LOGINEr fixiert mich mit einer neuen Intensität, seine haselnussbraunen Augen plötzlich dunkler, tiefer. Er streckt die Hand über den Tisch und legt sie auf meine. Die Berührung seiner Haut wirkt auf mich wie eine Brandwunde.— Es tut mir leid, Raphaël. Wirklich. Wenn ich gewusst hätte, dass ich dir so viel Leid zufügen würde, wäre ich nie so gegangen.— Du lügst. Du wusstest genau, was du tust. Du hast es immer gewusst.— Vielleicht. Aber heute lüge ich nicht. Heute möchte ich nur… die verlorene Zeit aufholen. Nicht unbedingt als Liebhaber. Aber als Freunde. Wiederfinden, was wir hatten, bevor alles kippte.— Das ist nicht möglich. Das wird nie möglich sein.— Warum? Weil du in deinen kleinen Künstler verliebt bist?Die Frage überrumpelt mich. Bin ich in Livio verliebt? Der Gedanke durchfährt mich zum ersten Mal, blitzartig, erschreckend. Ich denke an seine bernsteinfarbenen Augen, an seine farbverschmierten Finger, an seinen Mund, der es gewagt hat, meine Regeln herauszufordern. Ich denk
Raphaël DelacroixDie Tour d'Argent hat sich nicht verändert. Dieselben dunklen Täfelungen, dieselben gestärkten weißen Tischdecken, dieselben Kristalllüster, die ein gedämpftes Licht auf die steinreichen Gäste verbreiten. Der Blick auf Notre-Dame ist immer noch spektakulär, die Seine, die sich zwischen den Quais wie ein Silberband unter dem Mond schlängelt. Hier hat Alessandro mir vor sieben Jahren einen Heiratsantrag gemacht. Hier hat er mir einen Ring mit blauem Diamanten angeboten und gesagt, er wolle den Rest seines Lebens mit mir verbringen, vor all diesen Fremden, die uns mit einer Mischung aus Neugier und Wohlwollen betrachteten. Ich hätte an jenem Abend wissen müssen, dass die schönsten Kulissen die schlimmsten Verrätereien beherbergen. Ich hätte begreifen müssen, dass dieser Mann eine in Seide gehüllte Schlange war, ein als Prinz Charming verkleideter Räuber.Aber ich war blind. Ich war verliebt. Und heute Abend, sieben Jahre später, sitze ich am selben Tisch, demselben Mann
Meine Hände zittern. Nicht vor Wut. Vor Verlangen. Ein frustriertes, verdrängtes Verlangen, das keinen anderen Auslass hat als die Dunkelheit meiner einsamen Nächte. Ich öffne meinen Gürtel mit langsamen, resignierten Gesten. Mein Geschlecht ist hart, schmerzhaft, geschwollen von einem Saft, den niemand je trinken wird. Ich schließe die Augen, und sofort prägt sich sein Gesicht unter meine Lider. Seine eisigen Augen. Seine tiefe Stimme. Seine Hände auf meinen Schultern, wenn er mir einen Befehl gibt. Sein Parfüm, wenn er an mir vorbeigeht.Ich streichle mich langsam, achte darauf, leise zu bleiben, wie jede Nacht, wie ein Dieb, der sich versteckt, um seinen Diebstahl zu begehen. Mein Geist schweift umher, webt verbotene Fantasien, die ich nie laut aussprechen werde. Ich stelle mir vor, dass er mich berührt, er mich streichelt, er meinen Namen in der Dunkelheit flüstert. Malik. Nicht „Herr Diallo". Nicht „mein Sicherheitschef". Malik. Einfach Malik, wie ein Liebhaber, wie ein Gleichges
Malik DialloDer Kontrollbildschirm zeigt die Präsidentensuite in Echtzeit. Sechs verschiedene Winkel. Sechs hochauflösende Kameras, die keine Schattenzone lassen, keinen toten Winkel, keinen Winkel, in dem die Intimität meiner Wachsamkeit entgehen könnte. Ich war es, der dieses System vor vier Jahren installieren ließ, als Raphaël mit seinen käuflichen Nächten begann, als ich begriff, dass er sich in einer Spirale der Selbstzerstörung verlieren würde und dass niemand außer mir da sein würde, um ihn vor sich selbst zu schützen. Offiziell dienen diese Kameras seiner Sicherheit. Offiziell überwache ich die Ein- und Ausgänge, ich prüfe, dass die Escorts nichts stehlen, ihn nicht betäuben, ihn nicht bedrohen. Offiziell bin ich ein gewissenhafter und loyaler Sicherheitschef.Inoffiziell bin ich ein besessener Mann, der seine Nächte damit verbringt, den Mann zu beobachten, den er liebt, wie er Fremde vögelt.Kamera Nummer drei zeigt mir den Salon. Raphaël steht vor der Glasfront, ein Glas W
Er atmet schnell und abgehackt, wie ein Ertrinkender, der verzweifelt nach Luft schnappt. Seine Hände legen sich auf meine Hüften, nicht um mich an sich zu ziehen, sondern um mich wegzustoßen. Doch er stößt mich nicht fort. Seine Finger bleiben dort, verkrampft und zitternd, unfähig, sich zwischen Verlangen und Angst zu entscheiden.„Küss mich nicht“, flüstert er. „Niemals. Keine Küsse. Niemals.“Ich küsse ihn.Meine Lippen legen sich mit unendlicher Sanftheit auf seine, beinahe wie bei einem heiligen Ritual.Er erstarrt vollkommen. Sein ganzer Körper wird unter meinen Fingern zu Stein. Seine Lippen bleiben geschlossen, reglos, als hätte er vergessen, wie man küsst. Als hätte ihn seit einer Ewigkeit niemand mehr geküsst.Doch ich ziehe mich nicht zurück.Ich bleibe einfach da, meinen Mund auf seinem, die Augen geschlossen, meinen Atem mit seinem vermischt.Und dann bricht etwas in ihm.Seine Finger graben sich mit verzweifelter Gewalt in meine Hüften. Seine Lippen öffnen sich, und sei
Livio MorettiDie dritte Nacht beginnt wie die zweite, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. Diesmal weiß ich, dass sich etwas in ihm verändert hat. Ich sehe es sofort, als sich die Tür öffnet. Seine Augen sind dunkler, von einer Müdigkeit umschattet, die nichts Körperliches an sich hat. Seine Schultern hängen tiefer, als laste ein unsichtbares Gewicht auf ihnen. Seine Bewegungen sind abgehackter, nervöser. Er hat noch nichts getrunken, aber ich ahne, wie sehr es ihn danach verlangt, dass der Whisky sein Zufluchtsort ist und er mit aller Kraft dagegen ankämpft, sich nicht sofort darin zu verlieren.„Guten Abend, Livio.“Zum ersten Mal spricht er meinen Namen aus. Kein „Sie“. Kein „der Escort“. Mein Name. Livio. Und dieses eine Wort aus seinem tiefen, rauen Mund lässt mich stärker erschauern als jede Berührung in der vergangenen Nacht.Ich trete ein, schließe die Tür hinter mir und betrachte ihn schweigend. Etwas stimmt nicht. Heute ist etwas Ernstes passiert, und er wird nich







