Masuk
Kapitel 1
Es war der erste Montag des Semesters. Der weite, verglaste Raum 106 war bereits mit besetzten Stühlen, geöffneten Notizbüchern und aufmerksamen Blicken gefüllt, als sich der Türgriff verspätet drehte. Ein schnelles, unangenehmes Schweigen breitete sich aus, als ob die Zeit für einen Moment den Atem anhielte.
Sie betrat mit entschlossenen, aber nicht eiligen Schritten den Raum, als ob die Verspätung Teil eines Rituals wäre. Der schwarze Rock schmiegte sich bei jeder Bewegung an ihre Oberschenkel, und das weiße Bluse war am Halsausschnitt leicht geöffnet – nicht aus Versehen, sondern aus Wahl. Ihre Augen suchten nicht nach Entschuldigungen, sie fixierten nur den Professor vor der Tafel, mit der Sicherheit von jemandem, der auf etwas wartete.
Er hob die Augen von dem Buch, das er hielt.
"Name?", fragte er, seine Stimme leise, schneidend. "Luna Andrade", antwortete sie mit einem halben Lächeln, das nicht um Verzeihung, sondern um Aufmerksamkeit bat. Er lächelte nicht zurück. "Es gibt Regeln in diesem Fach. Pünktlichkeit ist eine davon. Das nächste Mal kostet es Anwesenheitspunkte." Sie nickte, und als sie sich umdrehte, um einen freien Platz zu suchen, bemerkte er ihren freiliegenden Nacken, den unter lässig hochgesteckten braunen Strähnen teilweise sichtbaren Nacken. Sie war keine gewöhnliche Studentin. Das spürte er, noch bevor sie sich setzte.Die Vorlesung ging weiter. "Literatur und Körper", so hieß das Seminar. Er sprach über Clarice Lispector mit einem Rhythmus, der Philosophie und Erotik vermischte, als ob jeder Satz eine zweite Schicht hätte, die nur für aufmerksame Ohren hörbar war. Luna stützte das Kinn auf ihre Hand, aber ihre Augen waren auf ihn gerichtet. Sie machte keine Notizen. Sie nahm ihn nur in sich auf.
Am Ende kündigte er die erste Prüfungsleistung an: "Aufsatz. Freies Thema. Fünfzehntausend Zeichen. Aber ich will den Körper in jeder Zeile spüren. Keine kalten Abhandlungen. Ich will, dass Sie sich hingeben." Er machte eine Pause und fügte hinzu: "Zumindest vorerst mit Worten." Einige lachten. Sie nicht. Sie lächelte, aber mit der Hinterlist von jemandem, der mehr verstand, als gesagt wurde.Die Woche verging. Er dachte oft und seltsam häufig an sie – nicht als Studentin, sondern als Präsenz. Etwas in ihren Augen machte ihn unsicher. Selbstvertrauen? Provokation? Oder diese gefährliche Mischung aus beidem?
Als er eine Nacht nach der Vorlesung mit dem Korrigieren der Aufsätze begann, war er nicht auf das gefasst, was ihn beim Öffnen ihrer Arbeit erwarten würde. Die erste Zeile war bereits ein Schlag ins Gesicht: "Das erste Mal, dass ich mich nackt fühlte, war vor einem Mann, der mich nicht berührte." Er hielt inne. Atmete tief ein. Las weiter. "Es war sein Blick. Er durchdrang meine Worte und sah das Fleisch in ihnen. Er war ein Professor. Der gesamte Raum verschwand, nur er blieb. Und ich, pulsierend zwischen den Absätzen." Der Text verwendete keine Namen, war aber zu intim, um allgemein zu sein. Er sprach von zurückgehaltenem Verlangen, von Fingern, die sich nicht bewegten, aber drohten. Von Stimmen, die Theorie diktierten, während die Gedanken der Studentin sich andere Befehle vorstellten. "Ich wollte die Fragen beantworten, während mein Mund auf andere Weise beschäftigt war." Er schloss die Augen. Das war unverschämt, gefährlich... und absurd gut geschrieben. Es war kein vulgärer Text – es war eine als Metapher getarnte Einladung. Literarisch, ja. Aber triefend vor Absicht. Er beendete das Lesen mit einer Hand, die den Stift verkrampft hielt, die Oberschenkel angespannt unter dem Tisch. Er fühlte sich entblößt. Beobachtet. Herausgefordert. Er korrigierte den Text mit wenigen technischen Anmerkungen. Es gab nichts zu korrigieren. Aber am Ende der Seite zögerte er Sekunden, bevor er in seiner eigenen Handschrift schrieb: "Sie haben Talent. Aber Sie müssen lernen, disziplinierter zu sein." Er setzte seine Initialen daneben. Er wollte, dass sie wusste, dass er bis zum Ende gelesen hatte. Und dass er antwortete.In der nächsten Vorlesung kam Luna pünktlich. Dieselbe Sicherheit. Dieselbe Haltung von jemandem, der genau wusste, welche Wirkung sie erzielte. Er gab die korrigierten Arbeiten zurück. Als er ihr ihre reichte, berührten seine Finger ihre für einen Bruchteil einer Sekunde länger als nötig.
Sie bedankte sich nicht. Sie sah nur auf den Umschlag mit den gehefteten Blättern und strich später, hinten im Raum sitzend, mit ihrem Daumen bis zur unteren Ecke der letzten Seite. Dort fand sie die Anmerkung. Sie las sie. Lächelte. Dann leckte sie sich über die Lippen, als ob sie etwas Süßes und Verbotenes gekostet hätte. In dieser Nacht ging er nicht früh schlafen. Er schenkte sich Whiskey ein, setzte sich in den Schreibtischsessel und las den Aufsatz erneut. Jede Zeile trug nun ein neues Gewicht – er spürte, dass sie ihn für *ihn* geschrieben hatte, als eine Gabe, einen Code, eine getarnte Beichte. Und er hatte geantwortet. Wenn sie nur eine weitere Studentin wäre, die mit Vulgarität verführen wollte, hätte er sie durchfallen lassen. Aber sie hatte mit Intelligenz gespielt. Mit literarischer Sinnlichkeit. Und das entwaffnete ihn mehr als jeder tiefe Ausschnitt.Sein Telefon vibrierte.
Benachrichtigung auf der akademischen E-Mail: "Betreff des Aufsatzes – Luna Andrade." Er zögerte, bevor er öffnete. Dann klickte er. "Professor, ich danke für die Korrekturen. Aber ich habe immer noch nicht genau verstanden, was Sie mit 'Disziplin' meinten. Sollte ich für eine praktische Demonstration vorbeikommen?" Mit freundlichen Grüßen, Luna. Er las. Dann las er noch einmal. Dann starrte er minutenlang auf den Bildschirm, das Glas zwischen den Fingern, während sein Herz schneller schlug, als erlaubt war.Sie trug ein leicht geöffnetes Bluse und einen Rock, der für einen Dienstag zu eng war. Als er den Raum betrat, trafen seine Augen die ihren noch vor denen aller anderen Studenten.
Sie hielt einen Stift zwischen ihren Lippen. Nicht aus Zerstreutheit. Sondern als Warnung. Als er bat, eine Passage von Bataille laut vorzulesen, meldete sie sich freiwillig. Und sie las mit bedächtiger Stimme, ohne jede Scham in den Worten: "Es gibt kein Vergnügen ohne Exzess, ohne Übertretung. Der Erotismus ist die Bejahung des Lebens bis in den Tod." Stille. Einige Studenten lachten nervös. Er nicht. Er starrte sie nur an – Auge in Auge – und erwiderte: "Ausgezeichnete Wahl, Fräulein Andrade. Es scheint, Sie haben die Essenz des Kurses bereits verstanden." Sie lächelte. Aber er spürte es. Die Spannung hatte nun ein Eigenleben. Und nicht nur er nährte sie. Sie spielte auch mit. Vielleicht mit mehr Mut.Beim Verlassen kam sie im leeren Flur nahe an ihm vorbei. Sie blieb neben ihm stehen, zu nah.
"Glauben Sie, ich mache Fortschritte in der Disziplin, Professor?" Er atmete tief ein. "Sie machen sie. Aber es gibt noch viel zu lernen." Sie neigte den Kopf, ihre Augen in seinen: "Ich lerne gern von jemandem, der es versteht... praktisch zu unterrichten." Und ging. Leichte Schritte. Lose Haare. Als ob sie eine Spur von Schießpulver hinterließ, die jeden Moment in Flammen aufgehen konnte. Er bewegte sich einige Sekunden lang nicht. Aber er wusste in diesem Moment, dass die erste Zeile dieser Geschichte bereits geschrieben war. Und dass die nächsten Kapitel gefährlich köstlich werden würden.Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem subtilen Klicken und dämpfte die Welt draußen ab.Lauren spürte, wie sich die Luft veränderte. Dichter. Wärmer. Erfüllt von einem holzigen Duft mit süßen Untertönen – vielleicht Sandelholz und Amber. Die überall verteilten Kerzen warfen lange Schatten an die roten Wände, die zu atmen schienen, unsichtbar pulsierend. Große Kissen bedeckten den Boden, und in der Mitte, auf einem niedrigen Tisch aus dunklem Holz, lagen sorgfältig aufgerollte Stränge japanischer Baumwollseil: rot, schwarz und eines in Gold.Yusuf legte die Hände hinter den Rücken und betrachtete sie einige Augenblicke lang schweigend. Keine Musik. Kein Wort. Nur das Geräusch von Laurens Atem, etwas schneller als zuvor, und immer bewusster.Schließlich sprach er leise.„Zieh die Schuhe aus. Langsam.“Sie zögerte, dann beugte sie sich hinunter, zuerst der rechte, dann der linke Schuh, die Knöchel fest, obwohl ihre Hände zitterten. Der Boden war warm unter ihren Füßen.„Jetzt … das
Lauren stand vor der schwarzen Tür aus massivem Holz, auf der dasselbe hochreliefierte Symbol prangte wie auf der Einladung: die Flamme, umgeben von einem Kreis. Sie atmete tief ein, ihre Finger umklammerten die kleine Clutch wie eine nutzlose Anker für ihre Nervosität. Draußen war es dunkel, und die Stille der Straße ließ ihr Herz noch lauter in der Brust schlagen.Sie hatte drei Tage gebraucht, um den Umschlag zu öffnen. Drei Tage zwischen Verlangen und Angst. Und nun stand sie hier, in einem engen Seidenkleid in Burgunderrot, das Haar in einem tiefen Knoten gebunden, dezentes Make-up – doch ihre Augen … ihre Augen brannten.Die Klingel war ein kleiner, diskreter silberner Knopf. Als sie ihn drückte, durchfuhr sie ein fast elektrisches Gefühl. Als hätte diese Berührung bereits den Punkt ohne Wiederkehr markiert.Die Tür öffnete sich mit einem sanften Klicken.Auf der anderen Seite empfing sie ein großer, schweigsamer Mann mit einem Nicken. Kein Wort. Nur eine Geste, die ins Innere w
Laurens Absätze berührten sanft den polierten Marmor der Galerie und hallten zwischen leisen Gesprächen und dem Klirren von Kristallgläsern wider. Sie ließ die Finger über ein Glas Rotwein gleiten und betrachtete das Werk vor sich – eine Explosion aggressiver Farben und Pinselstriche, die zu bluten schienen. Das beunruhigte sie. Oder vielleicht war es nur das elegante Unbehagen, dort zu sein, unter Fremden, die so gut in diese Welt sozialer Masken und verhaltener Lächeln passten.Sie hatte die Einladung in letzter Minute aus einem Impuls heraus angenommen, oder vielleicht aus Langeweile. Nach Wochen, in denen sie in vorhersehbaren Routinen und unangenehmen Stille in ihrer eigenen Wohnung versunken war, schien ein nächtliches Event vielversprechend. Aber jetzt, mit dem dritten Glas Wein in den Fingern und dem engen schwarzen Kleid, das aufgrund der subtilen Wärme im Raum an ihrem Rücken klebte, begann Lauren zu zweifeln, ob sie hierhergehörte.„Versuchst du zu verstehen oder nur zu füh
Alys öffnete die Tür zu ihrer Wohnung mit noch beschleunigtem Atem. Die Stadt draußen schlief ein, aber in ihr erwachte etwas immer mehr – ein Hunger, der nicht nur nach Berührung war, sondern nach etwas Dichterem, Heißerem, Vitalerem.Theo trat hinter ihr ein, ohne ein Wort zu sagen. Er schaute sich um. Die Umgebung spiegelte Alys’ Seele wider: modern, nüchtern, mit strategisch platzierten Farbtupfern. Gestapelte Bücher, sensorische Bilder an den Wänden. Und ein graues Leinensofa, auf das sie ihn mit einem Lächeln schob, das Verlangen und etwas mehr mischte.„Meine Zeit, dich zu markieren“, sagte sie, die Augen leuchtend.Theo lachte, antwortete aber nicht. Er starrte sie nur an, als wüsste er, dass er ausgeliefert war.Alys stieg auf seinen Schoß, ohne Eile. Die Beine schlangen sich um seine Taille, und die Hände zogen das dunkle T-Shirt über seinen Kopf und enthüllten die heiße Haut, die sie bereits kannte, aber mit anderen Augen erkunden wollte. Sie küsste seinen Hals und streifte
Die Nachricht wurde kurz nach Mitternacht gesendet.„Zeig mir alles.“Theo antwortete nur mit der Adresse eines Hotels. Eines der diskretesten der Stadt, in einem hohen Stockwerk mit Blick auf die Skyline. Alys spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, als sie die Benachrichtigung erhielt, nicht aus Furcht, sondern aus Vorfreude. Sie fühlte, als ob ihr ganzer Körper von der Erinnerung an die letzte Nacht vibrierte – das weiße Hemd, die Linse der Kamera, seine Finger in ihr.Jetzt war es mehr. Ein Schritt weiter. Ein gewähltes Risiko.Sie kam im Hotel an, in einem kurzen schwarzen Kleid, ohne BH, ohne Slip. Nur die Haut, bedeckt von Stoff und Verlangen. Im Aufzug hielten ihre Hände die Clutch fest, aber die Knie verrieten bereits die Anspannung. Als die Zimmertür sich öffnete, wurde sie von einem warmen Duft nach Zimt und Bernstein empfangen. Kerzen brannten diskret an strategischen Punkten. Das Zimmer war in ein warmes Halbdunkel getaucht, durchschnitten vom Reflex der Stadt im Panorama
Das Studio von Theo befand sich in einem alten Gebäude mit einer Fassade aus roten Ziegeln, versteckt am Ende einer engen Straße. Sie stiegen zwei Treppenfluchten schweigend hinauf, die Schritte hallten von den Wänden wider. Mit jedem Schritt fühlte Alys ihren Körper wacher werden. Es war keine Angst. Es war genau die Spannung, die der Berührung vorausgeht – jene hauchdünne Linie zwischen Verlangen und Schwindel.Theo schloss die Tür auf und stieß sie mit der Schulter auf. Das Innere war in ein warmes Halbdunkel getaucht. Bernsteinfarbene Lampen hingen von der Decke und warfen weiche Schatten auf die Objekte: ein dunkles Lederdivan, dichte Vorhänge, ein Stativ mit Kamera, ein Tisch mit Filmrollen, Stoffen, dünnen Lederriemen und… ein Kleiderbügel mit einem weißen Hemd. Nur das Hemd.Alys blieb auf der Schwelle stehen und beobachtete alles schweigend.„Schließ die Tür“, sagte Theo, ohne sich umzudrehen. Er ging bereits zu einer Bank, wo er eine seitliche Lampe anzündete, intimer. „Wir







