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Sündige Versuchungen
Sündige Versuchungen
Author: Oletta

Lektionen in Korruption 1

Author: Oletta
last update publish date: 2026-09-10 23:10:54

LYDIAS PERSPEKTIVE

Bei der Verlobungsfeier sollte es eigentlich um meinen Bruder gehen – daran wurde ich ständig erinnert. Der Abend war dazu gedacht, ihn, seine Verlobte und den Beginn ihres gemeinsamen Lebens zu feiern. Es sollte ein Abend voller Lachen, Fotos und erhobener Sektgläser werden, an dem mich Verwandte, an die ich mich kaum noch erinnerte, so herzlich umarmten, als hätten wir uns erst gestern gesehen.

Stattdessen verbrachte ich den Großteil des Abends damit, Daniel nicht anzusehen – was schwerfiel, da er nur wenige Meter entfernt stand. Er befand sich neben meinem Bruder, etwa in der Mitte des Raumes, und hörte zu, wie einer unserer Onkel eine Geschichte erzählte, die jeder Anwesende schon Dutzende Male gehört hatte. Daniel lachte höflich und schüttelte den Kopf, während der ältere Mann wild mit den Händen gestikulierte.

Ich wandte den Blick ab, nur um wenige Sekunden später wieder hinzusehen; diesmal blickte er bereits zu mir herüber. Wie schon unzählige Male zuvor in einer solchen Situation sah ich sofort wieder weg und versuchte, mein laut pochendes Herz zu beruhigen. Ich drehte mich augenblicklich zu dem Tisch vor mir um und tat so, als müsste ich mich zwischen den zahlreichen dort ausgebreiteten Desserts entscheiden.

Das war lächerlich. Ich war einundzwanzig Jahre alt – alt genug, um mich nicht wie ein Teenager mit einer albernen Schwärmerei zu benehmen, besonders wenn der Mann, in den ich verschossen war, der beste Freund meines älteren Bruders war.

Daniel war schon so lange Teil meines Lebens, wie ich zurückdenken konnte. Er war bei Familienessen dabei, besuchte jeden Gottesdienst, unterrichtete zeitweise die Sonntagsschulklasse für Jugendliche, brachte Blumen zu meinem Schulabschluss mit, war bei meiner Taufe anwesend und hatte unzählige Male während der Sonntagsgottesdienste neben meiner Familie gesessen.

Jahrelang hatte ich mir eingeredet, dass dieses seltsame Gefühl zwischen uns nur in meinem Kopf existierte. Doch dann gab es diese Blicke – diese unmöglichen, verweilenden Blicke. Wenn die Gemeinde im Gottesdienst zum Gebet die Köpfe senkte, öffnete ich manchmal einen Tick früher die Augen als die anderen – und öfter, als ich zugeben wollte, sah Daniel mich bereits an. Heute Abend war es anders; es waren zu viele Menschen um uns herum, zu viel Lärm, zu viel Wärme im Raum, und obwohl nur ein paar Schritte zwischen uns lagen, war die Spannung fast greifbar.

„Warum starrst du ihn ständig an?“ Ich hätte mich beinahe an meinem Getränk verschluckt. Ich drehte mich zu meiner Cousine um.

„Tue ich gar nicht.“ Sie hob eine Augenbraue.

„Doch, tust du.“

„Ich habe an ihm vorbei geschaut.“

„Worauf?“

Ich warf einen Blick hinter Daniel. Eine Wand. „Auf nichts.“

Sie lachte.

Ich verdrehte die Augen und ging weg, bevor sie noch etwas sagen konnte.

Dann spürte ich es – dieses vertraute Gefühl, beobachtet zu werden. Ich sah auf und entdeckte ihn am anderen Ende des Raumes; seine Augen trafen meine, und diesmal wandte er den Blick nicht ab – ich auch nicht.

Der Raum um uns herum schien zu verschwinden.

Menschen bewegten sich zwischen uns, Gespräche gingen weiter, leise Musik lief im Hintergrund, doch für diese wenigen Sekunden schien all das keine Rolle zu spielen.

Sein Blick glitt kurz zu meinem Mund, bevor er wieder in meine Augen zurückkehrte. Hitze stieg mir ins Gesicht; ich sah als Erste weg. Meine Hände fühlten sich plötzlich zu warm an. Ich hasste es, dass ein einziger Blick mich so sehr aus der Fassung bringen konnte; ich hasste es, dass ein Teil von mir wollte, dass er es noch einmal tat.

Später, als Fotos gemacht wurden, stand Daniel plötzlich neben meinem Bruder.

Ich versuchte, ihn zu ignorieren – wobei das Wort „versuchte“ hier entscheidend war. Jedes Mal, wenn jemand nach einem weiteren Foto verlangte, ertappte ich mich dabei, wie ich in seine Richtung sah. Einmal, zweimal – beim dritten Mal erwischte er mich. Ein Mundwinkel hob sich leicht; es war kein richtiges Lächeln, eher so, als wüsste er genau, warum ich starrte, und als würde es ihm langsam gefallen.

Der Rest des Abends verging wie im Flug. Schließlich verabschiedeten sich die Gäste, doch mein Bruder war noch immer von Verwandten umringt, nahm Glückwünsche entgegen und beantwortete immer wieder dieselben Fragen.

Es dämmerte bereits, und die Erschöpfung machte sich langsam breit. Ich holte mein Handy heraus, um ein Taxi zu bestellen. Bevor ich die App öffnen konnte, stand Daniel plötzlich neben mir.

„Bist du bereit?“, fragte ich ihn überrascht.

„Ja“, antwortete ich leise.

„Ich fahre dich.“ Meine Finger umklammerten mein Handy fester.

„Das musst du nicht.“

„Ich weiß“, sagte er nur.

Nur diese zwei Worte, keine Erklärung nötig. Ich warf einen Blick zu meinem Bruder; er war immer noch beschäftigt.

„Ich kann mir ein Taxi bestellen.“

Daniel nickte. „Ich sage nicht, dass du nicht kannst, ich sage nur, lass mich dich mitnehmen.“

Irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck ließ mein Herz schneller schlagen. Er wartete. Ich hätte Nein sagen sollen, das wusste ich.

Es gab hundert Gründe, warum es eine schlechte Idee war, seine Mitfahrgelegenheit anzunehmen. Er war der beste Freund meines Bruders, älter als ich, und ich hatte jahrelang so getan, als würde ich nicht fühlen, was ich fühlte, wenn er mich ansah. Aber das Schlimmste war vielleicht, dass ich mir zum ersten Mal nicht sicher war, ob ich das weiter vortäuschen wollte.

Ich steckte mein Handy zurück in meine Handtasche und ergab mich. „Okay.“

Daniels Blick hielt einen Moment lang meinem stand, dann nickte er.

„Braves Mädchen.“

Ich hatte mich jahrelang gefragt, was passieren würde, wenn Daniel jemals aufhören würde, so zu tun. Jetzt würde ich es herausfinden, und irgendwie, als ich ihm in die Nacht folgte, beschlich mich das beängstigende Gefühl, dass das Einsteigen in sein Auto der einfachste Fehler meines Lebens sein würde.

 Der Rest des Abends verging wie im Flug. Schließlich verabschiedeten sich die Gäste, doch mein Bruder war noch immer von Verwandten umringt, nahm Glückwünsche entgegen und beantwortete immer wieder dieselben Fragen.

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„Bist du bereit?“, fragte ich ihn überrascht.

„Ja“, antwortete ich leise.

„Ich fahre dich.“ Meine Finger umklammerten mein Handy fester.

„Das musst du nicht.“

„Ich weiß“, sagte er nur.

Nur diese zwei Worte, keine Erklärung nötig. Ich warf einen Blick zu meinem Bruder; er war immer noch beschäftigt.

„Ich kann mir ein Taxi bestellen.“

Daniel nickte. „Ich sage nicht, dass du nicht kannst, ich sage nur, lass mich dich mitnehmen.“

Irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck ließ mein Herz schneller schlagen. Er wartete. Ich hätte Nein sagen sollen, das wusste ich.

Es gab hundert Gründe, warum es eine schlechte Idee war, seine Mitfahrgelegenheit anzunehmen. Er war der beste Freund meines Bruders, älter als ich, und ich hatte jahrelang so getan, als würde ich nicht fühlen, was ich fühlte, wenn er mich ansah. Aber das Schlimmste war vielleicht, dass ich mir zum ersten Mal nicht sicher war, ob ich das weiter vortäuschen wollte.

Ich steckte mein Handy zurück in meine Handtasche und ergab mich. „Okay.“

Daniels Blick hielt einen Moment lang meinen fest, dann nickte er.

„Braves Mädchen.“

Ich hatte mich jahrelang gefragt, was passieren würde, wenn Daniel jemals aufhören würde, so zu tun. Jetzt würde ich es herausfinden, und irgendwie, als ich ihm in die Nacht folgte, beschlich mich das beängstigende Gefühl, dass das Einsteigen in sein Auto der einfachste Fehler meines Lebens sein würde.

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