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EPISODE 4: Tut so, als wäre nichts passiert

Author: Eva Imuk
last update publish date: 2026-08-31 03:24:55

„Du hast ewig gebraucht! Ist alles okay?“ fragte Sia, packte meinen Arm, ihre Augen voller Besorgnis.

Ich setzte mich neben sie und ließ meine Unterlagen auf den Tisch fallen.

„Ja, mir geht's gut. Ich habe mein Handy“, sagte ich und versuchte, normal zu klingen. „Und jemand ist mir auf dem Weg dorthin in die Quere gekommen.“

Sie runzelte die Stirn, die Brauen fragend zusammengezogen. „Wer?“ Sie rutschte auf ihrem Sitz hin und her und schenkte mir ihre volle Aufmerksamkeit.

„Wer sonst, wenn nicht dieselben Leute.“

Sie sah für eine Sekunde verwirrt aus, dann klickte es – und sie keuchte, sodass ich zusammenzuckte.

„Die Jungs?“

Ich nickte bei ihrem dramatischen Gesichtsausdruck.

„Und vielleicht sein Mädchen.“ Die Worte schmeckten bitter, wie Säure in meinem Bauch.

Sias Augen wurden weit. „Vanessa? Sie ist Ärger. Über-besitzergreifend. Jedes Wort, das du für eine Hexe verwenden würdest, ja.“ Sie verzog das Gesicht. „Ich hoffe, du bist nicht mit ihrem Gift bespritzt worden.“

Ich seufzte. „Glaub mir, nach dieser Begegnung ist es genau das, was ich vorhabe, mich von ihnen fernzuhalten.“

Mein Hauptziel war es, zu vermeiden, mich zu verlieben oder Gefühle zu entwickeln, aber hier war ich – bereits verstrickt in Eifersucht über jemanden, den ich erst vor ein paar Stunden getroffen hatte. Das ist verdammt lächerlich.

Zu Hause scrollte ich nach dieser Welle der Eifersucht, die mich in der Schule getroffen hatte, durch I*******m. Ein Profil fiel mir ins Auge: Jonsons.

Ich rutschte auf seine Seite und verlor mich in seiner Kunst. Seine Zeichnungen waren explosiv vor Farbe und Textur, jedes Stück lebendig, als könnte es vom Bildschirm springen und dich packen.

Ich checkte seine Follower – über zwei Millionen. Seine Following-Liste war kurz und ich entdeckte bekannte Namen: Joseph, Scott, Jay und Dave. Aber ein Name fehlte: Michaels.

Es war seltsam. Er ist so beliebt, man würde denken, er wäre überall in den sozialen Medien, aber er war ein Geist online.

Nachdem ich den Jungs gefolgt war und etwa zwanzig Minuten damit verbracht hatte, ihre Posts anzusehen, loggte ich mich aus. Das Leuchten meines Bildschirms verblasste, als ich nach meinen Schulbüchern griff. Das vertraute Gewicht von ihnen fühlte sich erdend an. Zeit, meine Aufgabe zu machen.

Ich erinnerte mich an die Worte meines Vaters damals in Paris: „Die erste Liebe stirbt nie.“ Er hatte es immer gesagt, selbst nachdem er aufgehört hatte, Mom zu lieben. Er nahm sie immer noch auf, deckte ihre Ausgaben, und als ein Mann, der in der Liebe nie Glück gehabt hatte, glaubte er immer noch, dass die Liebe ihr eigenes Timing hat.

Bedeutete dieser Satz überhaupt etwas? Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob er jemals für mich wahr werden würde.

Am nächsten Tag stieg ich aus dem Taxi und das Schultor ragte wie eine Mauer vor mir auf. Als ich hineinging, erwischte ich eine Gruppe von Schülern, die über ein neues Mädchen flüsterten, das angeblich versuchte, Michael wegzuschnappen. Meine Neugier war geweckt – wer war dieses mysteriöse Mädchen?

Ich scannte den Campus und entdeckte Sia, die in einer Ecke kauerte, das Handy in der Hand, schnell tippte, mit Sorge ins Gesicht geschrieben.

Ich eilte hinüber und tippte ihr auf die Schulter.

Sia sah angespannt aus, die Augenbrauen fest zusammengezogen.

„Hey, was ist los?“ fragte ich und bemerkte die Anspannung in ihrem Gesicht.

Sia stieß einen schweren Seufzer aus. „Vanessa hat gerade etwas im Schulblog gepostet“, sagte sie mit leiser und besorgter Stimme. „Sie behauptet, ein neues Mädchen versucht, ihren Freund zu stehlen. Und wegen dem, was du mir gestern erzählt hast, dass du in Michael reingerannt bist, kurz bevor Vanessa aufgetaucht ist... Ich glaube, sie könnte über dich reden.“

Ich sah Sia an, halb belustigt, halb ernst. Warum sollte ich den Freund von jemand anderem stehlen? Jemand wie ich hat keine Chance gegen sie. Sie hat alles – Schönheit, Status und einen perfekten Freund dazu. Warum sollte sie Angst haben, dass ihr jemand das wegnimmt?

„Sia, ich bin nicht die einzige neue Schülerin hier. Es gibt auch andere, die dieses Jahr dazugekommen sind, also bin ich es wahrscheinlich nicht“, sagte ich und versuchte, sie zu beruhigen. Aber tief in mir zog sich ein Knoten des Unbehagens zusammen. Die Art, wie Michael mich angesehen hatte und wie schnell Vanessa aufgetaucht war... Vielleicht war es kein Zufall.

Sia war nicht überzeugt. „Diana, Michael schaut kaum jemanden an und er redet definitiv nicht mit neuen Schülern. Außerdem, das Timing von Vanessas Post? Es war direkt nachdem sie dich in seiner Nähe gesehen hat.“ Sie tippte auf ihren Handybildschirm. „Schau, ich zeige dir den Post.“

Sia zog den Schulblog hoch und reichte mir ihr Handy. Da war ein verschwommenes Foto von Michael und mir, wie wir in der Cafeteria eng beieinander standen, kurz bevor Vanessa hereinkam. Die Bildunterschrift war in großen, wütenden Buchstaben:

> HÖRT AUF, MEINEN MANN STEHLEN ZU WOLLEN! Irgendein neues Stipendien-Mädchen denkt, sie kann immer wieder in Michael reinlaufen und ihn stehlen? Denkt nochmal nach. Er gehört Micky! Bleibt in eurer Spur.

Mir gefror das Blut. Das Bild war verzerrt – es sah so aus, als würden wir uns küssen, und nicht über ein vergessenes Handy streiten. Und der Kommentar „Stipendien-Mädchen“ war ein klarer Seitenhieb auf mich.

Ich atmete langsam aus und gab das Handy zurück, mein Gesicht brannte vor Verlegenheit und Wut.

„Das ist Zoyas Taktik“, sagte Sia. „Sie mag keine Konkurrenz, besonders wenn es um Michael geht. Jetzt wird jeder in der Schule annehmen, dass du die Schuldige bist.“

„Wie kompliziert“, murmelte ich und zwang mir ein Lachen auf, als das Unbehagen über mich hereinbrach.

Genau in diesem Moment klingelte die Morgenglocke, die den Beginn der ersten Stunde signalisierte. Wir rannten hinein.

Als ich ins Klassenzimmer ging, hatte sich die Atmosphäre verändert. Statt der üblichen freundlichen Blicke starrten die Leute und flüsterten offen. Neugierige Augen. Misstrauische Blicke. Einige waren sogar feindselig. Das Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.

Ich rutschte auf den Platz neben Sia und versuchte so zu tun, als würde mich der Klatsch nicht berühren.

Momente später schlenderten Michael und seine Freunde herein. Michaels Augen schweiften durch den Raum und landeten für einen Sekundenbruchteil auf mir. Sein Ausdruck war undurchschaubar, keine Wut, kein Flirt, nur leer. Wahrscheinlich ließ ihn das Gerücht kalt. Er sah ärgerlich ruhig aus.

Seine Freunde rutschten auf ihre Plätze. Er ging an mir vorbei und setzte sich, ohne einen Blick zu werfen. Normalerweise war seine Anwesenheit schwer, sogar erstickend. Aber diese Stille, diese absichtliche Vermeidung, war genauso scharf. Es fühlte sich an, als würde er sich distanzieren und Vanessas Behauptungen nur dadurch bestätigen, dass er mich ignorierte.

Sia lehnte sich vor und flüsterte und stupste mich sanft an. „Er tut so, als wäre nichts passiert. Er wird nicht eingreifen und er wird dich definitiv nicht verteidigen. Du musst das auch ignorieren.“

Der Professor begann mit der Vorlesung, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Jedes Flüstern, jeder Blick ließ meine Wangen brennen. Die Wahrheit war, Michaels kaltes Schweigen schmerzte mehr als seine frühere Unhöflichkeit. Es gab mir das Gefühl, dass ich nichts weiter als ein kleines Ärgernis war, das er abwischen musste.

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