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Sechs Tage

Author: Abby E
last update Petsa ng paglalathala: 2026-10-16 04:48:02

Auch in dieser Nacht schlief ich nicht.

Ich lag im Dunkeln mit offenen Augen und drehte Corvinas Worte immer wieder um, bis sie glatt gewetzt waren. *Wer hat dich dein ganzes Leben lang angelächelt und dabei das Messer gehalten?*

Es gab nur eine Antwort, und mein Herz weigerte sich beharrlich, sie auszusprechen.

Im Morgengrauen gab ich auf, zog die schlichtesten Kleider an, die ich besaß, und trat auf die Veranda. Gideon wartete schon am Fuß der Stufen, mit zwei hölzernen Übungsschwertern und einem dampfenden Becher Tee. Er sah aus, als hätte auch er nicht viel geschlafen.

„Trink", sagte er und reichte mir den Becher. „Du wirst es brauchen."

„Was machen wir?"

„Tag eins." Er schenkte mir ein kleines, müdes Lächeln. „Du lernst, dass du stärker bist, als du denkst."

*

Der Trainingsplatz lag hinter dem Dorf, auf einer Lichtung, umringt von hohen Zedern und mit weichem Moos bedeckt. Ein paar Frühaufsteher hatten sich am Rand versammelt, und mein Magen verkrampfte sich vor alter, vertrauter Furcht. Ich kannte dieses Gefühl. Das Gefühl von Blicken auf meinem Körper, die darauf warteten, dass ich scheiterte.

„Ignorier sie", sagte Gideon leise. „Sie sind nicht hier, um dich zu beurteilen."

„Woher weißt du das?"

„Sieh dir ihre Gesichter an."

Ich sah hin. Toby saß auf einem Zaunbalken und grinste, als wäre ein Fest. Bram saß neben ihm, das geheilte Knie lang ausgestreckt. Zwei ältere Frauen hielten Tütchen mit Trockenobst umklammert und tuschelten aufgeregt. Keiner von ihnen höhnte.

Sie feuerten mich an.

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und nahm das Holzschwert.

Es war eine Katastrophe.

Ich schwang zu weit, stolperte über meine eigenen Füße und landete mit dem Gesicht im Moos. Jemand kicherte. Hitze schoss mir in die Wangen, und ich wartete darauf, dass die alte Scham mich erdrückte.

„Noch einmal", sagte Gideon und reichte mir die Hand.

„Ich bin furchtbar darin."

„Du bist eine Anfängerin darin. Das ist etwas anderes." Sein Griff war warm und fest, als er mich hochzog. „Niemand wird als Kämpfer geboren, Marisol. Man wird geboren, um zu überleben. Und das kannst du besser als jeder hier."

Ich starrte ihn an. So etwas hatte noch nie jemand zu mir gesagt.

Ich hob das Schwert wieder auf.

Bis zum Mittag konnte ich drei Schläge hintereinander abwehren. Am späten Nachmittag landete ich einen echten Treffer an seiner Schulter, und die ganze Menge jubelte so laut, dass ein Vogelschwarm aus den Baumwipfeln aufstob. Gideon taumelte theatralisch zurück und griff sich an die Brust, und ich lachte so sehr, dass ich mich vorbeugen und nach Luft schnappen musste.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass sich mein Körper wie meiner anfühlte.

*

Am dritten Tag brachte Gideon mir bei, auf Ember zu hören.

„Deine Wölfin ist kein getrenntes Wesen", erklärte er, während wir im Schneidersitz auf einem flachen Stein am Fluss saßen. „Sie ist die andere Hälfte deiner Seele. Du hast dein Leben lang versucht, sie leise zu halten, weil du Angst vor dem hattest, was sie will."

„Woher weißt du das?"

„Weil ich es schon gesehen habe. Menschen, denen man gesagt hat, sie seien zu viel, lernen, alles klein zu halten, selbst die Teile, die laut sein sollten."

Ich schloss die Augen und atmete. Ein. Aus. Der Fluss murmelte neben uns. Die Luft roch nach Zedern und nassem Stein.

*Ember?*

Lange Zeit nichts. Dann, leise wie eine Feder, streifte eine Stimme den Rand meines Bewusstseins.

*Ich bin hier.*

Tränen brannten hinter meinen Lidern. *Es tut mir leid,* flüsterte ich. *Es tut mir leid, dass ich dich versteckt habe.*

*Ich habe mich nie versteckt. Ich habe gewartet.* Eine Pause, dann etwas Sanftes und Wildes zugleich. *Lass mich raus, Mari. Bitte. Ich will rennen.*

Mein Atem zitterte. Ich öffnete die Augen und sah zu Gideon, der mich mit einem Ausdruck beobachtete, den ich nicht lesen konnte.

„Sie will sich verwandeln", flüsterte ich.

„Dann lass sie."

„Ich habe es noch nie getan, ohne dazu gezwungen zu werden."

„Dann tu es, weil du es wählst." Er lächelte. „Ich bin gleich hier."

Ich stand auf zitternden Beinen auf und ging zum Rand der Lichtung. Ich holte Luft. Dann ließ ich los.

Es tat nicht weh. Das überraschte mich am meisten. Da war ein warmes Rauschen, ein Dehnen, ein Gefühl wie ein angehaltener Atem, der endlich entweichen darf. Die Welt verschwamm und wurde dann scharf, die Farben brannten heller, die Gerüche stürmten herein wie eine Flut. Als die Verwandlung endete, stand ich auf vier Pfoten, und mein Fell hatte die Farbe von frischem Schnee.

Ich hörte jemanden nach Luft schnappen.

Ich drehte den Kopf und sah hundert Wölfe auf der Lichtung, jeden einzelnen erstarrt.

Ember war riesig. Größer als jede Wölfin, die ich je gesehen hatte, größer als die meisten Rüden, mit silbernen Augen, die wie Mondlicht auf Wasser glühten. Ich spürte die Kraft in meinen Beinen, die Macht in meinem Rückgrat, die stille, unerschütterliche Gewissheit, dass mich nichts auf dieser Welt zu Fall bringen konnte.

*Oh,* dachte ich. *So fühlt es sich an, ich zu sein.*

Ember hob den Kopf und heulte, und der Klang rollte wie Donner durch das Tal. Jeder Wolf auf der Lichtung antwortete. Nicht, weil man es ihnen befohlen hatte. Weil sie nicht anders konnten.

Als das Heulen verklang, verwandelte ich mich zurück, zitternd und atemlos, lachend und weinend zugleich. Gideon fing mich auf, bevor ich fallen konnte. Er sagte nichts. Er hielt mich einfach, eine Hand fest zwischen meinen Schulterblättern, bis das Zittern nachließ.

„Danke", flüsterte ich an seine Brust.

„Das hast du selbst getan."

„Ich weiß." Ich löste mich und wischte mir die Augen. „Aber ich wusste nicht, dass ich es kann."

Sein Blick hielt meinen einen Atemzug zu lange fest. Dann räusperte er sich und trat zurück, und ich tat so, als brannten meine Wangen nicht.

*

Am Abend des fünften Tages kam Nessa.

Ich saß auf der Veranda meines Häuschens und schrubbte Schlamm von meinen Stiefeln, als ich Hufschläge auf der Straße hörte. Eine kleine Gestalt im Umhang rutschte von einem Pferd, bevor es zum Stehen kam, und rannte auf mich zu, die Kapuze fiel zurück und enthüllte wilde Locken und rote, tränenüberströmte Wangen.

„Mari!"

Ich ließ den Stiefel fallen und lief ihr auf halbem Weg entgegen. Sie prallte so hart gegen mich, dass mir die Luft aus der Lunge wich, und schluchzte an meine Schulter.

„Nessa, was ist los? Was ist passiert?"

„Es tut mir leid", keuchte sie. „Es tut mir so leid, ich konnte keinen Brief schicken, sie lesen die ganze Post, sie beobachten jeden, ich musste mich durch die Küchen davonschleichen..."

„Langsam."

Sie löste sich und packte meine Schultern mit zitternden Händen. Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen riesig.

„Es ist Seraphina", sagte sie. „Mari, es ist deine Schwester."

Mein Herz setzte aus.

„Was ist mit ihr?"

„Sie geht in die Gemächer des Alpha-Königs. Jede Nacht, seit der Zeremonie. Ich bin ihr einmal gefolgt, ich schwöre, ich wollte nicht spionieren, ich hatte nur Angst." Nessa schluckte. „Ich habe sie durch die Tür sprechen hören."

„Was hast du gehört?"

Nessas Augen füllten sich erneut. „Sie sagte, sie wisse seit ihrem zwölften Lebensjahr von dir. Dass sie die alten Briefe deiner Mutter im Arbeitszimmer deines Vaters gefunden und seitdem aufbewahrt hat. Sie sagte..." Ihre Stimme brach. „Sie sagte, sie sei diejenige, die dem Alpha-König erzählt habe, der Blutmond werde dich enthüllen."

Die Welt wurde sehr still.

„Sie sagte auch, sie habe Dante zur Zurückweisung überredet", flüsterte Nessa. „Sie hat ihm einen Monat lang jeden Tag ins Ohr geflüstert, du seist eine Schande für den Thron."

Ich spürte, wie in mir etwas kalt wurde und dann, seltsamerweise, ganz ruhig.

Natürlich. Natürlich war sie es. Die Schwester, die mir als Kind die Haare geflochten hatte. Die Schwester, die am Grab unserer Mutter meine Hand gehalten hatte. Die Schwester, die mich jeden Tag meines Lebens angelächelt hatte.

*Wer hat dich angelächelt und dabei das Messer gehalten?*

„Mari?" Nessas Stimme bebte. „Sag etwas."

„Mir geht es gut", sagte ich leise. Und das Seltsame war, ich meinte es so.

Aus den Schatten der Veranda trat Gideon vor, das Gesicht dunkel. Er hatte alles gehört.

„Es gibt noch mehr, nicht wahr?", sagte er. „Etwas Schlimmeres."

Nessa nickte, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Der Alpha-König hat den Großen Rat vorverlegt. Es sind keine sechs Tage mehr." Sie holte zitternd Luft. „Es ist morgen Nacht."

Gideon fluchte leise.

„Und Mari", flüsterte Nessa und umklammerte meine Hände, „er plant, dich festnehmen zu lassen, sobald du ankommst. Er hat einen Haftbefehl. Seraphina hat die Anklage selbst geschrieben."

„Welche Anklage?"

Nessas Stimme sank zu einem Flüstern.

„Hochverrat. Und der Mord an deiner eigenen Mutter.”

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