Mag-log inSeraphina war schon immer der verfluchte Zwilling, der wegen einer uralten Prophezeiung wie eine Dienerin behandelt wurde. Als ihr Wolf erwacht, entdeckt sie, dass sie die zweite Gefährtin des Gefährten ihrer Schwester ist. Zurückgewiesen und verraten, flieht sie nach Valeria. König Adrian findet sie gebrochen an der Grenze, ohne zu wissen, dass sie die verschwundene Prinzessin ist. Er selbst ist verflucht und verliert bei jedem Vollmond an Kraft – und sie könnte seine Erlösung sein. Er verbirgt seine Identität, um ihr näherzukommen, und schon bald verlieben sie sich ineinander. Doch als beim Blutmondball die Wahrheit ans Licht kommt, zerbricht alles. Nun erwachen in Celestia dunkle Kräfte, ein rivalisierender König bietet Seraphina einen Ausweg, und eine Prophezeiung fordert Blut. Seraphina erkennt, dass der einzige Weg, die Menschen zu retten, die sie liebt, sie alles kosten könnte. Kann sie sich von ihrem verfluchten Schicksal befreien, oder ist sie dazu bestimmt, die Prophezeiung zu erfüllen, die sie seit ihrer Geburt verfolgt?
view moreKAPITEL 1
SERAPHINA
„Beeil dich, sonst kommen wir zu spät.“
„Die Veranstaltung beginnt doch erst in einer Stunde“, erwiderte das zweite Mädchen bereits außer Atem.
Ich stemmte mich vom Boden hoch und ging zum Fenster, gerade als die Erste hinzufügte: „Ich kann es kaum erwarten, die Dekorationen im Palast zu sehen.“
„Wen interessieren schon die Dekorationen? Ich will Prinzessin Celestias Kleid sehen. Ich habe gehört, dass echte Diamanten darin eingenäht wurden.“
Ein Schrei unterbrach sie. Das Mädchen, das zuerst gesprochen hatte, zeigte direkt auf mich.
„Es ist nur sie“, spuckte sie aus.
Beide starrten mich mit demselben angewiderten Blick an. Ich konnte mir vorstellen, wie ich aussah, mit dem Gesicht gegen die kleine Glasscheibe dieses winzigen Fensters gedrückt. Meine Haare waren zerzaust. Meine Wangen waren eingefallen. Das größere Mädchen packte die Hand ihrer Freundin und beide eilten davon, als könnte ein längerer Blick von mir ihre feinen Kleider ruinieren. Ich trat zurück und wartete, bis ihre Schritte verklungen waren. Ich wartete noch ein paar Minuten, um sicherzugehen, dass niemand mehr kam. Erst dann ging ich nach draußen.
Die Nacht war vom Mondlicht erhellt. Man konnte die Aufregung, die in der Luft lag, beinahe spüren. Weit vor mir waren die Anlagen, Säulen und Pfeiler des Palastes von Eldoria von Tausenden Lichtern umgeben. Sie funkelten wie winzige Sterne. Ein Wind aus dem Osten trug den Geruch von Essen herüber, das für das Bankett zubereitet wurde. Mein Magen zog sich vor Hunger zusammen. Ich legte eine Hand darauf und versuchte, nicht an die Tische zu denken, die bald voll beladen sein würden. Vielleicht konnte ich etwas von den Resten bekommen, sobald alle anderen gegessen hatten.
Ich blieb länger dort stehen, als ich beabsichtigt hatte. Der Palast sah aus dieser Entfernung beinahe unwirklich aus, hell und warm, während mein kleines Haus hinter mir im Dunkeln lag. Ich kannte jeden Riss in diesen Wänden. Ich kannte das Loch im Dach und den Karton, mit dem ich die schlimmsten Lücken abdeckte. Heute Nacht fühlte sich dieses Haus noch kleiner an.
„Aus dem Weg, du!“, knurrte ein Mann hinter mir.
Ich trat sofort zur Seite. Ein stämmiger, rotgesichtiger Mann mit mehreren schweren Tabletts drängte an mir vorbei. Er warf einen Blick zurück, starrte mich finster an und murmelte eine Reihe von Flüchen. Ich antwortete nicht. Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass eine Antwort alles nur schlimmer machte. Mein Blick wanderte wieder zum Palast. In etwa einer Stunde würde es ein Bankett für meine Schwester, Prinzessin Celestia, und ihre erste Verwandlung geben.
Das Mädchen hatte gesagt, Celestias Kleid sei mit echten Diamanten bestickt. Ich seufzte und strich mit den Händen über meine eigenen dünnen, viel zu oft gewaschenen Kleider. Der Stoff fühlte sich rau unter meinen Fingern an. Es war schwer zu glauben, dass wir Schwestern waren. Sogar Zwillinge. Der Unterschied zwischen uns wäre lustig gewesen, wenn ich über mein eigenes Leben hätte lachen können.
Celestia lebte in dem prächtig eingerichteten Palast. Ich lebte in einem kleinen, heruntergekommenen Haus auf dem Palastgelände. Es hatte ein winziges Fenster, ein undichtes Dach und rissige Wände. Celestia wurde verwöhnt und bekam alles, was sie wollte. Ich wusch meine eigene Kleidung. Ich holte mein Essen in der Küche zusammen mit den Palastangestellten. Fast immer aß ich nach allen anderen. Das bedeutete Reste, verbrannte Stücke, übrig gebliebene Teile, die niemand wollte, oder überhaupt nichts.
All das ging auf eine alte Prophezeiung des Königreichs Eldoria zurück. Diese Prophezeiung hatte mein Leben vergiftet, deshalb kannte ich jedes Wort auswendig. Ich schloss die Augen. Ich konnte noch immer die Zeilen sehen, die in einem alten Buch mit vergilbten Seiten geschrieben standen. Ich hatte sie immer wieder gelesen, als könnte sich das, was dort stand, ändern, wenn ich es nur oft genug las.
„Mögen Prinz und Bauer, Hochgeborene und Niedriggeborene des Königreichs Eldoria sich in Acht nehmen. Mögen sie die Zeichen und Vorboten beachten, denn geschrieben steht: Zwei Kinder, Zwillinge, werden geboren werden. Das eine wird voller Licht, Lachen und Liebe sein, eine Anführerin, die vereinen und verbinden wird. Ihr dunkler Zwilling jedoch wird danach streben, zu zerstören, zu töten und ins Verderben zu stürzen. Ihre Kräfte und ihr Einfluss werden wachsen, bis Eldoria in Staub und Asche begraben liegt …“
Nachdem unsere Mutter Celestia und mich zur Welt gebracht hatte, beschloss sie, eine von uns zu verstecken, bis unsere Schicksale klarer waren. Sie glaubte, die Menschen von Eldoria könnten versuchen, eine von uns zu töten, weil sie von der Prophezeiung wussten. Ich dachte, sie hatte recht. Angst bringt Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun. Ich, Seraphina Vale, war der Zwilling, der versteckt worden war. Nur wenige Menschen wussten, wer ich war. Eine Zeit lang war ich glücklich und wurde gut versorgt.
Alles änderte sich, nachdem meine Mutter, die Königin, unter mysteriösen Umständen gestorben war. Mein Vater wandte sich gegen mich. Celestia tat es ebenfalls. Mein Vater war sich sicher, dass ich der böse Zwilling aus der Prophezeiung war. Ich wurde beiseitegeschoben und gezwungen, wie eine Dienerin auf dem Palastgelände zu leben. Ich war unglücklich und allein, bis zu dem Tag, an dem sich alles in mir veränderte.
Ein Lächeln berührte meine Lippen, als ich an den Tag dachte, an dem ich sechzehn wurde. An diesem Tag erhielt ich meinen Wolf, Regina. Sie war nicht wie die Wölfe der anderen Rudelmitglieder. Sie war anders und stark, ein Wolf, der die Weisheit und Erinnerungen von Generationen von Vale-Wölfen in sich trug. Als ich mich zum ersten Mal verwandelte, war ich so aufgeregt, dass ich kaum atmen konnte. Noch heute konnte ich Reginas Warnung hören.
„Erzähl niemandem, dass du deinen Wolf hast“, hatte sie gesagt. „Halte es geheim, damit sie es dir nicht noch schwerer machen.“
Ich hatte ihren Rat sofort befolgt. Ich verbarg die Verwandlung. Ich verbarg die Stärke. Ich verbarg das eine gute Geschenk, das mir seit Jahren zuteilgeworden war.
Nun regte sich mein Wolf. Sie nahm einen Geruch wahr, den ich noch nie zuvor gekannt hatte. Es war kein Essen. Es waren keine Blumen. Ich konnte ihn überhaupt nicht einordnen, und doch zog er mich an, als wäre eine Schnur um meine Brust gebunden worden. Ich versuchte, stillzustehen. Meine Beine gehorchten mir nicht. Sie trugen mich vorwärts, an meinem Haus vorbei, den Weg hinunter zu den Gärten des Palastes.
Dort blühten hundert verschiedene Blumen. Die Luft war von ihrem Duft erfüllt, süß und schwer. Die einzigen Menschen im Garten waren zwei Gestalten, die eng aneinander gedrängt im Mondlicht standen. Einen Moment lang dachte ich, sie gehörten zu den Schatten. Dann wurde mir gleichzeitig dreierlei klar.
Sie küssten sich. Eine von ihnen war meine Schwester. Der Mann, den sie küsste, war mein Gefährte.
Bevor ich mich zurückhalten konnte, entwich mir ein Laut, halb Wimmern, halb Stöhnen. Das Paar fuhr auseinander. Mein Blick galt nur dem großen Mann mit dem blonden Haar. Er starrte mich an, und Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Nasenflügel bebten. Ich wusste, dass auch er es roch – den Duft, der ihm verriet, was wir füreinander waren.
„Gefährte“, schnurrte Regina.
Mein Herz raste vor Aufregung. Dann verwandelte sich die Aufregung in Entsetzen, als er mich von Kopf bis Fuß musterte. Sein Blick wanderte von meiner abgetragenen Kleidung zu meinem schmalen Gesicht und blieb dort hängen, als könne er nicht glauben, was er vor sich sah.
„Du?“, sagte er mit einer tiefen Stimme, die zu seiner Größe passte. „Wie zum Teufel kannst auch du meine Gefährtin sein?“
KAPITEL 5SERAPHINAIch setzte mich auf und hielt meinen Kopf in den Händen. Der Schmerz war so stechend, dass ich dachte, mein Schädel könnte jeden Moment bersten. Ich bemerkte eine Gestalt am anderen Ende des Zimmers, und meine Verwirrung wurde noch größer.Warum befand ich mich in einem prächtigen, luxuriös eingerichteten Zimmer mit einem Mann in einer vollständigen Wachenuniform? Aus Verwirrung wurde Angst. Ich schnappte mir ein Kissen und hielt es vor mich, als könnte es mich beschützen, falls er näher kam.„Wer bist du, und was mache ich hier?“, fragte ich und versuchte, ruhig zu klingen, was mir nicht gelang.Als er meine Stimme hörte, kam er auf mich zu. Meine zitternden Hände schoben das Kissen weiter nach vorn.Er blieb stehen. Ich senkte das Kissen gerade weit genug, um ihn sehen zu können.„Bitte bleib ruhig. Du wurdest bewusstlos gefunden und von den Wachen des Königreichs Valeria gerettet. Dieses Zimmer …“ Er sah sich um, und ich tat es ihm gleich. Es war das schönste Zi
KAPITEL 4ADRIANSie starrte mich an. Unsere Blicke blieben aufeinander gerichtet, während wir uns an entgegengesetzten Enden des großen Schlafzimmers gegenüberstanden.Ich lächelte und ging zu ihr, sobald sie nur nickte, als wäre das genau das Zeichen gewesen, auf das ich gewartet hatte. Ich hob sie in meine Arme und trug sie zum großen Kingsize-Bett.Ich sah sie an, als würde sie mir etwas bedeuten. Das tat sie nicht. Sie war nur da, um ein Bedürfnis zu befriedigen.Schon bald lag sie unter mir, und ich drang in sie ein. Unsere Körper bewegten sich gemeinsam. Unsere Münder folgten demselben Rhythmus. Sie war schön und warm, doch ich fühlte kaum Energie, und das machte mich wütend, weil ich nicht die Befriedigung bekam, die ich wollte.Sie begann mich anzuwidern. Nachdem ich hastig gekommen war, stieß ich sie zur Seite.„Der Vollmond rückt näher“, warnte Ragnar. Ragnar war mein Wolf. Da verstand ich, warum meine Kraft nachgelassen hatte. Der Vollmond stand kurz bevor.Eine schwere Un
KAPITEL 3SERAPHINA„Regina! Regina!“, rief ich. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es in meinem Kopf hören konnte.Ich konnte es mir nicht leisten, sie zu verlieren. Sie wollte, dass ich fliehe, aber wohin? Wo sollte ich hin? Mein ganzes Leben hatte ich versteckt gelebt und war wie eine Dienerin behandelt worden. Ich hatte kaum etwas vom Königreich außerhalb des Palastgeländes gesehen. Ich kannte die Straßen nicht. Ich wusste nicht, wer mich aufnehmen würde.„Regina, wenn du mich hören kannst, brauche ich dich wirklich“, rief ich erneut. Tränen liefen über mein Gesicht, während ich mich auf dem kalten Boden zusammenkauerte. Ich schlug immer wieder gegen meine Brust und hoffte, dass der Schmerz nachlassen würde. Das tat er nicht. Mein Gefährte hatte mich gerade zurückgewiesen, und nun antwortete auch meine einzige Gefährtin nicht mehr.„Lauf, Seraphina. Du bist in Gefahr. Verlass das Königreich Eldoria!“Die Warnung hallte erneut durch mich hindurch. Ich sprang auf, wischte mir mi
KAPITEL 2SERAPHINAIch blinzelte und versuchte zu begreifen, was er gerade gesagt hatte. Was meinte er damit, dass ich ebenfalls seine Gefährtin sei? Hatte er bereits eine andere? Mein Blick fiel auf Celestia, als sie ihre Kleidung richtete. Der Mann zog hastig seine Hose hoch und schloss den Reißverschluss. Hitze stieg mir in die Wangen, als ich begriff, dass sie mehr getan hatten, als sich nur zu küssen. Ich wollte wegsehen, konnte es aber nicht.Celestias Augen brannten, als sie mich ansah.„Die anderen Dienstmädchen helfen beim Bankett“, sagte sie. „Also, was machst du hier?“„Dienstmädchen?“, stammelte der Mann. „Du meinst, sie ist ein Dienstmädchen?“„Ja, das ist sie. Sieh sie dir an, Damien. Wofür sollte sie deiner Meinung nach sonst gut sein?“Noch nie in meinem Leben hatte ich mir so sehr gewünscht, die Wahrheit zu sagen. Ich öffnete sogar den Mund. Ich wollte ihm sagen, dass er sich irrte, dass ich kein Dienstmädchen war, dass ich jemand war, der es verdiente, seine Gefährt











