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Die Straßen des unteren Viertels der Eldritch-Akademie waren nach Einbruch der Dunkelheit nie freundlich. Laternen flackerten schwach auf rostigen Pfosten und warfen lange Schatten, die sich wie von selbst zu bewegen schienen. Meine Stiefel schabten über das unebene Kopfsteinpflaster, während ich vom Bibliothek zurückeilte, meine Umhängetasche schwer mit geliehenen Büchern über grundlegende Manakontrolle. Es war nach Mitternacht, und meine Schultern schmerzten von den Stunden, die ich über diesen staubigen Seiten gebeugt verbracht hatte. Wieder eine lange Nacht, wieder ein gescheiterter Versuch, meine schwache Magie ein Stück weiter voranzutreiben.
Mit neunzehn hätte ich darin schon besser sein sollen, aber Stipendiaten mit geringer Affinität wie ich bekamen nicht die feinen Privatlehrer oder seltenen Reagenzien, die den Elitekindern zur Verfügung standen.
Ich zog meinen dünnen Umhang enger um die Schultern. Die Nachtluft trug eine Kälte, die sich bis in meine Knochen fraß. Noch zwei Straßenblöcke, dann wäre ich zurück in meinem beengten Studentenzimmer. Vielleicht könnte ich noch etwas Wasser für Tee erhitzen, bevor ich zusammenbrach. Morgen war wieder ein Tag voller Vorlesungen und Ausweichmanöver vor Serenas Clique. Nur weitergehen, Elowen. Denk nicht an das Getuschel, das dir überallhin folgt.
Eine scharfe Stimme durchschnitt die Stille. „Elowen Sage.“
Ich erstarrte mitten im Schritt. Drei Gestalten traten aus der Gasse vor mir hervor, ihre schwarzen Umhänge verschmolzen mit der Dunkelheit. Es waren Schatten-Vollstrecker. Die silbernen Abzeichen auf ihrer Brust fingen das schwache Laternenlicht ein. Die offiziellen Schuldeneintreiber des Arkana-Rats. Mir wurde flau im Magen.
Der Anführer der Vollstrecker, ein großer Mann mit vernarbtem Gesicht, trat näher. Seine beiden Begleiter flankierten ihn, die Hände auf den Griffen ihrer verzauberten Schlagstöcke ruhend. „75.000 Aurum“, sagte er ausdruckslos. „So viel schuldete deine Mutter, als sie vor zwei Jahren starb. Die Zinsen sind seither gelaufen. Die Zeit ist um.“
Ich atmete zittrig ein und wich einen Schritt zurück. „Ich habe bezahlt, was ich konnte. Das Stipendium deckt die Studiengebühren, aber alles andere…“
„Alles andere ist nicht unser Problem“, knurrte der zweite Vollstrecker. Er war stämmiger gebaut, mit kalten Augen, die mich musterten, als wäre ich bereits Ware. „Lirael Sage hat diese Schulden mit verbotenen Blutritualen angehäuft. Der Rat verlangt vollständige Zahlung. Oder wir nehmen uns, was wertvoll ist.“
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Jeder wusste, was das für jemanden wie mich mit schwacher Magie und ohne mächtige Familie bedeutete. Sie würden mir die wenige Affinität, die ich besaß, entziehen und mich in die Leibeigenschaft verkaufen. Das Herrenhaus eines Adligen putzen, ihre Zauber speisen, oder Schlimmeres. Ich blickte mich in der leeren Gasse um. Niemand sonst war zu sehen. Keine Wachen, keine Studenten auf nächtlichem Streifzug. Nur ich und sie.
„Ich brauche mehr Zeit“, sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich stehe kurz vor dem Abschluss meines Studiums. Sobald ich fertig bin, kann ich bessere Aufträge annehmen…“
Der Anführer lachte, ein rauer Klang, der von den Wänden widerhallte. „Du? Eine Stipendiatenratte, die kaum genug Magie hat, um eine Kerze anzuzünden? Der Rat wartet nicht. Bezahl jetzt, oder wir markieren dich und schleifen dich mit.“
Er griff nach etwas an seinem Gürtel. Ein leuchtender Runenstein. Meine Beine fühlten sich schwach an. Ich hatte Geschichten über die Male gehört. Schmerzhafte Brandzeichen, die einen verfolgten, bis die Schuld beglichen war, und die einem nach und nach die Magie absaugten. Ich verlagerte mein Gewicht, bereit zu rennen, obwohl ich wusste, dass es sinnlos war. Sie waren dafür ausgebildet.
„Bleibt zurück“, warnte ich und hob die Hand. Ein schwacher silberner Funke tanzte matt zwischen meinen Fingern. Mein erbärmlicher Versuch eines Schildzaubers. Er flackerte und erlosch fast augenblicklich. Die Vollstrecker grinsten.
„Erbärmlich“, sagte der Stämmige. „Machen wir es kurz.“
Sie rückten vor. Ich presste meinen Rücken gegen die kalte Ziegelmauer, mein Verstand raste auf der Suche nach einem Fluchtweg. Vielleicht schreien? Aber wer würde kommen? Die Akademie sah bei Schuldenfällen, die Menschen mit niedrigem Blut wie mich betrafen, geflissentlich weg. Das Chaos, das meine Mutter angerichtet hatte, hatte alles ruiniert. Sie hatte der Macht nachgejagt, bis sie sie das Leben kostete, und mir nichts als ihre Schulden und ihre Feinde hinterlassen.
„Letzte Chance, Mädchen“, sagte der Anführer und hielt den Runenstein hoch. Er pulsierte mit dunkler Energie. „Bezahl, oder wir holen es uns aus deiner Haut.“
Ich ballte die Fäuste. „Ich habe es nicht. Aber ich gehe nicht ohne Kampf.“
Der stämmige Vollstrecker stürzte sich als Erster auf mich. Ich wich seitwärts aus, meine Schulter schürfte an der Wand entlang. Sein Schlagstock zischte an meinem Kopf vorbei. Ich trat wild um mich und traf sein Knie. Er stöhnte auf, fiel aber nicht. Der Dritte packte meinen Arm und drehte ihn hart hinter meinen Rücken. Schmerz schoss durch meine Schulter.
„Halt still“, zischte er in mein Ohr. Sein Atem stank.
Ich wehrte mich, rammte ihm den Ellbogen in die Rippen. Er fluchte und stieß mich noch fester gegen die Wand. Der Anführer näherte sich langsam, den Runenstein erhoben. „Das wird wehtun. Sehr sogar.“
Meine Augen brannten vor frustrierten Tränen. So durfte das nicht enden. Nicht nach allem. Nicht nachdem ich meinen Vater früh verloren hatte, nach der selbstsüchtigen Abwärtsspirale meiner Mutter, nach dem Durchschlagen mit Stipendien, während Serena und ihre Freunde mich zum Spaß quälten. Ich war nicht stark, aber ich war stur. Ich wand mich erneut, versuchte mich zu befreien.
Plötzlich füllte ein schwerer Druck die Gasse. Die Luft wurde dick, wie vor einem Gewitter. Die Vollstrecker hielten inne, ihre Köpfe schnellten zu den tieferen Schatten am Ende der Gasse.
„Was zum…“, begann der Anführer.
Eine leise, ruhige Stimme durchschnitt die Dunkelheit. „Fasst sie noch einmal an, und ich beende euer Leben.“
Mir stockte der Atem. Eine hochgewachsene Gestalt trat aus den Schatten hervor. Selbst im schwachen Licht konnte ich sehen, dass er imposant war, mit breiten Schultern und dunklem Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Macht rollte in Wellen von ihm aus, sodass sich die Haare auf meinen Armen aufstellten. Die Vollstrecker ließen mich sofort los und traten zurück.
Ich rutschte ein Stück an der Wand hinab, rieb meinen schmerzenden Arm und starrte den Neuankömmling an. Ich konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen. Wer war er? Und warum griff er ein?
Der Anführer der Vollstrecker fasste sich als Erster. „Das sind Ratsangelegenheiten, Nightshade. Halt dich da raus.“
Nightshade. Mir gefror das Blut in den Adern. Draven Nightshade? Serenas Bruder? Der gefürchtetste Schattenmagier der Akademie? Ich hatte ihn aus der Ferne gesehen, immer in den Schatten, immer unantastbar. Was machte er hier?
Draven antwortete nicht mit Worten. Er bewegte sich mit rasender Geschwindigkeit. Im einen Moment stand er am Eingang der Gasse, im nächsten war er mitten unter ihnen. Seine Faust traf den Kiefer des stämmigen Vollstreckers mit einem widerlichen Krachen. Der Mann flog rückwärts und sackte lautlos zusammen.
Der dritte Vollstrecker schwang seinen Schlagstock. Draven fing ihn mitten in der Luft ab, Schatten wanden sich wie beweglicher Rauch um seine Hand. Er drehte sich, und der Schlagstock zersplitterte. Ein scharfer Tritt schleuderte den Mann zu Boden.
Der Anführer versuchte, den Runenstein zu aktivieren, murmelte einen Zauber. Draven war schneller. Dunkle Ranken schossen aus seinen Fingern und wickelten sich um das Handgelenk des Vollstreckers. Der Stein fiel zu Boden und zersplitterte.
Ich sah zu, wie erstarrt, wie Draven sie mit erschreckender Präzision außer Gefecht setzte. Keine überflüssige Bewegung. Keine Gnade in seinen schwarzen Augen. Der Druck in der Luft machte das Atmen schwer.
Innerhalb von Sekunden lagen alle drei am Boden. Der Anführer stöhnte und versuchte, sich aufzurichten. Draven setzte ihm einen Stiefel auf die Brust und fixierte ihn.
„Sag deinen Vorgesetzten“, sagte Draven, seine Stimme leise und kalt, „die Schuld ist beglichen. Elowen Sage ist nicht mehr eure Angelegenheit.“
Die Augen des Vollstreckers weiteten sich. „Du… du kannst nicht einfach…“
„Ich kann. Und ich habe es getan.“ Dravens Ton ließ keinen Widerspruch zu. „Lauf. Bevor ich es mir anders überlege, dich am Leben zu lassen.“
Der Anführer rappelte sich auf und flüchtete, humpelnd in die Nacht. Seine Begleiter folgten, schleppten sich davon. Die Gasse verstummte wieder, bis auf meinen unregelmäßigen Atem.
Draven wandte sich mir zu. Aus der Nähe war er noch einschüchternder. Groß, markante Züge, diese durchdringenden schwarzen Augen, die mich zu durchschauen schienen. Er hielt ein gefaltetes Papier in der Hand, wie eine Art offizielles Dokument.
Ich stieß mich von der Wand ab, meine Beine noch zittrig. „Warum hast du das getan?“ Meine Stimme klang heiser. „Ich habe nicht um deine Hilfe gebeten.“
Er musterte mich einen langen Moment lang, etwas Unlesbares in seinem Ausdruck. Die Schatten um ihn beruhigten sich, doch die Spannung in der Luft verflog nicht.
Ich richtete meinen Umhang, versuchte, was von meiner Würde noch übrig war, zusammenzuraffen. „Was auch immer das für ein Spiel ist, Nightshade, ich spiele nicht mit. Halte dich von mir fern.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte ich mich um und eilte aus der Gasse in Richtung der Studentenwohnheime. Mein Herz wollte sich nicht beruhigen. Draven Nightshade hatte mich gerade gerettet. Doch nichts an dieser Akademie kam leicht oder umsonst. Schon gar nicht von einem Nightshade.
Ich spürte seine Augen den ganzen Weg über auf meinem Rücken.
Einer der Jungen zerrte mich rückwärts, während ein anderer eine zweite Tür aufschlug. Der Lagerraum dahinter war kleiner, mit Regalen voller instabiler Reagenzien in versiegelten Kristallgläsern gesäumt. Warnrunen leuchteten entlang der Wände. Die Luft roch bereits scharf und unbeständig.„Da rein“, befahl Serena. „Lass den Raum den Großteil der Arbeit erledigen.“Sie stießen mich hinein. Die Tür versiegelte sich mit einem schweren Klicken und einem Aufflammen von Schließbannzauber. Ich schlug hart auf dem Steinboden auf. Schmerz schoss durch meine Schulter und Hüfte. Der Bannzauber an meinem Handgelenk löste sich in dem Moment, als die Tür zufiel, auf, aber der Schaden war bereits angerichtet. Ich war in einem Raum voller instabiler Reagenzien eingesperrt, ohne klaren Ausgang und mit vier Feinden auf der anderen Seite.Ich stemmte mich hoch. Gläser klirrten vom Aufprall in den Regalen. Eines bekam einen Sprung an der Seite und begann, einen langsamen, zischenden Dampf auszustoßen. D
Meine Magie hatte noch nie so reagiert. Silberne Funken, die zu seinen Schatten rasten, Kanäle, die sich weiter öffneten, als es jahrelange schwache Übung je geschafft hatte. Der Kuss hatte etwas Rohes aus uns beiden hervorgeholt.Ich zog mich langsam aus der Uniform aus, spürte immer noch die verbleibende Wärme. Ich legte mich hin und starrte an die Decke. Die Akademie würde einen kontrollierten Anspruchskuss sehen. Sie würden nie wissen, wie schnell er echt geworden war, oder wie heftig er sich danach zurückgezogen hatte, mit Begierde, die noch in seinen Augen glühte.Morgenlicht schnitt früher als gewollt durch die schweren Vorhänge des Turms. Ich zog meine Akademieuniform an, legte die Wappenkette an und ging nach unten. Er war bereits fort. Eine kurze Notiz auf dem Tisch besagte nur, dass das Shadowflame-Training früh begonnen habe und er mich danach finden würde.Ich ging allein zur Akademie. Die Studenten starrten immer noch. Das Foto des Kusses war über Nacht gepostet worden u
Die Schutzzauber des Turms versiegelten sich mit ihrem üblichen sanften Druck hinter uns. Draven ging voraus ins Wohnzimmer und schenkte Wasser für uns beide ein. Das Feuer brannte bereits niedrig. Ich setzte mich auf die Kante einer Couch und versuchte, das restliche Adrenalin sich legen zu lassen.Er reichte mir ein Glas und blieb stehen. „Wir brauchen mehr als gemeinsame Spaziergänge und eine öffentliche Ankündigung, um zu beweisen, dass wir wirklich zusammen sind. Wir brauchen ein intimes Foto zusammen.“Ich blickte auf. „Ein Foto?“„Einen Kuss.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber die Intensität dahinter war unverkennbar. „Es muss glaubhaft sein. Die Akademie muss die Bindung als echt ansehen. Wir sollten es heute Abend tun. Der Zeitpunkt passt gut, angesichts des vorherigen Ausflugs.“Die Paktmale erwärmten sich bei den Worten unter meiner Haut. Ich stellte das Glas ab. „Hier? Jetzt?“„Hier. Das Licht ist gut, und der Hintergrund sieht schön aus. Ich poste es von meinem Konto aus, ge
Der hochblütige Duellant drehte sich langsam um. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Seine Freunde traten zurück, ohne dass man es ihnen sagen musste. Der Druck in der Luft ließ die Kristallgläser auf den Tischen leise klirren.Draven kam näher. Die Schatten folgten ihm wie lebendige Ausläufer seines Willens. „Du hast dich über ihren Status lustig gemacht. Über ihre Magie. Ihren Platz hier. Tu das noch einmal, während ich im selben Raum stehe, und finde heraus, was mit deinen Zauberkanälen passiert.“Der Rivale schluckte. „Nightshade… ich meinte nicht…“„Du hast jedes Wort so gemeint.“ Dravens Macht drückte für eine einzige Sekunde stärker. Mehrere Studenten in der Nähe keuchten, als die Luft dicker wurde. „Sie steht unter meinem Anspruch. Wenn du das nächste Mal deinen Mund über ihre Blutlinie oder ihre Affinität aufmachst, sorge ich dafür, dass du den Rest des Semesters nicht einmal einen einfachen Zauber zustande bringst. Verstanden?“Der Duellant nickte schnell. Seine Freun
Der Elitetreffpunkt lag auf den oberen Terrassen der Eldritch-Akademie, ein weiter offener Pavillon, beleuchtet von schwebenden Laternen und umgeben von niedrigen Barrieren, die die gewöhnlichen Studenten fernhielten. Nur Teammitglieder, Hochblütige und ihre eingeladenen Partner durften die Schutzzauber passieren. Heute Abend füllten das Shadowflame-Team und zwei rivalisierende Mannschaften den Raum. Musik trieb von einem verzauberten Kristallset herüber. Tische trugen Platten mit Speisen, die schwach von gespeichertem Mana leuchteten.Draven führte mich mit seiner Hand an meiner Hüfte durch den Eingang. Gespräche verstummten, als wir hereinkamen. Blicke verfolgten uns genau wie seit Dravens Ankündigung, dass wir zusammen seien. Ich hielt mein Kinn gerade und passte mich seinem Tempo an.„Unser erstes öffentliches Date“, sagte er leise nah an meinem Ohr. „Sei nicht steif. Denk daran, wir müssen es verkaufen.“Wir erreichten einen niedrigen Tisch nahe der Mitte. Draven zog mir einen St
Am nächsten Nachmittag beobachtete ich sie vom oberen Balkon der Mensa aus, halb verborgen im Schatten einer Stützsäule. Elowen saß allein an einem Ecktisch, das Tablett vor sich, die Schultern gerade trotz des Gewichts jedes Blicks im Raum. Die Studenten warfen ihr wellenweise Blicke zu. Ehrfurcht von denen, die sie plötzlich interessant fanden, Scham von denen, die sie jahrelang verspottet hatten, und ein Dutzend anderer Ausdrücke, die ich mir nicht die Mühe machte zu benennen.Der Seelenpakt summte schwach am Rand meiner Sinne. Ich konnte ihre Magie spüren, schwach, aber beständig, silberne Fäden, die auf die Aufmerksamkeit um sie herum reagierten. Sie blickte nicht auf. Sie aß nur, langsam und kontrolliert, und weigerte sich, dem Raum die Reaktion zu geben, die er wollte.Serena saß drei Tische weiter.Ich beobachtete meine Schwester, sobald sie eintrat. Ihr Gesicht wirkte immer noch wütend von gestern. Sie lachte zu laut mit ihrer kleinen Gruppe, aber ihre Augen zuckten immer wie







