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Kapitel 3

Author: BUCHANAN
Rebels Sicht

Zwei Monate. So lange lag meine Zurückweisung inzwischen zurück. Die erste Woche danach war die schlimmste gewesen. Meine Schwester wurde achtzehn, und für ihre Feier hatte man mir unzählige Aufgaben aufgebürdet: ihr Kleid säumen, das Abendessen planen, eine Torte backen, das Haus schmücken und noch vieles mehr. Am Tag von Alpha Cullens Zurückweisung schaffte ich es kaum nach Hause. Er war einfach gegangen, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Völlig entkräftet schleppte ich mich gut drei Kilometer bis zu meinem Zimmer auf dem Dachboden. Dort weinte ich noch lange und schlief viel später ein als sonst.

Mein Vater sah am nächsten Morgen, wie elend ich aussah. Die Ursache interessierte ihn zwar nicht, aber immerhin zwang er mich nicht zum Training. Stattdessen durfte ich weiterschlafen, bis ich mit der Hausarbeit beginnen musste. So bekam ich drei Stunden Ruhe, die ich dringend brauchte. Danach fühlte ich mich immer noch schwach. Trotzdem ging ich hinunter in die Küche und begann mit meiner Arbeit.

Seitdem verbrachte ich selbst meinen einzigen freien Tag allein auf dem Dachboden. Rachel war achtzehn geworden, hatte ihre Wölfin bekommen und die Aufmerksamkeit aller genossen. Ich blieb wie immer im Hintergrund. Nur ihren Schicksalsgefährten hatte sie noch nicht gefunden. Für mich stand fest: Wenn sie ihm eines Tages begegnet, wird er sie nicht zurückweisen. Er wird sie wollen, umsorgen und lieben. Dabei behandelte Rachel alle von oben herab, und trotzdem bemühten sich alle, ihr zu gefallen. Ich ertrug sie nur noch. Mit meiner eigenen Zukunft hatte ich mich längst abgefunden. Zweite Schicksalsgefährten waren selten, soweit ich wusste. Da ich mich nicht einmal öffentlich zeigen durfte, standen meine Chancen schlecht, jemals jemandem zu begegnen – selbst wenn die Mondgöttin es gut mit mir meinte. Wenigstens war Alpha Cullen nicht zu Rachels Geburtstagsfeier gekommen. Ihm im selben Raum gegenüberstehen zu müssen, hätte meinen Schmerz damals nur noch schlimmer gemacht.

Der Gedanke an die Zurückweisung und daran, womöglich für immer ohne Gefährten zu bleiben, machte mir immer mehr zu schaffen. Roxie erholte sich langsam. Als die Schmerzen nachließen, meldete sie sich wieder häufiger. Von ihrer früheren Frechheit war allerdings einiges verloren gegangen. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Auch in mir war ein Teil des alten Feuers erloschen. Ich war nicht mehr dieselbe. Dieser Tag hatte etwas in mir zerbrochen. Jedes bisschen Glück, jedes Stück Normalität war mir bisher wieder genommen worden. Eigentlich durfte es mich nicht überraschen, dass selbst mein Gefährte mich nicht wollte. Warum sollte sich jemand freiwillig für eine mollige, altmodisch gekleidete Wölfin entscheiden, wenn es Rachel und all die hübschen Wölfinnen im Rudel gab? Zumindest nahm ich an, dass sie alle hübscher waren als ich.

Ich schob die Gedanken beiseite und ging nach unten. Als ich die Treppe hinunterkam, erwartete meine Stiefmutter mich mit einem breiten Lächeln. Gleichzeitig wirkte sie auffallend hektisch. Offenbar war etwas passiert.

„Rebel! Gut, dass du da bist. Ich wollte dich gerade suchen.“ Jules verzog spöttisch den Mund und musterte mich mit säuerlicher Miene. Ich seufzte. „Was brauchst du, Jules?“

„Heute Abend erwarten wir einen ganz besonderen Gast. Alpha Cullen hat beschlossen, sich eine Gefährtin aus freier Wahl zu nehmen. Er lädt alle Frauen zum Essen ein, die er für würdig hält, seine Luna zu werden. Heute kommt er, um Rachel kennenzulernen. Also bereitest du ein außergewöhnliches Abendessen vor!“

Mir wurde schlagartig schwindelig. Das Zimmer drehte sich. „Alpha Cullen kommt heute Abend hierher?“ Er wollte sich eine Gefährtin aussuchen? Mein eigener Schicksalsgefährte hatte mich zurückgewiesen und kam nun zu meinem Vater und meiner Stiefmutter, um Rachel kennenzulernen. Nicht mich. Mehr Salz konnte man kaum in eine offene Wunde streuen. Machte die Mondgöttin sich einen Spaß daraus, mich leiden zu sehen?

Ohne dass ich es bemerkt hatte, war Jules dicht an mich herangetreten. „REBEL! HÖRST DU MIR ÜBERHAUPT ZU?“ Ihre Stimme holte mich aus meiner Benommenheit. „Ja, Jules. Entschuldige. Ich bereite etwas Besonderes vor.“ Mit Mühe hielt ich die Tränen zurück.

„Das will ich dir geraten haben. Sobald alles fertig ist und serviert werden kann, verschwindest du von hier. Ich will nicht, dass deine Anwesenheit Schande über unsere Familie bringt. Du gehst durch die Hintertür und kommst erst nach Mitternacht zurück. Dann hat Alpha Cullen genug Zeit, Rachels Gesellschaft zu genießen und anschließend in Ruhe wieder zu gehen.“

Da kam meine Halbschwester herein. Sie hatte Jules’ letzte Worte gehört und lachte. „Wenn es nach mir ginge, würdest du endgültig verschwinden. Alpha Cullen wird sich unsterblich in mich verlieben. Sobald er mich zu seiner Luna macht, lasse ich dich aus dem Rudel verbannen. Du ruinierst nur meinen Ruf – die fette, uneheliche Tochter des Rudelbetas.“

Dass sie mich fett nannte, verletzte mich längst nicht so sehr wie das Wort „unehelich“. Es tat weh, aber ich ließ mir nichts anmerken. Meine Augen hatten in den vergangenen Monaten vielleicht ihren Glanz verloren, aber Rachel sollte meinen Schmerz niemals sehen. „Wenigstens bin ich nicht bloß die Ersatzlösung des Alphas, Rachel. Er hat nicht genug Geduld, auf seine Schicksalsgefährtin zu warten, und gibt sich deshalb mit einer Gefährtin aus freier Wahl zufrieden. Fühlst du dich da wirklich geliebt, Rachel?“ Ich konnte mir die Spitze nicht verkneifen. Alpha Cullen hatte durchaus gewartet. Nur mich hatte er nicht gewollt. Nun begnügte er sich allein wegen ihres Aussehens mit einer anderen. Rachels Gesicht verzog sich vor Wut. Der Anblick war fast komisch. Ich wusste gar nicht, dass ein Gesicht sich so unnatürlich verziehen konnte.

„Wenigstens werde ich einen Gefährten haben und seine Markierung tragen. Wenn es nicht Alpha Cullen wird, dann eben ein hochrangiger Wolf. Und du, Rebel? Was kannst du schon vorweisen? Du bist fett und unehelich. Nicht einmal deine eigene Familie will dich als eine von uns anerkennen. Für uns bist du nichts als eine Schande. Du bist und bleibst eine Dienerin im Haus deines Vaters – und vor allem meine Dienerin!“

„GENUG!“ Mein Vater betrat den Raum und wirkte sichtlich verärgert. Kurz hoffte ich, er würde Rachel zurechtweisen, weil sie mich unehelich und eine Dienerin genannt hatte. Natürlich irrte ich mich. „REBEL! KANNST DU EIN EINZIGES MAL AUFHÖREN, DEN STREIT MIT DEINER SCHWESTER ANZUHEIZEN?“, brüllte er mich an. Fassungslos starrte ich ihn an. Ich hatte mich lediglich gegen ihre Beleidigungen gewehrt, und trotzdem nahm er sie in Schutz. „Alpha Cullen kommt heute Abend, um uns zu besuchen und Rachel kennenzulernen. Das ist nicht nur für sie eine große Chance, sondern für unsere ganze Familie. Fang endlich an zu putzen und das Essen vorzubereiten.“

„Du meinst wohl deine Familie. Mich hat hier noch nie jemand gewollt. Nicht einmal mein eigener Vater“, sagte ich ruhig. Ich wandte mich ab und ging in die Küche, bevor mir die Tränen kamen und die drei mich weiter beschimpfen konnten.

****

In der Küche erledigte ich die letzten Handgriffe. Bis zu Alpha Cullens Ankunft musste alles fertig sein. Es war kurz nach fünf, Alpha Cullen wurde um sechs erwartet. Der mit Ente und Hähnchen gefüllte Truthahn im Ofen war fast fertig. Dazu gab es gerösteten Rosenkohl mit Ahornsirup und Balsamico sowie Pilzrisotto mit weißem Trüffelöl. Außerdem hatte ich frische Brötchen gebacken. Zum Nachtisch hatte ich eine französische Apfeltarte mit selbst gemachtem Vanilleeis und Karamellsoße zubereitet. Obwohl die ganze Arbeit an mir hängen geblieben war, durfte ich nichts davon essen. Deshalb erklärte ich den Omegas, die an diesem Abend die Speisen anrichten und servieren sollten, genau, worauf sie achten mussten. Auch für den Nachtisch gab ich ihnen genaue Anweisungen. Da ich nicht wusste, ob Alpha Cullen lieber Kaffee oder Tee trank, stellte ich beides zum Aufbrühen bereit.

Anschließend bereitete ich mir etwas für unterwegs vor. Da ich beim Abendessen nicht dabei sein würde, musste ich unterwegs unbedingt etwas essen. Sonst hätte ich an diesem Tag überhaupt nichts gegessen. Seit dem Aufstehen war ich nur beleidigt und erniedrigt worden. Den restlichen Tag hatte ich ohne Pause an diesem Abendessen gearbeitet. Ich machte Sandwiches mit Schweinebraten und packte Chips, Cracker mit Erdnussbutter, Obst, Kekse mit Schokostückchen und mehrere Flaschen Wasser ein. Alles kam in meinen Rucksack. Dazu nahm ich eine Decke, eine Jacke, eine Taschenlampe und ein Buch mit.

Als ich ein letztes Mal kontrollierte, ob alles bereitstand, kam Rachel in die Küche. „Warum bist du immer noch hier? Du sollst verschwinden! Was ist, wenn Alpha Cullen früher kommt? Bei der Göttin, Rebel, wie kann man nur so dumm sein?“, spottete sie.

„Ich prüfe nur, ob alles fertig ist. Gerade du solltest zu schätzen wissen, wie viel Mühe ich mir heute für dich gegeben habe“, erwiderte ich ruhig. „Jetzt ist alles fertig, und glaub mir: Ich gehe gern. Ich will sowieso nicht hier sein.“ Dann wandte ich mich den Omegas zu und nahm meinen Rucksack. „Habt ihr noch Fragen, bevor ich gehe?“

„Nein, Frau Lawson. Wir kommen zurecht. Vielen Dank für das Essen. Keine von uns hätte ein Menü auf diesem Niveau hinbekommen.“

„Sehr gern, meine Damen. Viel Erfolg heute Abend. Gute Nacht.“ Damit ging ich. Von Rachel, Jules oder meinem sogenannten Vater verabschiedete ich mich nicht. Sie wollten mich ohnehin nicht.

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