LOGINIch kam nicht weit. Meine Beine zitterten noch von der knappen Begegnung, als sich die Gasse erneut um mich zu schließen schien. Der Anführer der Vollstrecker war nicht widerstandslos gegangen. Er war mit den anderen zurückgekommen und versperrte mir den Ausgang, den ich hatte nehmen wollen. Dravens Warnung musste noch nicht angekommen sein, oder sie glaubten, den Auftrag beenden zu können, bevor er zurückkehrte. So oder so, sie waren schnell wieder bei mir.
„Die Schuld ist erst beglichen, wenn wir es sagen“, knurrte der Anführer und packte mein Handgelenk fest genug, um blaue Flecken zu hinterlassen. Sein Runenstein leuchtete jetzt heller, pulsierte, als wäre er lebendig. „75.000 Aurum, Mädchen. Du zahlst, oder wir entziehen dir die wenige Magie, die du hast, und verkaufen dich an den Meistbietenden.“
Ich riss an seinem Griff, mein Herz schlug wild in meiner Brust. „Lass los! Ich habe dir gesagt, ich habe es nicht!“
Der Stämmige lachte und wischte sich Blut von der aufgeplatzten Lippe, wo Draven ihn zuvor getroffen hatte. „Dann eben Leibeigenschaft. Du wirst auf den Schattenmärkten einen anständigen Preis erzielen. Schwache Magie bedeutet, dass du dich nicht groß wehren wirst. Perfekt, um Kammern zu putzen oder echten Magiern Zaubersprüche zu liefern.“
Der dritte Vollstrecker drängte sich näher, sein Schlagstock knisterte vor dunkler Energie. „Markiert sie jetzt. Lasst es wehtun, damit sie sich erinnert.“
Ich trat erneut aus und traf den Anführer am Schienbein. Er fluchte und drehte meinen Arm noch höher. Schmerz schoss bis in meine Schulter. „Aufhören! Bitte… nur noch etwas mehr Zeit!“
„Keine Zeit mehr“, sagte der Anführer. Er drückte den Runenstein gegen meinen Unterarm. Brennende Qual explodierte auf meiner Haut. Ich schrie. Es fühlte sich an, als würde Feuer in meine Adern strömen, das ein gezacktes Mal einbrannte, das in einem kranken Grün leuchtete. Der Schmerz verschwamm mein Sehvermögen. Meine schwache Magie flammte nutzlos in mir auf, versuchte, sich zu wehren, machte das Brennen aber nur schlimmer.
„Du wirst das tragen, bis die Schuld bezahlt ist“, zischte er mir ins Gesicht. „Es wird dich langsam auszehren. Dich schwach machen. Hungrig. Bis du uns anflehst, dich zu verkaufen.“
Tränen liefen über meine Wangen. Das Mal pochte im Takt meines Herzschlags und sandte mit jedem Pulsieren neue Schmerzwellen aus. Ich konnte spüren, wie es an meiner Magie zerrte und winzige Fäden davon absaugte. Das war es. Das Ende jeder Freiheit, die mir noch geblieben war.
„Nimm deine Hände von ihr.“
Diese Stimme wieder. Tief, kalt und voller Macht. Draven trat aus den Schatten hervor, als würden sie ihm gehören. Die Vollstrecker erstarrten. Der Griff des Anführers um mich lockerte sich gerade genug, dass ich mich losreißen konnte. Ich taumelte zurück und hielt meinen brennenden Arm.
„Seid ihr taub?“, sagte Draven und trat näher. „Ich habe euch gesagt, die Schuld ist weg. Mein Geld. Jetzt mein Problem.“
Der stämmige Vollstrecker spuckte auf den Boden. „Nightshade hin oder her, du mischst dich nicht in die Eintreibung des Rates ein. Die hier gehört uns.“
Dravens Augen leuchteten schwach violett in der Dunkelheit. Die Schatten um ihn verdichteten sich, wanden sich wie Schlangen, bereit zuzuschlagen. „Letzte Warnung. Geht. Oder ich breche euch jeden Knochen im Leib und schicke euch in Stücken zurück zu euren Vorgesetzten.“
Sie zögerten. Ich konnte das Kalkül in ihren Augen sehen. Dravens Ruf war kein Geheimnis. Einer der stärksten Schattenmagier seit Jahren. Kapitän des Shadowflame-Teams. Niemand bei klarem Verstand legte sich mit ihm an.
Der Anführer warf einen Blick auf das Mal auf meinem Arm, dann auf Draven. „Das ist noch nicht vorbei. Der Rat wird davon erfahren.“
„Das wird er ohnehin“, erwiderte Draven ausdruckslos. „Von mir. Und jetzt verschwindet.“
Die Vollstrecker wichen langsam zurück, drehten sich dann um und rannten. Der Schmerz in meinem Arm ließ nicht nach. Er brannte weiter, das grüne Leuchten warf ein unheimliches Licht auf die Gassenwände. Ich presste meine andere Hand darauf und unterdrückte einen weiteren Schrei.
Draven beobachtete, wie sie verschwanden, bevor er sich mir zuwandte. Er wirkte ruhig, aber etwas Intensives brannte in diesen dunklen Augen. Er hielt das gefaltete Papier wieder hoch und zeigte mir das offiziell aussehende Dokument mit den leuchtenden Siegeln.
„Die Schuld ist gekauft“, sagte er schlicht. „Sie werden dich nicht mehr anrühren.“
Ich starrte ihn an, meine Brust hob und senkte sich heftig. Das Mal schmerzte immer noch höllisch, aber seine Anwesenheit drängte alles andere in den Hintergrund. „Warum? Was willst du von mir, Nightshade? Deine Schwester macht mein Leben schon zur Hölle. Ist das ein neues Spiel?“
Er antwortete nicht sofort. Musterte mich nur, als wäre ich ein Rätsel, an dem er schon eine Weile arbeitete. Die Luft zwischen uns fühlte sich dick an. Ich konnte schwache Rauchspuren seiner Magie riechen.
„Ich spiele keine Spiele“, sagte er schließlich. Seine Stimme war leise, fast rau. „Aber du wirst es mir zurückzahlen. Auf die eine oder andere Weise.“
Ich lachte bitter auf, zuckte zusammen, als das Mal erneut aufflammte. „Es dir zurückzahlen? Womit? Ich habe nichts.“
„Du hast dich selbst.“ Sein Blick fiel auf das leuchtende Mal an meinem Arm, dann zurück zu meinem Gesicht. „Wir besprechen die Bedingungen bald. Für jetzt müssen wir das ansehen.“
Er wandte sich zum Gehen, hielt dann inne. „Und Elowen? Lauf nicht weg. Du kommst nicht weit.“
Bevor ich fragen konnte, was er meinte, griff er nach meinem markierten Arm und nahm ihn behutsam. Seine Berührung war überraschend vorsichtig. Wärme strömte aus seinen Fingern und linderte die letzten Schmerzen. Die Narbe verblasste weiter unter seiner Schattenmagie.
„Besser?“, fragte er, seine Stimme nun leiser. Ich zog meinen Arm schnell zurück, meine Wangen erhitzten sich. „Ja. Fass mich nicht an.“
Er ließ meinen Arm los und verschmolz dann wieder mit den Schatten, ließ mich allein in der Gasse zurück, mit einem brennenden Arm, einer beglichenen Schuld, um die ich nie gebeten hatte, und dem erschreckenden Gefühl, dass mein Leben gerade hundertmal komplizierter geworden war.
Ich sammelte meine verstreuten Bücher mit zitternden Händen ein und machte mich auf den Rückweg zu den Wohnheimen. Jeder Schatten ließ mich zusammenzucken. Die Studenten schliefen oder lernten hinter verschlossenen Türen.
Ich schaffte es auf reinem Adrenalin zurück ins Wohnheim. Das Mal verblasste bereits, und mein Arm war dank dem, was auch immer Draven getan hatte, größtenteils schmerzfrei. Ich sank auf mein schmales Bett und starrte an die rissige Decke. Draven Nightshade hatte die Schuld meiner Mutter beglichen. Einfach so.
Nichts Gutes kam in Elyndor jemals umsonst. Schon gar nicht von jemandem wie ihm.
Der Schlaf fiel mir nicht leicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diese violett leuchtenden Augen, die mich beobachteten. Als ich bei Tagesanbruch erwachte, war das Mal nur noch eine schwache Linie. Fast verschwunden.
Einer der Jungen zerrte mich rückwärts, während ein anderer eine zweite Tür aufschlug. Der Lagerraum dahinter war kleiner, mit Regalen voller instabiler Reagenzien in versiegelten Kristallgläsern gesäumt. Warnrunen leuchteten entlang der Wände. Die Luft roch bereits scharf und unbeständig.„Da rein“, befahl Serena. „Lass den Raum den Großteil der Arbeit erledigen.“Sie stießen mich hinein. Die Tür versiegelte sich mit einem schweren Klicken und einem Aufflammen von Schließbannzauber. Ich schlug hart auf dem Steinboden auf. Schmerz schoss durch meine Schulter und Hüfte. Der Bannzauber an meinem Handgelenk löste sich in dem Moment, als die Tür zufiel, auf, aber der Schaden war bereits angerichtet. Ich war in einem Raum voller instabiler Reagenzien eingesperrt, ohne klaren Ausgang und mit vier Feinden auf der anderen Seite.Ich stemmte mich hoch. Gläser klirrten vom Aufprall in den Regalen. Eines bekam einen Sprung an der Seite und begann, einen langsamen, zischenden Dampf auszustoßen. D
Meine Magie hatte noch nie so reagiert. Silberne Funken, die zu seinen Schatten rasten, Kanäle, die sich weiter öffneten, als es jahrelange schwache Übung je geschafft hatte. Der Kuss hatte etwas Rohes aus uns beiden hervorgeholt.Ich zog mich langsam aus der Uniform aus, spürte immer noch die verbleibende Wärme. Ich legte mich hin und starrte an die Decke. Die Akademie würde einen kontrollierten Anspruchskuss sehen. Sie würden nie wissen, wie schnell er echt geworden war, oder wie heftig er sich danach zurückgezogen hatte, mit Begierde, die noch in seinen Augen glühte.Morgenlicht schnitt früher als gewollt durch die schweren Vorhänge des Turms. Ich zog meine Akademieuniform an, legte die Wappenkette an und ging nach unten. Er war bereits fort. Eine kurze Notiz auf dem Tisch besagte nur, dass das Shadowflame-Training früh begonnen habe und er mich danach finden würde.Ich ging allein zur Akademie. Die Studenten starrten immer noch. Das Foto des Kusses war über Nacht gepostet worden u
Die Schutzzauber des Turms versiegelten sich mit ihrem üblichen sanften Druck hinter uns. Draven ging voraus ins Wohnzimmer und schenkte Wasser für uns beide ein. Das Feuer brannte bereits niedrig. Ich setzte mich auf die Kante einer Couch und versuchte, das restliche Adrenalin sich legen zu lassen.Er reichte mir ein Glas und blieb stehen. „Wir brauchen mehr als gemeinsame Spaziergänge und eine öffentliche Ankündigung, um zu beweisen, dass wir wirklich zusammen sind. Wir brauchen ein intimes Foto zusammen.“Ich blickte auf. „Ein Foto?“„Einen Kuss.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber die Intensität dahinter war unverkennbar. „Es muss glaubhaft sein. Die Akademie muss die Bindung als echt ansehen. Wir sollten es heute Abend tun. Der Zeitpunkt passt gut, angesichts des vorherigen Ausflugs.“Die Paktmale erwärmten sich bei den Worten unter meiner Haut. Ich stellte das Glas ab. „Hier? Jetzt?“„Hier. Das Licht ist gut, und der Hintergrund sieht schön aus. Ich poste es von meinem Konto aus, ge
Der hochblütige Duellant drehte sich langsam um. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Seine Freunde traten zurück, ohne dass man es ihnen sagen musste. Der Druck in der Luft ließ die Kristallgläser auf den Tischen leise klirren.Draven kam näher. Die Schatten folgten ihm wie lebendige Ausläufer seines Willens. „Du hast dich über ihren Status lustig gemacht. Über ihre Magie. Ihren Platz hier. Tu das noch einmal, während ich im selben Raum stehe, und finde heraus, was mit deinen Zauberkanälen passiert.“Der Rivale schluckte. „Nightshade… ich meinte nicht…“„Du hast jedes Wort so gemeint.“ Dravens Macht drückte für eine einzige Sekunde stärker. Mehrere Studenten in der Nähe keuchten, als die Luft dicker wurde. „Sie steht unter meinem Anspruch. Wenn du das nächste Mal deinen Mund über ihre Blutlinie oder ihre Affinität aufmachst, sorge ich dafür, dass du den Rest des Semesters nicht einmal einen einfachen Zauber zustande bringst. Verstanden?“Der Duellant nickte schnell. Seine Freun
Der Elitetreffpunkt lag auf den oberen Terrassen der Eldritch-Akademie, ein weiter offener Pavillon, beleuchtet von schwebenden Laternen und umgeben von niedrigen Barrieren, die die gewöhnlichen Studenten fernhielten. Nur Teammitglieder, Hochblütige und ihre eingeladenen Partner durften die Schutzzauber passieren. Heute Abend füllten das Shadowflame-Team und zwei rivalisierende Mannschaften den Raum. Musik trieb von einem verzauberten Kristallset herüber. Tische trugen Platten mit Speisen, die schwach von gespeichertem Mana leuchteten.Draven führte mich mit seiner Hand an meiner Hüfte durch den Eingang. Gespräche verstummten, als wir hereinkamen. Blicke verfolgten uns genau wie seit Dravens Ankündigung, dass wir zusammen seien. Ich hielt mein Kinn gerade und passte mich seinem Tempo an.„Unser erstes öffentliches Date“, sagte er leise nah an meinem Ohr. „Sei nicht steif. Denk daran, wir müssen es verkaufen.“Wir erreichten einen niedrigen Tisch nahe der Mitte. Draven zog mir einen St
Am nächsten Nachmittag beobachtete ich sie vom oberen Balkon der Mensa aus, halb verborgen im Schatten einer Stützsäule. Elowen saß allein an einem Ecktisch, das Tablett vor sich, die Schultern gerade trotz des Gewichts jedes Blicks im Raum. Die Studenten warfen ihr wellenweise Blicke zu. Ehrfurcht von denen, die sie plötzlich interessant fanden, Scham von denen, die sie jahrelang verspottet hatten, und ein Dutzend anderer Ausdrücke, die ich mir nicht die Mühe machte zu benennen.Der Seelenpakt summte schwach am Rand meiner Sinne. Ich konnte ihre Magie spüren, schwach, aber beständig, silberne Fäden, die auf die Aufmerksamkeit um sie herum reagierten. Sie blickte nicht auf. Sie aß nur, langsam und kontrolliert, und weigerte sich, dem Raum die Reaktion zu geben, die er wollte.Serena saß drei Tische weiter.Ich beobachtete meine Schwester, sobald sie eintrat. Ihr Gesicht wirkte immer noch wütend von gestern. Sie lachte zu laut mit ihrer kleinen Gruppe, aber ihre Augen zuckten immer wie







