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Kapitel 2

Penulis: BUCHANAN
Rebels Sicht

Heute hatte ich ausnahmsweise frei. Voller Vorfreude machte ich mir Sandwiches mit der Rinderbrust, die ich Anfang der Woche geräuchert hatte. Ich räucherte Fleisch gern selbst, aber meine Familie hielt das für nicht fein genug und unter ihrem Stand. Als Tochter eines Betas hatte ich einen ausgesprochen gesunden Appetit. Mein Vater trainierte heimlich mit mir, deshalb war ich ziemlich kräftig. Auf dem Trainingsplatz durfte ich mich nicht blicken lassen, weil meine Familie sich für mich schämte. Ich konnte kämpfen und mich verteidigen, nur sah man es mir nicht an. Die anderen Wölfinnen waren schlank und schön, hatten sanfte Rundungen und wirkten trotzdem trainiert. Ich dagegen war mollig. Mit knapp 1,75 Metern und gut 82 Kilo passte ich nicht gerade ins gängige Schönheitsideal. Das störte mich nicht. Ich trainierte gern, aß aber ebenso gern. Beides gehörte für mich zum Leben. Offenbar fehlte mir das Wolfsgen, das die anderen mühelos in Form hielt. Ich war eben so gebaut, und dafür gab es sicher einen Grund. Nur war bisher niemand klug genug gewesen, ihn zu erkennen.

Mein Aussehen war allerdings nicht der wichtigste Grund, weshalb ich weder den Trainingsplatz betreten noch mit den anderen trainieren durfte. Ich war das schmutzige kleine Geheimnis meines Vaters: seine uneheliche Tochter aus einer früheren Beziehung. Der ehemalige Beta des Eisenklauen-Rudels schämte sich für mich. Sein Ruf bedeutete ihm mehr als seine erste Tochter. Meine Halbschwester Rachel behandelte er natürlich ganz anders. Sie durfte zur Schule gehen, Freundschaften schließen, gemeinsam mit Gleichaltrigen lernen, an Ausflügen teilnehmen und all die Freiheiten genießen, die für junge Welpen selbstverständlich waren. Mir hatte mein Vater nur Lesen, Schreiben und die Grundlagen der Mathematik beigebracht. Anschließend gab er mir Bücher, aus denen ich mir selbst so viel Wissen wie möglich aneignen sollte.

Heute wollte ich ohnehin nur Gitarre spielen und allein picknicken. Roxie, meine Wölfin, musste endlich wieder raus. Weil meine Familie den schönen Schein wahren wollte, konnte ich mich nur selten verwandeln und ihr freien Lauf lassen. Das machte mich traurig, aber ich ließ mich davon nicht unterkriegen. Ich musste mich einfach weiter stark geben, bis ich mich irgendwann wirklich so fühlte. Ich packte die Sandwiches, zwei Brownies mit Salzkaramell, einige Erdbeeren und mehrere Flaschen Wasser in meinen Rucksack und machte mich auf den Weg in den Wald. Roxie wollte zum See, was mir nur recht war. Der Tag war herrlich. Sonne, frische Luft und gutes Essen – das klang nach einem perfekten Nachmittag für uns beide.

„Und ob!“ Roxie kicherte. Sie liebte unsere freien Tage. Leider bekamen wir nur einen im Monat. An allen anderen Tagen kochten, putzten und trainierten wir. Meine Stiefmutter Jules konnte mich nun einmal nicht ausstehen. Mein Vater Harris war mit meiner Mutter zusammen gewesen, bevor er seiner Schicksalsgefährtin begegnete. Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Mein Vater wollte mich nicht im Stich lassen und nahm mich bei sich auf. Als ich zwei war, begegnete er seiner Schicksalsgefährtin, meiner späteren Stiefmutter. Jules wollte mich loswerden. Harris weigerte sich, weil er sich für mich verantwortlich fühlte – nicht etwa, weil er mich liebte oder bei sich haben wollte. Später bekamen mein Vater und Jules meine Halbschwester Rachel. Beide vergötterten sie. Mich betrachtete mein Vater dagegen lediglich als Verpflichtung, und Jules nutzte das schamlos aus. Sie erklärte mich für unerwünscht. Da ihr Gefährte jedoch verpflichtet war, für mich zu sorgen, durfte ich auf dem Dachboden bleiben – sofern ich den Omegas beim Kochen und Putzen half. Zusätzlich musste ich Rachel bedienen und ihr jeden Wunsch erfüllen. Als ich zehn war, musste ich mein Zimmer räumen, damit Rachel einen begehbaren Kleiderschrank bekam. Mein Vater ließ für mehrere Tausend Dollar eine Maßanfertigung einbauen. Meine Sachen warf man in Kartons und brachte sie auf den Dachboden. Seitdem war er mein Zuhause.

Wenn andere mich zu Gesicht bekamen, gab mein Vater mich als sein Mündel aus. So musste er mich weder als seine Tochter anerkennen noch mir dieselben Rechte und Vorteile gewähren wie Rachel. Im Laufe der Jahre behandelte meine Schwester mich nicht länger wie eine Schwester, sondern nur noch wie eine Bedienstete. Jules behandelte mich wie Dreck, beschimpfte und erniedrigte mich bei jeder Gelegenheit. Sie setzte alles daran, mir zu zeigen, dass ich unerwünscht war. Irgendwann machte Rachel es ihr nach. Früher hatte ich die Mondgöttin angefleht, mich von hier fortzuholen, aber meine Bitten blieben unerhört. Mit der Zeit passte ich mich an. Ich ging Jules und Rachel aus dem Weg und hielt mich verborgen, weil ich für meine Familie eine Schande war. Jeden Morgen trainierte mein Vater heimlich mit mir, damit er sich auf dem öffentlichen Trainingsplatz nicht mit seiner molligen, unehelichen und unerwünschten Tochter zeigen musste. Schließlich rang ich ihm einen freien Tag im Monat ab, an dem ich mich erholen und an die frische Luft gehen konnte. Sehr zum Ärger meiner Stiefmutter willigte er ein. Dieser eine Tag in völliger Abgeschiedenheit schenkte mir jeden Monat ein wenig Ruhe und inneres Gleichgewicht. Davon zehrte ich, wenn ich anschließend wieder einen ganzen Monat lang von morgens bis spätabends arbeiten musste.

Nun saß ich am See, aß allein zu Mittag, spielte Gitarre und genoss die Ruhe. „Rebel, ich glaube, wir sind nicht allein“, sagte Roxie. Sie wurde unruhig. „Spürst du Gefahr, Rox?“ Ich legte die Gitarre beiseite, sah mich aufmerksam um und lauschte. Plötzlich stieg mir ein intensiver, herrlicher Duft in die Nase: frisch gemähtes Gras und Zedernholz. Ich drehte mich um – und sah Alpha Cullen. Da schrie Roxie: „GEFÄHRTE!“

Ich lächelte unwillkürlich. So aufgeregt war ich noch nie gewesen. Mein Schicksalsgefährte! Die Mondgöttin hatte ausgerechnet Cullen für mich bestimmt. Rachel schwärmte ständig davon, wie gut er aussah und wie freundlich er zu allen war. Sie hatte sogar Fotos von ihm in ihrem Zimmer und träumte dauernd von ihm. Seit Langem buhlte sie um seine Aufmerksamkeit, obwohl ihr achtzehnter Geburtstag erst in der kommenden Woche bevorstand. Ich dagegen war bereits dreiundzwanzig. Da ich das Haus nie verlassen durfte und meinen einzigen freien Tag stets allein verbrachte, war ich meinem Gefährten bisher nicht begegnet. Auf den Bildern wirkte Cullen längst nicht so attraktiv wie in Wirklichkeit.

Aus einem alten Buch, das mir mein Vater gegeben hatte, und aus den Erzählungen von Omegas, die ihre Gefährten bereits gefunden hatten, wusste ich, dass Schicksalsgefährten von der Mondgöttin füreinander bestimmt und zwei Hälften derselben Seele waren. Schicksalsgefährten sollten einander vervollständigen und bedingungslos lieben. Das glaubte ich gern. Mein Vater liebte mich vielleicht nicht und wollte mich auch nicht, aber ich hatte oft gesehen, wie er Jules ansah. Seine Liebe zu ihr war bedingungslos. Als Kind hatte ich von einer solchen Liebe geträumt. Davon, geliebt, umsorgt und vor allem GEWOLLT zu werden. Ich hatte nie geglaubt, jemals so etwas zu erfahren. Umso unglaublicher war es, dass ausgerechnet Alpha Cullen mein Gefährte sein sollte.

Ich ging auf ihn zu, merkte aber sofort, dass er meine Begeisterung nicht teilte. In seinem Gesicht lagen Ekel und Wut. „Roxie? Bist du sicher, dass er unser Gefährte ist? Er freut sich gar nicht, uns zu sehen.“

„Ja! Er ist es! Geh zu ihm, Rebel! Ich will unseren Gefährten!“, jaulte sie aufgeregt.

Als ich einen Schritt auf ihn zumachte, hielt Cullen mich auf. „Bleib stehen. Das muss ein Irrtum sein. Mit jemandem wie … dir kann ich unmöglich verbunden sein.“

Mit einem Schlag waren meine Hoffnung und die kurze Vorfreude dahin. Er freute sich nicht, uns gefunden zu haben. Er wollte uns nicht. Roxie heulte vor Kummer, und mir traten Tränen in die Augen. „Jemandem wie mir?“, fragte ich.

„Ja. Sieh dich doch an. Kein Alpha will eine Luna, die so aussieht wie du. Dir fehlt jede Eleganz, deine Kleider sind alt, und hübsch bist du auch nicht. Mit ein paar Kilo weniger wärst du vielleicht gerade noch vorzeigbar. Die Mondgöttin muss sich geirrt haben. Ich kann dich unmöglich als meine Gefährtin annehmen. Wie heißt du überhaupt?“, höhnte er.

„Rebel Lawson“, brachte ich hervor. Ich wusste, was jetzt kam. Ich hatte gehört, dass Schicksalsgefährten einander nur selten zurückwiesen, der Schmerz dann aber entsetzlich war. Meine Lippen zitterten. Tränen brannten mir in den Augen. Ich wappnete mich für das Unvermeidliche.

„Bringen wir es hinter uns. Ich habe noch anderes zu tun. Nur damit das klar ist: Ich brauche eine starke und SCHÖNE Luna an meiner Seite. Ich, Cullen Niles, Alpha des Eisenklauen-Rudels, weise dich, Rebel Lawson, als meine Gefährtin und Luna zurück.“

Im selben Augenblick durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz meine Brust. Noch nie hatte ich etwas so Schlimmes gespürt. Vor Alpha Cullen ließ ich mir nichts anmerken. Ich erstarrte und zwang mich, keine Miene zu verziehen. Roxie heulte verzweifelt. Sie sehnte sich nach ihrem Gefährten, und seine Zurückweisung quälte sie ebenso sehr wie mich. Je eher ich sie annahm, desto eher konnten wir alles hinter uns lassen. „Ich, Rebel Lawson, nehme deine Zurückweisung an.“ Die Worte trafen uns wie ein Todesstoß. Ich sah, wie Alpha Cullen sich an die Brust griff und mehrmals tief Luft holte. Erst nach einigen Minuten richtete er sich wieder auf. Ich hatte mich noch immer nicht gerührt. Ich musste den Schmerz ertragen, bis Roxie und ich endlich allein waren. „Du wirst niemandem davon erzählen. Verstanden?“ Vor Schmerz brachte ich kein Wort heraus und nickte nur. „Gut. Niemand darf erfahren, dass ausgerechnet eine Wölfin wie du meine Gefährtin war.“ Damit wandte er sich ab und ging.

Ich kehrte zum See zurück und setzte mich neben meine Gitarre. Dort brach meine mühsam bewahrte Fassung endgültig zusammen. Ich presste eine Hand gegen die Brust und weinte stundenlang. Roxie war von der Zurückweisung so geschwächt, dass sie sich in den hintersten Winkel meines Bewusstseins zurückzog. Ihre Stimme drang nur noch schwach zu mir durch. Noch nie hatte ich mich so einsam gefühlt. Schicksalsgefährten sollten einander bedingungslos lieben. Alpha Cullen sollte mich beschützen, umsorgen und lieben. Doch hatte ich mich noch nie so unerwünscht und allein gefühlt.

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