LOGINLiana hat drei Jahre lang versucht, die perfekte Luna für einen Mann zu sein, der sie nie geliebt hat. Sie kümmerte sich um Adrians Zuhause, stand bei Rudelzeremonien an seiner Seite und zog seinen kleinen Sohn auf, als wäre er ihr eigenes Kind. Sie ertrug seine Kälte, weil sie glaubte, dass er eines Tages erkennen würde, was sie ihm bedeutete. Doch dann kehrt Adrians erste Liebe Mila zurück. Liana sieht, wie sich Adrians Gesicht in Milas Gegenwart verändert. Sie sieht, wie Noah zu Mila läuft. Und sie erkennt, dass Adrian ihren Schmerz nicht einmal bemerkt. Also hört sie auf zu warten. Sie reicht die Scheidung ein, verlässt den Alpha-Wohnsitz und beginnt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Adrian glaubt, dass sie zurückkommen wird. Schließlich ist sie immer zurückgekommen. Doch diesmal tut sie es nicht. Während Liana stärker wird, einen Job findet, neue Freundschaften schließt und eine Zukunft außerhalb des Rudels entdeckt, beginnt Adrian all das zu bemerken, was er jahrelang übersehen hat. Ihre Abwesenheit verändert sein Zuhause. Ihre Stille verfolgt ihn. Und als ein anderer Mann beginnt, Interesse an der Frau zu zeigen, die Adrian für selbstverständlich hielt, erkennt er endlich, was er verloren hat. Doch Liana ist nicht mehr die Frau, die darum gebettelt hat, geliebt zu werden. Wenn Adrian sie zurückhaben will, muss er zuerst beweisen, dass er sie verdient.
View MoreDer Festsaal des Rudels war heute Abend heller erleuchtet als sonst, mit Kerzen auf jedem Tisch und frischen Tannenzweigen an den Wänden, die nach Winter rochen. Adrian hatte darauf bestanden, dass wir zu diesem Treffen gemeinsam erscheinen. Als seine Luna, hatte er gesagt, gehöre ich an seine Seite.
Ich stand also neben ihm, meine Hand locker in seiner, während die Ältesten des Rudels an uns vorbeizogen, um ihm die Hand zu schütteln und mir zuzunicken. Nach außen sah es aus wie das, was es sein sollte. Der Alpha und seine Frau, verbunden, stark, ein Bild von Einheit.
Ich hatte gelernt, mich mit diesem Bild zufriedenzugeben.
„Du siehst müde aus“, sagte Adrian, ohne mich anzusehen. Sein Blick war bereits auf die Tür gerichtet, auf die Neuankömmlinge, die gerade eintraten.
„Mir geht es gut“, antwortete ich, obwohl ich in der vergangenen Nacht kaum geschlafen hatte, weil Noah wieder Alpträume gehabt hatte und ich bis drei Uhr morgens neben seinem Bett gesessen war.
Adrian hätte das wissen können, wenn er gefragt hätte. Er fragte nicht.
Dann veränderte sich etwas in seiner Haltung. Ich spürte es, bevor ich es sah, dieses leise Straffen der Schultern, das er immer hatte, wenn etwas seine volle Aufmerksamkeit verlangte. Ich folgte seinem Blick zur Tür.
Mila.
Sie trug ein dunkelgrünes Kleid und hatte ihr Haar offen, so wie Adrian es angeblich am liebsten mochte, eine Information, die ich vor zwei Jahren zufällig von seiner Schwester erfahren hatte und die ich seitdem nicht mehr loswurde. Neben Mila ging ihr Bruder, aber Adrians Blick blieb nur bei ihr hängen.
„Entschuldige mich kurz“, sagte er und ließ meine Hand los, bevor ich überhaupt antworten konnte.
Ich beobachtete, wie er durch den Saal ging, wie er sich vor Mila leicht verneigte, eine Geste, die er bei mir seit Jahren nicht mehr gemacht hatte. Sie lachte über etwas, das er sagte, und er lächelte zurück, dieses Lächeln, das seine Augen erreichte und das ich in drei Jahren Ehe vielleicht ein Dutzend Mal gesehen hatte und das mir nie gegolten hatte.
Neben mir tauchte Elena auf, eine der wenigen Frauen im Rudel, die ich als Freundin bezeichnen würde. Sie folgte meinem Blick und presste kurz die Lippen zusammen.
„Komm, lass uns zu den Getränken gehen“, sagte sie leise.
„Mir geht es gut“, sagte ich zum zweiten Mal an diesem Abend, und zum zweiten Mal glaubte ich es selbst nicht ganz.
Ich sah zu, wie Noah, Adrians Sohn aus seiner ersten Beziehung, quer durch den Saal lief, direkt auf Mila zu. Er war fünf, klein für sein Alter, mit den gleichen dunklen Augen wie sein Vater. Ich hatte ihn drei Jahre lang gebadet, ihm Geschichten vorgelesen, seine Fieber in durchwachten Nächten überwacht. Ich kannte seine Lieblingsfarbe, seine Angst vor dem Donner, den Namen des Stofftiers, ohne das er nicht einschlafen konnte.
„Mila!“, rief er und warf sich fast in ihre Arme.
Sie hob ihn hoch, drehte sich einmal mit ihm im Kreis, und er lachte dieses helle, ungehemmte Kinderlachen, das ich mir in den letzten Monaten so sehr gewünscht hatte, von ihm zu hören, wenn ich mit ihm spielte. Adrian sah den beiden zu, und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Wärme, der mir fremd war.
Ich stand mit meinem Glas Wein in der Hand und dachte an all die Male, in denen ich Noah zur Schule gebracht hatte, weil Adrian in Ratssitzungen saß. An dem Mal, als Noah sich den Arm gebrochen hatte und ich diejenige gewesen war, die die ganze Nacht im Krankenhaus neben ihm gesessen hatte, während Adrian erst am nächsten Morgen kam, weil eine Grenzverletzung seine Aufmerksamkeit gebraucht hatte.
Ich hatte nie erwartet, dass Noah mich lieben würde wie eine leibliche Mutter. Aber ich hatte gehofft, dass die drei Jahre etwas bedeuteten.
„Liana.”
Ich drehte mich um. Adrians Mutter, Beatrice, stand hinter mir, ihr Gesichtsausdruck eine Mischung aus Mitleid und Ungeduld, die ich zu gut kannte.
„Du solltest lächeln“, sagte sie leise. „Die Leute schauen.”
„Ich lächle doch“, sagte ich, und tatsächlich hatte sich mein Gesicht die ganze Zeit über in einer Art höflichem Ausdruck gehalten, der mit den Jahren zur zweiten Natur geworden war.
„Nicht genug“, antwortete sie und ging weiter, ohne auf eine Erwiderung zu warten.
Ich stellte das Glas ab. Meine Hände fühlten sich plötzlich zu leer an, um etwas zu halten.
Adrian kam eine Weile später zurück zu mir, Mila noch immer in Sichtweite, im Gespräch mit einer Gruppe Rudelmitglieder, Noah an ihrer Hand.
„Er mag sie sehr“, sagte Adrian, und in seiner Stimme lag etwas, das fast wie Stolz klang.
„Das sehe ich“, sagte ich.
„Sie war schon immer gut mit Kindern.” Er sagte es beiläufig, während er nach einem Glas Wasser griff, als hätte der Satz kein Gewicht.
Ich wartete auf etwas. Eine Erklärung, eine Entschuldigung dafür, dass er mich mitten im Gespräch verlassen hatte, irgendetwas, das mir das Gefühl gab, dass er registrierte, wie ich hier stand, allein, während er sich einer anderen Frau zuwandte, sobald sie den Raum betrat.
Nichts kam.
„Adrian“, sagte ich, und meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. „Kannst du wenigstens versuchen, es nicht so offensichtlich zu machen?”
Er sah mich an, als hätte ich etwas Unverständliches gesagt.
„Was offensichtlich zu machen?”
„Dass es dir wichtiger ist, mit ihr zu reden, als mit mir hier zu stehen.”
Etwas in seinem Gesicht wurde hart. „Du übertreibst.”
„Tue ich das?”
„Mila ist eine alte Freundin. Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Das musst du nicht jedes Mal zu etwas machen.” Seine Stimme war ruhig, fast gelangweilt, als würden wir dieses Gespräch nicht zum ersten Mal führen. „Du bist meine Frau, Liana. Das weiß jeder hier im Saal.”
„Weiß es das?“, fragte ich, bevor ich mich zurückhalten konnte.
Er starrte mich einen Moment lang an, und für eine Sekunde dachte ich, ich hätte etwas erreicht, einen Riss in dieser Wand, die zwischen uns stand. Dann schüttelte er nur den Kopf, mit diesem leicht amüsierten Ausdruck, den er aufsetzte, wenn er mich für unvernünftig hielt.
„Mach dir keine Szene, bitte“, sagte er leise, aber bestimmt genug, dass es keine Bitte war. „Nicht heute Abend.”
Er ging wieder zurück zur Gruppe, in der Mila stand, und legte eine Hand auf Noahs Kopf und sagte etwas, das die beiden zum Lachen brachte.
Ich blieb allein an dem Tisch stehen, mit dem leeren Weinglas und dem Wissen, dass jeder im Saal genau gesehen hatte, was gerade passiert war. Nicht laut, nicht dramatisch. Nur ein Mann, der sich von seiner Frau abwandte, um zu jemand anderem zu gehen, so beiläufig, dass es fast wie eine Selbstverständlichkeit wirkte.
Und das war vielleicht das Schlimmste daran. Dass es für ihn völlig normal war.
Ich dachte an die drei Jahre zurück, an all die Abende, an denen ich auf ihn gewartet hatte, an all die Male, in denen ich mir gesagt hatte, dass es besser werden würde, dass Zeit und Geduld etwas verändern könnten. Ich hatte sein Zuhause geführt, seinen Sohn geliebt, so gut ich konnte, an seiner Seite gestanden, wenn das Rudel in Gefahr war.
Ich hatte drei Jahre lang darauf gewartet, dass er mich so ansieht wie er sie ansah.
Als ich an diesem Abend nach Hause fuhr, allein, weil Adrian noch geblieben war, um sich zu verabschieden, wusste ich, dass ich nicht mehr warten würde.
Ich würde die Scheidung einreichen.
Die Buchhandlung roch nach altem Papier und frisch gemahlenem Kaffee aus der kleinen Maschine hinter der Theke. Ich stand fünf Minuten zu früh vor der Tür, mit einem Kribbeln im Magen, das ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.„Sie müssen Liana sein.” Die Frau, die mir öffnete, war Mitte fünfzig, mit grauen Locken und einer Lesebrille, die an einer Kette um ihren Hals hing. „Ich bin Frau Berger. Kommen Sie rein, bevor Sie sich noch die Zehen abfrieren.”Die ersten Stunden verbrachte ich damit, das Kassensystem zu verstehen, das offenbar seit zwanzig Jahren nicht aktualisiert worden war, und die Regale nach einer Logik zu sortieren, die sich mir erst nach mehrmaligem Nachfragen erschloss. Zweimal tippte ich den falschen Preis ein, einmal legte ich ein Buch ins falsche Genre, was mir eine Kundin mit einem amüsierten Lächeln zurückmeldete.„Belletristik ist da drüben“, sagte sie und deutete auf das Regal gegenüber. „Aber keine Sorge, das passiert jedem am Anfang.”Ich entschuldigte m
Carolins Büro roch nach frischem Kaffee und Druckerpapier, und sie kam gleich zur Sache, kaum dass ich mich gesetzt hatte.„Adrians Anwalt hat gestern Abend ein Schreiben eingereicht“, sagte sie und schob mir eine Kopie über den Tisch. „Er beruft sich darauf, dass eine Scheidung innerhalb des Rudels der formalen Zustimmung des Rats bedarf, wenn einer der Partner Alpha ist. Das gibt ihm die Möglichkeit, das Verfahren zu verzögern, ohne offiziell etwas dagegen zu unternehmen.”„Wie lange?”„Wochen. Vielleicht Monate, wenn er es wirklich darauf anlegt.” Sie sah mich über ihre Brille hinweg an. „Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu entmutigen. Ich möchte nur, dass Sie wissen, worauf Sie sich einlassen. Eine Scheidung von einem Alpha ist nicht dasselbe wie eine gewöhnliche Trennung.”„Das war mir klar, bevor ich angefangen habe.” Ich faltete das Papier zusammen und steckte es in meine Tasche. „Ich ändere meine Meinung nicht, Carolin. Egal, wie lange es dauert.”Sie nickte, offenbar zufriede
Ich wachte auf und wusste für einen Moment nicht, wo ich war. Die Decke über mir war nicht die vertraute Schräge unseres Schlafzimmers, sondern glatt und weiß, mit einem Wasserfleck in der Ecke, den ich nicht kannte. Dann fiel es mir wieder ein. Elenas Gästezimmer. Mein Koffer, halb ausgepackt, auf dem Stuhl neben der Tür.Ich blieb liegen und wartete auf die vertraute Liste, die sich sonst jeden Morgen automatisch in meinem Kopf zusammensetzte. Adrians Hemden zum Reinigen bringen. Noahs Vesperdose für den Kindergarten vorbereiten. Die Nachricht an Beatrice wegen der Ratssitzung am Nachmittag. Die Liste kam nicht. Es gab nichts, worauf ich achten musste, niemanden, der auf mich wartete.Das Gefühl war seltsam. Nicht die Erleichterung, die ich erwartet hatte, und auch nicht die Leere, vor der ich mich gefürchtet hatte. Nur eine Art Stille, in die ich erst noch hineinfinden musste.Ich vermisste Adrian nicht. Das merkte ich, als ich an die Decke starrte und auf ein Ziehen wartete, das a
Die E-Mail kam um halb neun, während ich noch mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch saß und den Kalender an der Wand betrachtete, auf dem in Adrians Handschrift die Termine des Rudelrats standen, die er nie selbst eingetragen hatte, weil ich das seit drei Jahren für ihn übernommen hatte.Betreff: Scheidungsverfahren – erste Unterlagen.Carolin hatte die vorläufigen Dokumente angehängt, zusammen mit einer kurzen Nachricht, in der sie erklärte, dass sie diese noch am selben Tag an Adrians Anwalt weiterleiten würde, sofern ich zustimmte. Ich las den Text zweimal, bevor ich antwortete. Meine Finger zitterten nicht, als ich tippte, was mich selbst überraschte.„Ja. Bitte schicken Sie es ab.”Ich klappte den Laptop zu und saß eine Weile still da. Draußen fing es an zu regnen, ein leiser, gleichmäßiger Regen, der gegen das Küchenfenster trommelte, und ich dachte, wie seltsam es war, dass sich ein Moment, den ich mir monatelang als Katastrophe vorgestellt hatte, jetzt einfach wie ein weiterer











