LOGINMara hatte die ganze Nacht über den Namen ihres Vaters auf dem Papier stehen sehen, obwohl sie die Augen geschlossen hatte.Ethan Blackwood.Darunter hatte sie immer wieder dieselben Fragen geschrieben, bis die Tinte an einigen Stellen dunkler geworden war als an anderen: Warum wurde er gejagt? Wer hat ihn genommen? Warum hat niemand nach ihm gesucht? Und warum weiß Alexander Blackwood mehr, als Adrian mir bisher erzählt hat?Doch eine Frage stand inzwischen über allen anderen.Warum hat meine Mutter mich versteckt, wenn mein Vater mich nicht verlassen hat?Mara saß am nächsten Morgen an ihrem Schreibtisch und betrachtete die Notizen, die sich inzwischen über die gesamte Oberfläche verteilten. Das Foto ihrer Mutter lag zwischen den Seiten, daneben die Abschrift von Elenas Brief und die Notiz, die Thomas ihr gegeben hatte. Der schwarze Kreis, der immer wieder in ihren Unterlagen auftauchte, war inzwischen so vertraut geworden, dass Mara ihn beinahe auswendig zeichnen konnte.Sie nahm d
Mara hatte geglaubt, dass sie nach allem, was an diesem Tag geschehen war, wenigstens für eine Nacht Ruhe finden würde, doch kaum hatte sie die Haustür hinter sich geschlossen, bemerkte sie, dass sich dieses Haus verändert hatte. Vielleicht war es nicht das Haus selbst, vielleicht war es nur sie, die es inzwischen mit anderen Augen sah, aber die vertrauten Wände, die schmalen Flure und sogar das leise Knarren der Treppe wirkten plötzlich wie Teile eines Ortes, der ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Früher hatte sie sich hier oft klein gefühlt, als wäre sie nur zu Gast in einem Leben, das andere für sie bestimmt hatten. Jetzt wusste sie, dass unter all diesen alltäglichen Dingen etwas verborgen gewesen war, etwas, das mit ihrer Mutter, ihrem Vater, Nyx und einer Welt zusammenhing, von der Mara bis vor wenigen Wochen nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte.Sie zog ihre Jacke aus und blieb einen Moment im Flur stehen. Im Haus war es ungewöhnlich still. Clara war offenbar nic
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.Kaels letzte Worte hingen noch immer zwischen ihnen, obwohl er längst verschwunden war. Mara stand mitten in der unterirdischen Kammer und hielt Elenas Brief so fest, dass das Papier an den Rändern leicht zerknitterte. Sie spürte Sophies Blick auf sich, hörte irgendwo hinter sich Adrians Atem und nahm gleichzeitig jedes noch so kleine Geräusch aus dem Gang wahr. Der Wald über ihnen war still geworden, als hätte selbst die Natur aufgehört, sich zu bewegen, um auf das zu warten, was als Nächstes geschehen würde.Warum hat dein eigener Clan so getan, als wäre er tot?Dieser Satz ließ Mara nicht los.Sie sah Adrian an.Zum ersten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte, wusste sie nicht, ob sie seiner Antwort vertrauen konnte, bevor er überhaupt etwas gesagt hatte. Nicht, weil sie glaubte, dass er sie belog. Im Gegenteil. Sein Gesicht verriet ihr, dass Kaels Worte ihn genauso getroffen hatten wie sie selbst. Doch genau das machte die Situation so vie
Mara hielt die Karte so fest, dass sich das Papier zwischen ihren Fingern leicht kräuselte.Sie stand noch immer im Flur von Thomas Kellers Haus, während Sophie einige Schritte hinter ihr wartete und Thomas mit einer Hand an der Türklinke stand. Niemand sagte etwas. Draußen bewegten sich die Äste im Wind, und irgendwo auf der anderen Seite des Hauses knackte ein Zweig. Doch Mara hörte kaum etwas davon. Ihre gesamte Aufmerksamkeit lag auf dem Stück Papier in ihren Händen.Der schwarze Kreis.Der Wald.Und die kleine Markierung, die Thomas ihnen gerade gezeigt hatte.Sie kannte diesen Ort.Nicht bewusst. Nicht so, wie man einen Ort kennt, an dem man schon einmal gewesen ist. Es war vielmehr ein Gefühl, das sich in ihr ausbreitete, sobald sie die Karte betrachtete. Etwas in ihr erkannte die Linien, den Verlauf des alten Weges und die Stelle, an der der Wald plötzlich dichter wurde.Nyx reagierte ebenfalls.Dort.Mara schluckte.„Was ist dort?“, fragte sie leise.Thomas sah sie lange an.
Das Haus roch nach altem Holz, Papier und etwas, das Mara nicht benennen konnte.Vielleicht war es nur der Geruch eines Gebäudes, das seit Jahrzehnten kaum verändert worden war. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie inzwischen überall Erinnerungen suchte, selbst dort, wo keine sein konnten. Jeder Gegenstand schien eine Geschichte zu besitzen, und Mara hatte das ungute Gefühl, dass ein großer Teil dieser Geschichten mit ihrer eigenen Vergangenheit verbunden war.Thomas führte sie durch einen schmalen Flur in einen Raum am Ende des Hauses.Das Zimmer war größer, als Mara von außen erwartet hatte. An den Wänden standen Regale voller Ordner, Bücher und alter Kartons. Auf einem großen Schreibtisch lagen mehrere Mappen, einige davon so alt, dass ihre Seiten bereits an den Rändern vergilbt waren.Sophie blieb an der Tür
Mara bemerkte erst im Bus, dass sie die ganze Zeit über ihre Hände nachgedacht hatte.Nicht über die Wunden, die inzwischen innerhalb weniger Augenblicke verschwanden, und auch nicht darüber, wie seltsam es sich anfühlte, dass etwas, das sie vor wenigen Wochen noch für unmöglich gehalten hätte, inzwischen beinahe zu ihrem Alltag gehörte. Es war vielmehr das Gefühl, dass ihr eigener Körper begann, auf Dinge zu reagieren, bevor ihr Verstand überhaupt begriff, was geschah.Auf Namen.Auf Orte.Auf Erinnerungen.Und manchmal auf Menschen.Thomas Keller.Mara sah aus dem Fenster und beobachtete, wie die Straßenlaternen über die Scheibe des Busses glitten. Neben ihr saß Sophie, die auf ihrem Handy durch die Fotos scrollte, die sie im Archiv gemacht hatten. Immer wieder vergrößerte sie einzelne Seiten, las die handschriftlichen Vermerke und wechselte zwischen verschiedenen Aufnahmen hin und her.„Ich habe noch etwas gefunden“, sagte sie schließlich.Mara drehte den Kopf.„Was?“Sophie hielt







