LOGINSilvermoon ist der Ort, an dem die größte Ansammlung übernatürlicher Wesen an der Westküste lebt: Werwölfe, Hexen und andere Arten, von denen man in den abgelegenen Dörfern nie spricht.
Ich bin in einer Stadt voller Menschen aufgewachsen; Geschichten über Magie waren nichts weiter als Märchen. Als ich hierher komme, fühle ich mich zugleich überwältigt und verloren. Doch die Realität holt mich schnell ein: Ich habe Hunger, bin allein und habe nirgendwo, wo ich schlafen kann. Mein Sparkonto ist das Einzige, was mich vor dem totalen Ruin bewahrt. Ich habe mir versprochen, es nicht anzurühren. Egal was passiert. Ich greife unter den Beifahrersitz, wo ich einen kleinen Notvorrat versteckt hatte, außer Sicht. Als ich ihn hervorziehe, merke ich sofort, dass er viel dünner ist, als er sein sollte. „Toll“, murmele ich und falte die Scheine auseinander. „Frank muss in meinen Sachen herumgewühlt haben, wie immer.“ Nur noch fünf zerknitterte Scheine sind übrig. „Das wird knapp“, flüstere ich. „Hoffentlich verhungere ich nicht vor Einbruch der Nacht.“ Ich parke mein Auto auf dem großen Parkplatz der Universität. Die Schlange am Zulassungsschalter ist kurz. Als ich an der Reihe bin, trete ich vor und versuche, gefasst zu wirken. „Guten Morgen. Ich bin hier, um meine Studiengebühren für dieses Jahr zu bezahlen.“ Der junge Mann zieht meine Karte zweimal durch und sieht dann unbehaglich auf. „Es tut mir leid, Miss. Die Transaktion ist fehlgeschlagen. Ihre Karte wurde abgelehnt.“ Ich blinzle, fassungslos. „Abgelehnt? Das ist unmöglich“, sage ich. „Da sollten mehr als fünftausend Dollar drauf sein. Könnten Sie es bitte noch einmal versuchen?“ Er versucht es erneut — mit demselben Ergebnis. „Das Gerät zeigt an, dass Ihr Kontostand null ist“, erklärt er sanft. „Ich würde vorschlagen, Sie rufen bei Ihrer Bank an.“ Meine Finger verkrampfen sich um die Karte. Ich gehe nach draußen, wähle die Nummer auf der Rückseite und warte, was sich wie eine Ewigkeit anfühlt. „Kundenservice, wie kann ich Ihnen helfen?“, sagt die Stimme am anderen Ende. „Hallo“, sage ich und bemühe mich, ruhig zu bleiben. „Meine Karte wurde gerade abgelehnt. Da muss ein Fehler mit meinem Konto vorliegen.“ „Einen Moment… ich schaue nach.“ Eine Pause. „Ihr Konto wurde vor zwei Tagen in Ashford Vale durch Abhebungen vollständig geleert. Es ist nichts mehr übrig.“ Das Telefon rutscht mir fast aus der Hand. „Geleert? Alles?“ Meine Stimme wird hart. „Ja, Miss.“ Natürlich. Frank. Und Mia war sicher nicht weit. Wer sonst hätte Zugang zu meiner Karte und meiner PIN gehabt? „Diese miesen Diebe!“, schreie ich und stampfe mit dem Fuß auf den Gehweg. Einige Studenten sehen herüber. Es ist mir egal. Wut brennt mir heiß in den Wangen, doch sie verwandelt sich schnell in eine kalte, schwere Angst. Kein Geld. Und mein Studienplatz hängt an einem seidenen Faden. Ich schlucke meine Panik hinunter. Es gibt nur noch einen Ausweg: Studentenjobs. Wieder drinnen hängen Plakate an den Wänden, die alle möglichen Gelegenheitsarbeiten anpreisen. Ich gehe zum Schalter, die Kehle eng. „Hallo. Ich suche eine Stelle, die ich sofort antreten kann. Ich brauche schnell Geld.“ Die Beraterin scrollt durch ihren Bildschirm und schüttelt dann bedauernd den Kopf. „Es sind nur noch schlecht bezahlte Stellen übrig. Sie werden bis zur Frist für die Einschreibung niemals genug verdienen.“ Ich bedanke mich mit einem Nicken und gehe, völlig orientierungslos. Ich setze mich auf eine Bank im Schatten, verschränke die Arme und starre ins Leere. „Wow… sieht so aus, als ob Ihnen der heutige Tag gar nichts schenkt, was?“ Ich blicke auf. Vor mir steht eine junge Frau mit leuchtend roten Locken und einem offenen, leichten Lächeln, eine Tasche über der Schulter — so entspannt, wie ich angespannt bin. „Sieht man es mir so an?“, frage ich mit einem bitteren Lächeln. Sie lacht leise und zuckt mit den Schultern. „Sagen wir, Sie sehen aus, als hätten Sie schon vor Mittag ein ganzes Leben hinter sich. Und mit diesen Haaren sind Sie schwer zu übersehen.“ Ich fasse mir reflexartig ins Haar, eher aus Gewohnheit als aus Eitelkeit. „Naturfarbe“, sage ich zuerst, dann zucke ich mit den Schultern. „Meine Mutter war blond. Was den Rest betrifft…“ „Schon gut. Ich bin übrigens Emma. Chemie, zweites Jahr. Komm — ich gebe dir einen Kaffee aus. Du kannst reden, wenn du magst.“ Das kleine Café wirkt warm, mit großen grünen Ranken, die an den Wänden emporwachsen. Ich schaue mich um, und eine Welle der Sehnsucht zieht mir durch die Brust. Mutter hätte diesen Ort geliebt. Wir setzen uns ans Fenster. Emma schiebt mir eine dampfende Tasse und einen noch warmen Muffin über den Tisch. „Für mich?“, frage ich überrascht. „Ja. Ich mache das nicht für jeden… aber du siehst aus, als könntest du Hilfe gebrauchen.“ Ich seufze, schon vom aufsteigenden Dampf angezogen. „Danke. Ich habe gerade mal fünf Dollar in der Tasche — damit wäre ich nicht weit gekommen.“ Sie sieht mich an, die Augen hell und freundlich, ohne zu drängen, aber auch ohne wegzusehen. „Also… es ist schlimmer, als es aussieht?“ Ich starre auf meine Tasse, die Finger fest um das Porzellan geschlossen. „Wenn ich es Ihnen erzähle, denken Sie, ich erfinde das.“ Sie grinst und schüttelt den Kopf. „Versuchen Sie es. Man sieht hier so einiges… ich glaube nicht, dass mich noch etwas schockiert.“ Ich lache hohl auf und lasse die Worte dann in einem Schwall heraus, nur um sie loszuwerden. „Ich bin heute Morgen in Silvermoon angekommen. Mein Bankkonto wurde von Leuten geleert, die sich eigentlich um mich kümmern sollten. Mein Studienplatz steht auf dem Spiel. Und heute Nacht? Ich habe nirgendwo zum Schlafen.“ Emma neigt den Kopf. „Nun… für den ersten Tag ist das ganz schön viel auf einmal. Hören Sie — ich hätte vielleicht etwas für Sie. Es ist besser, als im Auto zu schlafen.“ Ich halte meine Tasse fester. Ein Teil von mir will sofort zugreifen. Der andere sucht schon nach dem Haken. „Niemand tut etwas umsonst.“ Das weiß ich nur zu gut. Emma schmunzelt leise. „Stimmt. An Ihrer Stelle würde ich wahrscheinlich dasselbe sagen.“ Bevor ich antworten kann, fügt sie hinzu: „Meine Mitbewohnerin ist vor zwei Tagen ausgezogen. Also… ich habe ein freies Zimmer. Wenn es hilft, gehört es Ihnen vorerst. Sie können es mir zurückzahlen, sobald Sie Arbeit gefunden haben.“ Ich verenge leicht die Augen und bleibe misstrauisch. Sie zuckt mit den Schultern, ihr Lächeln wird weicher. „Weil mir das einmal jemand getan hat. Ich kam auch mit nichts hierher.“ „Und Sie vertrauen einfach jedem?“ Sie überlegt einen Moment. „Nein. Aber ich dachte… wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich hoffen, dass mir jemand die Hand reicht.“ Ich bleibe einen Moment still. Mich auf eine Fremde zu verlassen, ist das Letzte, was ich will. „In Ordnung… danke, Emma. Wirklich.“ Sie grinst. „Perfekt. Wir klären die Einzelheiten später — keine Eile.“ Als ich meinen Kaffee austrinke, bleibt mein Blick an einem Plakat neben der Kasse hängen. Blackthorne Group Sucht Mitarbeiter für den Einstieg Keine Vorkenntnisse erforderlich Gehalt dreimal so hoch wie der Durchschnitt Sofortiger Einstieg „Blackthorne Group…“, murmele ich. Emma folgt meinem Blick, und ihr Lächeln wird vorsichtiger. Sie reibt sich den Nacken. „Oh… Blackthorne. Ja, jeder kennt diese Firma. Sie zahlen wirklich gut — fast zu gut, ehrlich gesagt. Zumindest sagt man das. Die Arbeit ist anstrengend, die Stunden lang, und die Gerüchte, die kursieren, machen einem nicht gerade Lust, durch ihre Türen zu gehen. Aber… wenn Sie schnell Geld brauchen, ist es wahrscheinlich der einzige Ort, an dem Sie die Summe rechtzeitig zusammenbekommen.“ Ich mache ein Foto von der Anzeige mit meinem Handy und fühle mich trotz der Warnung ein wenig leichter. Zu schön, um wahr zu sein. Aber ich habe nicht den Luxus, wählerisch zu sein. „Dann werde ich mein Glück versuchen. Sofort.“ Ich stehe auf und werfe mir meine Tasche über die Schulter. „Treffen wir uns später bei Ihnen?“ „Klar. Ich schicke Ihnen die Adresse.“ Ich gehe aus dem Café, die Augen auf mein Handy gerichtet, um der Wegbeschreibung zu folgen. So konzentriert, dass ich nicht aufpasse, wohin ich gehe. Im Bruchteil einer Sekunde renne ich direkt jemandem in die Arme. Ich taumele zurück, aber zwei starke, warme Hände fangen mich fest an den Schultern ab, bevor ich auf den Boden falle. Ich blicke schnell hoch, bereit, mich zu entschuldigen. Vor mir steht ein junger Mann — groß, breitschultrig, mit scharfen Gesichtszügen und tiefen, intensiven braunen Augen, die mich zu durchschauen scheinen. Für einen Herzschlag friert er völlig ein. Seine Hände ruhen etwas zu lange auf meinen Schultern, bis seine tiefe, ruhige Stimme endlich die Stille bricht. „Geht es Ihnen gut? Haben Sie sich verletzt?“ Ich hole Luft, trotz allem verlegen. „Es tut mir so leid! Ich hatte es eilig und habe nicht aufgepasst, wohin ich gehe…“ Ich sollte wegblicken. Ich kann nicht. Um uns herum verblasst der Lärm der Straße, der Autos und der Passanten, bis nichts mehr übrig ist.POV : LucianMeine Lippen verziehen sich, als sein widerlicher Geruch meine Nase und meinen Geist erfüllt. Dieser Geruch bestätigt, was meine Augen klar sehen.Zerfetzt, übersät mit Wunden und Schmutz — man kann diesen stolzen Wolf nicht verkennen, der vor mir gebeugt ist und wie ein gewöhnlicher Hund in einem Käfig gefangen sitzt.Es ist Clayton — Arianes Onkel und emeritierter Beta von Silbermond.Von allen Wölfen, die in diesem Gebäude umkamen, als die Gesetzlosen die Verteidigungen durchbrachen, ist er vielleicht derjenige, der es am wenigsten verdient hat, zu überleben.Und von allen Menschen, die ich an meiner Seite haben möchte, wenn das Ende der Welt an meine Tür klopft — Clayton gehört nicht dazu.Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich zugeben: Ich habe es geliebt, zu glauben, dass er tot sei. Wäre ich nicht so eilig geflohen, hätte ich gesehen, dass er überlebt — und ich hätte damals gehandelt. Er hätte diesen Gerichtssaal niemals verlassen dürfen, nicht nach all den S
POV : LucianDieses kleine Wolfsjunge ist kein Wolf — er ist eine Ratte. Was für ein Wolf verkauft die Seinen an Menschen für Experimente? Was für ein Wolf lacht über die Art, wie sein eigener Vater als Versuchskaninchen für die aktuelle Version des Höllenbades gedient hat?Und wie kann dieser Bastard der wahre Sohn von Dorian Voss sein, mit einer so verdrehten und befleckten Seele?»Dorian Voss ist mein Vater«, stößt er hervor, außer Atem, während ich beginne, ihm die Luft an den dürren Halswirbeln abzudrücken.»Beweis es, du Lügner!«, brülle ich und schleudere ihn gegen eine Wand. »Dorian hätte seine Gefährtin niemals verraten. Er war zu loyal.«Er lächelt verächtlich, selbst während Blut aus seinem Gesicht rinnt.»Vielleicht kanntest du ihn nicht so gut, wie du glaubst. Aber ich bin sein Sohn. Du weißt es. Du siehst es, nicht wahr? Du kannst meinen Vater in meinen Augen sehen.«Ob dieser Junge lügt oder die Wahrheit sagt — im Grunde ist es gleich. Ich brauche ihn, um einen Weg aus
POV : LilyAls ich die Gegenstände vorsichtig aus ihrem Versteck nehme, streifen meine Finger den ledernen Einband des Buches meiner Mutter — ein Werk, das ich noch nie gesehen habe, das mir aber vertrauter vorkommt als meine eigene Handfläche. Mein Geist ist ein wirrer Strom von Erinnerungen, die wie Träume von Fremden wirken, wie Momente, die längst vergessen und tief in mir vergraben sind.Dieses Buch und diesen Spiegel zu finden, ihr Gewicht in meinen Händen zu spüren, ist, als fände ich den Schlüssel zu einer Tür in meinem Geist — hinter der so viele Erinnerungen aufbewahrt werden: die meiner Mutter und meine eigene.Das Zimmer dreht sich und verblasst; ich werde in diese Erinnerungen gezogen wie eine Beobachterin, schaue alles von oben herab und sehe die Szenen sich abspielen wie der Film eines Lebens, das ich vergessen habe.Ich stehe in einem kleinen Holzhaus, umgeben von Bäumen. Draußen ist es so kalt, dass die Fenster vereist sind, ihre Ränder mit Schnee gesäumt. Auf den Gla
POV : Lily Mia war so überrascht von meinem plötzlichen Erscheinen mitten auf der Straße — strahlend wie ein Leuchtturm, völlig nackt und mit ausgestreckten Krallen —, dass sie kurz nachdem sie mich erkannt und meinen Namen ausgesprochen hatte, die Augen verdrehte und zu Boden sank: ein wirrer Haufen enger Kleidung und übertriebenen Make-ups. Sogar ihre Schuhe — acht Zentimeter hohe Stöckelschuhe in schreiendem Gelb — schienen »Mädchen aus dem Dorf« zu schreien. Mondgöttin, wie konnte ich nur so lange übersehen, dass sie seit langem mit Evan schläft? Nach einem halben Dutzend männlicher Gerüche zu urteilen, die von ihr ausgingen und nur notdürftig von ihrem Duft nach Wickenblüte überdeckt wurden, schläft sie wahrscheinlich mit der halben Stadt. Ich packe ihre Beine und schleppe sie zum Heck des Lieferwagens. Ich finde ihre Schlüssel und öffne ihn: Der Innenraum ist leer — bis auf zwei aneinander befestigte, fleckige Matratzen und fünf Paar silberne Ketten. Zwar hat sie gerade keinen
POV : LilyIch weiß nicht, wie lange ich schon renne — wahnsinnig, außer mir, unfähig, mich daran zu erinnern, wer ich bin und warum ich überhaupt renne. Alles, was ich weiß, ist: Am Ende aller Dinge kann ich ihn spüren.Lucian. Mein Seelengefährte.Seine Agonie brennt in mir wie Quecksilber, treibt mich vorwärts, mit weit geöffneten Augen und geballten Krallen, während ich durch die Bäume stürze, dem Fluss entlang.Zitternd breche ich auf dem Boden zusammen, zum ersten Mal seit wer weiß wie langer Zeit aus meiner Wolfsgestalt zurückgekehrt. Es braucht einen Moment, bis ich mich erinnere, wie ich Arme und Beine gebrauche — doch als ich endlich aufhöre, vor Schmerz zu schreien, gelingt es mir, mich auf die Seite zu rollen, mich auf die Ellenbogen zu stützen und bis zum Wasser zu kriechen, um meinen ersten, gequälten Schluck zu nehmen.Das frische Flusswasser schmeckt leicht nach Algen, als ich es lecke — und vergesse für einen Augenblick, dass ich Lippen habe und keine Reißzähne. Ich h
POV : EmmaAlles brennt. Sogar die Luft verbrennt mich, wenn ich zu atmen versuche — eine Aufgabe, die in einem Raum aus Silber unmöglich scheint. Die Wände sind aus Silber, die Böden und Gitterstäbe sind aus Silber; selbst die Betten und Toiletten sind aus sorgfältig poliertem Silber, das jedes Mal brennt, wenn meine nackte Haut es berührt, und einen leichten Geruch von verbranntem Fleisch hinterlässt, wenn ich es vergesse und mich davon verzehren lasse.Ich wusste, dass Hexen gefürchtet, ja sogar gehasst werden — doch diese Zelle, in die sie uns alle gesperrt haben, ist eine Folter für sich: ein Leiden, dem man nicht entfliehen kann, selbst wenn der Körper aufgibt und man keine andere Wahl hat, als einzuschlafen. Zu wissen, dass dieser Bau diesen hasserfüllten Menschen ein Vermögen gekostet haben muss, ist nur ein schwacher Trost.Hier bin ich zu mir gekommen, nachdem diese Männer mich im Park gepackt haben — eine kalte Zelle, kaum größer als der Laden meiner Großmutter Elowen, in d







