Se connecterVor sechs Jahren hatte Selina von der Weiden leidenschaftlich den Jurastudenten Kai Hartmann umworben. Nach drei Monaten Beziehung hatte sie ihm mit einem gleichgültigen „Ich habe genug von dir“ endgültig den Rücken gekehrt, da die anfängliche Leidenschaft erloschen war und sie sich nicht mehr zu ihm hingezogen fühlte. Sechs Jahre nach der Trennung begegneten sie sich wieder. Die einstige reiche Erbin und der mittellose junge Mann hatten die Rollen vertauscht. Er war nun ein Top-Partner in einer renommierten Großkanzlei, während sie von Schulden erdrückt, mit einer Tochter und als Opfer häuslicher Gewalt dastand. Kai trat als ihr Scheidungsanwalt auf, doch sein Blick war voller Hohn. „Das hast du dir selbst zuzuschreiben.“ Selina wusste, dass Kai sie bis ins Mark hasste. Sie hatte keinerlei Absicht, erneut mit ihm in Kontakt zu treten. An dem Tag, als sie gehen wollte, wünschte sie ihm lächelnd „Alles Gute zur Hochzeit“. Doch dieser Mann scheute keine Mühe, um sie wiederzufinden. In einem menschenleeren Städtchen holte er sie ein. In einer dunklen Pension versperrte er ihr den Weg, drängte sie in ein halbdunkles Zimmer, hielt sie mit rot umrandeten Augen fest an sich gedrückt und flüsterte: „Kannst du mich wirklich noch einmal zurücklassen?“
Voir plus„Herr Hartmann – was für eine Überraschung!“Lucas’ Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln, sofort eilte er auf Kai zu.Kai nickte knapp, distanziert – doch das tat Lucas’ Elan keinen Abbruch.„Herr Hartmann, ich bin Ihnen noch was schuldig. Vor ein paar Tagen rief einer Ihrer Anwälte an – der Tipp hat mir den Hals gerettet. Sonst wär mein Geschäft am Hafen geplatzt.“Vor ein paar Tagen? Ein Anruf?Selina stockte. Die Kabine. Seine Nachricht. Dann Lucas’ Handy. Das war an dem Tag?„Herr Burgstaller, am Hafen sind auch ein paar Freunde von mir unterwegs. Ihre letzten Schritte waren … etwas zu forsch.“ Seine Stimme blieb sachlich – und doch lag ein unsichtbarer Druck darin. „Nur ein Hinweis: Geschäft ist Geschäft, das versteht jeder. Aber es gibt Linien, die man besser nicht überschreitet. Die Folgen wären sonst … schwer kalkulierbar.“Lucas’ Miene verfinsterte sich.Er hatte sich einiges erlaubt – Geschäfte jenseits der Legalität, gedeckt vom langen Arm seines Vaters, des Oberbürg
Lucas und Manuela warfen Selina gleichzeitig einen warnenden Blick zu – scharf, mahnend: kein Wort zu viel.„Es ist alles in Ordnung. Ich war ein paar Tage verreist, war danach etwas müde – deshalb hab ich mich nicht gemeldet.“„Gott sei Dank. Aber wenn du wieder Zeit hast, melde dich unbedingt! Die zwei Techniken, die du mir gezeigt hast, beherrsche ich jetzt richtig gut – du musst sie dir unbedingt ansehen.“„Ja.“Sie hatten kaum ein paar Worte gewechselt, da kamen neue Gäste in den Ballsaal.„Seli, fühl dich wie zu Hause. Ich muss kurz die Gäste begrüßen – wir sprechen später.“„Ja, natürlich. Lassen Sie sich nicht stören.“Kaum war Frau Adlerstein außer Hörweite, zog Manuela Selina beiseite. „Lucas sagt, du willst dich scheiden lassen? Nur weil er dich einmal betrunken versehentlich berührt hat, willst du zur Polizei und ihn wegen häuslicher Gewalt anzeigen?“ Manuela war empört. „Selina, hast du eigentlich den Verstand verloren? Die von der Weidens sind pleite, du bist keine reich
Dr. Pohl kümmerte sich um Selinas „Wunde“, desinfizierte sie und trug eine kühlende Salbe auf.Nach diesem ganzen Aufruhr war Selina völlig erschöpft und wollte nur noch weg. Sie probierte hastig ein Kleid mit Blumenstickerei – es saß ganz passabel – und bat die Verkäuferin, es in die Villa am Grünen Hang liefern zu lassen.Als Selina ging, saß Kai immer noch unten und half Yasmin bei der Kleiderwahl.Sie verstand es nicht. Er hatte eine Freundin – warum kümmerte er sich immer noch so sehr um sie?Glück gehabt. Diesmal.Drei Tage später war es so weit: die Geburtstagsfeier von Frau Adlerstein.Die nächsten drei Tage ließ Selina sich täglich Videos von Lina schicken. Sie vermisste ihre Tochter – ja. Aber vor allem suchte sie nach Hinweisen. Ein Fensterausschnitt, ein Straßenschild, irgendetwas, das ihr verriet, wo Lucas Lina versteckt hielt.Doch Lucas war vorsichtig. Die Videos zeigten nichts – keine Umgebung, keine Spur.Selina wusste nicht weiter. Und mit jeder Stunde wuchs die Angst
„Geh jetzt einfach! Bitte!“ Ihre Stimme war fast ein Flehen.„Ich gehe ja. Aber vorher begleichen wir noch eine Rechnung.“„Welche Rechnung? Ich habe doch schon für dich gekocht, oder etwa nicht?“„Die Hotelrechnung.“Kaum hatte er es gesagt, zog er sie an der Taille zu sich, senkte den Kopf und presste seine glühenden Lippen auf ihren schmalen Hals – ein Brandmal.Wie damals, als sie es bei ihm getan hatte. Kein zärtlicher Kuss. Ein forderndes Saugen. Strafe. Besitzanspruch.„Ugh …“ Selinas Stirn zog sich zusammen. Das Stechen, das Kribbeln an ihrem Hals – es jagte einen Schauer über ihren ganzen Körper.Sie wand sich, versuchte sich zu befreien – vergeblich. Ihre Kraft gegen seine? Ein Flügelschlag gegen einen Sturm.Im engen Raum nur noch ihre Atemzüge, schwer, ineinander verschlungen.Dann, nach Sekunden, ließ er sie los.Selina taumelte zurück, fing sich am Spiegel. Und sah es sofort: diesen roten, verräterischen Fleck an ihrem Hals.Verdammt. Alle Kleider, die sie ausgesucht hatt





