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Kapitel 3 : Die erste Vorladung 2

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-23 04:41:09

Er sieht mich weiter an.

Ich senke den Blick, hebe ihn wieder, senke ihn erneut, wie ein Tier, gefangen in zu grellem Licht. Er ist reglos, vollkommen reglos, wie eine Statue, wie ein lauerndes Raubtier. Nur seine Augen bewegen sich, wandern mit methodischer Langsamkeit über mein Gesicht, verweilen auf meinen Lippen, meinen Augen, meinem Hals, meinen Schultern, meinen Händen, kehren unablässig zu meinem Mund zurück.

Fünf Minuten. Zehn Minuten. Ich verliere das Zeitgefühl. Mein Nacken beginnt zu schmerzen vom starren Verharren. Meine Hände sind feucht auf meinen Oberschenkeln, ich spüre den Schweiß an meinen Schläfen perlen, langsam meinen Rücken hinunterlaufen, ein Tropfen, der eine brennende Spur entlang meiner Wirbelsäule zieht.

Endlich spricht er.

— Sie haben einen sehr schönen Mund, Théo.

Seine Stimme ist neutral, unverbindlich, als kommentiere er das Wetter oder meine Haarfarbe. Ich zucke zusammen, falle beinahe vom Stuhl.

— Wie bitte?

— Ihr Mund. Er ist ausdrucksstark. Er sagt alles, was Sie nicht sagen. In diesem Moment zittert er leicht, der linke Winkel senkt sich unmerklich. Sie haben Angst, aber Sie weigern sich, es zuzugeben. Sie pressen Ihre Lippen aufeinander, um sie daran zu hindern, Ihre Gefühle zu verraten, aber sie zittern trotzdem. Es ist faszinierend.

Ich bleibe sprachlos, den Mund dumm geöffnet, den ich sofort wieder schließe, als mir klar wird, dass er mich beobachtet. Was soll das für ein Verhör sein? Warum spricht er von meinem Mund?

— Ich bin nicht gekommen, um über meinen Mund zu sprechen, Herr Richter. Ich bin wegen meines Vaters gekommen.

Er neigt leicht den Kopf, eine kaum wahrnehmbare Bewegung, als nähme er meine Erwiderung zur Kenntnis, als schätze er meinen Widerstand ein.

— Ihr Vater. Jacques Delmas. Finanzmanager, zweiundfünfzig Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Sie und Ihre Schwester Isabelle.

— Ja. Er ist unschuldig.

Er lächelt. Ein kaum angedeutetes Lächeln, ein Zucken der Lippen, das jedoch seine Augen in einem gefährlichen Schimmer aufleuchten lässt.

— Sie sind alle unschuldig, Théo. Das sagen sie alle.

— Er nicht. Ich kenne ihn. Er ist mein Vater.

— Sie kennen ihn. Natürlich. Väter sind immer Helden für ihre Söhne. Bis zu dem Tag, an dem sie es nicht mehr sind.

Sein Ton ist ironisch, fast grausam, ein Anflug von Verachtung in der Stimme. Ich spüre Wut in mir aufsteigen, heiß, rot, heftig.

— Sie kennen ihn nicht. Sie wissen nichts über ihn.

Ich stehe auf, bereit zu gehen, die Tür zuzuschlagen, vor diesem mich verbrennenden Blick zu fliehen. Doch seine Stimme nagelt mich an Ort und Stelle fest, lässt mich mitten in der Bewegung erstarren.

— Setzen Sie sich.

Zwei Worte. Nur zwei Worte. Aber der Ton hat sich verändert. Es ist keine Anregung mehr, es ist ein absoluter Befehl, eine unwiderrufliche Autorität. Mein Körper gehorcht, noch bevor mein Gehirn entscheiden konnte, meine Beine geben nach, ich setze mich schwerfällig wieder hin, wütend auf mich selbst, auf meine Schwäche, auf diese unfreiwillige Unterwerfung.

Er steht seinerseits auf, langsam, mit katzenhafter Anmut, geht um seinen Schreibtisch herum. Er ist wirklich groß, das wird mir jetzt voll bewusst. Nahezu einen Meter neunzig, eine athletische Statur unter dem Anzug verborgen, breite Schultern, eine schmale Taille, kräftige Hände. Er nähert sich meinem Stuhl, bleibt einen Meter vor mir stehen, nicht näher. Ich rieche sein Parfum, holzig, würzig, betörend, mit einer Note von Leder und etwas Animalischerem, Roherem. Mein Herz rast.

— Théo. Ich weiß, dass Ihr Vater unschuldig ist.

Ich hebe die Augen zu ihm, verblüfft, ungläubig. Meine Lippen öffnen sich leicht, kein Laut kommt heraus.

— Ich weiß, dass er von seinen Kollegen hereingelegt wurde. Ich weiß, dass er dieses Geld nie angerührt hat. Ich weiß das alles seit dem ersten Tag.

— Aber warum... warum ist er dann im Gefängnis?

— Weil ich es so will.

Der Schock ist so heftig, dass ich mit offenem Mund dasitze, erstarrt, unfähig zu reagieren. Er sieht mich an, und dieses Mal ist ein anderes Leuchten in seinen Augen. Ein Leuchten von Hunger, von Begierde, von Besitzanspruch. Ein Leuchten, das mich durch und durch fährt.

— Ich verstehe nicht...

— Sie werden bald verstehen. Nicht jetzt. Fürs Erste gehen Sie nach Hause. Ruhen Sie sich aus. Sie sehen erschöpft aus, Ihre Augen sind umschattet, Ihre Haut ist blass. Morgen, zur selben Zeit. Dann werden wir über Ihren Vater sprechen. Wirklich.

Er geht hinter seinen Schreibtisch zurück, setzt sich mit derselben katzenhaften Anmut, nimmt seine Akten wieder auf, als wäre ich nicht mehr da, als wäre unser Gespräch beendet, als existierte ich nicht mehr. Die Anhörung ist beendet.

Ich stehe auf, benommen, zitternd, und verlasse das Zimmer ohne ein weiteres Wort. Im Korridor lehne ich mich an die Wand, atemlos, das Herz rast. Was ist gerade passiert? Wer ist dieser Mann? Was will er von mir?

Ich gehe wie in einem Nebel nach Hause, durchquere die Straßen, ohne sie zu sehen, weiche Passanten wie durch ein Wunder aus. Meine Mutter erwartet mich, das Gesicht voller Sorge.

— Und? Wie ist es gelaufen?

Ich lüge. Ich sage, der Richter sei verständnisvoll gewesen, er werde die Akte prüfen, man müsse Geduld haben. Sie weint vor Freude, drückt mich in ihren Armen. Ich halte sie ebenfalls, aber meine Gedanken sind woanders, tausend Kilometer entfernt, in einem düsteren Büro, grauen Augen gegenüber.

In dieser Nacht schlafe ich nicht. Ich starre an die Decke, und ein einziger Gedanke kreist in einer Schleife in meinem Kopf: morgen. Morgen werde ich es wissen.

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