LOGINElyras Perspektive
Der Kerker roch nach Schimmel, Blut und altem Verzweiflung. Ich saß zusammengekauert gegen die Steinwand, mein Brautkleid um die Wunde in meiner Seite in Scharlachrot getränkt.
Vor Stunden war ich noch eine Braut gewesen. Jetzt war ich eine Gefangene. Die Ironie wäre witzig gewesen, wenn sie nicht so sehr geschmerzt hätte. Jeder Atemzug schickte frischen Schmerz durch meinen Körper. Wolfsband.
Das Gift bewegte sich noch durch meine Adern und verbrannte alles, was es berührte. Mein Wolf wimmerte schwach in mir. Ich presste eine zitternde Hand gegen meinen Bauch und kniff die Augen zu. Wein nicht. Sie haben dir schon genug genommen. Aber in dem Moment, in dem ich an meinen Vater dachte, brach etwas in mir erneut.
"Du schämst mich."
Seine Worte hallten lauter als die Kerkerketten — nicht Darians Verrat, nicht Maris. Mein Vater. Der Mann, der mich besser kennen sollte als irgendjemand sonst, der Mann, der zugeschaut hatte, wie sie mich wegschleiften, und nichts getan hatte.
Ein Schluchzen entkam mir, bevor ich es aufhalten konnte. Ich hasste mich dafür. Das Geräusch von Schritten hallte durch den Korridor — ich schaute sofort auf. Für eine törichte Sekunde flammte Hoffnung in mir auf. Vielleicht ist Vater zur Besinnung gekommen. Vielleicht hat er erkannt, was passiert ist.
Die Zelltür öffnete sich. Es war nicht mein Vater. Stattdessen traten zwei unbekannte Männer ein. Beide trugen dunkle Umhänge; keiner sah aus wie ein Rudelwächter. Ich richtete mich langsam auf. Schmerz durchfuhr meine Seite.
„Wer seid ihr?”, fragte ich.
Der ältere Mann ignorierte die Frage. Sein Blick glitt über mich, als würde er Vieh inspizieren. Mein Magen zog sich zusammen. Der jüngere Mann neben ihm runzelte die Stirn.
„Sie sieht schlimmer aus, als ich erwartet hatte.”
Der Ältere brummte. „Sie lebt. Das ist alles, was zählt.” Ein kaltes Gefühl legte sich in meine Brust.
„Wovon reden Sie?” Keiner antwortete.
Der ältere Mann zog ein gefaltetes Pergament aus seinem Mantel. Ein vertrautes Siegel war unten aufgedrückt. Das Siegel meines Vaters. Mein Atem stockte. Nein. Der ältere Mann öffnete es.
„Die Transaktion wurde genehmigt.” Die Worte trafen mich wie eine weitere Klinge.
„Transaktion?” Ich starrte ihn an.
„Was für eine Transaktion?”
Der jüngere Mann wirkte unbehaglich. Der Ältere sah mich direkt an:
„Sie.”
Der Kerker fühlte sich plötzlich kälter an. Mein Puls hämmerte. „Was?”
Der Mann faltete das Pergament.
„Das Sichelmond-Rudel hat die Zahlung akzeptiert.” Mein Verstand weigerte sich zu verstehen. Zahlung akzeptiert? Zahlung wofür? Für wen?
Dann traf mich die Erkenntnis. Mein Magen sank.
Das Gesicht des älteren Mannes blieb ausdruckslos.
„Sie brechen heute Nacht auf.”
„Nein.” Das Wort kam lauter heraus.
„Sie haben die falsche Person.”
Das Gesicht des jüngeren Mannes zog sich leicht zusammen. „Haben wir nicht.”
Ich taumelte auf die Beine. „Sie können mich nicht verkaufen....”
Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Das Pergament, das Siegel, Vater — nein, nein, nein!
Der Raum drehte sich. „Das würden sie nicht.”
Der ältere Mann hob eine Augenbraue.
„Doch.”
Mein Atem wurde unregelmäßig.
Darian hatte mich verraten.
Maris hatte mich verraten.
Die Ältesten hatten mich verraten.
Aber mein Vater — mein Vater konnte das nicht. Er konnte es einfach nicht.
Meine Stimme zitterte. „Gekauft von wem?”
Der ältere und der jüngere Mann wechselten einen Blick. Zum ersten Mal seit sie die Zelle betreten hatten, wirkten beide vorsichtig. Das erschreckte mich mehr als alles andere. Der Jüngere sprach zuerst. „Die Obsidian-Zitadelle.”
Ich erstarrte. Jedes Wolfskind kannte diesen Namen.
Das Bergkönigsreich, die Drachen — mein Blut wurde kalt.
Ich wich zurück, einen Schritt, dann noch einen.
„Nein.....Das ist unsinn...”
„Der Befehl kam direkt aus der Zitadelle.”
Angst kroch meinen Rücken hinunter.
„Was wollen Drachen von mir?” Keiner antwortete sofort. Das Schweigen war schlimmer, viel schlimmer. Schließlich sprach der ältere Mann.
„Unser König braucht eine Frau.”
Der Kerker verschwand um mich herum — ich konnte nur noch meinen Herzschlag hören. Eine Frau, ein König, ein Drache.
Ich starrte ihn an: „Welcher König?”
Der Kiefer des jüngeren Mannes verhärtete sich. Der Ältere antwortete trotzdem.
„Kael Draven.” Der Name fiel schwer in den Raum. Selbst ich hatte Geschichten gehört — alle hatten. Der Drachenlord. Die Bestie von Obsidian, der König, dessen Jähzorn Armeen verbrannte, der Herrscher, der in allen Aschenreichen gefürchtet wurde — mein Mund wurde trocken.
„Das glaube ich nicht …”
Der ältere Mann seufzte. „Das ist normalerweise die Reaktion.”
Dann näherten sich weitere Schritte, schnell und dringend. Eine weibliche Dienerin erschien am Zelleneingang. Sie war blass und verängstigt.
Als sie die zwei Männer sah, verneigte sie sich rasch.
„Meine Herren.” Der ältere Mann runzelte die Stirn.
„Was ist?”
Die Dienerin schluckte. „Der Zustand des Drachenlords verschlechtert sich.”
Das Gesicht des jüngeren Mannes verhärtete sich. Die Dienerin fuhr nervös fort.
„Die letzte Frau hat die Nacht nicht überlebt.”
Die letzte Frau hat die Nacht nicht überlebt?! Mein Blut gefror.
Der ältere Mann fluchte leise. Die Dienerin senkte die Stimme.
„Die Ärzte sagen, wenn das so weitergeht, überlebt vielleicht nicht einmal die Zitadelle seine nächste Brunft.”
Der Blick des jüngeren Mannes wanderte langsam zu mir. Etwas Unbehagliches blitzte über sein Gesicht – Mitleid. Mein Magen sank.
Zum ersten Mal verstand ich genau, warum sie gekommen waren. Ich wurde nicht zu einem König gebracht – ich wurde zu einem Monster geliefert.
Und nach den Gesichtern der beiden zu urteilen, waren sie nicht sicher, ob ich die Nacht überstehen würde.
Rowans Perspektive„Wir haben sie gefunden."Rowan blickt nicht sofort vom Kartentisch auf. Er hat über die Jahre gelernt, Erleichterung nicht auf seinem Gesicht zu zeigen, bevor die Information zweimal bestätigt ist. „Wo."„Siedlung, drei Tage östlich, hinter den Ashveil-Pässen. Der Bote sagt, die Familie habe den Ort als sekundäre Basis für das Netzwerk benutzt. Sie sind nicht" – der Bote zögert, wählt das Wort sorgfältig – „Sie tun ihr nicht weh, Sir. Es ist eine Haltungssituation. Druckmittel, keine Grausamkeit."Rowans Kiefer spannt sich trotzdem an. Druckmittel ist keine Grausamkeit, aber auch keine Barmherzigkeit. Ein vierjähriges Mädchen kennt den Unterschied zwischen Verletztsein und als Pfand gehalten werden nicht. Sie weiß nur, dass sie nicht nach Hause gekommen ist.„Stellt ein Team zusammen. Klein. Schnell." Er rollt bereits die Karte zusammen, berechnet bereits den Ritt. „Ich gehe selbst."„Sir, bei allem Respekt, Sie müssen nicht—"„Ich weiß, was ich tun muss." Er sagt
Selenes Perspektive„Nennen Sie die Gesamtsumme, die zwischen dem dritten und vierten Zyklus übertragen wurde."Lord Garretts Stimme schnitt durch die schwere, stagnierende Luft der großen Halle wie das Beil eines Henkers.Drei Tage waren seit dem Versiegeln in den Pässen vergangen, aber die Halle trug noch die rohen Narben der Gewalt. Gerüste säumten die nördliche Mauer, wo das Mauerwerk gerissen war, und die Dielen unter meinen Stiefeln rochen schwach nach frischem Pech und geschrubbter Asche.Ich hielt meine Hände flach auf dem hölzernen Geländer des Zeugenstands. Kein Zittern. Keine dekorativen Ringe. Nur nackte Haut gegen geschliffene Kiefer.„Zwei Millionen vierhunderttausend Goldsovereigns", sagte ich, meine Stimme hallte klar von den hohen Dachbalken wider. „Entnommen aus drei Treuhandkonten in den südlichen Handelshäfen. Genehmigt durch das direkte Siegel meines Vaters, gefiltert durch sekundäre Getreidehändler, und direkt an Corvaths Boten geliefert."Ein kollektives Murmeln
Kaels PerspektiveKaels Körper weiß, dass es Tageslicht ist, bevor sein Verstand zustimmt, es zu glauben. Das Licht trifft zuerst seinen Nacken, warm, ungefiltert, nichts wie das graue, komprimierte Glühen, das vierundzwanzig Stunden lang durch die Membran gesickert war. Seine Schultern entspannen sich ohne Erlaubnis. Irgendwo hinter seinen Rippen lässt etwas, das sich seit letzter Nacht gewappnet hatte, endlich, leise, los.„Spürst du das?", fragt Elyra neben ihm, blickt nicht hinüber, ihre Augen auf den Bergpass vor ihnen gerichtet.„Was spüren?"„Die Sonne landet tatsächlich auf deiner Haut, statt nur irgendwo oberhalb einer Druckwand zu existieren."Er spürt es. Er hatte keine Worte dafür gehabt, bis sie ihm die Worte gab.Sie gehen. Fels unter den Füßen, glatt getragen von Jahrhunderten von Stiefeln, die nicht ihre waren. Vor ihnen, hinter dem letzten Grat, wartet die Zitadelle, blasser Stein fängt Morgenlicht ein, Türme, die er gehasst und dann toleriert hat und dann, irgendwann
Caelans PerspektiveMeine Großmutter roch nach Zedernasche und kaltem Glas. Als sie meine Wange berührte, fühlte sich die Wärme in ihrer Haut nicht wie die Berührung einer Fremden an. Der zweite Fluss in mir eilte nicht, ihr zu begegnen, oder bäumte sich zur Verteidigung auf. Er kräuselte sich einfach, glättete sich über meine Rippen, erkannte die Strömung, die ihn genährt hatte, bevor ich je meinen ersten Atemzug nahm.„Du bist sehr klein", hatte sie gesagt.„Ich bin sechs", erzählte ich ihr erneut.Aus der Nähe waren die Linien um ihre Augen fein, scharfe Risse in blassem Stein. Sie war eine lebendige Person, kein Mythos, in Tempelfriese geschnitzt oder ein Name, der über Ratstischen geflüstert wurde. Sie hatte raue Haut an der Seite ihres Daumens, wo eine Bogensehne sie vor Jahren wohl gebissen hatte. Sie hatte ein Herz, das mit einem stetigen, dickköpfigen Rhythmus schlug, der zu Mamas passte.„Das Wissen hat mir dich gezeigt", sagte ich leise, blickte direkt in ihre silbernen Aug
Elyras PerspektiveDie Kristallberge öffneten sich nicht mit ihrem gewöhnlichen mahlenden Protest.Normalerweise erzitterten die hoch aufragenden, steilen Klippen der Grenze des Drachenreichs, ihre Schutzzauber summten gegen die Haut wie ein schwaches Fieber, bevor sie uns passieren ließen. Heute glitten sie einfach zurück. Ein stiller, sauberer Rückzug. Das dauerhafte Versiegeln der Tür hatte sogar diese uralten Grenzen erreicht, hatte die Schutzmagie von einem ständigen Belagerungszustand zu etwas Gesetztem und Sicherem umgeschrieben. Ich verlangsamte mein Tempo nicht.Kaels Finger waren noch in meinen verschlossen, seine Handfläche trocken und fest, sein Schritt passte sich meinem an, mit der unbeeilten Präzision eines Mannes, der den Kriegsraum hinter sich gelassen hatte und nicht zurückblickte. Neben ihm ging Caelan. Seine Stiefel waren leicht auf dem Stein, seine silbergoldenen Augen klar. Die Stille in ihm war so absolut, dass ich sie durch unsere Bindung wie einen glatten, tie
Elyras PerspektiveDas Fläschchen war in meiner Handfläche kalt geworden, bevor mir bewusst wurde, dass ich es noch hielt.Morgenlicht ergoss sich in langen, goldenen Bändern über den Pass, fing sich im Frost, der sich nicht vollständig von den Felswänden gelöst hatte, und die Luft um mich herum fühlte sich anders an, auf eine Weise, die ich nicht benennen konnte, bis ich es tatsächlich versuchte. Leichter und sauberer. Nicht die dünne Kälte der Höhe, sondern etwas näher an der Abwesenheit eines Gewichts, das ich nicht bewusst registriert hatte zu tragen, bis zu dem Moment, in dem es vollständig verschwand.Der Druck der Membran war weg. Ich hatte nicht bemerkt, wie er sich über die letzten Wochen aufgebaut hatte, die subtile Dichte der Luft, wann immer wir zu nah an den Pass kamen, und die Art, wie meine Lungen gelernt hatten, leicht härter zu arbeiten, ohne sich je ganz zu beschweren. Jetzt saß diese Abwesenheit in meiner Brust wie Stille, nachdem ein langes, dröhnendes Geräusch end







