LOGINEli
Sie lassen mir nicht einmal Zeit, das Blut von meinem Hals zu waschen.
Jace zerrt mich am Arm auf die Beine. Sein Gesicht ist wie versteinert, als er mich wie ein Stück Aas durch das Lager schleift.
Die Wölfe unterbrechen ihre Gespräche und sehen uns nach. Manche grinsen, manche schauen mitleidig, doch sie alle wissen genau, was sie da vor sich haben.
Ich halte den Blick gesenkt. Der Dreck klebt noch immer an meiner nackten Haut, und die Nachtluft beißt in jeden frischen Bluterguss.
Ronans Mal brennt wie eine glühende Kohle an meinem Hals. Tief in meiner Brust winselt mein Wolf – hungrig, rastlos und selbst in meiner menschlichen Gestalt verängstigt.
Raus aus meinem Kopf. Raus aus mir. Raus.
Jace stößt mich durch die Tür der Hütte. Schweres Holz schlägt hinter uns zu und sperrt die Kälte aus. Drinnen ist die Luft zäh wie Sirup, und ich sitze darin fest.
Rauch. Eisen. Sein Geruch ist überall. Er steckt in den Holzwänden, den Teppichen, selbst in der Luft, die ich atmen muss.
„Setz dich“, sagt Jace und deutet auf eine grob aus einem Stamm gezimmerte Bank.
Ich setze mich. Nicht, weil er es verlangt hat, sondern weil meine Beine jeden Moment nachgeben.
Emotionslos mustert er mich. Sein Blick verweilt auf dem Biss an meinem Hals, bevor er den Kopf schüttelt.
„Du hast Glück“, murmelt er.
Ich stoße ein bitteres, abgehacktes Lachen aus. „Ja. Ein Traum.“
„Du verstehst ihn noch nicht“, sagt Jace und geht vor mir in die Hocke.
Seine Stimme wird leiser, jedes Wort sorgsam abgewogen.
„Ronan verhandelt nicht. Er geht keine Kompromisse ein. Er nimmt sich, was er will, und hält es fest, bis es bricht oder sich fügt. Nur so hat er es geschafft, Alpha zu werden und am Leben zu bleiben.“
„Schön für ihn.“ Meine Kehle fühlt sich an, als hätte ich Glasscherben geschluckt. „Wirklich schön für ihn. Ist aber nicht mein Problem.“
Jace presst die Lippen zusammen. „Doch, das ist es. Jetzt gehörst du ihm. Entscheide dich lieber, ob du brichst oder dich fügst.“
Er lässt mich allein zurück. Im Kamin knistert das Feuer und wirft zuckende Schatten, unter denen die Wände zu atmen scheinen.
Ich starre auf die Dielen, auf meine aufgeplatzten Fingerknöchel, auf die halbmondförmigen Spuren, die meine Nägel in meine Handflächen gegraben haben.
Ich versuche, nicht daran zu denken, wie sich Ronans Mund auf meiner Haut angefühlt hat. Nicht an den Teil von mir, der wollte, dass er tiefer zubeißt und seinen Anspruch noch gründlicher in mich prägt.
Nein. Ich fange den Gedanken ein und schlage die Falle zu.
Unter meinen Rippen pocht das Band mit dumpfer Beharrlichkeit und erfüllt meinen Körper mit einem Verlangen, das ich nicht will. Ich hasse ihn. Ich hasse, dass es nicht mehr so einfach ist.
Die Tür öffnet sich wieder, und die Luft verändert sich wie vor einem Gewitter. Ich muss nicht aufsehen, um zu wissen, dass er es ist.
Ronan tritt lautlos ein.
Er trägt wieder ein Hemd. Der schwarze Stoff hängt locker über seinem breiten Körper, doch sein Haar ist von der Verwandlung noch feucht, dunkle Strähnen kleben an seiner Stirn.
Mit einem leisen Klicken schließt er die Tür hinter sich, und der Raum scheint um uns herum zu schrumpfen.
Reflexartig springe ich auf und balle die Fäuste. „Bleib weg von mir.“
Das tut er nicht. Mit der Geduld eines Raubtiers kommt er näher, jeder Schritt bemessen, die goldenen Augen auf mich gerichtet, als wäre ich das Einzige, was für ihn existiert.
„Du hast dich gut geschlagen“, sagt er ruhig. „Die meisten hätten nicht mal die Eier, sich gegen mich zu wehren.“
„Die meisten haben keine Wahl.“
Ein träges, bedrohliches Lächeln huscht über sein Gesicht, und mein Puls stolpert.
„Du hast immer eine Wahl, Hündchen. Du hast dich entschieden zu fliehen. Du hast dich entschieden, mich zu schlagen. Und als ich dich festgehalten habe, hast du mir freiwillig die Kehle hingehalten.“
Ich presse die Zähne zusammen. „Das habe ich nicht –“
„Doch.“ Seine Stimme klingt fast wie ein Schlaflied, doch jedes Wort trifft hart. „Dein Wolf weiß, wer das Sagen hat. Dein Wolf weiß, wem du jetzt gehörst.“
Blanke Wut durchschneidet das Verlangen des Bandes. „Ich gehöre dir nicht. Ich bin kein Gegenstand.“
Er ist schneller, als ich blinzeln kann. Eine Hand schließt sich um meine Kehle und drückt mich gegen die Wand.
Sein Griff ist fest genug, um wehzutun. Die Kraft, die in seinen Fingern lauert, ist unübersehbar.
Er beugt sich so nah zu mir, dass ich seinen Atem schmecke und den schwachen Kupfergeruch meines Blutes wahrnehme, das noch an seinen Lippen haftet.
„Doch“, sagt er ruhig. Jedes Wort ein Urteil. „Und je eher du aufhörst, dir etwas anderes vorzumachen, desto leichter wird es für uns beide.“
Das Band erwacht brüllend zum Leben. Schwere Hitze strömt durch mich, bis meine Beine mich kaum noch tragen.
Mein Atem geht flach und stoßweise. Ich will ihm ins Gesicht spucken. Ich will ihn an mich reißen und mich in seiner Dunkelheit verlieren.
Ich hasse mich für beides.
Sein Daumen streicht über meinen Hals. Langsam, beinahe zärtlich – ein erschreckender Gegensatz zu dem eisernen Griff.
„Schlaf“, murmelt er an meinem Ohr. „Ich hole dich, wenn ich so weit bin. Und dann wirst du deine Ausdauer brauchen.“
Er lässt mich los und tritt zurück. Zitternd lehne ich an der Wand, während er sich umdreht und hinausgeht. Das Schloss rastet mit endgültigem Klicken ein.
Als er fort ist, nimmt mir die Stille die Luft. Ich rutsche zu Boden, vergrabe den Kopf in den Händen und spüre, wie der Biss an meinem Hals im Takt meines stolpernden Herzens pocht.
Ich will hier raus. Ich will ihn. Ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht.
RonanDas Blockhaus hält den Atem an, während Eli nackt dasteht und der Feuerschein an seinen Seiten emporleckt wie etwas, das kosten möchte, was es berührt.Sein Duft durchzieht die Luft. Eine scharfe, berauschende Mischung aus Wolf, Schweiß und dem rohen Biss des Verlangens. Ich spüre ihn an meinen Rippen knistern, einen Schmerz, der keiner ist, einen Hunger, der nicht weiß, wo er endet, und nicht akzeptiert, dass er das niemals tun wird.Als ich von der Kontrolle der Grenzen zurückkehre, umkreist Eli bereits das Kreuz. Seine Finger geistern über das dunkel gebeizte Holz, als hinge daran alles, was er sich wünscht.„Wirst du mich darum bitten lassen?“, schnurrt er. Ich antworte nicht. Das ist nicht nötig. Seine Pupillen sind weit, seine Haut ist vom ruhelosen Gehen und vom Verlangen gerötet. Sein frecher Mund krümmt sich schon zu der vertrauten Herausforderung.„Alpha“, sagt er und zieht das Wort in die Länge, als schmeckte es gut. „Mir ist langweilig.“Langsam und gemessen gehe ich
EliIch sinke hinunter, als hätte die Schwerkraft mich gerufen. Der Boden ist vom Feuer warm, und mein Magen macht einen Satz, als er dicht vor mich tritt. Die Welt schrumpft auf ihn und das Gefühl seines Daumens, der im Kupferring in Form eines Unendlichkeitszeichens an meinem Hals hängt.„Hände“, sagt er und reicht mir seinen Gürtel. Noch nicht, um mich zu fesseln, nur damit ich ihn halte. Ich wickle ihn um meine Handflächen und spüre, wie es sich später anfühlen wird, wenn er die echten Fesseln benutzt. Er beobachtet, wie die Erkenntnis mich trifft, und merkt sie sich.„Das ist keine Prüfung. Es ist eine Erinnerung.“ Mit einem Fingerknöchel hebt er mein Kinn. „Atme für mich.“Das tue ich. Darin bin ich besser geworden. Er legt die Hand auf meinen Scheitel und sieht mit Ehrfurcht auf mich hinab. Mein Körper schwenkt eine Flagge. Mein Mund wird trocken. Ich will alles. Er gibt mir nichts außer diesem Gewicht und seinem Blick, der wie ein feierliches Versprechen auf mir ruht.„Jetzt s
EliRonan sitzt am Tisch. Vor ihm liegt die große Karte ausgebreitet und an den Ecken von allem beschwert, was seine Hände fanden: der Wetzstein, ein Becher und eine meiner Gürtelschnallen, die er gestohlen haben muss, als ich nicht hinsah.Er beugt sich über die eingezeichneten Bergkämme und Bäche wie ein Feldherr, was er auf seine Weise ist, und wie ein geduldiger Mann, was er ganz und gar nicht ist. Seine Schultern bilden eine Mauer. Das Lampenlicht zeichnet die Konturen seines Körpers nach und macht aus seinem Rücken einen Schrein für Arbeit, Pflichterfüllung und anstößig breite Muskeln.Seit fast einer Stunde habe ich versucht, ihn abzulenken.„Du könntest wenigstens so tun, als würdest du mich vermissen“, sage ich von der Bettkante.„Du bist drei Schritte entfernt.“ Sein Stift kratzt weiter über das Papier.„Man kann auch über drei Schritte hinweg Sehnsucht empfinden.“„Du hast seit dem Abendessen zweimal auf meinem Schoß gesessen.“„Das war taktisch.“„Du hast mir in den Hals g
JaceDie schweren Tore der Palisade von Blackthorn erheben sich vor uns. Fackeln brennen auf den Wachplattformen und werfen goldenes Licht über den Schnee. Das Geräusch genügt, um etwas in meiner Brust zu sprengen: Ein Chor aus tiefen, anschwellenden Heulrufen hallt durch das Tal, als das Rudel unsere Rückkehr spürt.An der Grenze werden wir langsamer. Pfoten werden zu Stiefeln, Fell zu Haut und Kleidung. Einen Moment lang bewegt sich niemand. Die Kälte beißt weniger, als sie sollte. Der Geruch von Zuhause trifft mich wie ein Segen.Ronan tritt als Erster vor. Noch immer beugt das gesamte Rudel sich um seine Schwerkraft. Er muss nicht rufen, damit das Tor aufschwingt. Oben sieht jemand ihn und läuft zu den Riegeln. Das Stöhnen des Mechanismus klingt nach Erleichterung.Als wir die Schwelle überqueren, explodiert die Welt in Lärm.Dutzende Wölfe fluten den Hof. Soldaten aus Blackthorn, Heiler, Welpen, die zu aufgeregt sind, um zurückzubleiben. Halb ungläubig, halb freudig und vollständ
HazelSeit Tagesanbruch sind wir unterwegs und halten unsere Formation, ohne Worte zu brauchen. Wölfe brauchen sie nicht. Jedes Zucken eines Ohres, jede Veränderung im Tempo, jeder Atemzug genügt. Nach Silvercrest fühlt die Stille sich verdient an.Jace läuft vor uns, ein dunkler Streifen, der den Schnee durchschneidet. Er erkundet den Weg, aber er sieht aus wie die Freiheit selbst. Jeder Schritt abgemessen und mühelos. Ich halte hinter ihm das Tempo und die Linie eng. Die anderen verteilen sich auf beiden Seiten, ein bewegtes Sternbild aus Fell, Atem und stiller Kraft.Natürlich ist Eli derjenige, der die friedliche Stille bricht.Mir friert der Arsch ab!, beschwert er sich über die Rudelverbindung. Seine Gedankenstimme ist dick von gespieltem Leid.Ronans Antwort grollt tief und belustigt durch die Verbindung. Ich dachte, du wolltest unbedingt nach Hause? Und pass gut auf diesen Arsch auf. Er gehört mir.Eli murrt in maßlos übertriebener Verzweiflung. Ich hoffe, ihr habt alle Freude
KieranOhne den Schatten meines Vaters, der sich über ihn legt, fühlt der Hof sich anders an. Stiller, als er sein sollte. Ich nehme an, Enden sind das immer.Die Wölfe aus Blackthorn bereiten ihre Abreise vor. Kein Fanfarenstoß, keine Parade. Nur Gepäck, das auf Schultern gehoben wird, und gelegentliche leise Befehle.Sie bewegen sich, ohne etwas besprechen zu müssen. Jeder weiß, was von ihm erwartet wird. Diese Effizienz lässt mich schmerzen. Zugleich erneuert sie meinen Entschluss, unsere eigenen Krieger auf dasselbe Niveau zu bringen.Mara kommt als Erste zu mir. Sie ist in ihre Reisejacke gehüllt, ihre Haltung so unbeugsam wie immer. „Du wirst Geduld brauchen“, sagt sie und lässt den Blick über den Hof wandern, statt mir ins Gesicht zu sehen. „Und eine Wirbelsäule aus Eisen. Lass sie niemals Zögern riechen. Nicht einmal, wenn du für sie blutest.“„Ich werde versuchen, daran zu denken.“Der Hauch eines Grinsens biegt ihren Mund. „Versuch es nicht. Tu es.“ Dann ist sie schon wieder







