LOGINLyras Perspektive
Seine Zunge war eindeutig gespalten und gepierct. Und sie fuhr immer wieder über seine Unterlippe. Das lenkte mich aus irgendeinem unheimlichen Grund unglaublich ab. Was war so geheimnisvoll an der Art von Musik, die er hörte? „Was ist denn plötzlich los mit dir?“ Ich wusste selbst keine Antwort darauf. „Ähm, egal. Solange es nichts Satanisches ist oder, ich weiß nicht … etwas, das meine Tochter und mich in seinen Bann zieht, wenn wir es versehentlich hören.“ Er lächelte. „Aber Musik soll doch das ganze Wesen in ihren Bann ziehen. Das ist der Sinn der Melodie.“ Er lächelte tatsächlich. Kein Grinsen. Kein … wolfsähnliches, räuberisches Grinsen. Aber es war so schnell verschwunden, wie es gekommen war. „Auf keinen Fall. Ich höre lieber meine eigene Art von Musik, danke.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie du willst, ich werde mich erst mal einrichten. Meine Reise hierher war ziemlich lang.“ ______ Wir erreichten den Eingang zum Westflügel. „Nun“, sagte er und ließ den Raum auf sich wirken. „Nicht schlecht. Größer als mein Wohnheim auf meinem früheren Campus.“ „Du bist an der Uni“, sagte ich trocken. Ich erinnerte mich an diese Tatsache. „Doktorand“, korrigierte er mich. „Kunst und Design, und naja, Sportler mit Stipendium.“ Natürlich war er das. „Lass mich raten“, sagte ich. „Basketball.“ Er sah beleidigt aus. „Leichtathletik.“ „Wirklich?“ „Wirklich.“ Ich warf einen Blick auf seine langen Beine, die mühelose Balance in seiner Haltung. Er könnte Quarterback, Boxer oder Basketballspieler sein – was auch immer es war, ganz leicht. Ich wandte mich zur Tür. „Ich gehe zurück, um nach Eleanor zu sehen. Du solltest auspacken.“ „Ja, Ma’am.“ Ich hielt inne. „Nenn mich nicht so. So alt bin ich noch nicht.“ „Verstanden, Vermieterin.“ ______ Ich stand länger als nötig in der Küche. Ich nahm ein Minzblatt zwischen die Finger, zerriss es vorsichtig, atmete den Duft ein und legte es wieder hin. Das Nudelwasser brodelte leise auf dem Herd. Brokkoli dampfte in einer hübschen kleinen Schüssel, bereits gewürzt. Ich hatte genug für drei Personen. Ich war nicht verpflichtet, meinem Mieter Mittagessen zu machen. Er zahlte Miete. Das war’s. Ende der Transaktion. Und doch stand ich hier in meiner Küche und überlegte, ob ich zwei oder drei Schüsseln herausholen sollte. Ich seufzte, wusch mir die Hände und trocknete sie mit dem Handtuch auf der Arbeitsplatte ab. Na gut. Im Sinne eines anständigen Menschen würde ich ihn in den Plan für das Mittagessen einbeziehen. Ich stieg die Treppe zum Westflügel hinauf und probte im Kopf einen neutralen Satz. Das Mittagessen ist in fünfzehn Minuten fertig. Das war direkt auf den Punkt gebracht und höflich genug. Ich erreichte seine Tür, und sie war nicht verschlossen. Er lief mit seinem Smartphone am Ohr herum. Und es sah extravagant teuer aus. Natürlich, er war schließlich ein Rourke. „... Vater hat dich dazu angestiftet, nicht wahr?“ „... Ich lebe mich gut ein. Ja.“ Ich ließ meine Hand vom Türgriff gleiten und lauschte, ohne es zu wollen. „... Nein, die Versetzung verlief reibungsloser, als ich dachte.“ Ich konnte die Stimme am anderen Ende nicht hören. „... Ja. Ja, das passt.“ Ich beugte mich etwas näher an die Tür, als er sich auf das Bett fallen ließ. Ein Handtuch hing locker um seine Hüften, an den Rändern feucht. Sein Haar war nass, dunkler als zuvor, und Wassertropfen rannen ihm den Rücken hinunter. Ich wusste, dass er einen durchtrainierten Körper hatte, aber jetzt, wo er sich ausgezogen hatte... Cassian runzelte die Stirn, seine Stimme klang gedämpft unter Lucas Hand. „Was meinst du damit, du rufst mich zurück? Luca, bist du …“ Er legte auf. Ich blieb eine halbe Sekunde zu lange regungslos auf dem Boden liegen. Luca sah auf mich herab. „Hast du mich belauscht?“ „Warum hast du Cassian angerufen?“, gab ich zurück. „Du hast mir gesagt, dass ihr beide euch nicht versteht, aber du hast dich mit ihm ganz gesprächig angehört.“ Ich drückte mich gegen die Wand. „Wolltest du ihm von Eleanor erzählen?“ Meine Güte. Ich war so dumm. „Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte auf meine Mutter hören sollen. Genau davor hat sie mich gewarnt: Fremden zu vertrauen.“ „Lyra“, sagte Luca und hob eine Hand. „Warte. Beruhige dich. Beruhige dich einfach mal für eine Sekunde.“ „Ich kann mich nicht beruhigen“, fuhr ich ihn an. „Du hattest ihn auf FaceTime. Auf FaceTime. Weißt du, was hätte passieren können, wenn er mich gesehen hätte?“ Er durchquerte den Raum in zwei Schritten und packte mich an den Schultern. „Hör mir zu“, flüsterte er und sah mir fest in die Augen. „Ich habe Cassian nichts erzählt. Ich hatte auch nicht vor, es zu tun.“ Seine Finger drückten sich in meinen Arm. Und sein Handtuch fiel herunter.Lyras PerspektiveIch las die Nachricht noch einmal, in der Hoffnung, dass sich der Wortlaut irgendwie ändern würde, aber das tat er nicht.Meine Finger umklammerten das Handy fester, als ich zu Luca hinüberblickte. Er stand immer noch am Fenster und unterhielt sich leise mit dem Polizisten, der den Umschlag gebracht hatte.Keiner von beiden wusste noch etwas von der Nachricht.Ich wusste nicht, ob ich es ihm sagen sollte. Ein Teil von mir wollte ihm das Handy entgegenwerfen und verlangen, dass er mir alles erklärte, was er über Cassian wusste. Ein anderer Teil von mir hatte die Geheimnisse satt.Ich hatte zu viele Jahre in einer Ehe verbracht, in der mir wichtige Dinge stets vorenthalten wurden. Das konnte ich nicht noch einmal durchmachen.Ich ging auf Luca zu und hielt ihm das Handy hin.Er nahm es und las die Nachricht. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich fast augenblicklich.Er sah mich an, dann den Polizisten. Der Polizist bemerkte die Veränderung in seinem Gesicht und trat nä
Lyras PerspektiveDer Schuss hallte durch die Luft. Einen Moment lang konnte ich mich nicht bewegen. Ich hörte nichts außer dem Klingeln in meinen Ohren.Meine Augen hatten Mühe, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, und der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf ging, war Eleanor.„Eleanor!“, schrie ich erneut.Ich hörte sie irgendwo vor mir weinen. „Mama!“Die Erleichterung traf mich so heftig, dass mir fast die Knie nachgaben. „Sie lebt“, murmelte ich.Dann packte Luca meinen Arm und zog mich zu Boden.„Bleib liegen.“Ein weiterer Schuss hallte durch die Luft. Ich schrie auf und hielt mir die Ohren zu. Der Knall hallte über den Hafen, gefolgt vom Aufprall von etwas gegen den Holzsteg.Die Polizei war eingetroffen. Alles geschah auf einmal.Männer riefen aus verschiedenen Richtungen. Taschenlampen gingen an. Jemand brüllte, alle sollten sich hinlegen.Schritte eilten über den Steg, während ein anderer Beamter rief, der Verdächtige versuche zu fliehen.Ich konnte Victor nicht mehr seh
Lyras PerspektiveDas alte Lagerhaus sah genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte, und genau das machte mir am meisten Angst. Das Gebäude stand am Ufer des Flusses.Die meisten Fenster waren mittlerweile zerbrochen, und auf dem verblassten Schild über dem Eingang fehlten mehrere Buchstaben. Als ich jünger war, brachte mich mein Vater immer hierher, wenn er Lieferungen für sein kleines Modeunternehmen überprüfen musste.Damals kam mir der Ort riesig vor. Jetzt wirkte er verlassen.Die Polizeifahrzeuge hielten einige Meter vom Eingang entfernt an. Die Beamten verteilten sich sofort und überprüften die Umgebung, während sich eine andere Gruppe darauf vorbereitete, das Gebäude zu betreten.Ich blieb noch ein paar Sekunden im Auto sitzen und starrte auf das Lagerhaus.Eleanor war hierhergebracht worden. Meine Tochter war hier drinnen gewesen. Bei diesem Gedanken zitterten mir die Hände.Luca bemerkte das. Er streckte die Hand aus und ergriff meine. „Wir werden sie finden.“Ich nickte, d
Lyras PerspektiveIn dieser Nacht habe ich kaum geschlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich die Nachricht wieder vor mir.Sie spielte sich immer wieder in meinem Kopf ab, bis ich nicht mehr einschlafen konnte. Ich schloss für ein paar Minuten die Augen, stand dann aber plötzlich auf, um nach den Türen zu sehen.Ich überprüfte zweimal die Fenster, dann Eleanors Zimmer. Sie schlief friedlich durch all das hindurch, zusammengerollt unter ihrer Decke mit ihrem Stofftier.Der Anblick tat mir in der Brust weh. Sie hatte keine Ahnung, was um sie herum vor sich ging. Sie wusste nicht, dass jemand sie bereits einmal entführt hatte, dass jemand gedroht hatte, es wieder zu tun.Ich wollte sie vor all dem beschützen. Aber mir wurde langsam klar, dass ich das nicht alleine schaffen konnte.Als ich schließlich gegen drei Uhr morgens nach unten ging, fand ich Luca im Wohnzimmer sitzend vor. Sein Laptop lag offen auf dem Couchtisch, und um ihn herum lagen mehrere Blätter Papier verstre
Lyras PerspektiveIch konnte kaum glauben, was ich da hörte. Theron Rourke saß hinter seinem Schreibtisch, als hätte er gerade den vernünftigsten Vorschlag der Welt gemacht.Ihm gegenüber schwieg Amelias Vater und beobachtete Luca mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich machte, dass er diesen Ausgang erwartet hatte.Luca war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. „Du gibst mir dreißig Tage Zeit, eine Frau zu heiraten, die ich kaum kenne, oder ich verliere mein Erbe und meinen versprochenen Sitz im Vorstand?“Theron nickte. „Ja.“„Und du hältst das für eine Wahl?“, fragte er.Theron zuckte mit den Schultern. „Das ist es.“Luca lachte, aber ich konnte die Wut in seiner Stimme spüren. „Du hast den Verstand verloren.“Ich griff nach seiner Hand. Ich konnte die Anspannung spüren, die durch seine Finger lief. „Luca“, flüsterte ich.Er sah mich an. Sein Gesichtsausdruck milderte sich nur für einen Moment, bevor er sich wieder seinem Vater zuwandte. „Was passiert mit dem Treuhandvermögen
Lyras PerspektiveIch blieb noch ein paar Sekunden an der Tür stehen, nachdem Amelia hereingekommen war, und versuchte zu begreifen, was da gerade passierte. Von all den Dingen, mit denen ich an diesem Morgen zu rechnen hatte, gehörte sie ganz sicher nicht dazu.Amelia drehte sich um und sah mich an. Sie wirkte völlig unbeeindruckt, fast so, als wäre sie nicht gerade in das Haus der Frau getreten, die derzeit mit dem Mann zusammenlebte, den ihre Familie ihr als Ehemann vorsah.„Es tut mir leid, dass ich unangemeldet gekommen bin“, sagte sie. „Ich hätte vorher anrufen sollen.“„Das hättest du wohl“, meinte ich.Sie lächelte mich leicht an. „Du hast recht.“Ich schloss die Tür und folgte ihr ins Wohnzimmer. Sie sah sich kurz um und ließ den Blick über die Möbel und die Familienfotos schweifen, die auf den Regalen standen.Etwas veränderte sich in ihrem Gesichtsausdruck. „Das ist Eleanor?“, fragte sie und zeigte auf ein Foto.Ich nickte. „Ja.“„Sie sieht bezaubernd aus“, sagte sie mit ei
Lyras Perspektive Lucas katzenhafte Augen musterten mich mit neuem Interesse. Das träge Grinsen verschwand und wich einem wolfsähnlichen Zusammenpressen seiner Lippen. Er neigte den Kopf, und diese Geste kam mir so schmerzlich vertraut vor, dass es mir in der Brust wehtat. „Cassian. Mein Halbbrud
SCHÜTTELN IRIS „Du hast recht“, sagte er schließlich, legte die Hand an sein Kinn und dachte nach. „Ich denke gerade über etwas nach.“ Er stand auf und begann auf und ab zu gehen. „Theodore hat uns beide umgebracht. In derselben Nacht, nur wenige Stunden nacheinander.“ Er blieb stehen und wandt
NEBEN DEM FEIND AUFWACHENIRISSchmerz.Das war das Erste, was ich spürte. Ein intensiver, pochender Schmerz, der von meinem Schädel ausging, als hätte ihn jemand mit einer Axt gespalten.„Ugh…“Mit einem Stöhnen öffnete ich die Augen. Doch in dem Moment, als das geschah, kam alles auf mich zugestr
ENTFÜHRTIRISDer Tag stand kurz davor, schrecklich schiefzulaufen. Ich wusste es nur noch nicht.ׄAuf Iris Beaumont, die Zukunft unseres Erbes!“Ein breites Grinsen lag auf meinen Lippen, als die Champagnergläser bei einem mir gewidmeten Toast aneinander klirrten.Heute Abend war ich alles, was







