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KAPITEL 4

last update publish date: 2026-09-07 17:14:23

Selenes POV

„Vergiss nicht, das Vitaminwasser vom Lebensmittelladen mitzubringen, wenn du zurückkommst, Selene."

Viviennes Stimme war zwei Tage später von oben der Treppe heruntergeschwebt, unglaublich schwach und zerbrechlich klingend. Sie hatte behauptet, zu erschöpft zu sein, um ihr Bett zu verlassen, und den ganzen Nachmittag Ruhe zu brauchen. Caiden sollte quer durch die Stadt bei einer wichtigen Vorstandssitzung sein. Das Haus war am frühen Nachmittag völlig still, also war ich losgegangen, um die Einkäufe zu erledigen, nur um mir einen Grund zu geben, den erdrückenden Wänden zu entkommen.

Aber vierzig Minuten später fand ich mich wieder in unserer Einfahrt. Ich hatte an der Supermarktkasse nach meiner Handtasche gegriffen, nur um zu merken, dass ich meine Ledergeldbörse direkt auf der Küchentheke liegen gelassen hatte.

Ich ging die Veranda-Stufen hinauf. Die Haustür war völlig unverschlossen.

Ich stieß sie auf und trat in die leere Diele. Das Erdgeschoss war völlig still, aber in dem Moment, als ich auf die Treppe zuging, ließ mich ein plötzliches Geräusch am unteren Ende der Stufe erstarren.

Es war ein scharfes, keuchendes Stöhnen, gefolgt von einem schweren, rhythmischen Poltern vom oberen Stockwerk.

Ich stand drei volle Sekunden völlig still. Mein Verstand leerte sich nicht; er wurde gefährlich klar. Ich stieg langsam die mit Teppich ausgelegte Treppe hinauf, mein Griff um die leeren Plastikgriffe meiner wiederverwendbaren Einkaufstaschen verstärkte sich.

Die Tür unseres Hauptschlafzimmers stand weit offen.

Ich stand genau in der Tür und beobachtete sie. Vivienne kniete auf unserer Matratze in Vierfüßlerstellung, ihre Finger klammerten sich ans Kopfteil, während Caiden sie von hinten heftig nahm. Er bewegte sich mit absoluter Kraft, sein Kiefer angespannt, genoss den guten Moment wie ein Mann, der endlich seinen Weg zurück ins Paradies gefunden hatte.

Ich schrie nicht. Ich weinte nicht. Ich ließ meine Taschen nicht fallen. Der klarste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, während ich dort stand, war, dass die schwere graue Bettdecke, die meine Schwiegermutter uns als Hochzeitsgeschenk gegeben hatte, achtlos am Fußende des Bettes zusammengeknüllt lag. Ich hatte sie erst gestern gewaschen, getrocknet und gefaltet.

Caiden sah mich zuerst. Er zog sich nicht sofort zurück. Er erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, seine dunklen Augen fixierten meine, bevor er sich langsam von ihr zurückzog.

„Selene", sagte er.

Seine Stimme klang nicht panisch. Sie klang nur schwer.

Ich gab ihm keine Antwort. Ich drehte mich auf dem Absatz um und ging direkt die Treppe wieder hinunter.

Ich saß eine volle Stunde am Küchentisch.

Die wiederverwendbaren Taschen waren immer noch fest in meinen Händen, bis meine Finger völlig weiß wurden. Irgendwann stellte ich sie auf der Theke ab. Ich füllte den Wasserkocher und machte mir eine Tasse schwarzen Tee, aber ich trank keinen einzigen Schluck. Er stand einfach da und wurde kalt.

Das Geräusch schwerer Schritte kam die Treppe herunter. Caiden ging in die Küche, vollständig angezogen in seinem makellosen weißen Hemd und der Hose, sein Kiefer angespannt vor Gereiztheit.

„Selene, hör zu", begann er, seine Stimme fest, während er nach der Rückenlehne eines Küchenstuhls griff. „Wir müssen das rational betrachten. Vivienne und ich—"

Ich hob eine Hand und unterbrach ihn sofort.

Er hörte auf zu sprechen, seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Hast du mich jemals geliebt, Caiden?", fragte ich, meine Stimme völlig flach, frei von jeglichen Tränen. „Nicht mich gewollt, um eine Lücke zu füllen. Nicht mich gebraucht, um dieses Haus zu führen oder deine Mahlzeiten zu kochen. Hast du mich jemals wirklich geliebt?"

Die darauffolgende Stille war länger als unsere gesamte dreijährige Ehe.

Caiden öffnete den Mund, um zu sprechen, aber nichts kam heraus. Er sah mich an, dann blickte er hinunter auf die polierte Marmorinsel zwischen uns. Seine völlige Unfähigkeit, auch nur eine Lüge zu erfinden, war die lauteste Antwort, die er mir je hätte geben können.

„Das dachte ich mir", flüsterte ich, stand auf und ließ ihn allein in der stillen Küche zurück.

An jenem Abend öffnete sich die Tür zum Gästezimmer ohne Anklopfen.

Vivienne kam herein und setzte sich direkt auf den Sessel am Fenster, ohne eingeladen worden zu sein. Sie sah fast sanft aus, ihr Gesicht ruhig, völlig frei von den dramatischen Tränen, die sie die letzten drei Wochen geweint hatte.

„Du solltest dieses Haus verlassen, Selene", sagte Vivienne sanft, ihr Ton ließ es klingen, als würde sie mir einen unglaublichen Gefallen tun. „Es ist Zeit."

Ich saß am Rand der Matratze und sah sie an, sagte absolut nichts.

„Er würde immer zu mir zurückkommen", fuhr sie fort, lehnte sich mit einem kleinen Lächeln gegen die Kissen zurück. „Das wusstest du von Anfang an. Selbst als du in meinem Kleid den Gang hinuntergegangen bist, wusstest du, dass du nur seinen Platz warmhältst."

Ich starrte sie an, meine Haut wurde zu Eis, aber ich ließ keine einzige Emotion in meinem Gesicht zeigen.

„Gute Nacht, Vivienne", sagte ich kalt.

Sie lächelte, zufrieden mit sich selbst, und stand auf, um das Zimmer zu verlassen.

In dem Moment, als sich die Tür hinter ihr schloss, explodierte mein Verstand mit plötzlicher Klarheit. Vivienne hatte mir gerade etwas erzählt, was sie eigentlich nicht wissen sollte. Sie war seit drei Jahren weg gewesen, als ich heiratete. Das Hochzeitskleid war in letzter Minute geändert worden, früh am Morgen der Hochzeit, weil das ursprüngliche Kleid für Vivienne gekauft worden war, bevor sie weggelaufen war.

Nur eine andere Person auf der Welt wusste, dass dieses Kleid ursprünglich für meine Zwillingsschwester bestimmt war.

Unsere Mutter.

Meine eigene Mutter hatte mir das Kleid einer geflohenen Braut gegeben, hatte zugesehen, wie ich einen Mann heiratete, der meine Schwester liebte, und das Geheimnis drei ganze Jahre lang bewahrt. Sie hatten mich alle wie eine Schachfigur in einem Spiel behandelt, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es spielte.

Eine kalte, feurige Stärke erblühte in meiner Brust. Ich glitt vom Bett und setzte mich direkt auf den Holzboden, zog einen leeren Notizblock aus dem Nachttisch. Ich griff nach einem Stift und begann, zwei präzise Listen zu erstellen.

Was ich mitnehmen kann.

Was ich zurücklassen kann.

Ich brauchte den Diamantring nicht. Ich brauchte die teure Kleidung nicht. Ich brauchte nichts von der Familie Vance oder dem Mann, der mich als Platzhalter benutzt hatte.

Ich griff mit ruhiger Hand nach meinem Telefon, öffnete eine Reise-App und tippte in die Suchleiste.

Einfache Flüge.

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