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Kapitel 5

Author: Annie
last update publish date: 2026-07-20 01:04:49

Er versuchte, einen Schritt zurückzutreten, und sein Körper versteifte sich unter meiner Berührung. Doch Panik und mein Überlebensinstinkt verdrängten den letzten Rest meiner Würde. Noch bevor er sich vollständig lösen konnte, schlang ich beide Arme fest um seine Taille und zog ihn in eine enge Umarmung. Ich hielt ihn regelrecht fest und vergrub mein Gesicht noch tiefer in den teuren Stoff seines Jacketts.

Ich spürte, wie sein ganzer Körper augenblicklich erstarrte.

Ehrlich gesagt war mir das völlig egal. Ich besaß im Moment einfach nicht die geistige Stärke, mich der Scham zu stellen, die ich gerade über seinen Anzug gebracht hatte. Wenn ich durch das Festhalten an ihm die unvermeidliche Katastrophe hinauszögern konnte, dann würde ich eben genau dort bleiben.

Zu meiner Überraschung stieß er mich nicht weg.

Er versuchte nicht einmal, mich von sich zu lösen.

„Er hat mich nicht schikaniert“, murmelte ich schließlich mit gedämpfter Stimme gegen sein Jackett. „Ich war nur... etwas zu emotional.“

Lange herrschte Schweigen.

Das Einzige, was ich hörte, war das gleichmäßige Schlagen seines Herzens unter meiner Wange.

„Miss Lin“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, deren Vibration ich direkt an seiner Brust spüren konnte. „Benötigen Sie den Rest des Tages frei? Falls ja, können wir unser Gespräch auf morgen früh verschieben.“

„Ja... bitte“, brachte ich erleichtert hervor.

„In diesem Fall... können Sie mich jetzt loslassen“, sagte er ruhig.

„Jeden Moment“, murmelte ich.

Da ich ohnehin längst den Punkt überschritten hatte, an dem es noch ein Zurück gab, entschied ich mich für völliges Chaos.

Mit einer schnellen Bewegung zog ich meine Nase quer über sein Designerjackett und benutzte den Stoff wie ein Taschentuch.

Wenn ich schon unterging, dann wenigstens mit Stil.

Langsam löste ich meine Arme und trat einen Schritt zurück, ohne den Blick vom Boden zu heben.

„Es tut mir aufrichtig leid, Sir“, flüsterte ich und verbeugte mich hastig.

Vorsichtig hob ich den Blick.

Sein ganzes Gesicht war tiefrot angelaufen. Die Röte zog sich bis zu seinem Hals und seinen Ohren.

Er ist definitiv stinksauer.

Noch eine Sekunde länger in diesem Raum zu bleiben, käme einem Todesurteil gleich.

„Bitte entschuldigen Sie mich“, piepste ich und eilte zur Tür.

Doch noch bevor ich die Klinke erreichen konnte, öffnete sie sich von außen.

Die schwere Mahagonitür schwang auf.

Eine elegant gekleidete Frau trat ein.

Mir stockte der Atem.

Die Taschentuch-Dame.

Ich musste unbedingt herausfinden, wie sie hieß.

Sie klopfte nicht einmal an, sondern trat mit einer Selbstverständlichkeit hinein, die nur eines bedeuten konnte.

Sie muss wirklich seine Freundin sein.

Ein seltsames Ziehen machte sich in meiner Brust breit.

Ich betete inständig, dass sie die Situation nicht missverstehen würde.

Ihr Freund stand schließlich mit zerzaustem Haar und hochrotem Gesicht mitten im Büro.

Mit gesenktem Kopf wartete ich, bis sie vollständig eingetreten war, huschte lautlos an ihr vorbei und schloss die Tür hinter mir.

Ich musste dieses Gebäude sofort verlassen.

Bevor Mr. Black es sich anders überlegte und mich entweder verhaften ließ...

oder mir die Rechnung der Reinigung für seinen Anzug schickte.

So hochwertig, wie der Stoff aussah, kostete dieser Anzug vermutlich mehr als mein gesamtes Monatsgehalt.

Und „teuer“ war momentan etwas, das sich mein Bankkonto absolut nicht leisten konnte.

...

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, kehrte Mr. Blacks eiskalte Fassade augenblicklich zurück.

„Miss Moore“, sagte er mit gefährlich ruhiger Stimme. „Haben Sie vergessen anzuklopfen?“

Innerlich verdrehte Miss Moore die Augen.

Der einzige Grund, warum ihn ihre Störung verärgerte, war die Tatsache, dass seine geliebte „weiße Mondscheinliebe“ eben noch hier gewesen war.

„Ich war gerade einmal eine Stunde weg“, erwiderte sie und verschränkte die Arme. „Wie haben Sie es geschafft, Miss Lin zum Weinen zu bringen?“

Er warf ihr einen Blick zu, der Stahl hätte schmelzen lassen.

Ohne zu antworten, ging er zurück zu seinem Schreibtisch, klappte den Laptop auf und tat so, als würde er arbeiten.

„Sagen Sie bloß, Sie wollten sich für die Ohrfeige von gestern Nacht rächen“, meinte sie nachdenklich.

Seine Finger verharrten über der Tastatur.

„Sie hat nicht wegen mir geweint“, sagte er leise, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.

Miss Moore formte lautlos ein amüsiertes „Oh“.

Sie trat näher.

„Sie sehen ziemlich rot aus. Soll ich die Klimaanlage höher stellen?“

Plötzlich hörte er ganz auf zu tippen.

Langsam fuhr er sich frustriert durchs Haar und zerstörte damit seine perfekte Frisur.

Dann legte er die Hand auf seine Brust.

„Es hört einfach nicht auf“, gestand er kaum hörbar.

Miss Moore blinzelte überrascht.

„Was hört nicht auf?“

„Mein Herz.“

Er starrte gedankenverloren ins Leere.

„Sie war... einfach viel zu süß.“

Da ist es also, dachte Miss Moore zufrieden.

Der gefürchtete Alexander Black...

Der Mann, vor dem sich die gesamte Geschäftswelt fürchtete...

verwandelte sich in einen einzigen Marshmallow, sobald Annie Lin in seiner Nähe war.

Als Miss Moore näher trat, fiel ihr plötzlich ein deutlich sichtbarer Fleck auf seinem Revers auf.

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe.

„Ähm... Sie haben da etwas auf Ihrer Brust.“

Sie deutete auf die verschmierte Spur von Nasenschleim.

Mr. Black blickte hinunter.

Statt vor Wut zu explodieren...

lächelte er.

Es war ein atemberaubendes Lächeln.

„Sie hat sich wohl sicher genug gefühlt, um an meiner Schulter zu weinen“, murmelte er leise.

Jetzt war Miss Moore erst recht neugierig.

Was um alles in der Welt war hier passiert?

Doch bevor sie fragen konnte, wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Sorgen Sie dafür, dass Miss Lin sicher nach Hause kommt.“

„Verstanden.“

Sie drehte sich bereits um.

„Warten Sie.“

Seine Stimme wurde wieder eiskalt.

„Es gab einen Mitarbeiter, der sie bis zu meinem Büro begleitet hat.“

„Finden Sie heraus, wer er ist.“

„Und kündigen Sie ihm sofort.“

„Diese Firma braucht seine Dienste nicht mehr.“

Miss Moore lächelte schmal.

„Wird erledigt.“

...

„Du hast tatsächlich schon wieder geweint?“

Lillian starrte mich mit offenem Mund an, als ich in mein Büro gestürmt kam.

„Ja“, stöhnte ich. „Da draußen herrscht ein einziger psychologischer Krieg.“

Ich schnappte mir sofort meine Handtasche und begann hektisch, meine Sachen einzupacken.

„Moment mal... gehst du nach Hause?“

Ich nickte energisch.

„Mr. Black hat mir den Rest des Tages freigegeben.“

„Wie unfair!“, schmollte Lillian und warf eine Akte auf meinen Schreibtisch.

„Wenn du früher Feierabend machst, komme ich mit. Ich habe mich von meinem eigenen Liebeskummer sowieso noch nicht erholt.“

„Dann los.“

„Pack deine Sachen.“

„Warte bloß auf mich!“

Sie rannte aus dem Büro.

Anstatt wie sonst irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen, beschlossen wir, den Nachmittag in meiner Wohnung zu verbringen.

Während der Fahrt erzählte ich ihr alles.

Von der Erkenntnis, dass ich dem falschen Mann eine Ohrfeige gegeben hatte...

bis zu dem Moment, in dem ich seinen Designeranzug als Taschentuch missbraucht hatte.

Als ich fertig war, klappte Lillian wortwörtlich die Kinnlade herunter.

Ich musste sie gedanklich wieder aufheben und zurück an ihren Platz drücken.

In einem Punkt waren wir uns beide vollkommen einig.

Ich war tot.

Tod.

Oder noch toter.

Ganz gleich, welche Hinrichtungsmethode Mr. Black für mich auswählte...

morgen würde ich mein Urteil erfahren.

Es war ein Wunder, dass er mich überhaupt nach Hause geschickt hatte.

Zumindest hatte ich jetzt ein paar Stunden Zeit, mich mental auf mein Ende vorzubereiten.

...

Ein paar Stunden später lagen wir zusammengerollt auf meinem Sofa und sahen eine Realityshow, um mich von meinen Sorgen abzulenken.

Piep.

„Das Popcorn ist endlich fertig!“, rief Lillian begeistert und sprang in die Küche.

Ich lehnte mich zurück und starrte auf den Fernseher.

Ich weigerte mich, an graue Augen oder ruinierte Designeranzüge zu denken.

„A... Annie?“

Lillians Stimme kam aus der Küche.

Doch ihre Begeisterung war verschwunden.

Sie klang geschockt.

„Was ist los, Lil?“

Ich drehte mich um.

Sie stand nicht mehr an der Mikrowelle.

Sie war am großen Wohnzimmerfenster stehen geblieben und hielt den Vorhang fest umklammert.

„Hast du... zufällig die Mafia beleidigt?“, fragte sie flüsternd.

Ihr Gesicht war kreidebleich.

Ich runzelte die Stirn.

„Nein. Warum fragst du so etwas?“

„Weil da draußen unglaublich viele Männer in schwarzen Anzügen stehen.“

Ihre Stimme zitterte.

„Und... sie haben deine gesamte Wohnanlage umstellt.“

Mein Herz rutschte mir wieder bis zum Hals.

Eine kalte Welle der Panik überrollte mich.

War das alles ein Hinterhalt?

Hat Mr. Black im Büro nur freundlich getan, um mich anschließend zu Hause verhaften zu lassen?

Ich eilte zum Fenster.

Doch kaum fiel mein Blick auf die Kolonne schwarzer Luxuslimousinen und die militärisch wirkenden Sicherheitskräfte, verschwand meine Panik schlagartig.

Ein erschöpftes Seufzen entwich mir.

„Entspann dich.“

„Das sind die Männer meines Vaters.“

Lillian atmete zwar auf...

hörte aber trotzdem nicht auf zu zittern.

„Annie... das macht die Sache überhaupt nicht weniger gruselig.“

Sie hatte recht.

Für einen normalen Besuch standen viel zu viele Sicherheitsleute vor meinem Haus.

Das konnte nur eines bedeuten.

Mein alter Herr wollte mich entführen.

Widerstand war zwecklos.

Ich hätte keinen einzigen dieser Männer besiegen können.

Sie waren alle Elitekämpfer im Dienst der Familie Lin.

Mit schweren Schritten ging ich zur Haustür und öffnete sie noch bevor jemand klingeln konnte.

Wie erwartet stand Alberts dort.

Die rechte Hand meines Vaters.

Seine behandschuhte Hand war bereits zum Klopfen erhoben.

Ich sah ihn trocken an.

„Hallo, Albert. Was kann ich heute für meinen Vater tun?“

Albert ließ die Hand sinken.

Sein Gesicht blieb ausdruckslos.

„Der Herr wünscht Ihre sofortige Anwesenheit auf dem Anwesen der Familie Lin, Miss Annie.“

„Und wenn ich mich weigere?“

Ich kannte die Antwort bereits.

Ich fragte nur der Dramaturgie wegen.

Albert verbeugte sich leicht.

„Dann haben wir die Erlaubnis, Sie mit allen erforderlichen Mitteln zurückzubringen.“

Ich seufzte und sah zu der fassungslosen Lillian.

„Gib mir fünf Minuten, Albert.“

„Ich hole nur schnell meine Sachen.“

Mit einem schwachen Lächeln ging ich in mein Schlafzimmer, um eine Jacke zu holen.

Währenddessen konnte ich nur hoffen...

dass die neue Familienkrise meines Vaters mich nicht länger als ein paar Stunden auf dem Anwesen festhalten würde.

Denn morgen wartete im Büro ein sehr viel furchteinflößenderes Monster auf mich.

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