Masuk
Nadias Sicht
Der schwere, rhythmische Bass der VIP-Lounge vibriert durch die Sohlen meiner Turnschuhe. Es ist nach Mitternacht, und die Luft in der Crimson Lounge ist ein dicker, schwerer Mix aus teurem Herrenparfüm, verschüttetem Scotch und dem süßlichen Duft von E-Zigaretten-Rauch. Ich stehe vor dem verblassten Spiegel in der Personaltoilette und klammere mich an den Rand des Porzellanwaschbeckens, als wäre es das Einzige, was mich noch auf der Erde verankert. Langsam, mit zitternden Fingern, streiche ich meinen dunklen Pony zur Seite. Dort, mitten durch meinen Haaransatz verlaufend, befindet sich eine dünne, blasse Narbe. Eine physische Erinnerung an eine Nacht, an die ich mich nicht mehr vollständig erinnern konnte. Meine Tante und mein Onkel hatten mir strengstens verboten, jemals über diese Nacht zu sprechen, und meine Vergangenheit in einer Kiste des Schweigens weggeschlossen. Ich streiche meinen Pony wieder an seinen Platz, hole tief und zitternd Luft und rücke das goldene Armband an meinem Handgelenk zurecht. „Nur noch ein paar Monate“, flüstere ich meinem Spiegelbild zu und versuche, einen Funken Hoffnung in meine trüben, müden Augen zu zwingen. Ich nehme jede Doppelschicht an, die Maddie, meine Schichtleiterin, mir aufbrummt. Ich arbeite, bis meine Füße bluten und meine Muskeln vor Erschöpfung schreien – alles für das eine Ziel, das ich vor Augen habe. Meine Studiengebühren. Ich hatte den Zulassungsbescheid unter den losen Dielenbrettern in meinem Kleiderschrank versteckt. Meine Erziehungsberechtigten, die wohlhabenden Bennetts, weigern sich, auch nur einen einzigen Cent für meine Ausbildung zu zahlen. Sie lachen über die Vorstellung, dass ich aufs College gehe, und behaupten, ich sei als ihre im Haus lebende Haushaltshilfe viel „nützlicher“. Dieser Job ist – trotz der anstrengenden Arbeitszeiten und der rüpelhaften Kundschaft – meine Eintrittskarte in die Freiheit. Plötzlich wird die schwere Toilettentür aufgerissen, und Maddie platzt herein. Ihr Gesicht ist eine Mischung aus Panik und Aufregung. „Nadia! Was versteckst du dich hier drinnen?“, zischt sie, packt mich am Arm und zieht mich zur Tür. „Die private VIP-Suite im dritten Stock ist gebucht worden. Der Kunde hat ausdrücklich nach unserer besten und diskretesten Bedienung verlangt. Schnapp dir dein Tablett und geh sofort hoch!“ „Maddie, ich habe gerade eine Sechs-Stunden-Schicht im Gastraum hinter mir“, flehe ich, während meine Stimme vor Erschöpfung zittert. „Kann Jaxon das nicht übernehmen?“ „Jaxon hat im Hauptraum alle Hände voll zu tun, und dieser Kunde ist niemand, den man warten lässt“, schnauzt Maddie mich an. Ihr Tonfall lässt keinen Raum für Argumente. „Er hat eine Reservierungsgebühr gezahlt, die die Miete dieser Bar für ein ganzes Jahr decken könnte. Verpatz das nicht, Nadia. Los!“ Ich schlucke den schweren Kloß in meinem Hals herunter, nicke stumm und gehe zurück zur Bar. Ich belade ein Silbertablett mit einer Kristallkaraffe voll feinstem, gealtertem Whiskey, drei schweren Kristallgläsern und einem Eimer mit perfekt klaren, von Hand zugeschnittenen Eiswürfeln. Als ich die Wendeltreppe zum privaten dritten Stock hinaufsteige, beginnt der Lärm der Hauptbar zu verblassen und wird durch eine schwere Stille ersetzt. Der Flur, der zur privaten Suite führt, ist mit einer tiefroten Samttapete ausgekleidet, doch die Atmosphäre wirkt beinahe einflößend. Vor der doppelten Mahagonitür halten zwei hünenhafte Männer Wache. Sie tragen makellos maßgeschneiderte schwarze Anzüge und haben die Hände ordentlich vor sich verschränkt. Ihre kalten, berechnenden Augen mustern mich, als ich mich nähere. Einer von ihnen drückt wortlos die schwere Tür auf und bedeutet mir einzutreten. Mein Atem stockt, als ich die Suite betrete. Der Raum ist geräumig; das einzige Licht stammt vom bernsteinfarbenen Leuchten eines schwach brennenden Kaminfeuers. Die Luft ist erfüllt vom schweren Duft teuren, handgedrehten Tabaks und einer subtilen metallischen Note, die mir die Haare auf den Armen zu Berge stehen lässt. Drei Männer sitzen in einer halbkreisförmigen Lederecke. Zwei von ihnen unterhalten sich mit leiser, gedämpfter Stimme. Doch meine Aufmerksamkeit wird augenblicklich auf den Mann gelenkt, der genau in der Mitte sitzt. Er ist gefährlich, atemberaubend gutaussehend. Er hat eine ausgeprägte Kieferpartie, hohe Wangenknochen und dunkles Haar, das bis zur absoluten Perfektion gestylt ist. Doch es sind seine Augen, die meine Füße auf der Stelle festfrieren lassen. Sie haben ein stechendes, kristallines Blau – so kalt, dass es sich anfühlt, als würde Eiswasser meine Haut berühren. Selbst im Sitzen kann die Haltung seines italienischen Anzugs die rohe, tödliche Macht nicht verbergen, die von seinen breiten Schultern und seinem muskulösen Körper ausstrahlt. „Guten Abend, die Herren. Mein Name ist Nadia, und ich werde mich heute Abend um Sie kümmern“, sage ich und zwinge meine Stimme, professionell zu klingen. Die beiden Männer an seiner Seite hören auf zu sprechen und blicken auf. Sie schenken mir ein höfliches, charmantes Lächeln, doch der Mann in der Mitte starrt mich einfach nur an. Sein Blick ist unvoreingenommen, schwer und erschreckend intensiv. Es fühlt sich an, als würde er nicht nur mich ansehen, sondern durch mich hindurchblicken. Das Gewicht seiner Aufmerksamkeit lässt meine Brust eng werden. „Was darf ich Ihnen bringen, mein Herr?“, frage ich. Mein Blick wandert nach unten auf das Silbertablett, um seinem einflößenden Strengen auszuweichen. „Eine Flasche eures besten Whiskeys“, spricht er schließlich. Seine Stimme ist ein tiefer Bariton mit einem dichten italienischen Akzent, der durch die Dielenbretter direkt in meine Brust vibriert. Es jagt mir einen seltsamen Schauer über den Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde überkommt mich ein merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit, aber ich schüttele den Gedanken gewaltsam ab. Du bist nur erschöpft, Nadia, sage ich mir selbst. Du hast noch nie in deinem Leben einen Mann wie diesen getroffen. Mit Händen, die trotz all meiner Bemühungen zittern, stelle ich die schwere Silberkaraffe auf den niedrigen Glastisch. Ich setze die drei Gläser mit einem leisen Klirren ab und greife dann nach der silbernen Eiszange. Ich kann spüren, wie sein Blick jede einzelne Bewegung meiner Handgelenke verfolgt – wie er mustert, wie meine Finger die Silberzange greifen und wie mein goldenes Armband meinen Arm hinuntergleitet. „Wünschen Sie Eis, mein Herr?“, frage ich kaum hörbar, als ich aufsehe, um seinem eisigen Blick zu begegnen. Einen quälenden Moment lang antwortet er nicht. Er starrt einfach nur, während sein Blick zu der blassen Narbe wandert, die unter meinem Pony hervorlugt, und dann zu dem Armband an meinem Handgelenk. „Nein“, sagt er mit tiefer, gebietender Stimme. „Schenk einfach ein.“ Ich nicke und gieße vorsichtig eine großzügige Menge der bernsteinfarbenen Flüssigkeit in sein Glas. Ich wiederhole den Vorgang für die anderen beiden Männer, während meine Knie unter dem Druck der Stille im Raum beinahe nachgeben. „Falls... falls Sie noch etwas brauchen, läuten Sie bitte einfach die Servicaglocke“, murmle ich und presse mein leeres Silbertablett wie einen Schutzschild an meine Brust. Ich mache zwei unsichere Schritte rückwärts und behalte mein Gesicht rein aus Überlebensinstinkt den Männern zugewandt, bevor ich mich umdrehe und aus der Tür schlüpfe. In dem Moment, in dem die Tür hinter mir ins Schloss fällt, breche ich an der Wand des ruhigen Flurs zusammen und stoße einen rauen, zitternden Atemzug aus. Mein Herz hämmert so heftig gegen meine Brust, dass ich sicher bin, die Wachen können es hören. Er ist wunderschön, aber von ihm geht eine Dunkelheit aus, die in Wellen überrollt. Er sieht nicht wie ein Kunde aus. Er sieht aus wie ein Raubtier, das gerade seine Beute gesichtet hat.Nadias Sicht In den nächsten Monaten sah ich zu, wie mein Bauch immer größer wurde. Ich habe alle Symptome verfolgt, nie Krankenhausbesuche verpasst und dafür gesorgt, dass ich sehr gut gegessen habe. Es passierte heute früh, als ich pinkeln wollte, und ich bemerkte, dass mir Wasser über die Oberschenkel lief. Ich rief Dr. Dupius an und sie kam vorbei und half mir zu ihrer Klinik. Der Frühlingsregen hatte sich zu einem sanften, rhythmischen Nieselregen gegen das Glas des kleinen Entbindungsraums im Krankenhaus in Nizza aufgeweicht. Die Luft roch schwach nach Lavendel, sterilem Leinen und dem sauberen, scharfen Ozon des Sturms, der über das Mittelmeer rollte. Ich legte mich gegen die erhöhten Krankenhauskissen zurück, erschöpft bis ins Mark meiner Knochen. Meine Haut war feucht vor Schweiß, mein Haar klammerte sich in dunklen, verworrenenen Strähnen an meiner Stirn und meinem Hals. Jeder Muskel in meinem Körper pochte mit einem tiefen, herrlichen Schmerz, aber ich spürte den Schme
Nadias SichtDie Nachmittagssonne tauchte tief am Horizont ab und warf lange Bernsteinstrahlen über die Holzdielen meiner kleinen Wohnung.Ich saß auf der Fensterbank, meine Knie an meine Brust gezogen, und starrte auf das winzige schwarz-weiße Ultraschallfoto, das auf meinem Schoß lag.Das einzelne Bild dieses winzigen, acht Wochen alten Lebens fühlte sich schwerer an als das goldene Armband, schwerer als das Micro-USB-Laufwerk, schwerer als das gesamte Erbe des Vance-Namens.Das Geräusch dieses kleinen Herzschlags hallte immer noch in meinen Ohren wider, lauter als die Wellen, die gegen die Klippen unter meinem Balkon schlagen.Mein Verstand war ein Schlachtfeld, zwei heftige Instinkte zerrissen meine Seele. Der erste Instinkt - der Teil von mir, der Lorenzo mit einer schrecklichen, absoluten Intensität liebte - schrie mich an, nach dem Telefon zu greifen.Ich wusste, was passieren würde, wenn ich den Nachlass anrufen würde. Ich wusste, wie schnell Viktor die Linie verfolgen würde,
Nadias SichtDer Nebel am frühen Morgen hing schwer über den steilen, gepflasterten Gassen von Éze, klammerte sich an die Steinmauern und verwischte die blassgelben Straßenlaternen.Normalerweise liebte ich die ruhige Kälte des Morgenspaziergangs zum Dorfplatz, aber heute fühlte sich jeder Schritt an, als würde ich Blei durch tiefes Wasser ziehen.Eine Welle von kalter Übelkeit rollte plötzlich und heftig durch meinen Magen. Ich blieb kurz neben einem Steinbogen stehen, drückte meine Hand gegen das kühle, feuchte Mauerwerk, schloss meine Augen und atmete langsam, bewusst die salzige Meeresluft ein.Das war nicht nur ein Magenbug. Es war schon seit Wochen nicht mehr so. Zuerst hatte ich versucht, es zu rationalisieren. Ich sagte mir, es sei der Stress, Italien zu verlassen, das Resttrauma der letzten Monate, der plötzliche Adrenalinabfall nach der Flucht vor einem Leben, das auf Blut und Seide basiert.Ich dachte, mein Körper passt sich einfach an die ruhigen, alltäglichen Rhythmen ein
Nadias SichtDer Duft von Salzwasser und warmen, frischen Baguettes trieb durch die hohen, offenen Fenster meiner kleinen Wohnung und vermischte sich mit der frischen Herbstbrise, die vom Mittelmeer wehte.Unter meinem Balkon begannen die engen, gepflasterten Straßen von Éze - eine ruhige, mittelalterliche Küstenstadt, die hoch auf den Klippen Südfrankreichs thront - gerade erst aufzuwachen.Kirchenglocken läuteten leise in der Ferne, ihre klaren Noten hallten über die roten Fliesdächer und die endlose Weite des glitzernden blauen Wassers, das sich bis zum Horizont erstreckte.Ich stand an der kleinen hölzernen Küchentheke, goss heißes Wasser in einen keramischen Tropffilter und beobachtete, wie der Dampf in die ruhige Morgenluft aufstieg.Ich trug einen einfachen, übergroßen cremefarbenen Strickpullover, verblasste Jeans und keine Schuhe. Mein Haar war zu einem lockeren, unordentlichen Knoten zurückgebunden.Es gab keine Seidenroben, keine bewaffneten Wachen, die vor meiner Tür stand
Lorenzos SichtDie Stille in der Master-Suite war nicht nur ruhig; es war eine physische Kraft, kalt und erstickend, die gegen meine Brust drückte, bis ich meine Lungen nicht mehr erweitern konnte.Ich stand in der Tür, der schwere Eichenrahmen stützte mein Gewicht, weil sich meine Beine hohl anfühlten, erschöpft von jedem Tropfen Kraft, den ich besaß.Das Morgenlicht strömte durch die Balkontüren und beleuchtete das Bett. Die Laken waren glatt, unberührt und kalt.Und in der Mitte der weißen Matratze lag ein einzelnes Stück gefaltetes Pergament, das von dem silbernen Schlüssel festgehalten wurde, den ich ihr nur wenige Stunden zuvor in die Hände gelegt hatte.Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen meine Brust, als ich meine Füße zwang, sich über den persischen Teppich zu bewegen. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde man durch tiefes Wasser gehen.Ich streckte die Hand aus, meine Finger zitterten - die Hand, die Hinrichtungsbefehle unterzeichnet und Gewehre ohne ein einziges Schüttel
Nadias SichtDas Anwesen war in eine erstickende, schwere Stille gehüllt, als die Nacht über den italienischen Bergen einbrach.Ich saß auf dem Rand des massiven Himmelbettes in der Master-Suite und starrte auf den silbernen Schlüssel und den Reisepass, der auf dem Nachttisch neben mir lag.Unten war das Haus totenstill. Lorenzo hatte sich in den unteren Innenhof zurückgezogen und mir den Raum gegeben, von dem er dachte, dass ich ihn brauchte, und seinen Männern befahl, Abstand zu halten und sein Versprechen völliger Freiheit zu erfüllen.Mein Geist war ein chaotischer, heftiger Sturm. Das unbearbeitete Video spielte sich hinter meinen Augenlidern in einer endlosen, qualenden Schleife ab.Mein Vater blutete auf dem kalten Betonboden und hob die Hände, um ein kleines Mädchen zu schützen. Tante Rosalind, die bei dieser Kälte im Schatten steht,Soziopathische Ablösung, die Leben gegen Geld eintauscht.Und Lorenzo - gebrochen, auf den Knien, um meine Vergebung betteln und mir sein Leben a







