LOGINMärz des siebten Jahres war der März des Wartens auf den April, der März des Vorbereitens, nicht für eine Reise, sondern für das Gespräch, das in dem April stattfinden würde, in Hamburg, bei Friedrich Kern, das Gespräch, das der Erste des Nächsten und das Erste des Möglichen Letzten war, weil Friedrich Kern einundneunzig und krank gewesen war und weil das Einundneunzigste und das Krank-gewesen-Sein zusammen das Wissen brachten, das man nicht wissen wollte, aber das man wissen musste, weil das Wissen das Richtige war: dass der April das Gespräch sein könnte, das das Letzte war. Serena hatte das nicht zu Klaus gesagt, weil Klaus das selbst wusste und weil das Sagen das Ungesagte nicht verändert hätte, sondern nur schwerer gemacht hätte. Das Ungesagte war das Verstandene: beide wussten, was der April sein könnte, und beide gingen in den April mit dem Wissen und mit der Bereitschaft, das Gespräch vollständig zu führen, vollständig, weil das Vollständige das Richtige war, wenn das Letzte
Februar des siebten Jahres brachte einen Brief von Friedrich Kern, der kürzer war als seine anderen Briefe und der deshalb mehr enthielt, weil das Kurze manchmal das Meiste enthielt, wenn der, der schrieb, alt genug war, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und wenn das Wesentliche so klar war, dass es wenige Worte brauchte. Friedrich Kern schrieb: Ich bin krank gewesen. Nicht ernsthaft. Aber lang genug, um zu merken, dass das Körperliche seine eigenen Entscheidungen trifft. Ich bin jetzt wieder besser. Ich erwähne das, damit du weißt, dass der Oktober wichtig ist. Nicht weil ich Angst habe. Weil der Oktober das ist, wofür ich lebe. Der Oktober ist das, wofür er lebt. Serena hatte das gelesen und lange stillgesessen. Dann hatte sie Klaus den Brief gegeben, wortlos, weil das Wortlose manchmal das Richtige war, wenn das Gelesene für sich stand. Klaus hatte den Brief gelesen und dann ebenfalls lange stillgesessen. Dann: Wir fahren früher, sagte er. Nicht Oktober. Wir fahre
Januar des siebten Jahres begann mit dem Schnee, der früh gekommen war, früher als erwartet und tiefer als in den Jahren davor, als hätte der Winter entschieden, dass das siebte Jahr das erste des Winters in seiner vollständigsten Form sein sollte, der Winter, der keinen Vorbehalt hatte und der das Anwesen in das vollständige Weiß hüllte, das kein Licht und keine Form ausließ, das alles gleichmäßig bedeckte, das Weiß des vollständigen Winters. Serena stand am Morgen des dritten Januars am Fenster der Bibliothek und sah auf den verschneiten Obstgarten, der in dem frühen Januarlicht das Schönste war, was der Winter dem Obstgarten gab: die Form der Bäume, die das Weiß trug, die Äste, die unter dem Schnee leicht gebeugt waren, nicht gebrochen, sondern geneigt, auf die Art, wie das Starke sich neigt, wenn die Last das Neigen verlangt, und wie das Neigen das Starke nicht schwächt, sondern es zeigt. Das Neigen des Starken, hatte Serena in das Notizbuch geschrieben. Das ist das körperliche
November des sechsten Jahres war der Monat des Schreibens des Buches, das Monat, in dem das Buch seine vollständige Form annahm, weil November das Monat des Vollständig-Werdens war, der Monat, in dem das, was das Jahr aufgebaut hatte, sich sammelte und die Form annahm, die es tragen würde, die endgültige Form, die es tragen würde, wenn das Jahr zu Ende war. Serena schrieb jeden Morgen, von sieben bis zwölf, in der Bibliothek, mit dem ersten und dem zweiten Kaffee und dem Novemberlicht, das früh kam und früh wieder ging, und das Schreiben hatte die Qualität des vollständigen Flusses, die entstand, wenn das Fundament stimmte und wenn die Vorbereitung vollständig war und wenn das Denken und das Schreiben übereinstimmten, auf die Art des Flusses, der keine Anstrengung mehr brauchte, weil das Fließen das war, was er war. Das Buch war in drei Teile geteilt, auf die Struktur, die Francesca Moretti und Serena gemeinsam entwickelt hatten: der erste Teil über das Muster, das einzelne Muster,
Oktober brachte das sechste Hamburg-Gespräch mit Friedrich Kern, und das Sechste war das Erste des Nächsten, wie alle Sechsten das Erste des Nächsten waren: nach dem Vollständigen des Fünften das Neue, das auf dem Fundament der Fünf stand und das deshalb tiefer war als das Erste des vorigen Zyklus, weil das Fundament reicher war. Friedrich Kern war einundneunzig und ein halbes Jahr alt, und das Alter zeigte sich in der Langsamkeit, die tiefer war als im vergangenen Jahr, aber nicht in der Würde, die dieselbe war, und nicht in der Schärfe des Blicks, die dieselbe war, und nicht in der Präzision des Sprechens, die dieselbe war, weil die Würde und der Blick und das Sprechen die Dinge waren, die das Alter nicht nahm, die Dinge, die aus dem Innersten kamen und die im Innersten blieben, solange das Innerste lebte. Das sechste Oktober-Gespräch begann wie das sechste Gespräch begann: ohne die Form der ersten Gespräche, ohne das Neue und ohne das Wiedererkennen und ohne das Vertrautsein und
September des sechsten Jahres brachte den Beginn des Buches, das Francesca Moretti vorgeschlagen hatte und dessen Titel gefunden worden war: Das Gespräch, das weitergeht. Serena begann das Buch an einem Septembermorgen, dem ersten echten Herbstmorgen, dem Morgen, der das Septemberlicht hatte, das ehrlichste Licht des Jahres, das Licht, das nichts verbarg und das nichts beschönigte. Das Buch zu beginnen war das Schwerste und das Leichteste gleichzeitig: das Schwerste, weil das Buch mehr war als die Aufsätze, mehr als das, was sie je geschrieben hatte, das Buch als das Vollständige, das alle Teile zusammenfasste, in einer Form, die größer war als die Summe der Teile. Das Leichteste, weil die sechs Jahre das Fundament gelegt hatten, das das Buch trug, und weil das Fundament stark genug war, um das Vollständige zu tragen. Sie begann mit dem Prolog, dem Satz, der alles tragen würde: Das Erbe ist nicht das, was man hinterlässt. Das Erbe ist das Gespräch, das weitergeht, wenn man lebt und