LOGINPOV: Ian Moretti
— Mir fehlten die Worte. Es war Elena – aber nicht Elena. Das Gesicht, das mich anstarrte, war vertraut, schmerzlich vertraut, aber die Details waren falsch. Weichere Züge. Ausgeprägtere Knochenstruktur. Ein Kiefer, der zu scharf war, eine Augenbraue, die zu stark war. Das war nicht die Frau, von der ich zwanzig Jahre lang geträumt hatte. Das war ein Mann, egal wie ich es betrachtete. „Wer bist du?", verlangte ich zu wissen. Meine Stimme war leise, gefährlich. Die Art von Stimme, die erwachsene Männer zittern ließ. Er zuckte nicht zurück. „Mein Name ist Elias." Seine Stimme war fest, abgemessen – aber da war noch etwas anderes. Etwas fast Weibliches in ihrer Sanftheit. Was zum Teufel war los mit mir? Warum fiel mir das auf? „Ich bin Elenas Zwillingsbruder." Er hielt meinen Blick, ohne zu blinzeln. „Leider konnte meine Schwester nicht kommen. Um das Gesicht zu wahren, bat mein Vater, dass ich ihren Platz einnehme." Keine Emotion. Keine Angst. Nur flache, kalte Fakten. Als läse er einen Bericht vor. „Also denkst du, dass irgendjemand den Moretti-Namen annehmen kann?", knurrte ich. Meine Stimme war leise, gefährlich, die Stimme, die Männer zittern ließ. Ich beugte mich näher, drängte ihn gegen den Ledersitz. „Du denkst, du kannst hereinschneien, in einem Kleid, das nicht passt, und den Platz meiner Frau beanspruchen?" „Nein." Seine Stimme schwankte nicht. „Aber das Ehebündnis sah ein Kind von Haus Aurelia vor. Es wurde nicht zwischen männlich oder weiblich unterschieden." Ich starrte ihn an. Er starrte zurück. Die Dreistigkeit. Die schiere, rücksichtslose Dreistigkeit. Dieser Mann – dieser Fremde – war in meine Welt spaziert, hatte den Platz meiner Braut gestohlen und redete nun mit mir, als wären wir gleichgestellt. Und doch... Er kauerte nicht, er flehte nicht, er weinte nicht. Er saß da, in diesem lächerlich zu großen Kleid, und sah mich an, als wäre ich nur ein weiteres Hindernis, das es zu ertragen galt. Er hatte jedoch recht, der Vertrag war vage – absichtlich, wie mir jetzt klar wurde. Haus Aurelia hatte eine Gesetzeslücke in die Vereinbarung eingebaut. Sie hatten das geplant. Oder zumindest hatten sie sich abgesichert. Ich hätte wütend sein sollen, verdammt, ich war wütend, aber unter der Wut regte sich etwas anderes. Etwas, das ich nicht benennen wollte. „Wie kommt es, dass ich nie wusste, dass die Kinder von Haus Aurelia zwei waren?", verlangte ich zu wissen. Ich hatte Elena jahrelang beobachtet. Ich hatte ihre Familie, ihr Haus, ihre Blutlinie studiert. Wie war dieser Zwilling – dieser Mann – unsichtbar geblieben? „Das musst du selbst herausfinden." Er drehte sich weg und blickte aus dem Fenster, sein Profil scharf vor den vorbeiziehenden Straßenlaternen. Er verabschiedete mich. Verabschiedete den Teufel von Veridia, als wäre ich ein lästiger Diener. Wut. Heiß und hell. Aber darunter – stille Anerkennung. Der Bastard hatte Mut. Das konnte ich respektieren, auch wenn ich ihn erwürgen wollte. — Das Auto rollte in den Obsidian-Spire. Das gewaltige schwarze Gebäude ragte über uns auf, ein Denkmal meiner Macht. Siebzig Stockwerke aus Glas und Stahl, das Herz meines Imperiums. Meine Festung. Marco öffnete die Tür. Sein Gesicht war düster, seine Blicke huschten mit kaum verhohlenem Misstrauen zu Elias. „Don. Es gibt Neuigkeiten bezüglich der Survellis", sagte er. „Dringend." Ich stieg aus dem Auto. Mein Geist schaltete um – von dem seltsamen, verwirrenden Mann auf dem Rücksitz zu den Geschäften aus Blut und Territorium. Die Survellis machten seit Wochen Ärger. Wenn sie gegen mich vorgingen, musste ich handeln. „Lass uns loslegen", sagte ich und ging bereits weg. Aber aus dem Augenwinkel sah ich, wie Elias zögerte. Er stand neben dem Auto und blickte zum Spire hinauf, als wäre es ein Gefängnis. Was es wohl auch war. „Komm nicht zu mir, es sei denn, ich rufe dich", sagte ich. Kalt. Abweisend. Er sollte sich fragen, in welche Hölle er geraten war. Ich ließ ihn dort stehen. Allein im Schatten meines Turms. — Das Treffen war lang. Brutal. Die Survellis hatten einen meiner Schifffahrtswege angegriffen. Sie hatten zwei meiner Männer getötet. Ich hatte noch vor Ende des Treffens den Befehl zur Vergeltung gegeben – schnell, effizient, vernichtend. Als ich mein Arbeitszimmer erreichte, war es nach Mitternacht. Die Stadt glitzerte unter mir, ein Netz aus Lichtern und Schatten, das ich kontrollierte. Aber ich konnte mich nicht auf die Stadt konzentrieren. Ich konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch. Die Monitore waren an – immer an – und zeigten jeden Winkel des Penthouses. Ich fand ihn. Elias stand am Fenster seines zugewiesenen Zimmers. Sein Rücken war zur Kamera. Das Kleid war abgelegt. Er trug jetzt ein einfaches weißes Hemd – wahrscheinlich vom Personal geliehen – und sein dunkles Haar war zerzaust, fiel ihm wie Tinte auf Pergament über die Stirn. Er weinte nicht, er lief nicht auf und ab und versuchte nicht einmal zu fliehen. Er stand am Fenster, seine Handfläche gegen das Glas gepresst, und starrte auf die Stadt hinunter. Seine Schultern waren gerade. Seine Haltung war ruhig. Ungebrochen. Ich beobachtete ihn lange. Keine Angst in seinen Augen. Keine Angst in seinem Auftreten. Er war so ruhig, so gelassen, so... unberührt. Als ob nichts, was ich tun könnte, ihn jemals erreichen würde. Es gefiel mir nicht. Er plant etwas, dachte ich. Er plant etwas. Niemand ist so ruhig ohne einen Plan. Aber selbst als ich es dachte, wusste ich, dass es nicht stimmte. In seiner Reglosigkeit lag keine List. Keine Berechnung. Nur... Akzeptanz. Als ob er sein ganzes Leben lang gefangen gewesen wäre und dies nur ein weiterer Käfig sei. Wer bist du, Elias?, fragte ich mich. Und warum habe ich das Gefühl, dich schon einmal gesehen zu haben? Ich beugte mich vor und verengte meine Augen. Da war etwas an seiner Haltung. Die Art, wie er den Kopf neigte. Die Art, wie seine Hände flach gegen das Glas gedrückt waren. Das hatte ich schon einmal gesehen. In einem Garten. Vor zwanzig Jahren. Das Kind mit dem verletzten Vogel. Nein, sagte ich mir. Das war Elena. Es war immer Elena. Aber die Stimme in meinem Kopf flüsterte: War es das? Ich schüttelte den Gedanken ab. Ich konnte mir keine Sentimentalität leisten. Keinen Zweifel. Dieser Mann war ein Lügner, ein Betrüger, ein Hochstapler, der den Platz meiner Braut gestohlen hatte. Er verdiente meine Wut. Meine Grausamkeit. Meine kalte Gleichgültigkeit. Und doch. Ich konnte nicht aufhören, ihn zu beobachten. — Es gab keinen Weg, dass ich ihn sich unter meinem Dach wohlfühlen lassen würde. Keinen Weg, dass ich ihn glauben lassen würde, er hätte dieses Spiel gewonnen. Er hatte es gewagt, diesen Schwindel mit mir zu treiben – gewagt, den Teufel von Veridia zu täuschen. Und er würde dafür bezahlen. Ich beugte mich vor und drückte die Gegensprechtaste auf meinem Schreibtisch. „Schickt ihn in mein Arbeitszimmer", sagte ich zum Wächter vor seiner Tür. „Sofort." Ich lehnte mich zurück. Meine Augen ließen den Monitor nicht los. Er zuckte nicht zurück, als der Wächter eintrat. Er leistete keinen Widerstand. Er drehte sich vom Fenster weg, ruhig wie ein stiller See, und verließ den Raum. Ich wartete. Die Tür zu meinem Arbeitszimmer öffnete sich. Elias trat ein. Er war kleiner, als ich in Erinnerung hatte. Zart. Das weiße Hemd hing lose über seiner Gestalt und ließ die scharfen Linien seiner Schlüsselbeine erkennen. Seine Füße waren barfuß. Sein dunkles Haar war noch feucht von der Dusche. Er sah aus wie ein Geist. Aber seine Augen – diese dunklen, brennenden Augen – waren sehr lebendig. „Du hast nach mir gerufen, Don?", Seine Stimme war leise. Abgemessen. Nicht eine Spur von Angst. Ich erhob mich von meinem Stuhl, ging um den Schreibtisch herum und näherte mich ihm langsam, bewusst, wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist. „Glaubst du wirklich, du kannst mit mir Spiele spielen?", fragte ich. Meine Stimme war leise. Gefährlich. „Du denkst, du kannst in meine Welt spazieren, das Kleid meiner Braut tragen und so tun, als wärst du etwas, das du nicht bist?" Elias wich nicht zurück. Er hob sein Kinn und begegnete meinem Blick. „Ich tue nicht so, als wäre ich etwas", sagte er. „Ich habe das nie verlangt. Ich habe das nie gewollt. Aber deine kostbare Vereinbarung mit meinem Vater ließ mir keine Wahl." „Keine Wahl?", lachte ich – ein scharfes, hässliches Geräusch. „Es gibt immer eine Wahl." „Gibt es das?" Seine Stimme brach leicht. Der erste Riss in seiner Rüstung. „Hättest du es gewählt, das Monster zu sein, das jeder fürchtet? Oder wurde dir das auch aufgezwungen?" Die Worte trafen wie eine Ohrfeige. Ich packte sein Handgelenk, riss ihn nach vorne, drückte ihn gegen das Bücherregal, das in seinem Rahmen klapperte, als mein Körper ihn festhielt, überwältigend und erstickend. Ich wollte, dass er Angst hatte, dass er die Furcht in diesen dunklen Augen sah. „Vorsicht", knurrte ich. „Du weißt nicht die Hälfte von dem, wozu ich fähig bin." Elias begegnete meinem Blick. Seine Brust hob und senkte sich. Sein Puls raste – ich konnte es unter meinen Fingern fühlen. Aber seine Augen waren ruhig. „Ich weiß genau, wozu du fähig bist", flüsterte er. „Aber ich weiß auch, dass du mich bereits getötet hättest, wenn du es gewollt hättest." Ich erstarrte. Er hatte recht. Ich hatte Männer für weit weniger getötet. Für einen falschen Blick. Für zu lautes Atmen. Aber dieser Mann – dieser seltsame, infuriierende, schöne Mann – lebte noch. Stand noch. Sah mich immer noch an, als wäre ich derjenige, der gerettet werden müsste. Ich ließ ihn los, trat zurück und drehte mich weg, mein Kiefer angespannt, meine Fäuste geballt. „Raus", sagte ich. Meine Stimme war flach. Leer. Ich hörte ihn sich bewegen, hörte das leise Aufsetzen seiner nackten Füße auf dem Marmorboden, als die Tür sich öffnete. Dann sprach er. „Deine Mutter behielt dich bei seinem Namen, weil es bedeutet, dass du, egal was passiert, niemals sein sein wirst." Ich drehte mich um. Er stand an der Tür. Sein Rücken war mir zugewandt. Aber er stand still. „Petrarca", flüsterte ich. „Du hast mir Petrarca zitiert. Im Auto." Er drehte sich nicht um. „Meine Mutter liebte Poesie. Sie brachte es mir bei, bevor sie starb." „Sie starb?" „Ja." Eine Pause. „Als ich sechs war. Mein Vater heiratete wieder. Ich wurde... vergessen." Die Worte hingen in der Luft. Ich starrte auf seinen Rücken – auf die schmalen Schultern, den zarten Körperbau, die stille Stärke, die von ihm ausging. „Du und ich", sagte ich langsam, „scheinen eine gemeinsame Geschichte zu haben." Er lachte. Ein leiser, trauriger Klang. „Sei nicht lächerlich. Du bist der Teufel von Veridia. Ich bin nur ein Geist." „Geister können nicht bluten", sagte ich. „Aber du kannst es. Ich habe es gesehen. Im Auto. Du hast gezittert." Stille. „Gute Nacht, Don", sagte er leise. Und dann war er fort. — Ich stand noch lange in meinem Arbeitszimmer, nachdem er gegangen war. Ich dachte an seine Augen. Seine Stimme. Die Art, wie er Petrarca zitierte, als wäre es ein Gebet. Die Art, wie er sagte „Ich wurde vergessen", als wäre es nichts. Ich dachte an das Kind im Garten. Dasjenige, das einen blutbefleckten Jungen angesehen und gefragt hatte, ob er Schmerzen habe. Ich dachte daran, dass Elias Moore der erste Mensch seit zwanzig Jahren war, der mich etwas anderes als Wut fühlen ließ, seit Elena. Und ich dachte darüber nach, wie sehr ich ihn dafür hasste.POV: Ian Moretti—Ich ging in dieser Nacht zu seinem Zimmer.Ich hatte den Tag damit verbracht, die richtigen Worte zu finden. Die richtige Entschuldigung. Die richtige Geste, die ihn dazu bringen würde, mich wieder anzusehen.Aber als ich an seine Tür klopfte, kam keine Antwort.Ich klopfte erneut.„Elias. Bitte. Ich will nur reden."Stille.„Ich weiß, ich habe es vermasselt. Ich weiß, ich habe dich verletzt. Aber bitte – gib mir nur fünf Minuten."Die Tür öffnete sich.Er stand da, sein Gesicht leer. Seine Augen waren hohl.„Was?"„Ich wollte mich entschuldigen. Für alles. Dass ich dich auf der Gala zurückgelassen habe. Dass ich Elena hierher gebracht habe. Dass ich nicht –"„Es tut dir leid." Seine Stimme war flach. „Es tut dir immer leid."„Ich meine es ernst."„Ich weiß, dass du es tust." Er lehnte sich gegen den Türrahmen. „Aber Es tut mir leid repariert nichts. Es tut mir leid löscht nicht die Tatsache aus, dass du sie gewählt hast. Wieder. Es tut mir leid lässt mich nicht wen
POV: Ian Moretti—Ein Monat war vergangen.Dreißig Tage. Siebenhundertzwanzig Stunden. Dreiundvierzigtausendzweihundert Minuten.Ich zählte jede einzelne, während ich zwischen drei unmöglichen Aufgaben hin- und hergerissen war: Irenes nächsten Zug herauszufinden, Elias' Vergebung zu suchen und Elenas Versorgung.Und leider versagte ich bei allen drei.Ich besuchte Elena jeden Tag. Saß an ihrem Bett. Hielt ihre Hand.Aber ich fühlte nicht, was ich früher gefühlt hatte.Wenn ich sie ansah, sah ich nicht das Mädchen aus dem Garten. Ich sah eine Fremde. Einen Geist. Eine Erinnerung, die ihre Macht verloren hatte.Denn die Person, die ich wollte – die Person, nach der ich mich sehnte –, war in meinem eigenen Haus und weigerte sich, mich zu sehen.Ich hatte Männer, die Irene beobachteten.Jede Bewegung. Jeden Anruf. Jedes Treffen. Irene war klug – zu klug –, aber sie war nicht unsichtbar. Sie traf sich mit den Ältesten, den Vances. Sie traf sich mit jedem, der einen Groll gegen den Namen M
POV: Ian Moretti—Ich stand eine Stunde vor Elias' Tür.Er öffnete sie nicht. Er sprach nicht. Er atmete nicht einmal laut genug, dass ich es hören konnte.Ich presste meine Handfläche gegen das Holz.„Ich werde warten", flüsterte ich. „So lange es auch dauert. Ich werde warten."Stille.Ich ging weg.—Am nächsten Morgen sickerte Licht durch die Vorhänge.Ich hatte nicht geschlafen.Ich saß in meinem Arbeitszimmer im Haupthaus, starrte an die Wand und spielte jeden Moment der letzten Nacht in der Überwachungskamera ab.Die Art, wie Elias mich ansah, als ich Elena auffing. Die Art, wie sein Gesicht zerbröckelte und die Art, wie er in der Menge verschwand.Ich hatte gewählt und ich hatte falsch gewählt.Ich wusste es, fühlte es, aber ich wusste nicht, wie ich es reparieren sollte.Ein Klopfen an der Tür.„Herein."Enzo trat ein. Sein Gesicht war düster.„Wir haben ein Problem."„Noch eines?"„Irene Caldwell. Sie hat Anrufe gemacht. Leute getroffen. Etwas aufgebaut."„Was aufgebaut?"„
POV: Elias Moore—Ich wusste, dass etwas Schlimmes passieren würde.Besonders nachdem ich Irene lächeln sah.Aber das hatte ich nicht erwartet.Elena.Sie stolperte durch die Türen – schlammig, blutend, die Kleider zerrissen, Tränen strömten ihr Gesicht hinunter. Barfuß. Nass. Gebrochen. Der Saal erstarrte.Sie mochte schmutzig sein, aber ihr Gesicht war immer noch sehr wohl erkennbar. Dasselbe Gesicht, das ich ein Jahr lang getragen hatte. Dasselbe Gesicht, das ich jeden Morgen im Spiegel sah.Alle sahen sie an. Dann mich. Dann wieder sie.Ich machte mir keine Sorgen, dass das Geheimnis aufgedeckt werden könnte. Ich machte mir Sorgen über Ians Reaktion – die mir in diesem Moment überhaupt nicht gefiel.Der Saal war so totenstill, dass ihr keuchender Atem zu hören war.„Ich ... Ian ...", brachte sie heraus, dann gaben ihre Beine nach.Aber sie traf nicht auf den Boden.Ian hatte sie aufgefangen. Seine Arme schlangen sich sicher um sie. Er hielt sie. Beschützte sie. Als wäre sie das K
POV: Elias Moore—Ian hatte Großmutter in den Spire verlegen lassen.Ihre Behandlung begann sofort – Rund-um-die-Uhr-Pflege, Spezialisten aus der Schweiz eingeflogen, ein Privatzimmer auf der medizinischen Etage, von der ich nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab.Die besten Ärzte. Die beste Ausrüstung. Die beste Versorgung, die Geld kaufen konnte. Die Maschinen piepten. Die Infusionen tropften. Aber sie lebte. Es ging ihr besser. Ich war dankbar – wahrhaft dankbar –, dass er am Ende beschlossen hatte, sein Wort zu halten.Aber etwas nagte immer noch an mir.Die absurde Realität von Verstecken und Suchen.Es war ein volles Jahr vergangen, seit ich Ians Frau geworden war, Elena. Ein volles Jahr, in dem ich das Gesicht eines anderen trug, die Kleider eines anderen, das Leben eines anderen. Ein volles Jahr des Vortäuschens.Seit meinem teilweisen Zusammenbruch vor sechs Monaten – dem Schreien, den Tränen, der Ohrfeige, die im ganzen Haushalt der Aurelias gehört wurde –, hatte ich I
POV: Elias Moore—Es war drei Tage her, seit wir aus Japan zurückgekehrt waren.Drei Tage des Ausweichens vor Ian. Drei Tage des Vortäuschens, dass es mir egal war. Drei Tage der Selbstbelüge.Aber ich konnte ihm nicht ewig ausweichen. Und ich konnte der Wahrheit nicht ewig ausweichen.Ich musste meine Großmutter sehen.Ich wartete bis zum Morgen.Ian war am Abend zuvor in mein Zimmer gekommen, sein Gesicht angespannt, seine Augen fern. Er hatte mir von Irene erzählt. Von ihren Drohungen. Von ihren Behauptungen, die Wahrheit zu kennen.„Du musst drinnen bleiben", sagte er. „Bis ich das erledigt habe."„Wie lange?"„Ich weiß es nicht."„Ich muss meine Großmutter sehen."„Nicht jetzt."„Ian –"„Nicht jetzt, Elias."Seine Stimme war scharf. Endgültig. Die Stimme des Don, nicht des Mannes.Ich schluckte meine Wut hinunter. Ich nickte. Ich sah ihn gehen.Und dann wartete ich.Ich fand Ian in seinem Arbeitszimmer. Er beugte sich über seinen Schreibtisch, Papiere vor sich ausgebreitet, dunk






