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Zweite Chance Auf Dem Eis
Zweite Chance Auf Dem Eis
Author: Mel Ankoli

Kapitel 1

Author: Mel Ankoli
last update publish date: 2026-07-03 21:50:47

Novia

„Und der Frau, die seit dem allerersten Tag, an dem ich meine Schlittschuhe geschnürt habe, mein Anker ist“, dröhnte Coles Stimme durch das Mikrofon und hallte durch den Ballsaal der NHL Awards.

Ich lehnte mich leicht nach vorne, meine Finger krallten sich in den Stoff meines roten Kleides. Die hellen Bühnenscheinwerfer ließen seinen makellosen Smoking schimmern und verliehen ihm das Aussehen des Superstars, den die gesamte Liga vergötterte.

Das war der Moment.

Fünf Jahre voller später Abende. Fünf Jahre voller Ausreden für seine Abwesenheit. Fünf Jahre, in denen ich mein eigenes Leben komplett zurückgestellt hatte.

„Die Frau, die mich nie hat aufgeben lassen“, fuhr Cole fort. Ein breites Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er die glitzernde MVP-Trophäe in die Höhe hob. „Sienna Graves. Das hier ist für dich, die seit unserem zehnten Lebensjahr jeden Spielzug mit mir ausgearbeitet hat. Du bist meine wahre Motivation.“

Der gesamte Ballsaal brach in lauten Applaus und Jubel aus.

Meine Hände erstarrten mitten in der Bewegung. Die Luft wich meinen Lungen in einem stillen, unsichtbaren Stoß.

„Wow“, flüsterte die Frau am Nebentisch ihrem Mann zu. „Hat er gerade seine MVP-Rede seiner Kindheitsfreundin gewidmet statt seiner Frau? Novia sitzt doch direkt da.“

„Psst, nicht hinschauen“, murmelte ihr Mann zurück.

Ich brach nicht zusammen. Ich zwang meine Lippen zu einem breiten, angenehmen Lächeln. Ich hielt das Kinn oben, während die Kamera-Blitze durch den Saal fegten und Cole folgten, der die Stufen der Bühne herunterkam. Die Menge um mich herum erhob sich, ein Meer aus teuren schwarzen Anzügen und Designer-Galas, alle jubelten dem besten Spieler der Liga zu. Ich stand ebenfalls auf. Ich schaffte es sogar, die Hände zusammenzulegen und mitzuklatschen, obwohl meine Handflächen sich vollkommen taub anfühlten.

Cole bahnte sich den Weg zurück zu unserem Tisch in der ersten Reihe, umringt von Teamkollegen, die ihm auf die Schultern schlugen und gratulierten. Er sah ekstatisch aus, vom Sieg berauscht, völlig blind für das schwere Gewicht, das sich gerade in meinen Magen senkte.

Als er mich endlich erreichte, nahm er nicht meine Hand. Er beugte sich nur vor und gab mir einen kurzen, trockenen Kuss auf die Wange. „Hast du das gesehen, Novia? Ich habe es tatsächlich geschafft. Den MVP.“

„Ich habe es gesehen“, sagte ich. Die Worte schmeckten wie Asche. „Herzlichen Glückwunsch, Cole. Das ist eine riesige Leistung.“

„Ja, das ist es“, erwiderte er, sein Blick bereits über meine Schulter hinweg zu einer Gruppe von Sport-Analysten gerichtet, die ihn von der Bar aus heranwinkten.

„Cole“, begann ich, meine Stimme angespannt. Ich wollte ihn genau in diesem Moment fragen. Ich wollte wissen, warum mein Name nicht über seine Lippen gekommen war. Ich wollte wissen, ob er sich überhaupt erinnerte, dass ich gestern Abend drei Stunden lang mit ihm seine Spielaufnahmen analysiert und die defensiven Lücken geschlossen hatte, die seinem Trainerstab entgangen waren.

Er blinzelte zu mir herunter, seine Aufmerksamkeit kehrte für den Bruchteil einer Sekunde zurück. „Was? Stimmt etwas mit deinem Kleid nicht?“

„Nein“, sagte ich und schloss den Mund. „Es ist alles in Ordnung.“

Es war nur eine Rede, sagte ich mir. Sienna war seit der Kindheit seine Freundin. Sie managte seine PR. Es ergab Sinn, dass er ihr dankte. Ich war zu empfindlich. Ich ließ meine eigene verborgene Vergangenheit mich verbittern.

Doch während Cole mit einem Franchise-Besitzer lachte, setzte ein vertrauter, schwerer Rhythmus in meinem Hinterkopf ein.

Sechsundneunzig. Das Mal, als er unser Hochzeitsjubiläums-Dinner absagte, weil Sienna einen Platten hatte und behauptete, sie könne keinen Xber rufen.

Siebenundneunzig. Die Auswärtstrips nach Chicago und Boston, bei denen sein Handy zwölf Stunden komplett aus war, nur damit ich später Siennas Fotos aus derselben Hotellobby sah.

Achtundneunzig. Die Art, wie seine Augen aufleuchteten, sobald eine Textnachricht mit ihren Initialen auf seinem Display erschien – ein weiches Lächeln, das er mir schon lange nicht mehr schenkte.

Achtundneunzig Mal hatte ich einen scharfen Kloß der Missachtung heruntergeschluckt und es Hingabe genannt. Vor zwei Monaten hatte ich mir im Spiegel einen stillen Schwur geleistet: neunundneunzig Chancen. Bei Nummer neunundneunzig wäre ich fertig damit, für eine Ehe zu kämpfen, die nur noch auf dem Papier existierte.

Ich sah Cole an, der gerade mit seinem Flügelspieler abklatschte. Diese Rede war nicht die neunundneunzigste, redete ich mir verzweifelt ein. Das konnte sie nicht sein. Es war nur ein öffentlicher Fehler.

Plötzlich packte Cole meinen Arm, zog mich vom Tischrand weg und in den ruhigeren Korridor nahe dem Ausgang des Ballsaals. Er drückte mir einen schweren Metallschlüssel in die Hand.

„Ich brauche einen riesigen Gefallen von dir“, sagte er, seine Worte überschlugen sich. „Fahr sofort zurück zum Haus.“

Ich starrte auf den Schlüssel. „Jetzt sofort? Cole, die After-Party fängt in zwanzig Minuten an.“

„Ich weiß, deshalb musst du dich beeilen“, erwiderte er scharf und befehlend. „Ich habe meine Glücksuhr vergessen. Die silberne mit der Gravur. Sie liegt in unserer Schlafzimmerkommode, dritte Schublade. Ich muss sie für die Pressekonferenz nach dem Sieg und die Teamfotos auf der After-Party tragen.“

„Kannst du nicht einfach die nehmen, die du schon anhast?“, fragte ich, meine Stimme sank. „Wir sind zusammen hergekommen.“

„Novia, fang heute Abend bloß keinen Streit mit mir an“, fuhr er mich an und sah sich um, ob keine Medienleute in der Nähe waren. „Die silberne Uhr gehört zu meiner Marke. Sienna sagt, sie kommt auf den Magazin-Covern morgen besser rüber. Lauf einfach schnell nach Hause und bring sie mir in die VIP-Lounge oben, wenn du zurück bist.“

Er wartete nicht auf meine Zustimmung. Er sah mich nicht einmal an, als er mir kurz auf die Schulter klopfte.

„Dritte Schublade“, wiederholte er, sein Blick bereits auf eine Gruppe von Führungskräften gerichtet, die auf ihn zukamen. „Lass dir nicht zu lange Zeit.“

Er drehte sich um und ging direkt zurück in die Menge, ließ mich allein bei den Ausgangstüren stehen.

Die Fahrt zurück zu unserem Anwesen verlief vollkommen still. Die Lichter der Stadt verschwammen hinter meiner Windschutzscheibe, während ich das Lenkrad umklammerte und meine Gedanken rasten. Ich weinte nicht. Für Cole Harrington waren mir die Tränen schon lange ausgegangen. Ich wollte nur die Uhr holen, zurück zur Arena fahren und den Abend ohne Szene hinter mich bringen.

Das Haus war dunkel und leer, als ich die Haustür aufschloss. Meine Absätze klackten laut auf dem Marmorboden, als ich die Treppe zum Schlafzimmer hochging. Der Raum war perfekt aufgeräumt, genau so, wie ich ihn verlassen hatte, bevor ich zwei Stunden mit meinem Make-up verbracht hatte.

Ich ging zu Coles dunkler Mahagoni-Kommode und zog die dritte Schublade auf.

Seine Socken und maßgefertigten Manschettenknöpfe lagen in ordentlichen Reihen. Genau in der Mitte, in einer Samtbox, lag die silberne gravierte Uhr, die er wollte.

Ich streckte die Hand aus, um sie zu nehmen, doch meine Finger stießen unter der Box auf etwas Steifes.

Ich runzelte die Stirn und hob die Samtbox an.

Ein Stück dickes, weißes Papier war ordentlich darunter gefaltet. Ich nahm es heraus und faltete es auseinander, in der Annahme, es sei eine Reinigungsquittung oder eine Garantiekarte für die Uhr.

Es war ein gedruckter Hotelbeleg vom Grand Regis Luxury Resort.

Mein Blick glitt über die Seite und blieb an den Daten hängen. Check-in war der 14. Juni. Check-out der 16. Juni.

Vor zwei Wochen. Unser zweiter Hochzeitstag. Genau das Wochenende, an dem Cole mir erzählt hatte, er müsse zu einem dringenden, verpflichtenden Team-Building-Mini-Camp im Norden des Bundesstaats New York, um sich auf die Playoffs vorzubereiten.

Unter den Gästenamen standen zwei Einträge: Cole Harrington und Sienna Graves. Sie hatten in der Presidential Executive Suite übernachtet.

Das Papier knisterte laut, als sich mein Griff verkrampfte und meine Knöchel schneeweiß wurden.

Er hatte mich wieder sitzen lassen. Und ausgerechnet an unserem Hochzeitstag.

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