LOGINKAPITEL ZWEI: Er hat mich benutzt wie eine kleine Schlampe
XYRAS PERSPEKTIVE Die Welt kehrte in Bruchstücken zurück. Meine Augenlider fühlten sich schwer wie Stein an. Ich versuchte, meinen Arm zu bewegen, doch er zuckte nur schwach gegen die weichen Laken unseres Hochzeitsbettes. Gift. Der metallische Geschmack lag immer noch auf meiner Zunge, und meine Muskeln gehorchten mir nicht. Zeth stand über mir. Sein Gesicht wirkte ruhig, als hätten wir gerade ein ganz normales Gespräch geführt. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als das volle Gewicht seines Verrats erneut auf mich niederkrachte. „Du bist wach“, sagte er. Er klang beinahe gelangweilt. „Gut. Wir haben noch Papiere zu erledigen, bevor es zu Ende geht.“ Ich schluckte schwer und zwang Worte heraus. „Sag mir warum.“ Er setzte sich auf die Bettkante und holte einen Stapel Dokumente aus einer Schublade. Seine Bewegungen blieben langsam und sicher. „Ich will das Erbe, das deine Eltern hinterlassen haben. Versteckte Konten. Grundbucheinträge. Macht, die das Gleichgewicht in unserer Welt verändern könnte. Du hast nicht einmal das volle Ausmaß gekannt, oder? Arme kleine Waise. Ich habe dich geheiratet, um das Gefährtenband zu besiegeln und es legal zu machen. Jetzt überschreibst du mir alles.“ Meine Brust zog sich zusammen, und frische Tränen brannten in meinen Augen. „Das Band. Du hast das Ritual nur vollzogen, um mich in die Falle zu locken. All die Jahre. Du hast mich nie geliebt.“ „Liebe?“ Er lachte leise und kalt. „Als ob ich mich jemals wirklich mit jemandem wie dir verbinden würde. Du hast nicht, was es braucht, um an meiner Seite zu stehen. Du bist schwach. Nutzlos. Ein Wohltätigkeitsfall, der sich an den ersten Mann geklammert hat, der ihr ein wenig Freundlichkeit zeigte. Ich habe die Rolle gespielt, weil sie mich nahe genug herangebracht hat. Drei Jahre leerer Versprechen. Es war ein kompletter Betrug, Xyra. Du warst nie meine Gefährtin. Nur ein Schlüssel, um Türen zu öffnen.“ Jedes Wort schnitt tiefer. Ich hatte ihm meinen Körper, meine Geheimnisse, meine Zukunft gegeben. Der Schmerz blühte heiß in meiner Kehle auf, bis ich kaum noch atmen konnte. „Wie kannst du nur so grausam sein?“ Zeth packte mein Handgelenk und drückte mir einen Stift in die tauben Finger. Er hielt das erste Dokument vor mein Gesicht. „Halt die Klappe und unterschreib. Alles. Mach es schnell, und vielleicht mache ich dein Ende schmerzlos.“ Meine Hand zitterte so stark, dass mir der Stift entglitt. „Nein. Ich gebe dir gar nichts. Du hast schon genug genommen.“ Er drückte mein Handgelenk fester, bis der Schmerz meinen Arm hinaufschoss. „Du hast hier keine Wahl, Schätzchen. Dein Körper versagt. Unterschreib, oder ich führe deine Hand und nehme mir trotzdem alles. So oder so stirbst du heute Nacht.“ Ich starrte durch verschwommene Sicht auf die Papiere. Das Erbe, von dem ich nichts gewusst hatte. Das letzte Geschenk meiner Eltern an mich – und er wollte es stehlen, nachdem er mir bereits das Herz gestohlen hatte. Der Verrat brannte so heftig, dass ich dachte, meine Brust würde aufreißen. Ich hatte von einer Familie mit ihm geträumt. Von Kindern, die den leeren Schmerz, den ich trug, nie kennen sollten. Alles nur Fake. Er hatte meine Einsamkeit als Waffe benutzt. „Unterschreib, Xyra“, wiederholte er. Seine Stimme blieb sanft, doch in seinen Augen lag keine Gnade. „Du warst nie stark genug für diese Welt. Deshalb habe ich dich ausgewählt. Leicht zu täuschen. Leicht zu brechen.“ Diese Worte trafen die tiefste Wunde. Das Etikett der Waise, dem ich mein ganzes Leben lang zu entkommen versucht hatte, wurde mir nun wie ein Beweis zurück ins Gesicht geschleudert. Tränen liefen über mein Gesicht und tropften auf das Dokument. Ich hasste, wie klein er mich machte. Wie vollkommen er mich getäuscht hatte. „Ach, und noch etwas“, er hielt inne und beugte sich näher, seine Stimme wurde noch leiser. „Ich verstoße dich, Xyra. Als meine Gefährtin. Das Band bedeutet jetzt nichts mehr. Du bedeutest nichts. Ich breche es hier und jetzt.“ Die Worte trafen wie eine Klinge. Das Gefährtenband, das er erst vor wenigen Stunden besiegelt hatte, verdrehte sich in meiner Brust wie ein lebendiges Wesen, das auseinandergerissen wurde. Der Schmerz explodierte durch meine Rippen. Meine Wölfin heulte in mir. Ich spürte, wie das Band riss und brannte. Er hatte mich verstoßen. Grausam. Nach drei Jahren, in denen er ein falsches Leben um mein Herz herum aufgebaut hatte. Die Qual ließ mich fast erneut zusammenbrechen. Mit jedem bisschen Kraft, das mir noch blieb, stieß ich die Papiere weg. Sie flatterten über den Boden. „Ich hasse dich verdammt nochmal“, flüsterte ich. „Für jeden Kuss, jede Lüge, jedes Mal, bei dem ich dachte, bei dir sicher zu sein. Ich hasse dich, Zeth.“ Zeth stand ruckartig auf. Zum ersten Mal blitzte Wut in seinem Gesicht auf. Er zog einen Dolch aus seinem Gürtel und drückte die Spitze gegen meine Seite. „Dummes Mädchen. Ich wollte es sauber machen.“ Diese kleine Bewegung weckte etwas Wildes in mir. Das zerbrochene Band speiste mich mit Wut, auch wenn es schmerzte. Meine Wölfin regte sich trotz des Gifts. Ich stürzte nach vorne und grub meine Zähne mit aller Kraft in seinen Unterarm. Er schrie auf und ließ den Dolch fallen. Blut füllte meinen Mund. Ich griff nach dem Brieföffner auf dem Nachttisch und rammte ihn in seine Schulter. Er taumelte fluchend zurück. „Du Schlampe.“ Ich rollte vom Bett. Meine Beine hielten mich kaum. Der Raum drehte sich, aber ich drängte zum hohen Fenster. Wachen hämmerten von draußen gegen die verschlossene Tür. Zeth hielt sich die Schulter und griff nach mir. „Komm zurück. Du wirst keine zehn Schritte schaffen.“ Ich hörte nicht auf ihn. Ich schlug mit einem Stuhl das Fenster ein und zertrümmerte das Glas. Kalte Nachtluft strömte herein. Mein Körper schrie mich an, aufzuhören, doch der Schmerz in meinem Herzen trieb mich stärker an. Er hatte meine Liebe genommen und sie in eine Waffe verwandelt. Ich weigerte mich, hier wie ein vergessenes, benutztes Werkzeug zu sterben. „Xyra, hör auf!“, brüllte er. „Du bist wahnsinnig, wenn du denkst, dass du das überlebst.“ Diese Worte entzündeten das letzte Feuer in mir. Na und, verdammt… Er wollte mich sowieso umbringen, dachte ich, während ich auf die Fensterbank kletterte. Der Boden sah weit unten aus. Mein Knöchel würde es nicht überstehen, aber hierzubleiben bedeutete den sicheren Tod. Ich sprang.KAPITEL EINUNDDREISSIG: DIE AKTE UNTER DEM RATXYRAS PERSPEKTIVE„Der Antrag kam über das Ratsarchiv“, sagte Marcus uns. „Nicht über die üblichen Verwaltungskanäle. Das ist schon für sich seltsam genug.“„Wann hat das jemand vor jetzt zuletzt überprüft?“ fragte Theodore.Marcus sah noch einmal auf den Bildschirm, überprüfte doppelt, bevor er antwortete. Man sah, dass er das nicht falsch haben wollte. „Vor Jahren, Alpha. Das letzte Mal war direkt, nachdem du die Nachfolge deines Vaters angetreten hast.“Theodore schwieg. Ich merkte, dass er etwas in seinem Kopf umwälzte, Erinnerungen hinter diesem sorgfältigen Blick abspielte. „Ich bin damals jede finanzielle Vereinbarung durchgegangen, die mein Vater hinterlassen hat. An diese Akte erinnere ich mich nicht.“„Das Archiv hatte damals Tausende von Aufzeichnungen“, sagte Marcus. „Vieles wurde umsortiert. Manche Akten in andere Abteilungen verschoben. Wäre nicht seltsam, wenn etwas übersehen wurde.“„Oder“, sagte ich und hielt meine Stimme
KAPITEL DREISSIG: DER NAME IM ALTEN LEDGERXYRAS PERSPEKTIVE„Sie waren ein paar Mal im Verwaltungsarchiv“, sagte Marcus und legte die Aufzeichnung vor Theodore. „An genau den Daten, an denen der östliche Komplex leer hätte sein sollen. Alle Besuche sehen legitim aus – nichts Seltsames genug, um Alarm zu schlagen.“Theodore studierte das Papier schweigend und legte es dann beiseite. „Geht ihre jüngsten Aufträge durch. Überall, wo sie gewesen sind, mit jedem, mit dem sie gesprochen haben.“ Er hielt inne, die Augen verengten sich. „Auch jeder mit einer Verbindung zu Zeth.“„Also glaubst du, sie arbeiten für ihn?“ fragte ich.Theodore schüttelte nur den Kopf. „Ich bin mir noch nicht sicher, was ich glaube.“ Seine Stimme war gleichmäßig, aber kontrolliert – dieselbe sorgfältige Zurückhaltung, die ich jedes Mal bemerkt hatte, wenn er sich zwang, keine Annahmen zu treffen. „Ich werde nicht alles auf Zeth schieben, nur weil er der Feind ist, den ich schon kenne.“Als Marcus ging, wurde das n
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG: DAS VERTRAUEN DES ALPHASXYRAS PERSPEKTIVEMarcus schob Theodore die Liste hinüber, und ich sah die Frustration sofort in seinem Gesicht. „Das ist länger, als ich dachte“, sagte er.„Einige Ratsbüros haben immer noch Zugang von früher“, erklärte Marcus. „Das meiste stammt noch aus der Zeit deines Vaters, und niemand hat sich je die Mühe gemacht, ihn zu widerrufen. Da die Lageranlagen praktisch ignoriert wurden, blieben diese Berechtigungen einfach offen.“Ich begriff es, bevor Theodore es aussprach. „Also konnte jemand alte Berechtigungen ausnutzen und technisch gesehen nicht eine einzige Regel von Silver-Crest brechen.“„Genau.“ Theodores Kiefer spannte sich an. „Wenn wir jeden mit Zugang befragen, warnen wir nur den wirklichen Täter. Ich will wissen, wessen Berechtigungen tatsächlich kürzlich benutzt wurden – nicht nur, wer auf dem Papier steht.“Ich beugte mich über die Versanddaten, die Marcus gefunden hatte, überflog die Zahlen und spürte einen vertrauten
KAPITEL ACHTUNDzWANZIG: DIE TÜR UNTER DER KARTEXYRAS PERSPEKTIVETheodore legte beide Karten auf den Tisch – die alte, vergilbte und zerbrechliche, und die klare, praktische Version, die seine Patrouillen jeden Tag benutzten. Ich beugte mich näher heran, und ziemlich schnell fügte sich das Puzzle für mich zusammen.„Da“, sagte ich und zeichnete eine dünne, schwache Linie nach, die nah an der Hauptroute verlief. „Das ist ein alter Versorgungspfad. Man konnte Dinge in den Komplex hinein- und hinausbewegen, ohne jemals den Hauptkontrollpunkt zu berühren. Wer das eingerichtet hat, kannte die Patrouillenroutinen in- und auswendig – wo sie langsamer wurden, wo Lücken entstanden, genau wie lange man durchschlüpfen konnte, bevor es jemand bemerkte.“„Woher weißt du das alles so gut?“„Zeths Minen.“ Seinen Namen auszusprechen fühlte sich immer noch wie ein Schlag an. „Ich habe ein Jahr lang beobachtet, wie alles bewegt wurde – Vorräte von den Minen zu den Lagern, welche Händler was und wann n
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG: DIE UNTERSCHRIFT OHNE NAMENXYRAS PERSPEKTIVEIch beugte mich über das zerrissene Pergament, die Augen schmerzten vom Lampenlicht, und versuchte, den fehlenden Namen mit dem Willen zurück auf die Seite zu zwingen. Jeder Buchstabe neigte sich in dieselbe Richtung, jeder Strich mit demselben festen Druck gesetzt. Schließlich durchbrach ich das Schweigen. „Ich habe eine Handschrift wie diese schon einmal gesehen. Oder beinahe. In den alten Papieren meiner Eltern sind Notizen vergraben, die genau so geschrieben sind – dieselbe Schräge, dieselbe Art, wie die Feder in das Papier gräbt.“„War es die deines Vaters oder deiner Mutter?“ fragte Theodore.Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Es auszusprechen fühlte sich schwerer an, als ich erwartet hatte. „Ich war acht, als sie starben. Ich kann mich nicht genau erinnern, wie sie geschrieben hat – nicht gut genug, um es mit Sicherheit zu sagen.“Er nickte, so beständig wie immer. „Dann behaupten wir es nicht.“
KAPITEL SECHSUNDzWANZIG: DAS DOKUMENT, DAS SIE AUSLÖSCHEN WOLLTENXYRAS PERSPEKTIVETheodore breitete die ältesten Dokumente erneut aus und suchte nach den Markierungen, die ich erwähnt hatte – jene Symbole, die ich sechzehn Jahre lang ignoriert hatte, weil ich dachte, sie seien nur Dekoration.„Hier“, sagte er und tippte auf ein verblasstes Siegel neben einer Reihe finanzieller Notizen. „Du siehst, dass es auf den alten Seiten immer wieder auftaucht. Aber auf nichts, was nach dem Tod deiner Eltern geschrieben wurde.“ Er sah mich direkt an. „Jemand hat absichtlich aufgehört, es zu benutzen. Das ist kein Zufall.“Ich beugte mich vor, folgte seinem Finger über die Seite und entdeckte etwas, bevor er es konnte. „Diese Routenbezeichnung“, sagte ich und zeigte auf ein Durcheinander aus Buchstaben und Zahlen, über das ich schon ein Dutzend Mal hinweggeglitten war. „Sie stimmt mit dem Lagerbuch überein. Der verlassenen Straße.“Theodore erstarrte – sein Verständnis traf ihn genauso wie mich







