden des MärzDie Nacht lag schwer über dem Palatin, als hätte Venus selbst ihren Schleier aus purpurner Seide über die Stadt geworfen. Fackeln flackerten in goldenen Haltern, ihr Licht brach sich in den Marmorsäulen der Villa des Senators Lucius Cornelius und verwandelte
Der Frühling kam sanft in das versteckte Tal.Die Olivenbäume trieben zarte silbergrüne Blätter aus, wilde Blumen blühten in leuchtendem Gelb und Violett auf den Wiesen, und der Bach führte mehr Wasser als im Winter. Die alte Villa hatte sich in den letzten Monaten verwandelt – sie war kein verlass
Die Wochen im verborgenen Tal der Efeu wurden zu einer kostbaren, goldenen Zeit. Es fühlte sich an, als hätte das Tal selbst beschlossen, sie eine Weile zu beschützen. Die Sonne schien milder, der Wind war sanfter, und selbst die wilden Tiere hielten respektvollen Abstand. Valeria Aurelia Luna blü
Die Stille im Senat war erdrückend.Hunderte Augenpaare ruhten auf Livia und Marcus, die noch immer in der Mitte des großen Saals standen. Das purpurne Licht ihrer Bindung pulsierte langsam und gleichmäßig, als hätte es einen eigenen Herzschlag. Livias Hand lag schützend auf ihrem Bauch, wo das zar







