LOGINAls Mara die Augen öffnete, lag sie im Gras, Kanes Arme um sich geschlossen. Über ihr funkelten die ersten Sterne. Der Dunkelwald war still. Kein Horn, kein Klirren, nur der Wind in den Blättern und irgendwo das leise Weinen einer Frau.„Du bist wach“, flüsterte Kane. Er lachte, halb Schluchzen. „Du bist wach, du bist wach, du bist wach.“„Wie lange?“„Eine Stunde. Vielleicht zwei.“ Er küsste ihre Stirn, ihre Wangen, ihre Lippen. „Ich dachte, ich habe dich wieder verloren.“„Wo ist Kaelen?“„Hier.“Der junge Mann lag neben ihr, auf dem Rücken, die Augen offen. Sein Siegel war verschwunden. Auf seiner Brust glomm ein anderes Zeichen, ein kleiner, blauer Stern. Er sah sie an und lächelte, schwach, aber echt.„Er ist weg“, flüsterte er. „Ich spüre ihn nicht mehr.“„Ich auch nicht“, sagte Mara. Sie legte die Hand auf ihre Brust. Dort, wo Ulvars Herz geschlagen hatte, war kein Pochen mehr. Aber ein leises Summen, sanft und warm, wie ein Chor aus sieben Stimmen.Sieben. Kane, Rune, Torin, K
Mara hatte keine Zeit zu denken.Kaelens Körper, besessen von Ulvar, hob die Hand, und eine Welle aus Licht fegte über die Lichtung. Mondjäger flogen durch die Luft, Bäume knickten, Kane wurde gegen einen Felsen geschleudert. Torin riss Rune zu Boden und deckte ihn mit seinem Körper.„Genug!“, brüllte Ulvar mit Kaelens Stimme. „Ich nehme mir mein Herz zurück!“Er ging auf Mara zu. Jeder Schritt ließ die Erde beben. Seine Augen waren Sterne, seine Haut Licht, und in seiner Hand formte sich ein Speer aus gleißendem Silber.„Kaelen!“, schrie Mara. „Wach auf! Das bist nicht du!“Der Speer schoss vor. Sie wich im letzten Moment aus, aber die Spitze streifte ihre Schulter, riss eine Wunde, aus der Mondlicht tropfte statt Blut.Torin sprang ihn an, und Ulvar fegte ihn mit einer beiläufigen Handbewegung weg. Rune schleuderte Schattenspeere, die im Licht zerschmolzen. Kane kam wieder auf die Beine, das Schwert in der Faust, und stürzte los, brüllend.„Nicht!“, schrie Mara. „Er tötet dich!“Zu
Es war kein Mensch mehr, der da vor ihnen stand.Draken wuchs, während er vom Pferd stieg. Sein Körper streckte sich, wurde breiter, die Muskeln unter der Haut schwollen an, und aus seinem Rücken brachen Strahlen aus Licht. Sein Bart verwandelte sich in flüssiges Silber. Seine Augen waren zwei Sterne in leeren Höhlen.„Das ist nicht Draken“, flüsterte Kaelen. „Das ist Ulvar.“„Gut erkannt, Enkel.“ Die Stimme klang, als sprächen hundert Männer zugleich. „Ich habe diesen Körper seit Wochen vorbereitet. Ein ehrgeiziger Narr, nicht wahr? Er hat mir die Tür so bereitwillig geöffnet.“Mara trat vor. „Du wolltest das Herz zurück. Ich habe es noch.“„Und ich hole es mir.“ Er hob die Hand, und die Mondjäger stürmten los.Die Lichtung explodierte.Kane schwang sein Schwert, riss einen Jäger nieder, dann einen zweiten. Torin stürzte sich in die Mitte des Gewühls, ein Berg aus Stahl und Zorn. Rune fing Pfeile mit seinen Schatten, knüpfte sie zu Netzen, riss Jäger von den Beinen. Kaelen stand nebe
Sie stand in einem Garten.Der Himmel war ein sanftes Silber, und aus dem Gras wuchsen Blumen, die Mara nie zuvor gesehen hatte, mit Blütenblättern aus Licht. Es gab keinen Wind, keine Geräusche, nur ein tiefes Gefühl von Frieden.Vor ihr, im Halbkreis, standen zwölf Frauen.Sie trugen weiße Kleider, ihre Haare waren silbern, und ihre Augen leuchteten wie Sterne. Manche waren jung, kaum mehr als Mädchen. Andere alt, gebeugt, mit Gesichtern voller Furchen. Aber alle sahen sie an, mit demselben Ausdruck: Erleichterung. Und Trauer.„Willkommen, Schwester“, sagte die Älteste, eine Frau mit Haar wie Spinnweben. „Wir haben lange gewartet.“„Wer seid ihr?“„Die Erbinnen vor dir.“ Die Alte lächelte. „Ich war die Erste. Meine Name ist Ilvara.“Mara sah sich um. „Seid ihr … tot?“„Wir sind Erinnerung. Die Stimme, die wir im Stein hinterlassen haben, damit jede, die nach uns kommt, nicht so blind sterben muss wie wir.“ Ilvara trat näher, ihr Gesicht sanft, aber gezeichnet. „Setz dich. Du hast vi
Niemand sagte ein Wort.Kane stand da, kreidebleich, die Arme schlaff. Seine Mutter trat in die Höhle, langsam, vorsichtig, als fürchtete sie, er würde zerbrechen. Sie hob die Hand, berührte seine Wange.„Du bist so groß geworden.“„Du bist tot.“ Seine Stimme war ein Flüstern. „Vater hat gesagt … er hat dich begraben.“„Er hat einen leeren Sarg begraben.“ Sie lächelte traurig. „Wir haben das gemeinsam beschlossen. Es war der einzige Weg.“„Wir?“„Ich und Aldric.“ Ihre Hand sank. „Er hat mich geliebt, Kane. Bis zum Schluss. Und wir haben beide etwas getan, wofür du uns wahrscheinlich hassen wirst.“Mara trat vor, bevor Kane etwas sagen konnte. „Wir haben keine Zeit“, sagte sie leise. „Die Jäger kommen. Erzähl uns, was wir wissen müssen.“Ysolde sah sie an, lange, mit einem seltsamen Blick. „Du bist wirklich ihre Tochter“, murmelte sie. „Selenes Augen. Aber Ulvars Haar.“ Sie nickte. „Ihr habt recht. Hört gut zu.“Sie zog sie tiefer in die Höhle und sprach schnell, leise, mit der Präzisi
Der Dunkelwald schluckte sie.Die Bäume standen so dicht, dass kaum Licht durch das Blätterdach fiel. Die Stämme waren schwarz, mit Rinde wie verbranntes Papier, und zwischen den Ästen hingen Fäden aus grauem Moos, die im Wind wie Haare wehten. Es roch nach Moder und altem Blut.„Nach Osten“, keuchte Kaelen. „Der Eidstein liegt im Osten. Vier Stunden, wenn wir nicht aufgehalten werden.“„Werden wir“, sagte Torin grimmig.Sie rannten, bis ihre Lungen brannten. Über ihnen hallten die Hörner der Jäger, in immer kürzeren Abständen. Mara verwandelte sich nicht. Sie sparte ihre Kräfte, hielt Kanes Hand und ließ sich von den Fäden leiten, die ihr zeigten, wo jeder ihrer Gefährten war.Nach einer Stunde stolperte Rune über eine Wurzel und fiel hin. Seine Hände waren schwarz geädert, sein Atem pfiff. „Geht weiter“, keuchte er. „Ich … brauche nur eine Minute.“„Wir lassen dich nicht zurück.“„Mara, ich bin ein Schatten. Sie können mich riechen.“„Dann lassen wir dich eben nicht zurück, und fert







