LOGINElyras Perspektive
Ich konnte nicht aufhören zu zittern. Selbst nachdem die Drachenmänner die Zelle verlassen hatten, selbst nachdem ihre Schritte im Korridor verklungen waren, weigerte sich mein Körper, sich zu beruhigen.
"Die letzte Frau hat die Nacht nicht überlebt. "
Die Worte spielten sich immer wieder in meinem Kopf ab, wieder und wieder. Ich presste meine Handflächen gegen meine Ohren. Es half nicht. Nichts half. Der Kerker fühlte sich plötzlich kleiner an als zuvor. Die Wände schienen näher. Die Luft dünner.
Ich würde sterben.
Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Heute Nacht. Ein hartes Lachen entfuhr mir.
Vor Stunden hatte ich mich noch auf meine Paarungszeremonie vorbereitet. Jetzt diskutierten Fremde darüber, ob ich das Bett eines Drachen überleben würde. Mein Magen drehte sich um. Schritte hallten irgendwo über mir. Ich ignorierte sie. Alle, die hier herunter kamen, brachten Elend mit sich — ich hatte kein Interesse daran, einem weiteren zu begegnen.
Die Schritte hielten vor meiner Zelle an. Ein vertrauter Geruch erreichte mich. Mein Körper versteifte sich sofort. Darian trat ein. Wut explodierte in mir.
„Was machst du hier?”
Für eine Sekunde sah er mich nur an — mein zerrissenes Brautkleid, mein bleiches Gesicht. Das Blut, das den Boden unter mir befleckte. Etwas Unlesbares huschte über seinen Ausdruck — Schuld, vielleicht. Es verschwand zu schnell, als dass ich sicher sein konnte.
„Du siehst schrecklich aus.”
Ich starrte ihn an. Dann lachte ich, ein scharfer, bitterer Laut.
„Du hast mich gestochen.” Sein Kiefer zog sich zusammen.
„Ich bin gekommen, um zu reden.”
„Ich würde lieber sterben.”
Die Worte kamen jetzt leicht. In der Sekunde, in der sie meinen Mund verließen, blitzte etwas Dunkles über sein Gesicht.
„Das meinst du nicht so.” Ich lachte wieder.
„Offenbar schon.”
Der Mann, von dem ich einst dachte, mit ihm mein Leben zu verbringen, wirkte seltsam unbehaglich. Gut. Zum ersten Mal in dieser ganzen Nacht wollte ich, dass er sich unwohl fühlte. Ich wollte, dass er unglücklich war. Ich wollte, dass er litt.
„Du hättest gehen können.” Seine Stimme war leise. Ich blinzelte. „Was?”
Darian fuhr mit einer Hand durch sein Haar. „Du hättest die Dinge akzeptieren können.” Für einen Moment dachte ich ernsthaft, ich hätte mich verhört. Dann traf mich die Erkenntnis. Mein Zorn wurde zu etwas Kälterem, etwas Gefährlichem.
„Du wolltest, dass ich deine Mätresse akzeptiere?”
Seine Augen verengten sich.
„Es war nicht so einfach.” Ich starrte ihn an.
„Nein?”
Sein Schweigen antwortete für ihn. Mir wurde übel — nicht weil ich ihn noch liebte, sondern weil ich endlich erkannte, dass ich ihn niemals wirklich kannte.
„Du hast mich jahrelang belogen.” Etwas flackerte in seinen Augen. „Ich habe mich um dich gekümmert.”
Die Worte ließen mich fast lachen, fast.
„Du hast dich um meinen Titel gekümmert.” Sein Kiefer verkrampfte sich. „Das Rudel brauchte Stabilität.” „Das Rudel brauchte einen Alpha.” „Das Rudel brauchte einen Mann.” Jeder Satz schärfte meinen Hass.
Plötzlich verstand ich etwas. Es war nie um Liebe gegangen — nicht für ihn, nicht für die Ältesten und nicht einmal für meinen Vater. Ich stand einfach im Weg der Zukunft, die sie wollten. Eine weibliche Erbin, eine weibliche Anführerin, eine Unannehmlichkeit.
Die Erkenntnis schmerzte mehr als der Dolch.
Darian bemerkte die Veränderung sofort.
„Elyra, mach das nicht.” Sein Ausdruck verdunkelte sich.
„Du machst dich immer zum Opfer.” Für eine Sekunde konnte ich nicht atmen.
Dann lachte ich — wirklich lachte. Der Laut hallte durch den Kerker. „Du hast mich gestochen!” Meine Stimme zitterte. „Du hast mir die Schuld gegeben.” Ich holte noch einmal Luft.
„Du hast dabei geholfen, mich zu verkaufen.” Noch eine.
„Und irgendwie bin ich das Opfer, weil ich es bemerkt habe?”
Sein Gesicht verhärtete sich. „Du verstehst die Situation nicht.” „Nein.” Ich lehnte mich trotz des Schmerzes vor.
„Du verstehst sie nicht.” Zum ersten Mal in dieser Nacht wirkte er unsicher. Ich zeigte auf die Zelle.
„Hier hat dich deine Entscheidung hingeführt.” Ich zeigte in Richtung des Korridors. „Die Drachen.” Dann zeigte ich auf meine Wunde. Die darauf folgende Stille fühlte sich schwer an. Darian sah zuerst weg — ein kleiner Sieg, aber er fühlte sich trotzdem gut an. Schließlich sprach er.
„Der Drachenlord ist mächtig.” Ich erstarrte.
Da war es wieder — der Drachenlord. Das Monster wartete auf mich.
Darian senkte die Stimme.
„Du solltest kooperieren.” Angst verdrehte sich in mir.
Ich hasste es, dass sie das tat. „Warum?”
Seine Augen wanderten ab. Das Zögern dauerte kaum eine Sekunde. Aber ich bemerkte es. Und plötzlich wusste ich. Er hatte auch Angst. Mein Magen sank.
Darian fürchtete jemanden. Diese Erkenntnis beunruhigte mich mehr, als ich zugeben wollte.
„Was verbirgst du mir?” Sein Kiefer verhärtete sich.
„Nichts.”
Stille — dann schließlich: „Tu einfach, was man dir sagt.”
Angst kroch meinen Rücken hinauf. Das war keine Antwort — das war eine Warnung.
Bevor ich weiter nachhaken konnte, hallte eine andere Stimme aus dem Korridor.
„Darian.” Eine Frau — elegant und kalt.
Darian trat sofort einen Schritt zurück. Die Veränderung in ihm war augenblicklich. Ich runzelte die Stirn. Eine Frau erschien hinter den Gittern — sie war schön und groß. Silberhaarig, teuer gekleidet — nichts an ihr sah aus wie ein Wolf oder ein Drache.
Die Erkenntnis kam sofort. Die Frau musterte mich für mehrere Sekunden. Ihre violetten Augen wanderten von meinem Gesicht zu meinem blutbefleckten Kleid. Dann lächelte sie. Der Ausdruck ließ meine Haut kribbeln.
„Also ist das sie.”
Darian wurde steif. Die Frau wirkte amüsiert.
„Ich hatte mehr erwartet.” Etwas in mir brach. „Witzig.” Ihr Blick wanderte zu mir.
„Ich hatte Freundlichkeit erwartet.”
Das Lächeln der Frau verschwand.
Gut — zum ersten Mal seit ihrer Ankunft wirkte sie interessiert.
„Du hast Feuer.”
„Ich habe Ansprüche.”
Darian fluchte leise. Die Frau ignorierte ihn. Sie trat näher.
„Mein Name ist Selene.” Etwas an dem Namen klang vertraut. Dann erinnerte ich mich. Drachenadel, eines der großen Häuser.
Die Frau neigte den Kopf. „Du solltest dich glücklich schätzen.”
Ich musste fast lachen. „Glücklich?”
Ihr Lächeln kehrte zurück — diesmal sah es grausam aus. „Nur wenige Frauen kommen dem Drachenlord nahe.” Kaltes Grauen legte sich in meinen Magen. Die Art, wie sie es sagte — der Besitzanspruch, die Bitterkeit. Plötzlich verstand ich — keine Dienerin, keine adlige Beobachterin, etwas mehr.
„Was sind Sie für ihn?”
Die Frage rutschte heraus, bevor ich sie aufhalten konnte.
Zum ersten Mal erschien echte Befriedigung in ihren Augen.
„Ich bin seine künftige Königin.” Etwas Hässliches huschte über ihr Gesicht — schnell, fast verborgen — aber ich sah es. Eifersucht. Warum?
Ich war buchstäblich in einem Kerker in Ketten. Und doch sah sie mich an wie eine Bedrohung. Ein seltsames Gefühl legte sich in meine Brust — Verwirrung, Angst und Neugier. Alles miteinander verknäuelt.
Dann lieferte Selene den letzten Schlag.
„Du solltest die Zeit genießen, die dir noch bleibt.”
„Was soll das heißen?”
Ihr Lächeln wurde breiter. „Nichts.”
Lüge — jeder Instinkt schrie, dass es eine Lüge war.
Selene wandte sich zum Ausgang. Darian folgte. Das Paar erreichte den Türrahmen, bevor sie innehielt. Dann sagte sie leise, ohne sich umzublicken:
„Der Drachenlord hat jede Frau abgelehnt, die wir geschickt haben.”
Mein Puls beschleunigte sich. Selenes nächste Worte gefroren das Blut in meinen Adern.
„Aber aus irgendeinem Grund.” Sie warf schließlich einen Blick über die Schulter.
„Hat er speziell nach dir gefragt.”
Elyras PerspektiveDie Zitadelle atmete bei Sonnenaufgang anders, nicht leiser. Das Gegenteil. Der besondere Klang eines großen Raums, der sich nach einer Krise neu orientierte. Boten in den unteren Korridoren. Das ferne organisierte Geräusch struktureller Bewertungsteams, die sich durch den östlichen Flügel bewegten. Wachen, die an Posten rotierten, die während der gesamten Nacht von Menschen gehalten worden waren, die nicht abgelöst worden waren, weil Ablösung nicht verfügbar gewesen war.Sie ging durch all das hindurch, verwaltete es nicht, hielt nicht an, um Berichte zu empfangen oder Anweisungen zu erteilen oder die besondere sichtbare Kompetenz einer Königin vorzuführen, die ihre Präsenz in ihren eigenen Hallen fühlbar machte. Rowan verwaltete. Das war es, was Rowan tat, und er tat es besser, wenn sie nicht im selben Raum stand und eine Schwerkraft erzeugte, die Menschen zu ihr blicken ließ, bevor sie ihre eigene Einschätzung vollendeten. Sie ging.Die Krone war noch immer auf i
Aras PerspektiveDie unterirdischen Strukturen rochen nach Bewahrtem, nicht nach Verfall. Das Gegenteil. Die besondere antiseptische Qualität eines Raums, in dem natürliche Prozesse bewusst ausgesetzt worden waren. Wo Zeit von jemandem an einem festen Punkt gehalten worden war, der die Chemie der Aussetzung verstand und dieses Verständnis mit der sorgfältigen Präzision von jemandem angewendet hatte, der beabsichtigte, dass die Aussetzung anhielt. Sie hatte angehalten; die Körper lagen in Reihen.Ara stand am Eingang der ersten Kammer und zählte sie, ohne es zu beabsichtigen. Siebenunddreißig. Jeder auf einer niedrigen Steinplattform. Jeder mit der besonderen Qualität von jemandem, der tief schlief, statt abwesend zu sein. Atmete. Farbe in ihren Gesichtern. Hände entspannt an ihren Seiten, mit der natürlichen Lockerheit echter Ruhe statt der starren Qualität, die sie erwartet hatte.Corvath hatte sie sorgfältig erhalten. Das war das besondere Grauen daran. Die Sorgfalt. Die bewusste, k
Darians PerspektiveDer Morgen kam seitlich durch das zerbrochene Fenster der großen Halle herein, nicht die saubere Ankunft von Licht, das eine klare Oberfläche findet. Die besondere gebrochene Qualität von Beleuchtung, die sich durch beschädigte Architektur bewegte, die Ränder gerissenen Steins und gespaltenen Mörtels einfing und Schatten erzeugte, die in Richtungen gingen, in die Schatten nicht gehen sollten. Die Halle roch nach versengtem Fels und alter Frequenz und dem besonderen atmosphärischen Rückstand eines Raums, der etwas Uraltes beherbergt und es freigelassen hatte.Selene war einen Meter entfernt und sah ihn nicht an. Sie betrachtete das Licht, das an der fernen Mauer sein gebrochenes Werk tat, mit der besonderen Qualität von jemandem, der etwas Enormes vollendet hatte und im schwebenden Zustand zwischen Vollendung und welcher Konfiguration auch immer als Nächstes kam.Er hatte vor zwanzig Minuten beobachtet, wie sie in diese Halle gerannt war.Das war das Ding, zu dem er
Rowans PerspektiveIch hatte dreißig Sekunden zwischen Selenes Erklärung und dem Moment, als die große Halle sie fertig absorbiert hatte.Dreißig Sekunden der besonderen schwebenden Qualität, die Räume erzeugten, wenn gerade etwas Riesiges gesagt worden war und die Menschen im Raum noch im Prozess waren zu verstehen, was es für alles bedeutete, was als Nächstes kam. Corvath auf dem Boden, mit dem inerten Gefäß in seiner offenen Hand. Elyra neben Kael, mit den silbernen Augen und der gefassten Nachwirkungsqualität von jemandem, der aus der Frequenzwelt zurückgekommen war und noch immer Inventar aufnahm, was die Rückkehr gekostet hatte. Caelan stand vor Corvath, sagte Dinge, die sonst niemand im Raum in der Position war zu sagen.Ich benutzte dreißig Sekunden, nicht um zu verarbeiten, was Selene getan hatte. Das erforderte mehr als dreißig Sekunden, und ich legte es auf der richtigen Prioritätsebene ab und ließ es dort. Nicht um Corvaths aktuelles Bedrohungsniveau einzuschätzen, das sic
Kaels PerspektiveDer Faden war bei der Achtunddreißig-Minuten-Marke schlaff geworden.Ich wusste es, weil ich gezählt hatte. Die besondere unwillkürliche Verfolgung eines Mannes, dessen Instinkte die Variable identifiziert hatten, die am meisten zählte, und sie unterhalb bewusster Lenkung überwachten, mit der besonderen Konzentration von etwas, das verstand, dass Aufhören keine Option war, unabhängig davon, was die Zählung erbrachte.Achtunddreißig Minuten des Haltens, dann schlaff, nicht Verdünnung, nicht die allmähliche Verringerung der Präsenz, die ich über die vorangegangenen Minuten hinweg mit dem anhaltenden Zug von jemandem verwaltete und darauf reagierte, der etwas einholt, das vorsichtig statt schnell zurückgebracht werden muss. Schlaff.Der besondere Unterschied zwischen etwas, das sehr leicht geworden war, und etwas, das vom anderen Ende her keine Spannung mehr erzeugte. Ich zog. Nichts antwortete.Kein Widerstand. Nicht das Gewicht einer Person, die zurück durch eine Dist
Elyras PerspektiveZurückkommen war nicht dasselbe wie zurückkehren.Das war das Besondere, das ich in den ersten Momenten verstand, als ich den Faden wiederfand. Zurückkehren implizierte einen Weg, der während der Abwesenheit intakt geblieben war. Eine Straße, die in beide Richtungen noch da ist. Zurückkommen war anders. Zurückkommen bedeutete, die besondere Frequenz von Kaels Stimme an dem Ort zu finden, wo die physische Welt zur Frequenzwelt sekundär geworden war, und ihr zurück über die Distanz zwischen diesen beiden Orten zu folgen, mit der bewussten Navigation von jemandem, der verstand, dass die Distanz real war und dass sie zu überqueren mehr erforderte, als einfach zu entscheiden, sie zu überqueren.Seine Stimme, einfach meinen Namen. Immer wieder in dem besonderen leisen Ton, den er benutzte, wenn es nur uns beide gab und die Wahrheit die einzig verfügbare Sprache war, und er nicht Ruhe vorspielte, sondern sie einfach war, weil sie das war, was der Moment von ihm verlangte.







