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Das Licht auf der Bühne war gleißend heiß, aber in meinem Inneren war ich völlig erfroren.
„Meine Damen und Herren, kommen wir nun zum exklusivsten Los des heutigen Abends“, dröhnte die Stimme des Auktionators durch den prunkvollen Ballsaal des Grand Hotels. Ein Raunen ging durch die Menge. Reiche Männer in maßgeschneiderten Smokings und Frauen, die mit Diamanten behängt waren, blickten auf mich herab. Für sie war das hier ein Spiel. Eine Wohltätigkeitsgala für die Elite der Stadt. Für mich war es der Tag, an dem ich meine Seele verkaufte. Ich krallte die Finger so fest in den Stoff meines schlichten, weißen Seidenkleides, dass meine Knöchel weiß anliefen. Ich durfte nicht zittern. Ich durfte ihnen nicht zeigen, wie gebrochen ich war. Vor nur wenigen Monaten gehörte meine Familie noch zu ihnen. Doch nach dem plötzlichen Bankrott und dem schweren Autounfall meines Vaters war nichts mehr übrig. Er lag im Koma, die Maschinen hielten ihn am Leben – und das Krankenhaus hatte mir ein Ultimatum gestellt. Entweder ich bezahlte die Schulden bis morgen früh, oder sie würden die Geräte abschalten. Ich tue das für dich, Papa, flüsterte ich gedanklich und starrte in die anonyme Menge. „Das Gebot für die exklusive Begleitung und einjährige Ehe-Allianz mit Miss Ava Vance beginnt bei fünfhunderttausend Dollar!“, rief der Auktionator. Stille. Niemand hob die Hand. Ein paar ältere Männer tuschelten und warfen mir mitleidige – oder schlimmer noch, lüsterne – Blicke zu. Am Rand des Saals sah ich das hämische Grinsen von Victoria, einer Frau, die sich früher meine beste Freundin genannt hatte. Sie genoss meine Demütigung sichtlich. Meine Familie war erledigt, und die High Society liebte es, jemanden fallen zu sehen. „Fünfhunderttausend Dollar zum Ersten…“, rief der Auktionator, und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Wenn niemand bot, war ich ruiniert. Mein Vater würde sterben. „Fünfhunderttausend zum Zweiten…“ Tränen schossen mir in die Augen. Bitte. Irgendjemand. Ich war bereit, jeden Vertrag zu unterschreiben, jeden alten, widerlichen Mann zu ertragen, solange er nur das Geld bezahlte. „Wenn sich kein Gebot findet, dann–“ „Fünf Millionen.“ Die tiefe, raue Stimme schnitt durch das Schweigen im Saal wie ein rasiermesserscharfes Skalpell. Sie kam nicht von den vorderen Tischen. Sie kam von ganz hinten, aus dem tiefen Schatten des VIP-Balkons. Ein kollektives Keuchen ging durch den Saal. Der Auktionator erstarrte mitten in der Bewegung. „F-fünf Millionen?“, stammelte er. „Sir, das ist das Zehnfache des Startpreises… Wer bietet–“ Schwere, langsame Schritte hallten auf dem Marmorboden wider. Die Menge teilte sich wie das Meer, als der Mann aus den Schatten in das gedimmte Licht des Ballsaals trat. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Er war groß, fast zwei Köpfe größer als die meisten Männer im Raum. Seine Schultern waren breit, sein schwarzer Maßanzug saß absolut makellos. Seine Gesichtszüge sahen aus, als hätte ein Bildhauer sie aus kaltem Marmor gemeißelt – perfekt, aber ohne jede Wärme. Seine Haare waren dunkel wie die Nacht, doch das Erschreckendste waren seine Augen. Sie waren von einem stechenden, eisigen Grau. Raven Carter. Der „Silent Billionaire“. Der mächtigste, unnahbarste und gefürchtetste Tech-Tycoon des Landes. Man nannte ihn den stummen Milliardär, weil er die Medien mied und seine Feinde vernichtete, ohne jemals ein Wort zu viel zu verlieren. Er sprach fast nie mit Außenstehenden. Und jetzt stand er hier. Ravens eiskalter Blick wanderte langsam an mir hoch. Es fühlte sich an, als würde er mich physisch berühren, mich taxieren wie ein Stück Eigentum. Als seine Augen meine trafen, spürte ich eine Welle von purer Elektrizität – und nackter Angst. „Fünf Millionen Dollar von Mr. Carter“, sagte der Auktionator mit zitternder Stimme. „Gibt es ein Gegengebot?“ Niemand wagte es, auch nur zu atmen. Wer würde es wagen, gegen Raven Carter zu bieten? „Zum Ersten, zum Zweiten… und zum Dritten. Verkauft an Mr. Raven Carter!“ Der Hammerschlag dröhnte wie ein Donnerschlag in meinen Ohren. Es war vorbei. Ich war verkauft. Raven wartete nicht ab. Er ging nicht zu den Gratulanten, er sah niemanden an. Er hielt direkt auf die Bühne zu. Mit einer eleganten, fast raubtierhaften Bewegung stieg er die Stufen zu mir hinauf. Der Duft von teurem Holz, Minze und Gefahr hüllte mich ein, als er vor mir stehen blieb. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen. Meine Knie zitterten so heftig, dass ich Angst hatte, umzufallen. Er hob langsam die Hand. Seine langen, warmen Finger schlossen sich um mein Handgelenk. Sein Griff war fest, unnachgiebig. Ein Besitzanspruch, gegen den es kein Entkommen gab. Er beugte sich leicht zu mir herunter, sodass sein Atem meine Wange streifte. Seine Stimme war so leise, dass nur ich sie hören konnte, aber sie ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. „Pack deine Sachen, Ava“, flüsterte er eiskalt. „Du gehörst jetzt mir. Und ich verspreche dir, du wirst jeden Cent dieser fünf Millionen bereuen.“Der Bruchteil einer Sekunde kann sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlen, wenn das eigene Leben an einem seidenen Faden hängt.Das funkelnde Licht der gigantischen Kronleuchter spiegelte sich auf dem mattschwarzen Lauf von Julians Waffe. Das laute, metallische Klicken, mit dem er den Hahn spannt, schnitt durch das panische Flüstern der High Society wie eine Rasierklinge. Die Gäste in unserer unmittelbaren Nähe begriffen schlagartig, was vor sich ging. Frauen schrien auf, Männer wichen in wilder Panik zurück, Gläser zersplitterten auf dem Marmorboden, als die Menge auseinanderstob.Julian sah mich an. In seinen Augen lag der bodenlose, gehetzte Wahnsinn eines Mannes, der bereits mit seinem eigenen Leben abgeschlossen hatte. „Ein sauberer Schnitt, Carter“, zischte er, und seine Hand zitterte ganz leicht, während das Visier der Waffe starr auf meinen Bauch gerichtet blieb. „Du hast mir meine Firma genommen. Du hast mir meinen Ruf genommen. Jetzt nehme ich dir deine Zukunft.“Ich schloss di
(Perspektive: Ava)Vier Wochen können eine Ewigkeit sein, wenn man im Verborgenen lebt, aber sie können auch wie im Flug vergehen, wenn man einen Krieg vorbereitet.Das kleine Landhaus meines Vaters war in dieser Zeit zur Kommandozentrale für das Projekt Phönix geworden. Raven hatte kaum geschlafen. Nächtelang saß er im fahlen Licht des Laptop-Bildschirms, rauchte schweigend am offenen Fenster und führte verschlüsselte Telefonate mit Shanghai, Singapur und London. Sein Verstand arbeitete unerbittlicher als je zuvor. Er war nicht mehr der Milliardär, der ein bestehendes Imperium verwaltete – er war wieder das hungrige Raubtier, das auf der Jagd war.Und heute Abend war die Nacht der Abrechnung gekommen.Vivian Carter hatte die gesamte High Society der Stadt in das Grand Hotel eingeladen – genau in jenen prunkvollen Ballsaal, in dem Raven mich vor Monaten auf der Auktion ersteigert hatte. Sie feierte ihre offizielle Ernennung zur alleinigen Vorstandsvorsitzenden der Carter Holdings. Es
(Perspektive: Ava)Das rhythmische Schlagen des Scheibenwischers war das einzige Geräusch, das die drückende Stille im Inneren des Wagens durchbrach. Draußen peitschte der Regen unbarmherzig gegen die Scheiben, genau wie an jenem Tag, als ich das erste Mal in Ravens Limousine gestiegen war. Doch diesmal saßen wir nicht in einem luxuriösen, von Chauffeuren gesteuerten Wagen. Wir saßen in dem alten, klapprigen Kombi meines Vaters.Hinter uns lag das Penthouse. Hinter uns lagen die funkelnden Lichter des 60. Stocks, unsere Kleidung, unser Luxus, unser gesamtes bisheriges Leben. Vivian hatte Ernst gemacht. Ihre Anwälte hatten uns nicht einmal Zeit gelassen, alle Koffer zu packen. Wir waren vertrieben worden – wie Kriminelle aus unserem eigenen Zuhause.Als der Wagen schließlich auf den unbefestigten Schotterweg abbog, zeichneten sich die Umrisse des kleinen Landhauses meines Vaters im fahlen Scheinwerferlicht ab. Es war ein schlichtes, zweistöckiges Backsteinhaus am Rande der Stadt, umgeb
(Perspektive: Raven)„Sie ist was?!“Mein Brüllen ließ die massiven Glasfronten meines Chefbüros im 50. Stock der Carter Holdings erzittern. Der Analyst am Ende des langen Konferenztisches zuckte so heftig zusammen, dass er seine Unterlagen fallen ließ. Die Papiere segelten wie weiße Federn auf den Boden, doch niemand wagte es, sich zu bewegen.Am Eingang des Raumes stand mein stellvertretender Sicherheitschef, das Gesicht aschfahl, den Blick starr zu Boden gerichtet. Er zitterte. Und er hatte verdammt noch mal allen Grund dazu.„S-Sir, wir wurden völlig kalt erwischt“, stammelte er, während ihm der Angstschweiß auf der Stirn stand. „Ein Team von Anwälten hat vor zehn Minuten die Bundesbehörden mobilisiert. Sie haben Dokumente vorgelegt, die direkt von Marcus Carter aus der Untersuchungshaft autorisiert wurden. Geheime Treuhandkonten in Übersee, Offshore-Zertifikate... und die Stimmrechte der Hastings-Gruppe, die nach deren Insolvenz verdeckt aufgekauft wurden.“Ich trat mit einem ein
Das Handy lag wie eine tickende Zeitbombe auf den weißen Seidenlaken. Die Stimme der Frau hallte immer noch als bösartiges Echo in meinem Kopf wider.„Ich fange bei deinem ungeborenen Bastard an.“Ein eisiger Schauer kroch mir über die Wirbelsäule, während sich meine Hand wie ein Schutzschild über meinen Bauch legte. Mein Atem ging flach und schnell. Raven hatte mir einmal erzählt, dass Marcus eine Tochter aus erster Ehe hatte – Vivian. Doch sie sollte vor fünf Jahren bei einem schweren Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen sein. Damals war Raven tagelang an der Seite seines Onkels geblieben, um ihn zu trösten.Alles war ein perfekt inszeniertes Theaterstück gewesen. Marcus hatte seine Tochter nicht begraben; er hatte sie im Verborgenen auf eine Position vorbereitet, für den Fall, dass sein eigener Plan scheitern sollte. Sie war seine finale Schachfigur.Ich griff mit zitternden Fingern nach dem Telefon, um Raven anzurufen. Seine Nummer war auf Kurzwahl. Doch noch bevor ich den
Die neuen Fronten Drei Monate sind vergangen. Ava und Raven sind glücklicher denn je, und Arthur Vance ist wieder vollständig genesen. Doch im Hintergrund braut sich etwas zusammen. Marcus Carter sitzt zwar im Gefängnis, aber er hat noch eine Trumpfkarte ausgespielt. Er hat sein restliches, geheimes Vermögen an eine mysteriöse Frau im Ausland überschrieben – Vivian Carter, Ravens totgeglaubte, ältere Halbschwester, die von Marcus jahrelang im Verborgenen manipuliert wurde. Sie kommt zurück in die Stadt, um das Erbe anzutreten und Ava zu vernichten, die sie für den Untergang ihrer Familie verantwortlich macht. (Perspektive: Ava) Der Geruch von frisch gebratenem Speck und starkem Kaffee hatte mich mein ganzes Leben lang magisch aus dem Bett gezogen. Doch an diesem Morgen reichte ein einziger, flüchtiger Atemzug, der durch den Spalt der Küchentür drang, und mein Magen drehte sich unbarmherzig um. Ich presste die Hand auf den Mund, schob die seidene Decke beiseite und rannte, so schn







