Home / Romantik / Seine Wärme / Kapitel 4 : Die geheime Akte

Share

Kapitel 4 : Die geheime Akte

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-23 04:41:58

Théo

---

Ich habe nicht geschlafen.

Die ganze Nacht habe ich die Worte des Richters in meinem Kopf gewendet und gedreht. Weil ich es so will. Was bedeutet das? Welche Macht hat er über meinen Vater? Warum sagt er mir das? Warum sieht er mich so an?

Um Punkt 14 Uhr stehe ich wieder vor seiner Tür. Ich klopfe. Keine Antwort. Ich warte eine Minute, zwei. Ich klopfe erneut. Nichts. Ich wage es, die Klinke herunterzudrücken, leise, wie ein Dieb. Die Tür öffnet sich geräuschlos.

Das Büro ist leer. Die Lampe auf dem Schreibtisch brennt und schafft einen Lichtkreis in der Dämmerung. Und ein Stuhl wurde neben den Sessel des Richters gestellt, nicht gegenüber. Ein intimer Stuhl, nah, fast ehelich.

Ich bleibe stehen, weiß nicht, was ich tun soll, betrachte diesen Stuhl, der auf mich zu warten scheint, der etwas zu sagen scheint, was ich noch nicht verstehe. Die Minuten vergehen. Zehn. Zwanzig. Ich fange an zu glauben, dass er mich versetzt hat, dass er ein Spiel mit mir treibt, als plötzlich die Tür hinter mir aufgeht.

Ich drehe mich um. Er ist es. Er trägt diesmal seine Robe, richterliches Schwarz, beeindruckend, fast beängstigend in dieser Kleidung, die ihn noch größer macht, die ihm absolute Autorität verleiht. Er schließt die Tür hinter sich, langsam, das Klicken des Schlosses hallt in der Stille wider.

— Sie sind da. Gut. Setzen Sie sich.

Er zeigt auf den Stuhl neben seinem Sessel. Ich gehorche, setze mich, unbehaglich, so nah zu sein, die Wärme seines leeren Sessels neben mir zu spüren. Er nimmt seinerseits Platz, legt einen Stapel Dokumente auf den Schreibtisch und wendet sich dann mir zu. Er ist so nah, dass ich ihn berühren könnte, dass ich spüre, wie sein Parfum mich umhüllt.

— Heute, Théo, werde ich Ihnen etwas zeigen. Was niemand je gesehen hat.

Er öffnet eine Schublade seines Schreibtischs, holt eine dicke Akte heraus, an manchen Stellen vergilbt, abgegriffen von der Handhabung. Er legt sie vor mich hin, auf den Schreibtisch, in meine Reichweite.

— Öffnen Sie.

Meine Finger zittern, als ich den Bund öffne. Innen: offizielle Dokumente, Kontoauszüge, unterzeichnete Zeugenaussagen, graphologische Gutachten. Alles, was meinen Vater belastet. Ich blättere, das Herz zusammengeschnürt, jede Seite ein neuer Schmerz. Es ist erdrückend. Unterschriften, die der seinen ähneln, verblüffend in der Ähnlichkeit, Überweisungen auf Konten unter seinem Namen, kompromittierende E-Mails von seiner Adresse aus, Fotos von ihm vor Banken.

— Das ist eine Fälschung, sage ich. Das ist er nicht. Sehen Sie, hier, die Unterschrift ist zu perfekt, zu akkurat. Seine ist normalerweise entspannter.

— Natürlich ist es das nicht. Ich sagte Ihnen, ich weiß, dass er unschuldig ist.

— Aber dann... warum existieren diese Dokumente? Warum sind sie in Ihrer Akte?

Er sieht mich an, ein langer, eindringlicher, tiefer Blick, der in mein Innerstes zu dringen scheint.

— Weil ich sie erschaffen habe.

Die Welt hört auf, sich zu drehen. Die Zeit steht still. Mein Herz setzt für eine Sekunde aus, zwei Sekunden, eine Ewigkeit.

— Was?

— Die Unterschriften, die Überweisungen, die E-Mails, die Fotos. Ich habe alles fabriziert. Mit Hilfe einiger Komplizen, Experten, die perfekt imitieren können, Informatiker, die Beweise erschaffen können. Ihr Vater ist im Gefängnis, weil ich wollte, dass er dort ist.

Ich springe auf, der Stuhl fällt mit einem die Stille zerreißenden Krachen hinter mir um. Meine Fäuste ballen sich, mein ganzer Körper bebt vor Wut.

— Sie sind verrückt! Völlig verrückt! Warum? Warum einen Unschuldigen zerstören? Warum meine Familie zerstören?

— Beruhigen Sie sich, Théo. Setzen Sie sich.

— Nein! Ich werde alles enthüllen! Ich werde allen sagen, was Sie getan haben! Ich werde zur Presse gehen, zum Staatsanwalt, zum Justizminister!

Er rührt sich nicht, scheint nicht im Geringsten beunruhigt. Er begnügt sich damit, mich mit einer Art belustigtem Mitleid anzusehen, wie man ein Kind bei einem Wutanfall betrachtet.

— Und wer wird Ihnen glauben? Ein junger Anwalt ohne Erfahrung, ohne Beziehungen, ohne Beweise, gegen einen respektierten, dekorierten, verehrten Richter? Sie haben keinerlei Beweis für das, was ich sage. Diese Akte kann ich in einer Sekunde verschwinden lassen, verbrennen, zerfetzen, und niemand wird je etwas davon erfahren. Oder ich kann sie noch erweitern, Beweise hinzufügen, Zeugenaussagen, Gewissheiten. Wählen Sie Ihre Seite, Théo. Aber wählen Sie gut.

Ich bleibe stehen, zitternd vor Wut und Ohnmacht, die Fäuste so fest geballt, dass meine Nägel sich in die Handflächen bohren. Er hat recht. Ich kann nichts gegen ihn ausrichten. Ich bin nichts gegen ihn.

— Warum? bringe ich schließlich mit gebrochener Stimme hervor. Warum mein Vater? Was hat er Ihnen getan?

Er steht langsam auf, mit dieser für ihn typischen katzenhaften Anmut, und kommt auf mich zu. Er ist jetzt so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüre, warm, regelmäßig. Er ist so groß, dass ich den Kopf heben muss, um ihn anzusehen.

— Es war nicht Ihr Vater, den ich wollte, Théo. Sie waren es.

Ich weiche einen Schritt zurück, stoße an den Schreibtisch, kann nicht weiter zurückweichen. Ich bin gefangen, ihm zugewandt, Gefangener seines Blickes.

— Ich?

— Ich habe Sie gesehen, vor drei Monaten, auf einer Strafrechtskonferenz. Sie waren mit Ihren Kommilitonen zusammen, in der dritten Reihe. Sie haben das Wort ergriffen, um eine Frage zur Verjährung im Finanzwesen zu stellen. Und ich habe Ihren Mund gesehen. Die Art, wie er die Worte formte, wie er sich bei den Vokalen rundete, wie er sich zwischen den Sätzen befeuchtete, wie er sich öffnete, um Ihre Stimme hindurchzulassen. Ich habe seitdem nur noch daran gedacht. Drei Monate lang habe ich nur noch an Ihren Mund gedacht.

Ich bin starr vor Entsetzen. Starr und doch brennend, durchzuckt von widersprüchlichen Schauern. Und tief in mir etwas, das ich nicht benennen will, eine trübe, schändliche, uneingestehbare Regung.

— Also haben Sie... Sie haben meinem Vater eine Falle gestellt... für... für mich?

— Um Sie zu haben. Um Sie hierherzubringen, in dieses Büro. Damit Sie wiederkommen, Abend für Abend. Damit Sie mir zuhören. Damit Sie tun, was ich Ihnen sagen werde. Damit Ihr Mund endlich mir gehört.

Er geht zu seinem Schreibtisch zurück, öffnet eine andere Schublade, holt einen zweiten Stoß Dokumente heraus, noch dicker, noch offizieller.

— Und hier ist das, was ihn retten kann.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Seine Wärme    Kapitel 151 : Der erste Riss

    Er nähert sich mir mit langsamen, bedachten Schritten, wie man sich einem wilden Tier nähert, das man nicht erschrecken will. Er bleibt einen Meter entfernt stehen, gerade nah genug, dass ich die Wärme seines Körpers spüre, gerade weit genug, dass ich noch atmen kann. Seine Augen lassen die meinen nicht los, und ich spüre mein Herz unter seinem Blick rasen wie das eines ertappten Teenagers. – Ihr Vorname, sagt er sanft. Ihr richtiger Vorname. Nicht der, den alle kennen, nicht der aus den Wirtschaftsmagazinen und Aufsichtsräten. Der, den Ihre Mutter Ihnen gab, als Sie ein Kind waren. – Sie kennen ihn bereits, Sie haben es gestern selbst gesagt. – Dann sagen Sie ihn mir noch einmal. Hier. Jetzt. Wie ein Geschenk. Die Stille zwischen uns dehnt sich, schwer, brennend, beladen mit allem, was wir nicht sagen. Meine Kehle schnürt sich zu. Meine Hände werden feucht. Meine

  • Seine Wärme    Kapitel 150 : Die Ausnahme 2

    Der Name trifft mich wie eine Ohrfeige. Alessandro. Mein Ex-Mann. Der Mann, der mich fast zerstört hat. Der Mann, der mich gelehrt hat, dass Liebe eine Waffe ist und Intimität eine Schwäche. – Das ist nicht dasselbe, sage ich, die Stimme angespannt. – Es ist immer dasselbe. Bei Ihnen gibt es nie eine Ausnahme. Es gibt das Protokoll oder das Chaos. Und Sie haben das Chaos gewählt. Wieder einmal. Ich stelle das Glas mit mehr Kraft als nötig auf den Schreibtisch. Das Kristall trifft auf das kostbare Holz mit einem trockenen Geräusch. Ich denke an Livio. An seine Augen. An seine Stimme, als er meinen Vornamen sagte. An diese wahnsinnige Herausforderung, die er mir entgegenschleuderte wie einen Handschuh. Ich komme jeden Abend wieder, bis Sie sich fallen lassen. – Ich bitte Sie, nicht einzugreifen, sage ich schließlich und drehe mich um, um Maliks schwarzem Blick zu begegnen. Lassen Sie ihn he

  • Seine Wärme    Kapitel 149 : Die Ausnahme 1

    Malik hat die Gabe, in mir zu lesen wie in einem offenen Buch. Das ist zugleich seine größte Qualität und sein größter Fehler. Er kennt meine Schweigen, meine Fluchten, meine Feigheiten. Er ist der Hüter meiner Geheimnisse, der stumme Zeuge meines Abstiegs in die Hölle, der Einzige, der sich an den Mann erinnert, der ich war vor Alessandro. Und manchmal, immer häufiger in den letzten Monaten, überrasche ich in seinem Blick einen Schimmer, der nichts Professionelles hat. Eine Besorgnis, die den Rahmen seiner Pflichten sprengt. Eine Hingabe, die mich ebenso erschreckt wie beruhigt, weil ich weiß, was sie verbirgt. – Alles ist gut, sage ich, die Stimme trockener, als ich möchte. – Sie lügen. Sie lügen immer, wenn Sie sich weigern, mich anzusehen. Ich drehe mich schließlich zu ihm um. Sein Gesicht ist undurchdringlich, aus Granit gehauen, aber seine schwarzen Augen glühen mit einer Intensität, die mich unbehaglich mac

  • Seine Wärme    Kapitel 148 : Die Weigerung 4

    Im verlassenen Korridor lehne ich mich an die mit beigem Stoff bespannte Wand und schließe die Augen. Mein Herz schlägt wild gegen meine Rippen. Meine Beine drohen unter mir nachzugeben. Was habe ich gerade getan, verdammt? Ich habe einhundertzwanzigtausend Euro abgelehnt. Ich habe einen zerbrochenen Milliardär herausgefordert, der mich mit einem Fingerschnippen verschwinden lassen könnte. Ich habe das Leben meiner Mutter auf eine Intuition gewettet, auf einen Riss in einem Blick, auf einen Vornamen, in einem Hauch dargeboten. Ich bin völlig verrückt, erzverrückt, ein Fall für die Anstalt. Aber zum ersten Mal seit Monaten, seit Mama ins Krankenhaus eingeliefert wurde, seit sich die Rechnungen auf dem Küchentisch stapelten, seit ich diesen Termin mit der Agentur annahm, fühle ich mich lebendig. Völlig, intensiv, schmerzhaft lebendig. Raphaël Delacroix Ich hätte ihm meinen Vornamen nicht geben dürfen. Ich hätte ihn nicht

  • Seine Wärme    Kapitel 147 : Die Weigerung 3

    Die Stille, die folgt, ist ohrenbetäubend, schwindelerregend, als hätte die Welt aufgehört sich zu drehen. Er starrt mich an mit brennender Intensität, und ich halte seinem Blick stand, ohne zu blinzeln, ohne die Augen zu senken, ohne mich zu entziehen. Wir sind einen Meter voneinander entfernt, getrennt durch einen Abgrund ungesagter Dinge und gebrochener Regeln, und keiner von uns bewegt sich. – Gehen Sie, sagt er schließlich, und seine Stimme ist rau, krächzend. Nehmen Sie das Geld und gehen Sie. Vergessen Sie diese Nacht. Vergessen Sie mich. – Nein. – Ich befehle es Ihnen. – Sie sind nicht mein Chef. Sie sind nicht mein Herr. Sie sind ein Mann, der Angst hat, und ich bin zu dumm, um Angst vor Ihnen zu haben. Er öffnet den Mund, um zu erwidern, aber ich lasse ihm keine Zeit. Ich hole tief Luft und lasse heraus, was ich auf dem Herzen h

  • Seine Wärme    Kapitel 146 : Die Weigerung 2

    Ich setze mich im Bett auf. Das Zimmer ist bei Tageslicht immens, mit einem unpersönlichen Luxus eingerichtet, der nach Geld und Abwesenheit von Leben riecht, nach Geld und Einsamkeit, nach Geld und Verzweiflung. Abstrakte Gemälde an den Wänden, Leinwände, wahrscheinlich unbezahlbar, die nichts darstellen, geometrische Formen, die keine Geschichte erzählen. Designmöbel mit klaren Linien, schön und kalt wie Eisskulpturen. Ein Teppich so dick, dass meine Schritte darin versinken wie im Sand. Alles ist schön, alles ist teuer, alles ist leer. Alles ist wie das Ebenbild des Mannes, der diese Suite bewohnt. Und dann sehe ich sie. Den Umschlag. Er liegt auf der Konsole neben der Tür. Genau wie er es gesagt hatte. Genau wie es das Protokoll verlangt. Ein weißer, dicker Umschlag, ohne Beschriftung, ohne ein Wort, ohne ein Zeichen. Ich weiß, was er enthält. Ich weiß, wie viel er enthält. Einhundertzwanzigtausend Euro. Der Preis einer Nacht. Der Preis eines Lebens

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status