LOGINDie Fahrt im Fond von Ravens luxuriöser, schwarzer Limousine war von einem ohrenbetäubenden Schweigen erfüllt. Raven saß auf der gegenüberliegenden Seite und starrte stur aus dem Fenster in die verregnete Nacht. Er sah mich nicht einmal an. Seine Aura war so erdrückend, dass die Luft im Wagen fast zu dick zum Atmen wirkte.
Ich presste meine Hände auf meinen Knien zusammen. Vor zehn Minuten hatte ich eine SMS vom Krankenhaus erhalten. Zahlungseingang bestätigt. Die Behandlung Ihres Vaters wird fortgesetzt. Ein Stein war mir vom Herzen gefallen, aber der Preis dafür saß mir nun leibhaftig gegenüber. Als der Wagen in der Tiefgarage eines der exklusivsten Wolkenkratzer der Stadt hielt, öffnete der Fahrer die Tür. Raven stieg wortlos aus, und ich beeilte mich, ihm zu folgen. Der private Fahrstuhl raste in Sekundenschnelle in das Penthouse im 60. Stock. Als die Türen sich öffneten, stockte mir der Atem. Das Penthouse war riesig, minimalistisch und atemberaubend teuer eingerichtet. Marmorböden, riesige Glasfronten mit Blick über die glitzernde Skyline der Stadt – aber es gab keine Pflanzen, keine Kissen, keine Spur von menschlicher Wärme. Es war genau wie er: perfekt und steril. „Setz dich“, brach Ravens tiefe Stimme endlich das Schweigen. Er war an eine gläserne Bar gegangen und goss sich zwei Finger breit dunklen Whisky ein. Ich setzte mich vorsichtig auf die Kante des massiven, schwarzen Ledersofas. Raven drehte sich um, ein elegantes Dokument in der Hand, und trat an mich heran. Er warf die Papiere achtlos auf den Glastisch vor mir. Ein goldener Füller landete mit einem leisen Klacken darauf. „Der Vertrag“, sagte er knapp. „Ein Jahr Ehe. Du wirst bei offiziellen Anlässen an meiner Seite glänzen und die perfekte Ehefrau mimen. Vor den Medien, vor meinen Geschäftspartnern, vor der Welt. Sobald die Kameras aus sind, existierst du für mich nicht.“ Ich schluckte trocken und blickte auf die Paragraphen. „Und... die Bedingungen hier im Haus?“ Ein kaltes, fast spöttisches Lächeln feuerte über seine Lippen. „Getrennte Zimmer. Du wirst meinen privaten Bereich im oberen Stockwerk niemals ohne Erlaubnis betreten. Du stellst keine Fragen über mein Leben, meine Arbeit oder meine Familie. Und das Wichtigste, Ava...“ Er beugte sich vor und stützte die Hände auf den Tisch, sodass sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt war. „Du wirst niemals versuchen, mir zu nahe zu kommen.“ „Glaub mir, Mr. Carter, das ist das Letzte, was ich will“, erwiderte ich, und mein alter Stolz blitzte für eine Sekunde auf. Seine grauen Augen verengten sich gefährlich. Er hielt meinem Blick stand, bis ich der Erste war, der wegsah. „Unterschreib.“ Mit zitternden Fingern griff ich nach dem Füller und setzte meine Unterschrift unter das Dokument. Es fühlte sich an wie ein Todesurteil, unterzeichnet mit goldener Tinte. „Dein Zimmer ist das letzte am Ende des Flurs“, sagte Raven, nahm den Vertrag an sich und drehte mir den Rücken zu, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Das Gespräch war beendet. Erschöpft und mit schweren Schritten lief ich den langen, schwach beleuchteten Flur hinunter. Meine Tasche mit den wenigen Habseligkeiten, die mir geblieben waren, stand bereits vor der Tür. Ich drückte die Klinke nach unten und betrat den Raum. Das Zimmer war wunderschön, ausgestattet mit einem riesigen Kingsize-Bett und edlen Seidenlaken. Doch als ich das Licht einschaltete, fror mir das Blut in den Adern. Mitten auf dem makellos weißen Kopfkissen lag ein Gegenstand. Ich trat näher, mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen meine Rippen. Es war ein Foto. Ein altes, leicht verblichenes Foto, das meine Familie vor fünf Jahren bei einem glücklichen Sommerfest zeigte. Mein Vater, meine Mutter und ich. Doch das Foto war grausam zugerichtet worden. Mit einem dicken, blutroten Marker war das Gesicht meines Vaters mit einem fetten, aggressiven Kreuz durchgestrichen worden. Das Papier war an den Rändern zerfetzt, als hätte jemand es vor Wut zerknüllt und dann mühsam wieder glattgestrichen. Ein erstickter Schrei entwich meiner Kehle. Ich wich einen Schritt zurück und presste die Hand auf den Mund. Woher hatte er dieses Foto? Und warum lag es hier? In diesem Moment verstand ich es. Raven Carter hatte mich nicht auf dieser Auktion ersteigert, weil er eine Vorzeige-Ehefrau brauchte. Er hatte mich nicht aus einer Laune heraus gerettet. Das hier war kein Zufall. Es war eine perfekt inszenierte, eiskalte Falle. Er hasste meine Familie. Und ich war jetzt ganz allein in seinem Revier.Das leise Summen von Ravens Funkgerät verstarb in der eisigen Stille des Korridors. Julian starrte auf das Gerät in Ravens Hand, und für den Bruchteil einer Sekunde zuckte sein Augenlid. Doch dann kehrte sein arrogantes Grinsen zurück. „Ein Bluff. Du willst mich nervös machen, Carter. Du weißt verdammt noch mal nicht, wo der alte Mann ist. Die Klinik läuft unter einer anonymen Holding in Panama.“ „Glaubst du wirklich, Julian?“, erwiderte Raven. Seine Stimme war von einer so mörderischen, ruhigen Gelassenheit, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Er machte einen langsamen Schritt auf die Mündung von Julians Waffe zu. „Du hast mein System gehackt. Ein netter Versuch. Aber du hast vergessen, wer die Sicherheitssoftware für die Zentralbanken dieses Landes geschrieben hat.“ Julian spannte den Zeigefinger am Abzug. „Bleib stehen, oder ich verpasse dir eine Kugel zwischen die Augen!“ In diesem Moment vibrierte Julians Handy in seiner Brusttasche. Ein schriller, aggressiver Klingelt
Ravens Griff an meiner Kehle war fest, doch als er meine Tränen sah, spürte ich das leichte Zittern in seinen Fingern. Er war verletzt. Der mächtigste Mann der Stadt war durch meine vermeintliche Flucht zutiefst im Innersten getroffen worden. Am Ende des Korridors hallten plötzlich laute, eilige Schritte auf dem Marmor wider. „Hier entlang! Sucht den Nordflügel!“, dröhnte die Stimme von einem von Julians Sicherheitsmännern. Wir hatten nur noch Sekunden. Ich nutzte den Moment, in dem Raven für einen Sekundenbruchteil zur Tür blickte, legte meine Hände an seine Wangen und zwang ihn, mich anzusehen. „Raven, hör mir zu! Bitte!“, flüsterte ich mit brechender Stimme. „Ich habe dich nicht betrogen! Ich wollte nie weggehen!“ Ravens graue Augen verengten sich zu kalten Schlitzen. „Du lagst in meinem Bett, Ava. Und am nächsten Morgen warst du bei ihm.“ „Weil Julian meinen Laptop gehackt hat!“, stammelte ich, die Worte überschlugen sich vor Panik. „Die Pressemitteilung, die ich auf deinem B
Das Schloss Bellevue strahlte im Licht tausender Kronleuchter, doch für mich fühlte es sich an wie ein vergoldetes Schafott. Julian hatte mich in ein Kleid gesteckt, das einer Königin würdig gewesen wäre: eine hautenge, nachtblaue Seidenrobe mit einem tiefen Rückenausschnitt, besetzt mit winzigen Saphiren, die im Licht wie Sterne funkelten. Mein Gesicht war hinter einer filigranen, silbernen venezianischen Maske verborgen, die meine Augen umrahmte. Doch keine Maske der Welt konnte die nackte Angst verbergen, die in meiner Brust raste. „Lächeln, meine Schöne“, flüsterte Julian, während er meinen Arm nahm und mich die pompöse Marmortreppe hinunter in den riesigen Ballsaal führte. Hunderte maskierte Gäste aus der High Society drehten sich nach uns um. Das Tuscheln begann sofort, eine Welle aus Gerüchten, die durch den Raum schwappte. Die Nachricht, dass Ava Vance – die Ehefrau des stummen Milliardärs – an der Seite seines größten Rivalen aufkreuzte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Drei Tage. Seit drei Tagen war ich eine Gefangene. Julian Sterling hatte mich auf ein riesiges, von dichten Wäldern umgebenes Anwesen außerhalb der Stadt gebracht. Von außen sah es aus wie ein idyllisches Luxus-Landhaus, aber für mich war es die Hölle. Es gab kein Internet, kein Festnetztelefon, und mein Handy war längst in Julians Besitz. Die Fenster waren aus dickem Sicherheitsglas, und vor jeder Tür postierten sich bewaffnete Wachen mit dem Sterling-Logo auf den Anzügen. „Ihrer Familie scheint das Pech an den Fingern zu kleben, Ava“, sagte Julian, als er am Abend unangekündigt in den prunkvollen Salon trat. Er hielt zwei Gläser Champagner in der Hand und trug ein selbstgefälliges Lächeln, das mir den Magen umdrehte. Ich saß auf einem Sessel am Kamin und starrte in die Flammen. „Wie geht es meinem Vater, Julian? Bringen Sie mich zu ihm, oder der Deal ist geplatzt.“ Julian lachte leise, kam auf mich zu und stellte ein Glas auf dem Beistelltisch ab. Er beugte sich so tief über mei
(Ravens Perspektive) Das Wasser in der Dusche war eiskalt gewesen, aber es hatte das Brennen auf meinen Lippen nicht löschen können. „Sag mir, dass du nicht zu Sterling gehst, Ava. Sag mir, dass du hierbleibst. Bei mir.“ Ich hatte diese Worte tatsächlich ausgesprochen. Ich, Raven Carter, der Mann, der sich geschworen hatte, die Tochter des Mörders seiner Mutter zu vernichten, hatte vor ihr gekniet. Ich hatte sie angefleht. Weil ihr Geschmack mich um den Verstand brachte. Weil ihr Schluchzen mein eiskaltes Herz in Stücke gerissen hatte. Ich hatte mich letzte Nacht entschieden: Die Rache war vorbei. Ich wollte sie. Nur sie. Als ich die Treppe zu meinem Arbeitszimmer hinunterging, lag ein seltener Frieden in meiner Brust. Ich wollte mit ihr reden. Ihr sagen, dass ihr Vater sicher war. Dass ich die Vollmacht vernichten würde. „Ava?“, rief ich, als ich den Flur betrat. Keine Antwort. Ein plötzliches, kaltes Gefühl der Vorahnung kroch mir den Nacken hoch. Ich beschleunigte meine Schr
Das sterile Weiß der Krankenhausflure zog wie ein verschwommener Film an mir vorbei, während ich rannte. Meine Lungen brannten, meine Absätze klackten panisch auf dem Linoleum. Ich sah mich nicht einmal um. Ich hatte Angst, dass Ravens schwarze Limousine bereits vor dem Eingang quietschend zum Stehen gekommen war. Ich hatte Angst vor den grauen Augen, die mich letzte Nacht noch mit so viel wilder Leidenschaft angesehen hatten. Es war alles eine Lüge, hämmerte es in meinem Kopf. Die Pressemitteilung war echt. Er wollte mich vernichten. „Zimmer 412... 412...“, keuchte ich, als ich den Intensivtrakt erreichte. Ich riss die schwere Schiebetür auf. Und da lag er. Mein Vater. Er war blass, abgemagert, und unzählige Schläuche führten von seinem Körper weg, aber seine Augen – diese gütigen, warmen Augen, die ich so schmerzhaft vermisst hatte – waren geöffnet. Als er mich sah, zitterten seine Lippen. „Ava...“, krächzte er mit einer Stimme, die so leise war wie trockenes Laub. „Papa!“, sc







