LOGINIsabella Die Luft hier oben war so dünn und kalt, dass sie in meinen Lungen brannte. Ich riss die schwere Holztür der Hütte auf und schleifte Enzo über die Schwelle. Der Boden aus groben Dielen knarrte unter seinem Gewicht. Drinnen roch es nach altem Rauch und harzigem Holz – trocken, ehrlich, meilenweit entfernt von der klinischen Kälte Zürichs. Ich legte ihn auf den massiven Küchentisch. Er war bleich, seine Haut hatte den Glanz von nassem Marmor angenommen. „Enzo, hör mir zu“, sagte ich, während ich seine Jacke mit einem Ruck aufschnitt. „Du bleibst verdammt noch mal hier. Ich habe nicht das gesamte Sicherheitssystem der Schweiz zerlegt, damit du mir auf einem Küchentisch wegstirbst.“ Er antwortete nicht. Sein Atem war nur noch ein flaches, unregelmäßiges Pfeifen. Ich brauchte Licht. Ich fand eine Petroleumlampe auf dem Kaminsims, riss das Glas ab und entzündete den Docht. Das gelbe, flackernde Licht warf riesige, tanzende Schatten an die Wände. Ich sah mir die Bescherung an s
Enzo Die Welt bestand nur noch aus Schatten und dem rhythmischen Knacken von Holz. Jedes Mal, wenn Isabella das Paddel eintauchte, fühlte es sich an, als würde jemand einen glühenden Nagel in meine Seite treiben. Ich lag im Dreck des Bootsbodens, das Gesicht gegen das raue Holz gepresst. Der Geruch von stehendem Wasser und dem Rost des alten Kahns war das Einzige, was mich noch in der Realität hielt. Ich wollte sprechen, aber meine Zunge klebte am Gaumen wie trockenes Leder. Ich sah Isabellas Umrisse gegen das Grau des Nebels. Sie wirkte wie eine Statue aus Stein, unermüdlich, besessen. Ich wollte ihr sagen, dass sie mich am Ufer lassen soll. Dass sie schneller ist, wenn sie mich loswird. Aber als ich den Mund öffnete, kam nur ein feuchtes Gurgeln heraus. Meine Sicht begann zu flackern. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, fraßen die Ränder der Welt auf. Nicht jetzt, verdammt noch mal. Ich konzentrierte mich auf das Gefühl der Kälte. Das Wasser, das durch die Ritzen des Kana
Isabella Der rote Punkt des Lasers tanzte über den verstaubten Couchtisch, kroch die Lehne hoch und blieb direkt auf Enzos Schläfe liegen. Ich hielt den Atem an. Das Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein Kolben im roten Bereich. Das Summen der Drohne draußen war jetzt ein aggressives, hohes Kreischen. Ich packte Enzo am Kragen und riss ihn mit einer einzigen, verzweifelten Bewegung von der Couch auf den Boden. Im selben Moment barst das Sicherheitsglas der Fensterfront. Keine Scherben, die flogen – das Glas zerfiel einfach in Millionen kleiner Krümel, als die Salve einer schallgedämpften MP die Scheibe durchlöcherte. Staub wirbelte auf. Die Kaltlicht-Strahler der Drohnen fluteten den Raum mit einem unnatürlichen, bläulichen Weiß. „Beweg dich nicht“, zischte ich Enzo ins Ohr. Er gab ein heiseres Keuchen von sich, seine Hand krallte sich in mein Shirt. Das Fieber hatte ihn fast weggetreten, aber der Überlebensinstinkt hielt seine Augen offen. Ich kroch auf dem Bauch über das Pa
Isabella Die Männer am Steg waren keine hundert Meter mehr entfernt. Das Licht ihrer taktischen Taschenlampen schnitt durch die Dunkelheit, kalte, weiße Finger, die über das Wasser tasteten. Der Van wartete mit gähnender Schiebetür. Ein schwarzes Loch, bereit, uns zu schlucken. „Leg dich flach“, sagte ich. Meine Stimme war trocken wie Sandpapier. Enzo sackte auf den Boden des Cockpits. Das GFK des Bootes war rutschig von seinem Blut. Er biss sich auf die Unterlippe, bis sie aufplatzte. Ich packte die Glasscherbe, die er mir gereicht hatte. Sie war gezackt, ein Überrest der Windschutzscheibe, scharf genug, um Fleisch wie Papier zu teilen. Ich riss den Verband ab. Die Wunde sah im fahlen Licht der Hafenbeleuchtung hässlich aus. Geschwollen, dunkelrot, das Fleisch drumherum fast schwarz. Ich suchte nicht nach einer medizinischen Symmetrie. Ich suchte nach dem Fremdkörper. „Es wird wehtun“, flüsterte ich. „Scheiß drauf. Mach einfach“, presste er hervor. Er griff nach der Reling, sei
IsabellaIch zerrte Enzo über den Kiesweg zum Boot. Er sackte immer wieder weg, seine Stiefel hinterließen tiefe Furchen im perfekten Rasen. Die Sirenen in der Ferne waren kein Standard-Alarm der Zürcher Polizei. Das war das tiefe, aggressive Heulen der privaten Sicherheitskonzerne. Sie kamen nicht, um Fragen zu stellen. Sie kamen, um ihre Investition zu sichern.„Lass mich...“, keuchte Enzo. Sein Kopf hing kraftlos auf meine Schulter.„Halt die Fresse, Enzo. Nicht jetzt.“Ich hievte ihn über die Reling des Speedboots. Das Metall war glatt und kalt. Ich sprang hinterher, riss die Abdeckung des Zündschlosses ab und schloss die Kabel kurz. Der Motor brüllte auf, ein satter, dunkler Ton, der durch Mark und Bein ging. Ich warf die Leinen los und riss den Gashebel nach vorn. Das Boot schoss mit einem harten Ruck vom Steg weg, die Nase hob sich steil aus dem schwarzen Wasser des Zürichsees.Hinter uns, in der Villa, flackerten jetzt Taschenlampen auf. Gestalten in taktischer Ausrüstung stür
IsabellaDie Villa am Zürichsee sah aus wie ein Festungsbau aus weißem Sichtbeton. Keine Fenster im Erdgeschoss, nur schmale Schießscharten und Kameras, die jede Bewegung im Radius von fünfhundert Metern scannten. Moretti saß da drin wie eine Spinne in einem sterilen Netz. Er wusste, dass wir kommen. Er hatte den Feuerschein des Penthouses sicher von seiner Terrasse aus beobachtet.„Er hat die Zufahrt mit Straßensperren dichtgemacht“, sagte Enzo. Er lehnte schwer gegen das Lenkrad des gestohlenen Audis. Das Display im Cockpit zeigte Warnmeldungen in Dauerschleife – Treibstoffmangel, Systemfehler, Reifendruck. Der Wagen war Schrott, genau wie wir.„Wir nehmen nicht die Straße“, sagte ich. Ich checkte das Magazin der Glock. Nur noch fünf Schuss. „Wir kommen über den See.“Ich sah zu ihm rüber. Sein Gesicht war blass, fast transparent im fahlen Licht der Armaturen. Das Blut an seiner Seite war getrocknet, eine dunkle, harte Kruste. Er sah mich an, und in seinen Augen lag eine Ruhe, die m
Isabella Die Fahrt nach Florenz ist eine Reise durch die Hölle, auch wenn die Sitze des SUV aus feinstem Leder sind. Das Schweigen im Wagen ist so unerträglich, dass ich kaum atmen kann. Neben mir sitzen zwei Männer, die eher wie Maschinen als wie Menschen wirken – ihre Blicke starr nach vorn geri
Enzo Moretti steht da als würde er denken er ist der Gott, die Hände lässig in den Taschen seines dunklen Mantels vergraben, während hinter uns die Villa in Trümmer zerfällt. Die Hitze des Infernos brennt in meinem Rücken, ein beißender Kontrast zu der eisigen Kälte, die Moretti ausstrahlt. Die La
IsabellaDer Knall der Waffe hallt so laut in dem Betonraum wider, dass meine Ohren nur noch ein schrilles Pfeifen hören. Das Mündungsfeuer brennt kurz in meinen Augen nach. Der Mann mit der Maske sackt zusammen, sein Körper erschlafft und er rollt schwerfällig von Enzo herunter.Stille.Ich stehe
Isabella Der Sturz endet verdammt unsanft. Ich knalle auf harten, feuchten Boden, und für eine Sekunde bleibt die Welt einfach stehen. Alles ist schwarz. Über mir höre ich nur das dumpfe Grollen der Explosionen und das hässliche Knistern des Feuers, das sich durch das Haus frisst. In meinen Ohren







