LOGINKatherines Sicht
Die Glastüren von Richmond Industries waren so glatt poliert, dass ich mein Spiegelbild darin sehen konnte, und mir gefiel nicht, was ich sah. Ich sah müde aus. Egal wie viel Concealer ich mir unter die Augen schmierte, die Erinnerung an die letzte Nacht, das Sandelholz, der maskierte Mann und der Schlafmangel, hafteten mir an. Ich strich meinen Blazer glatt und ging auf den eleganten, weißen Marmorempfangstresen zu. „Hallo, ich bin Katherine Wayne. Ich bin hier für ein Vorstellungsgespräch für die Stelle als Persönliche Assistentin“, sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. Die Empfangsdame blickte zunächst nicht auf. Sie tippte eifrig, ihre langen roten Fingernägel klapperten rhythmisch. Schließlich warf sie einen Blick auf ihren Bildschirm. „Katherine Wayne … Oh ja. Der CEO erwartet Sie. Nehmen Sie den Aufzug in den fünfzigsten Stock. Seine Sekretärin wird Sie dort empfangen.“ „Danke“, murmelte ich. Die Aufzugfahrt kam mir wie eine Ewigkeit vor. Mit jedem Stockwerk, das der kleine Bildschirm anzeigte, machte mein Magen einen Purzelbaum. Ich dachte immer wieder an das Geld in meiner Tasche, die zehntausend Dollar, die gerade in meinem Spind im Club lagen. Es fühlte sich schmutzig an, aber es war das Einzige, was meine Großmutter am Leben hielt. Wenn ich diesen Job bekäme, könnte ich endlich den Club verlassen. Ich könnte wieder ein normales Leben führen. Die Türen glitten auf und gaben den Blick auf eine Lobby frei, die eher einem Museum als einem Büro glich. Alles war aus Chrom, Glas und teurer Kunst. Eine Frau mit einem markanten Bob und einem Headset blickte von einem Schreibtisch auf, der wahrscheinlich mehr kostete als mein Auto. „Katherine? Ich bin Sarah. Sie sind genau richtig“, sagte sie mit roboterhafter Stimme. Sie deutete auf eine massive, dunkle Eichenflügeltür am Ende des Flurs. „Er ist heute schlecht gelaunt, also fassen Sie sich kurz. Gehen Sie einfach rein.“ „Moment mal, ich muss vorher nichts unterschreiben?“ Ich fragte verwirrt nach, da keine Unterlagen vorlagen. „Er meinte, ich solle Sie direkt hineinschicken. Viel Glück.“ Ich ging auf die Türen zu, meine Absätze klackten laut auf dem polierten Boden. Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Marsch zu einem Erschießungskommando. Ich stieß die schweren Türen auf und trat ein. Das Büro war atemberaubend. Bodentiefe Fenster boten einen Panoramablick auf die gesamte Skyline der Stadt, doch der Raum wirkte kalt. Ein Mann stand am Fenster, mir den Rücken zugewandt, und starrte auf den Verkehr unten. Er war groß, seine Schultern breit unter einem perfekt sitzenden anthrazitfarbenen Anzug. „Setz dich, Katherine“, sagte er. Ich erstarrte. Ich kannte diese Stimme. Sie war jetzt tiefer, gebieter, aber der Rhythmus war unverkennbar. Mein Herz sank mir in die Hose, und für einen Moment vergaß ich zu atmen. „Jason?“, flüsterte ich. Er drehte sich langsam um. Er war es. Jason Richmond. Mein bester Freund aus der Highschool. Der Junge, der jeden Sommernachmittag mit mir unter der alten Eiche verbracht hatte. Der Junge, dem ich vor sieben Jahren meine Liebe gestanden hatte, nur um von ihm ausgelacht zu werden und zu hören, ich sei „nur eine Schwester“, bevor er meine Stiefschwester Brenda zum Abschlussball mitnahm. Er sah anders aus. Seine Kinnlinie war schärfer, seine grauen Augen kälter, wie polierte Steine. Er lächelte nicht. Er musterte mich nur mit einer Intensität, die mir das Gefühl gab, unter einem Mikroskop zu stehen. „Hier ist Mr. Richmond im Büro“, sagte er und ging zu seinem Schreibtisch. Er reichte mir nicht die Hand. Er setzte sich einfach und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. „Setzen Sie sich.“ Ich setzte mich, meine Knie zitterten. „Ich wusste gar nicht, dass Sie der CEO sind. In der Stellenanzeige stand nur ‚Richmond Industries‘.“ „Mir gehört das Gebäude, Katherine. Ich dachte, der Name wäre eindeutig“, grinste er, doch es lag kein Witz darin. Er nahm eine Mappe – meinen Lebenslauf – und blätterte träge darin. „Ihre Qualifikationen sind … eher dürftig. Kellnerin? Tänzerin? Sie waren wohl beschäftigt.“ Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. „Ich habe hart gearbeitet, um meine Familie zu ernähren. Meine Großmutter ist krank.“ „Ich weiß alles über Ihre Großmutter“, sagte er und lehnte sich zurück. „Ich weiß auch, dass Sie in diesem Club gearbeitet haben. Wie hieß er noch gleich? Der Velvet Room?“ Ich wurde kreidebleich. „Wie können Sie …“ „Ich mache es mir zur Aufgabe, alles über meine Angestellten zu wissen. Oder über potenzielle Angestellte.“ Er warf meinen Lebenslauf wie Müll auf den Schreibtisch. „Sagen Sie mir, warum sollte ich ein Mädchen einstellen, das nachts für Fremde tanzt, um mein Berufsleben zu managen?“ „Weil ich organisiert, loyal und verzweifelt bin“, fuhr ich ihn an, die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. „Und Sie wissen, dass ich Klassenbeste war, Jason. Mein Verstand ist ja nicht verschwunden, nur weil mein Bankkonto leer ist.“ Er schwieg einen Moment lang, seine Augen musterten mein Gesicht. „Verzweifelt. Das gefällt mir. Verzweifelte Menschen lassen sich leicht kontrollieren.“ „Ich will mich nicht kontrollieren lassen. Ich will nur Geld verdienen.“ „In diesem Büro ist das dasselbe.“ Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum und blieb nur wenige Zentimeter vor meinem Stuhl stehen. Er beugte sich zu mir herunter, sein Gesicht so nah, dass ich sein Parfüm riechen konnte. Es war teuer, stechend und metallisch. Es roch nicht nach Sandelholz. Ich sah ihm auf den Hals und versuchte, unter seinen Kragen zu schauen. Ich suchte nach dem Schmetterling. Mein Kopf ratterte. War er der Mann von letzter Nacht? Die Stimme war ähnlich, aber Jason war so … grausam. Der Mann in der Kabine hatte fast gequält geklungen, als er mit mir sprach. „Suchst du etwas, Katherine?“, flüsterte er mit tieferer Stimme. „Nein“, sagte ich und wich zurück. „Also, habe ich den Job oder nicht?“ „Sie haben die Stelle. Aber unter einer Bedingung.“ „Welche?“ „Meine Verlobte fängt heute als Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit im Unternehmen an. Sie werden mir unterstellt sein, aber sie auch unterstützen. Alles, was sie braucht, erledigen Sie. Ohne Wenn und Aber.“ Mein Herz zerbrach erneut. „Ihre Verlobte?“ Die Bürotür schwang auf, bevor er antworten konnte. Eine Frau trat ein, stark parfümiert und in einem sündhaft teuren Kleid. Sie hatte langes, gewelltes, dunkles Haar und ein Lächeln, das ihre smaragdgrünen Augen nicht erreichte. „Jason, Liebling! Das Büro ist wunderbar!“, zwitscherte sie. Dann verstummte sie und ihr Blick ruhte auf mir. Ihr Lächeln wich einem höhnischen Grinsen. „Katherine? Bist du es? Was macht sie hier?“ „Brenda“, hauchte ich. Meine Stiefschwester. Das Mädchen, das mir mein Zuhause, die Liebe meines Vaters und schließlich auch meine beste Freundin gestohlen hatte. „Sie ist meine neue Assistentin, Brenda“, sagte Jason mit emotionsloser Stimme. Er sah mich an, ein grausamer Glanz in seinen Augen. „Ich dachte, es wäre schön, die Dinge in der Familie zu halten.“ Brenda kam auf mich zu und umkreiste meinen Stuhl wie ein Raubtier. Sie streckte die Hand aus und strich mir eine Haarsträhne von der Schulter. „Eine persönliche Assistentin? Oh, Jason, wie großzügig von dir. Sie war zu Hause immer schon gut darin, die Dienerin zu spielen. Ich bin sicher, sie wird perfekt darin sein, uns Kaffee zu holen.“ Ich ballte die Fäuste in meinem Schoß, meine Nägel gruben sich in meine Handflächen. Ich wollte schreien. Ich wollte einfach gehen. Aber dann dachte ich an die Krankenhausrechnungen. Ich dachte an Oma. „Ich fange an, wann immer du mich brauchst“, sagte ich und sah Jason direkt in die Augen. „Gut“, sagte Jason. „Bring Brendas Taschen in ihr neues Büro. Und Katherine?“ „Ja?“ „Komm morgen nicht zu spät. Ich zahle nicht für Ausreden.“ Ich stand auf, mir war schwindelig. Als ich nach Brendas Designertaschen griff, beugte sie sich zu meinem Ohr. „Mach dir keine falschen Hoffnungen, K. Er gehört mir. Er gehörte mir schon immer.“Jasons Sicht Ich lief im Haus auf und ab, die Tür fest im Blick, wie ein Falke seine Beute. Das Vera-Wang-Kleid sollte heute ankommen. Jedes Detail war sorgfältig geplant – das Kleid, der Zeitpunkt, der Auftritt beim O’Connor-Ball. Brenda würde umwerfend aussehen, und alle Blicke im Saal würden auf sie gerichtet sein. Heute Abend ging es ums Gewinnen. Heute Abend ging es darum, den O’Connors zu zeigen, dass die Richmonds nicht zu unterschätzen waren. Ich sah wieder auf mein Handy. Immer noch kein Anruf von der Boutique. Wo bleibt es nur? Ich hatte ein Vermögen für dieses Kleid ausgegeben. Ich hatte sichergestellt, dass Brendas Maße perfekt waren. Ich hatte die Lieferung mit genügend Zeit für Änderungen veranlasst. Warum war es also noch nicht da? Ich wollte gerade in der Boutique anrufen, als mein Handy vibrierte. Der Name der Filialleiterin erschien auf dem Display. Ich nahm sofort ab. „Ja? Ist das Kleid unterwegs?“ Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Dann meldete
Katherines Sicht Ich blinzelte überrascht, dass er tatsächlich mich meinte. In drei Jahren, in denen wir in derselben Klasse waren, hatte er noch nie mit mir gesprochen. Ich hatte ihn fast vergessen – fast, aber nicht ganz. Die Wärme seines Blicks ließ mich einfach nicht los. „Äh, klar“, sagte ich und rückte meinen Rucksack zurecht. „Was gibt’s?“ Er holte tief Luft, seine Kiefermuskeln spannten sich an. „Ich wollte dir nur etwas sagen. Ich wollte es dir schon länger sagen, wusste aber nie, wie.“ Ich wartete, meine Neugier war geweckt. Und dann tauchte Jason auf. „Katherine! Da bist du ja!“ Er joggte auf uns zu, sein Lächeln breit, und legte mir mit vertrauter Leichtigkeit die Hand auf die Schulter. „Brenda wartet im Auto. Wir holen uns ein Eis. Kommst du mit?“ „Ja, klar. Ich komme gleich.“ Jason nickte und ging zum Ausgang, sodass ich mit dem stillen Jungen allein war. Ich drehte mich zu ihm um, meine Gedanken waren schon ganz woanders. „Entschuldige, was wolltest du sagen?“
Katherines Sicht In jener Nacht lag ich im Bett und starrte an die Decke. Die Ereignisse des Tages spielten sich in meinem Kopf immer wieder ab. Was, wenn ich nicht will, dass es nach sechs Monaten vorbei ist? Was, wenn ich für immer zusammen sein will? Seine Worte hallten in meinem Kopf wider und lockten mich mit der Möglichkeit von etwas, woran ich mich bisher nicht zu hoffen getraut hatte. Aber ich durfte es nicht glauben. Ich durfte nicht wieder in diese Falle tappen. Denn jedes Mal, wenn ich jemandem vertraut hatte, jedes Mal, wenn ich Hoffnung geschöpft hatte, war ich enttäuscht worden. Mein Vater. Jason. Alle. Wie konnte ich glauben, dass Mikel anders war? Und doch … als ich darüber nachdachte, wie er mich angesehen hatte, wie er mich berührt hatte, wie er mich vor seinen Eltern verteidigt hatte … da spürte ich etwas, das ich schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Katherines Sicht Zwei Tage vor dem O’Connor-Ball stand ich im großen Salon des Anwesens. Mein Herz klopfte vor Aufregung und Nervosität. „Was ist denn los, Mikel?“, fragte ich und suchte den Raum nach Hinweisen ab. „Du bist so geheimnisvoll.“ „Schließ die Augen.“ Seine Stimme klang warm und neckend. „Mikel …“ „Vertrau mir einfach.“ Ich seufzte, doch ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen. Dann schloss ich die Augen und lauschte dem leisen Rascheln des Stoffes und den Schritten der Bediensteten. „Mach die Augen auf.“ Ich blinzelte, meine Augen gewöhnten sich an das Licht. Und dann sah ich es. Das Kleid hing an einer Schaufensterpuppe mitten im Raum und wurde von einem Strahl Nachmittagssonne erhellt, der durch die hohen Fenster fiel. Es war silbern – ein lebendiges, atmendes Silber, das wie flüssiges Mondlicht schimmerte. Es war
Mikels Sicht Meine Mutter, Eleanor, saß im Wohnzimmer der O’Connor-Villa rechts neben meinem Vater im Ohrensessel. Ihre Hände lagen gefaltet im Schoß, doch ich sah die Anspannung in ihren zusammengepressten Fingern, als ob sie Worte zurückhielt, die sie unbedingt aussprechen wollte. Mein Vater, Patrick, saß dahinter wie ein König auf seinem Thron. Seit ich Katherine mit nach Hause gebracht hatte, war die Atmosphäre nicht mehr dieselbe. Meine Mutter wollte immer noch nicht akzeptieren, dass ich ohne ihr Einverständnis geheiratet hatte, und schlimmer noch, eine Dame aus dem Stand der O’Connors. Aber Katherine war meine Wahl, und daran konnte niemand etwas ändern. Selbst wenn die Ehe mit Katherine nur sechs Monate halten sollte, war ich bereit, sie als das Beste darzustellen, was mir je passiert war. „Also“, begann Patrick, „der Wohltätigkeitsball ist in fünf Tagen. Die Enzograndes werden da sein. Die Richmonds
Jasons Sicht Auf dem Bildschirm erschien der Name der einzigen Person auf der Welt, die mich selbst mit einunddreißig Jahren noch wie ein reumütiges Kind fühlen lassen konnte. Ich zögerte einen Moment und sah Brenda in der Umkleidekabine verschwinden. Dann wischte ich, um den Anruf anzunehmen. „Mutter.“ „Jason.“ Ihre Stimme war scharf und kurz angebunden, der Tonfall, den sie nur anschlug, wenn sie unzufrieden war. „Ich versuche dich schon seit Stunden zu erreichen. Wo warst du?“ „Unterwegs. Einkaufen.“ Ich gab mir einen neutralen Ton. „Was willst du?“ „Ich will wissen, warum ich von dem Wohltätigkeitsball der O’Connors aus der Gesellschaftspresse erfahren musste und nicht von meinem eigenen Sohn. Was denkst du dir dabei, Jason? Nach allem, was passiert ist, noch mit den O’Connors verkehren?“ „Mutter …“ „Komm nach Hause. Sofort.“ Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch







