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Kapitel 88 – Michelle

last update publish date: 2026-08-15 14:51:06

Der nächste Tag verging langsamer als die meisten Tage, mit einer zähen, gedehnten Qualität, die ich seit Monaten nicht mehr so intensiv gespürt hatte. Paul war früh aufgebrochen, noch bevor ich richtig wach war, mit einem kurzen Kuss auf die Stirn und der Ankündigung, dass er sich melden würde, sobald er könne. Ich hatte genickt, hatte ihn gehen lassen, hatte versucht, den Tag so normal wie möglich zu gestalten, während im Hintergrund meines

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  • Was ich mir wert bin    Kapitel 89 – Michelle & Annemarie

    "Der eigentliche Grund war etwas anderes", hatte sie gesagt, und jetzt saß sie mir gegenüber, mit dieser Aussage noch in der Luft, unaufgelöst.Ich hatte in den letzten Monaten gelernt, Stille auszuhalten, ohne sie sofort zu füllen – eine Fähigkeit, die mir früher gefehlt hatte und die ich mir mühsam angeeignet hatte, in Verhandlungen, in schwierigen Gesprächen mit Kunden, in der Therapie mit Paul. Aber diese Stille war anders. Sie saß mir im Nacken, kribbelte in meinen Fingerspitzen, die ich unter dem Tisch ineinander verschränkt hielt, damit Annemarie das leichte Zittern nicht sah, das ich selbst kaum kontrollieren konnte.Diese Frau war Pauls Mutter. Diese Frau hatte ihn verlassen, mit zwölf Jahren, ohne Erklärung, die er je verstanden hatte. Und jetzt saß sie in meinem Büro, elegant, kontrolliert, mit einem Blick, der mich musterte wie eine Verhandlungspartnerin, und ich wusste nicht, ob

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 88 – Michelle

    Der nächste Tag verging langsamer als die meisten Tage, mit einer zähen, gedehnten Qualität, die ich seit Monaten nicht mehr so intensiv gespürt hatte. Paul war früh aufgebrochen, noch bevor ich richtig wach war, mit einem kurzen Kuss auf die Stirn und der Ankündigung, dass er sich melden würde, sobald er könne. Ich hatte genickt, hatte ihn gehen lassen, hatte versucht, den Tag so normal wie möglich zu gestalten, während im Hintergrund meines Bewusstseins die ganze Zeit die Frage mitlief: Was passiert gerade zwischen ihm und dieser Frau, die ich nie getroffen hatte, die aber bereits so viel in unser Leben getragen hatte?Ich fuhr ins Büro, arbeitete mich durch die üblichen Aufgaben – ein Angebot für eine Hochzeit im September, ein Telefonat mit einem Caterer, der die Preise erneut erhöht hatte, ein kurzer Austausch mit Katharina über die Buchführung. Aber meine Aufmerksamkeit war geteilt, ei

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 87 – Paul

    Ich fuhr nicht direkt nach Hause, nachdem ich mit Michelle telefoniert hatte. Ich blieb im Auto sitzen, auf dem Parkplatz vor meinem Büro, mit den Händen auf dem Lenkrad, und starrte auf nichts Bestimmtes, während sich in mir ein Sturm zusammenbraute, den ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.Annemarie.Der Name allein löste etwas in mir aus, das ich seit meinem zwölften Lebensjahr sorgfältig weggeschlossen hatte, in einem Teil meines Bewusstseins, den ich mit der Zeit so gut versiegelt hatte, dass ich fast vergessen hatte, dass er existierte. Aber jetzt, mit ihrem Namen wieder in der Welt, wieder ausgesprochen, wieder real, brach etwas von diesem Versiegelten auf, und ich spürte die alten Fragen zurückkehren, mit einer Wucht, die mich überraschte.Warum war sie gegangen? Warum jetzt zurück? Was wollte sie?Ich versuchte, mich an sie zu erinnern, wirklich zu erinnern, jenseits der wenigen, verschw

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 86 – Michelle

    Ich öffnete die E-Mail erst am späten Vormittag, als Paul längst zu seinem Meeting aufgebrochen war und ich selbst im Büro saß, mit einem Kaffee, der langsam kalt wurde, während ich mich durch die üblichen Anfragen des Tages arbeitete. Sie war zwischen einer Rechnungsbestätigung und einer Terminanfrage eingereiht, unscheinbar, und ich hatte fast vergessen, dass sie überhaupt existierte, bis mein Blick wieder über den Betreff strich.Ein Vorschlag, der Sie interessieren könnte.Ich klickte sie an, mit der routinierten Vorsicht, die ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte, wenn es um unbekannte Absender ging – halb erwartend, dass es sich um eine der üblichen Geschäftsanfragen handelte, die manchmal seltsam formuliert waren, manchmal Spam, manchmal überraschend seriös.Was ich las, war keins von beidem.Sehr geehrte Frau Beck,mein Name ist

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 85 – Michelle

    Das Essen kam eine halbe Stunde später, gebracht von einem jungen Mann, der offensichtlich nicht gewohnt war, in ein Viertel wie unseres zu liefern, mit einem leicht überforderten Blick, der über die Fassade des Hauses wanderte, bevor er die Tüten übergab. Paul gab ihm ein großzügigeres Trinkgeld, als notwendig gewesen wäre, mit der stillschweigenden Selbstverständlichkeit eines Mannes, der solche Gesten nie hinterfragte, und trug die Tüten in die Küche, wo wir den Tisch abräumten, um Platz für etwas zu schaffen, das tatsächlich essbar war.Wir aßen aus den Verpackungen, mit den Plastikgabeln, die beigelegt worden waren, an meinem kleinen Küchentisch, der schon so viele wichtige Gespräche gesehen hatte, dass ich manchmal dachte, er müsste eigene Erinnerungen haben. Das Essen war gut – nicht außergewöhnlich, aber ehrlich, warm, genau das, was der Abend brauchte, nachdem

  • Was ich mir wert bin    Kapitel 84 – Michelle

    Lenas Wohnung lag im vierten Stock eines Altbaus ohne Aufzug, was sie mir gegenüber einmal als "meine tägliche Charakterbildung" bezeichnet hatte, mit einem Grinsen, das keinen Widerspruch zuließ. Ich war leicht außer Atem, als ich ankam, mit einer Flasche Wein in der einen Hand und dem Gefühl, dass die letzten Wochen mich träger gemacht hatten, als mir lieb war."Du solltest öfter Treppen steigen", sagte Lena, als sie die Tür öffnete, mit dem beiläufigen Spott, der zu ihrer Art gehörte, Zuneigung auszudrücken, ohne sie direkt zu benennen."Ich steige jeden Tag Treppen. Nur nicht vierundzwanzig auf einmal."Sie lachte, ließ mich rein, in eine Wohnung, die genau so aussah, wie ich sie mir vorgestellt hatte, seit ich Lena kennengelernt hatte – voller Bücher, in Stapeln, die keiner erkennbaren Ordnung folgten außer der, die nur Lena selbst verstand, mit Pflanzen auf jeder freien Fl

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